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Stadtleben

Fortsetzung: Künstlerdorf statt Bar 25: oder Mega-Hochhaust?

Bar_25_Tage_ausserhalb_der_ZeitDoch das Grundstück ist längst privatisiert. Die BSR gehört zwar zu 100 Prozent dem Land, ist aber eigenständig. Mit dem Anfang April gestarteten Bieterverfahren hat sie nun viele kalt erwischt. Nachdem Verhandlungen mit einem Münchner Entwickler für Büros und Studentenwohnungen bereits weit fortgeschritten waren, hätten Anfang des Jahres plötzlich weitere Interessenten angeklopft. Deshalb, so heißt es bei der BSR, sei das bedingungsfreie Höchstbieterverfahren die „transparenteste“ Lösung.
Fassungslos zeigt sich nun nicht zuletzt der Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz (Grüne): „Ich sehe mich wirklich von der BSR getäuscht“, sagt er. Der Grund: Es gibt zwar für das Grundstück einen sieben Jahre alten Bebauungsplan, der eine Bruttogeschossfläche von 82?650 Quadratmetern vorsieht. Seit dem Mediaspree-Volksentscheid sind aber derart massive Bebauungen arg von gestern.
Schulz sagt, er habe noch vor wenigen Wochen mit der BSR-Chefin Vera Gäde-Butzlaff telefonisch verabredet, die Bezirksinteressen auf dem Areal entsprechend zu berücksichtigen: halbierte Geschossfläche, mehr Uferabstand, kein Hochhaus.

Als der Bürgermeister dann jedoch das Exposй des Liegenschaftsfonds auf den Tisch bekam, sei er „fast vom Stuhl gefallen“. Da steht plötzlich wieder die alte 82?650-Quadratmeter-Bruttogeschossfläche drin. Der Büroturm auch. Als hätte es den Media­spree-Volksentscheid nie gegeben. Als wäre noch 2007.
Darauf setzte Schulz vergangene Woche ein Protestschreiben auf: an die BSR-Chefin, den Stadtentwicklungssenator Michael Müller, an Finanzsenator Ulrich Nußbaum. Er fordert, das Bieterverfahren auszusetzen.
Das Irritierende an der Ausschreibung ist ja außerdem, dass sie mitten in die Endphase der senatsinternen Abstimmung um die Neuausrichtung des Liegenschaftsfonds fällt. Laut Koalitionsvertrag sollen landeseigene Grundstücke künftig nicht mehr bevorzugt zum Höchstpreis verkauft, sondern etwa soziale, kulturelle und stadträumliche Ziele in die Vergabe einbezogen werden. Das also, was auch die Holzmarkt-Anhänger fordern.
Gerade hat eine von 500 Personen und Organisationen getragene Initiative „Stadt Neudenken“ angeregt, diese Neuausrichtung auch auf Grundstücke landeseigener Unternehmen wie der BSR auszudehnen. Bis dahin sollten alle Verkäufe des Liegenschaftsfonds gestoppt werden. Aus der Finanzverwaltung heißt es: „Das wäre aus finanzpolitischer Sicht verantwortungslos.“

Auch BSR-Chefin Vera Gäde-Butzlaff, der durchaus Sympathien für das Holzmarkt-Projekt nachgesagt werden, lehnt einen Stopp ihres Bieterverfahrens ab: „Wir sind verpflichtet, das Vermögen der BSR zu mehren.“ Würde das Spreegrundstück unter dem höchstmöglichen Preis verkauft, „wäre das Untreue gegenüber dem Steuerzahler.“
Dass die Holzmarkt-Initiative nun beim BSR-Höchstpreisverfahren mithalten kann, ist zumindest zweifelhaft. Statt eines Grundstückkaufs schwebt ihr ohnehin eine Erbpachtlösung vor. Nach Lage der Dinge müsste dafür aber vorher das Land Berlin das Grundstück übernehmen. „Die Stadt muss verstehen, dass wir einen öffentlichen Mehrwert schaffen, dass es sich lohnt, uns zu unterstützen“, sagt Juval Dieziger. Ein solcher Senatsbeschluss wäre aber  wohl vor dem Ende des Bieterverfahrens nötig – vor Ende Mai. Andernfalls würden Fakten geschaffen. Fakten, die womöglich ziemlich viel Beton verheißen. Aber wenig Ufer.
Hinter vorgehaltener Hand sagt man zwar bei BSR und ihrer Tochter Spree-Urban, kein Entwickler würde dort gegen den Bezirkswillen die maximale Baumasse hinklotzen. Schon gar nicht so, wie es die Glas-Beton-Giganten auf dem Liegenschaftsfonds-Exposй suggerieren. Doch Bürgermeister Schulz ist da skeptischer. Einem Käufer, der die Bruttogeschossfläche aus der Ausschreibung komplett ausschöpfen wolle, müsse der Bezirk die Planung genehmigen: „Das würde Baurecht schaffen.“
Eine Vorstellung, die dem unmittelbaren Nachbarn das blanke Grausen beschwert. Als Radialsystem-Mitgeschäftsführer Jochen Sandig zum ersten Mal das Bild von der Betonwüste nebenan sieht, sagt er spontan: „Wenn so was gebaut wird, sind wir hier weg. Das ist ja die Hölle.“ 

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Text: Erik Heier, Katharina Wagner
Fotos: FSKA Architekten, Staab Architekten GmbH

FILMKRITIK: BAR25 – TAGE AUSSERHALB DER ZEIT

 

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