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Stadtleben

Fortsetzung: Im Gespräch mit Cordelia Polinna über Stadtplanung in London und Berlin

London_OlympiaBraucht man quasi Olympische Spiele, um zusammenhängend und punktgenau zu planen? Um bessere Infrastrukturen zu schaffen und auch einen Flughafen pünktlich zu eröffnen?
Der Handlungsdruck ist mit Olympischen Spielen natürlich da. Allerdings ist so ein Sportereignis auch nicht ganz unproblematisch, weil es in vielen Städten zu hoher Machtkonzentration geführt hat – eben weil alles punktgenau fertig werden muss. Es gab zwar in London eine gewisse Bürgerbeteiligung, aber das große Ganze stand nie zur Diskussion. Genauso wenig, wie die Hauptaufgabe, die man sich im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen gestellt hatte: Dass die Spiele innerhalb der Stadt in bisher wenig entwickelten Gebieten und Hafenflächen stattfinden sollten, die dadurch auch besser ans Verkehrsnetz angeschlossen werden. Ziel ist es, innerstädtische Flächen für die eine Million zusätzlicher Einwohner zu erschließen, die bis 2030 in London neu erwartet werden. Diese Neueinwohner brauchen natürlich auch Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, Einkaufsmöglichkeiten und so weiter.

Sie haben diese Gegend in London, in der die Olympischen Spiele stattfinden, gerade eben mit Neukölln verglichen. Die Neuköllner würden bei ähnlichen Infrastrukturmaßnahmen schnell von Gentrifizierung sprechen. Wie sehen das die Londoner?
Was in London passiert ist Gentrifizierung. Oder sagen wir erst mal: Aufwertung. Diese wird aber in London durchaus als planerisches Argument verstanden, denn man möchte diese Viertel so vor dem Abrutschen in Getto-artige Zustände schützen. Die soziale Situation ist dort aber auch brisanter als hier. Außerdem weiß man seit der Thatcher-Zeit, wie schwierig es ist, einmal abgehängte Viertel wieder zurückzuholen. Und wie schwierig und mühsam es ist, zum Beispiel Mittelstandsfamilien zu überzeugen, ihre Kinder dort zur Schule zu schicken. Das ist ja in Neukölln ähnlich. Eine gewisse soziale Durchmischung zu erreichen ist den Londoner Planern zu Recht sehr wichtig – auch wenn sie dafür in Kauf nehmen, dass einige der alten Bewohner wegziehen müssen. Man möchte die Stadt attraktiv für alle Gesellschaftsschichten machen. Sicher ist das dann für die ärmeren Schichten auch ein Problem.

Wo ziehen die hin, die sich den Osten Londons unter Umständen dann nicht mehr leisten können?
In ganz London, nicht nur im Olympia-Gebiet, gibt es höchste Wohnungsnot. Zwar gibt es für bedürftige Familien Wohngeld-Unterstützung von den Bezirken. Da das angesichts der Londoner Mietpreise aber Unsummen sind, die die Bezirke nicht mehr aufbringen können, wurde sogar schon überlegt, diese Menschen aus London raus und in andere preisgünstigere Städte etwa im Norden Englands umzusiedeln.

Es kann ja kaum die Lösung sein, arme Menschen aus London auszuquartieren.
Das stimmt. Die Politik versucht auch, mit „Affordable Housing“ gegenzusteuern. Das heißt, große Projektentwickler müssen einen gewissen Anteil an bezahlbaren Wohnungen errichten. Im Moment sind das ungefähr 30 Prozent von neu gebauten Wohnprojekten. Allerdings ist der Markt auf einem dermaßen hohen Niveau, dass dies auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist und diese Wohnungen längst nicht für alle Menschen bezahlbar sind. Im Gegensatz zu Berlin wohnt auch kaum jemand in so großen Wohnungen.

Berlin wollte kurz nach dem Mauerfall wieder Olympiastadt werden und hatte dafür einige olympiareife Sportstätten im Ostteil der Stadt errichtet: die Max-Schmeling-Halle und den Europasportpark mit Velodrom sowie Schwimm- und Sprunghalle. Diese Anlagen werden heute nicht voll genutzt. Wie beurteilen sie diese Bauten?
Im Prinzip sind das tolle Gebäude. Problematisch ist nur, dass anschließend der Bau der O2-Arena genehmigt wurde und wir somit zu viel Veranstaltungsfläche haben. Während die Max-Schmeling-Halle und das Velodrom, die mit öffentlichen Mitteln geführt werden, mehr oder weniger brach liegen, treten relevante Vereine wie Alba Berlin in dieser gestalterisch zweifelhaften O2-Arena an. Das ist keine sinnvolle Planung. Denn das Konzept für die Max-Schmeling-Halle und den Europasportpark war okay. Nur was danach passiert ist, ist traurig.

Wird man in London die olympischen Sportstätten besser nachnutzen?
London ist die erste Stadt, die lange vor den Spielen einen sogenannten „Legacy-Plan“ aufgestellt hat, also einen Plan, was mit den Hinterlassenschaften der Olympischen Spiele geschieht. Wenn die Spiele vorbei sind, wird man in den neuen Gebieten und in den an den Olympischen Park angrenzenden Quartieren Spielplätze, öffentliche Parks, Fahrradwege und Straßen haben. Und die braucht man dringend, denn diese Quartiere im Lea Valley sind bisher nicht nur nicht mit der Innenstadt, sondern auch untereinander nicht verbunden. Das Gebiet, in dem die meisten olympischen Aktivitäten stattfinden werden, war bislang wie eine undurchdringbare Schneise beziehungsweise eine Insel ohne Verbindungen nach Ost und West.

Auch mit den damals für das Jahr 2000 in Berlin geplanten Olympischen Spielen wollte man Verbindungen schaffen: Ost- und West-Berlin sollten nach der Teilung wieder zusammengefügt werden. Sehen Sie da Parallelen?
Das kann man durchaus vergleichen. Auch in London fährt man bislang vom Westen aus nicht mal eben in den Osten und tut sich da um. Wenn es allerdings Brachflächen mit schicken Zwischennutzungen zu sehen gibt, wie zum Beispiel in dem ehemaligen Hafengebiet Royal Docks, dann ändert sich das. Und auf diese Klientel, hippe junge Leute, hat man es natürlich auch als potenzielle Bewohner der Olympia-Gebiete abgesehen.

Hippe junge Leute, die dann vielleicht aus Städten wie Berlin zurück nach London ziehen könnten?
Wer zurück nach London geht, der hat sicher nicht nur ein Wohnungsproblem, sondern auch viel mehr Stress, denn auch die Arbeitsbedingungen sind anders. Auf der anderen Seite verdient er auch mehr. So muss sich in London kein Architekt mit der Konzeption eines Plattenbau-Quartetts über Wasser halten. Dort werden Gebäude oder Grünflächen schneller errichtet. Und davon profitieren auch die kleineren Büros, die zum Beispiel in den Randgebieten des Olympiageländes viele Projekte gestalten konnten, etwa Grünverbindungen in die angrenzenden Quartiere oder kleine Kulturzentren. Junge Büros mit solchen Projekten zu beauftragen gehört auch zum Konzept von „Design for London“.

Das klingt gut.
Na ja, es gibt auch eine andere Seite. So müssen alle Sportinteressierten, die zu den Olympischen Spielen mit dem öffentlichen Nahverkehr anreisen, durch eines der größten Einkaufszentren Europas gehen, bevor sie die Spielstätten erreichen. Solche Cash-Cows hat man nicht verhindern können.

Welche einstigen Olympia-Städte haben von den Spielen richtig profitiert?
Athen und Peking gelten als Reinfall. Barcelona aber zählt als Vorbild, allein schon deshalb, weil man die Stadt zu den Olympischen Spielen hin zum Meer geöffnet hat. Allerdings sind viele der dortigen öffentlichen Räume inzwischen, also zwanzig Jahre später, etwas heruntergekommen. Trotzdem war der Imagewandel für Barcelona beträchtlich. Am wichtigsten ist es, die Nachnutzung möglichst früh zu gestalten und zu konzipieren. In diesen Dingen wird London sicher ein Meilenstein.

Wäre es Ihrer Meinung nach an der Zeit, dass auch Berlin sich mithilfe der Olympischen Spiele endlich wieder neu fit macht?
Oha! Angesichts der ganzen Katastrophen rund um diverse Großprojekte in Berlin fürchtet man sich ein bisschen. Außerdem glaube ich, dass erst einmal andere Städte mit den Olympischen Spielen dran sind. 

Interview: Eva Apraku, Iris Braun
Fotos: Cordelia Polinna, LOCOG, Oliver Wolff

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