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Stadtleben

Fortsetzung: Pankows Boom, Pankows Pleite

Pankow_Majakowski-RingGENIALE IDEEN MÜSSTE MAN HABEN
Pankow war ja nie nur „Pankoff“ (mit harter Endung klang das schön zornesschwanger), das West-Synonym für das SED-Regime in den 50er- und 60er-Jahren, das sich im heutigen Luxusquartier Majakowskiring vor dem Volk abschottete, bevor das im Bernauer Forst nahe Wandlitz noch besser gelang.
Es ist auch nicht nur der Bezirk der vielen Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, von früher, von jetzt. Carl von Ossietzky, Hanns Eisler, Manfred Krug, Christa Wolf, Rainald Grebe, wobei die Liste sehr unvollständig ist. In Pankow lebten eben auch Menschen mit ganz praktischen Eingebungen. Erfinder wie Burger und die Filmpionier-Brüder Max und Emil Skladanowsky. Oder auch der Jahrmarktkünstler Otto Witte, der sich 1913 zum König von Albanien küren ließ, wenngleich die Hochstaplerei nur fünf Tage hielt. Aber immerhin.

Heute wären die Bezirksverordneten von Pankow vermutlich froh, wenn jemand mit einer derart genialen Idee daherkäme, wie die Misere des Haushalts zu beheben wäre, den sie im Parlament am 14. März (nach tip-Redaktionsschluss) beschließen müssen. Es ist ein noch derselbe Montagabend, ein paar Stunden nach dem Rundgang mit Eckhard Krüger, als sich dieses Drama im zweiten Stock eines roten Klinkerbaus in der Fröbelstraße in einer halbstündigen Präsentation geradezu beispielhaft verdichtet.  An diesem Abend ist der Raum 227 im Haus 6 des Bezirksamtsareals grotesk überhitzt. Jemand muss die Heizung vor Stunden auf Anschlag hochgedreht haben. Eine gut zweistündige Tortur für alle im Raum. Für die Bezirksverordneten des Pankower Finanzausschusses, die zu einer Sondersitzung gekommen sind. Und für die rund 50 Gäste. Die Stühle reichen bei Weitem nicht. Mit dem Sauerstoff ist das ganz ähnlich.

Der Mann, der die Präsentation abhält, heißt Holger Lippmann, er ist der Geschäftsführer des Berliner Liegenschaftsfonds. Lippmann beginnt, als sei er auf einer Immobilienmesse. Da preist er Pankow als den „Bezirk, in dem wir am besten bestückt sind“, beziffert das hiesige Grundstücksportfolio des Fonds auf einen Wert von fast 140 Millionen Euro. Mit weitem Abstand Berlins Spitze. „Wir wissen, dass der Bezirk eine sehr begehrte Wohnlage ist“, sagt Lippmann.

UNBEHAGEN, FAST RESIGNATION
Doch Holger Lippmann gibt an diesem Tag nicht den Gute-Laune-August. Denn dann kommt er zum Punkt, weshalb ihn der Ausschuss eingeladen hat. Das Bezirksamt will in seiner Haushaltsnot das marode Gelände in der Fröbelstraße – dringende Sanierungskosten: elf Millionen Euro, Schätzungen über den tatsächlichen Bedarf reichen aber von 30 Millionen weit aufwärts – abgeben. An den Liegenschaftsfonds. An Lippmann. Der Fonds würde dann das Grundstück in sein Treuhandvermögen übernehmen, verkaufen. Irgendwer könnte dort Wohnungen bauen.
Der Ausschussvorsitzende Cornelius Bechtler (Grüne) fragt: „Können Sie uns für die Übernahme einen Zeitraum nennen?“
Lippmann zuckt die Schultern: „Das ist innerhalb eines Monats zu realisieren.“
Die Stadträtin Christine Keil (Linke), zuständig auch für Immobilien, zweifelt: „Es ist nicht sinnvoll, über die Abgabe der Fröbelstraße an den Liegenschaftsfonds zu diskutieren, solange nicht klar ist, wohin dann die Mitarbeiter sollen.“ Es klingt fast flehend.
Unbehagen liegt in der Luft. Sogar veritable Resignation. Dass die Dinge unausweichlich scheinen. Dass die Kassennot so drückend ist. Es zerrt an den Nerven. Das konnte man kürzlich sogar beim Bürgermeister beobachten. Matthias Köhne (SPD) kennt man als ruhigen, umgänglichen Mann. Als aber im Januar Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz eine Pressemitteilung gegen die Schließung Pankower Kultureinrichtungungen herausgab, tippte Köhne auf seiner Facebook-Seite: „Ich frage mich, ob der Senat noch alle Tassen im Schrank hat?“

Drei Tage nach der Ausschusssitzung sitzt Köhne im ersten Stock des Roten Rathauses. Dort ist sein Büro. „Es kann nicht sein, dass der Senat auf der einen Seite Sparvorgaben macht“, sagt er, „und auf der anderen Seite Mitglieder des Senats denjenigen Bezirk kritisieren, der diese Vorgaben umsetzt.“ Zudem gäbe es zwar im Kulturbereich den größten öffentlichen Aufschrei. Aber auch in anderen Bereichen seien massive Einsparungen nötig. Im Sozial-, im Jugendbereich. Auch in der Verwaltung, wo schon seit Jahren abgebaut werde. „Da ist nicht mehr kommunizierbar, warum ich Gärtner einsparen soll, um drei Bücher mehr zu kaufen“, sagt Köhne. „Um es mal flapsig zu formulieren.“
– Herr Köhne, was hat Pankow denn vom Bauboom und vom Bevölkerungswachstum?
Köhne lehnt sich zurück. „Erst mal ist mir das durchaus recht, dass wir hier gewisse Luxusprobleme haben.“ Dann aber sagt er auch: „Wir sind sogar zu erfolgreich.“ Luxusprobleme sind ja auch Probleme.

DER PREIS DES ERFOLGES

Berlins Bezirke sind traditionell sehr autonom. Doch die Steuereinnahmen landen beim Senat. Der verteilt dann die Gelder. Dabei gibt es zum Beispiel einen Wertausgleich unter den Bezirken, der sich an ihrer sozialen Belastung bemisst. Die ist in Pankow unterdurchschnittlich groß. Für den Ausbau von Musikschulen, Sportanlagen oder Bibliotheken kassiert Köhne in seinem Bezirk damit prozentual weniger Mittel als etwa Kollege Buschkowsky in Neukölln.
„Das Obskure ist ja, dass wir einerseits de facto Zahler sind, aber andererseits die meisten Schulden im Land Berlin haben“, sagt Köhne. „Das wäre so, als wenn Berlin nicht mehr Geld aus dem Länderfinanzausgleich bekäme, sondern zahlen müsste.“ Altschulden, die auf das Jahr 2002 zurückgehen. Seinerzeit erstattete der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin den Bezirken nicht alle Sozialausgaben, die diese wegen gesetzlicher Pflichten leisteten. Aus Pankows moderatem Vorjahresplus wurde damals ein 27-Millionen-Euro-Minus. Und das auf einen Schlag.

Und dann gab es da noch die bizarre Episode um den früheren Sozialstadtrat, Köhnes Parteikollege Johannes Lehmann. Sein Ressort verbuchte damals Millionenbeträge falsch. Darauf blieb der Bezirk sitzen. Als Lehmann 2005 gehen musste, fanden sich in seinem Amt zudem 30?000 Akten. Liegen geblieben aus der Zeit vor der Bezirksfusion von 2001. Als wären sie vergessen worden.
Bei der Senatsverwaltung für Finanzen verweist man freilich darauf, dass andere Bezirke ihr 2002er-Defizit in den Folgejahren substanziell reduziert hätten. Marzahn-Hellersdorf zum Beispiel, anfangs mit einem 44-Millionen-Euro-Loch. Der Ostbezirk arbeitete davon binnen zwei Jahren zehn Millionen Euro ab. Pankow nicht. 2010 war sein Schuldenstand fast unverändert: mehr als 28 Millionen Euro. Für die Zeit ab 2012 hat der Bezirk beim Finanzsenator ein neues Konsolidierungskonzept angekündigt.
Die Finanzverwaltung sieht zum Beispiel noch „erhebliche Spielräume“ bei der Parkraumbewirtschaftung. Sprich: Ausweitung der Parkzonen. Das sind so die Aussichten. „Ich glaube aber nicht, dass Pankow mehr pleite ist als andere Bezirke“, sagt Köhne trotzdem. „Die öffentliche Aufregung ist hier nur etwas größer. Das liegt an einer relativ aufgeweckten Bevölkerung.“

DIE SCHULEN WERDEN KNAPP
Die Einwohnerzahl, derzeit 375?000, wird weiter steigen. Um 12,6 Prozent bis 2030 im Gesamtbezirk, sagt eine Prognose der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Noch ein Spitzenwert. Berlinweit sind es 1,7 Prozent. Die Frage ist nur, ob der klamme Bezirk künftig die Mittel aufbringen kann, damit die Familieninfrastruktur mit dem Zuzug Schritt hält. Schulen, Kitas, Jugendclubs. Oder ob er in Alt-Pankow auch jene Probleme bekommt, die man noch aus Prenzlauer Berg kennt. Wo das Bezirksamt in den 90ern den Prognosen von sinkenden Bevölkerungszahlen glaubte, mehrere Schulen dichtmachte und bald darauf arge Schwierigkeiten hatte, sie wieder zu reaktivieren.
„Wir müssen die Schwerpunkte jetzt von Prenzlauer Berg eindeutig nach Norden verlagern“, sagt die Schul-Bezirksstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). „Nicht nur ins ehemalige Sanierungsgebiet. Auch zum Beispiel ins Kissingenviertel.“ Vor zwei Jahren hat sie eine Untersuchung machen lassen. Darüber, wo in Pankow Flächen aufgetan werden könnten für Schulerweiterungen, -neubauten. Ergebnis: Es gibt kaum welche. Pankows Schulen, vor Jahren noch mäßig belegt, laufen jetzt voll.

„Wir haben Unmengen von Zuzügen, aber keine Mittel, um Vorsorge für die öffentliche Infrastruktur zu treffen“, sagt Zürn-Kasztantowicz. Ihr Stadtrat-Kollege aus dem Stadtentwicklungsressort, Jens-Holger Kirchner (Grüne), sagt sogar: „Wir brauchen eigentlich in Alt-Pankow sofort eine neue Schule.“ So ist es wenig überraschend, dass Pankows Privatschulen rasant wachsen, mit Zuwachsraten bei den Schülern von knapp 50 Prozent seit dem Schuljahr 2006/07. Allein drei gibt es nahe des S- und U-Bahnhofs Pankow binnen weniger Hundert Meter. Dabei wäre auf der anderen Seite der Gleisbrücke ein Platz für eine neue öffentliche Schule. Viel Platz. Dort beginnt das Gelände des alten Güterbahnhofs, 250?000 Quadratmeter. Der Möbelgigant Kurt Krieger hat es 2009 gekauft, er will das „Pankower Tor“ für 350 Millionen Euro entwickeln. Zwei Möbelmärkte, ein Einkaufszentrum, ein Stadtpark. Und eine Gemeinschaftsschule für 1?200 Kinder, für die Krieger das Grundstück gibt. Das hat ihm der Bezirk abgehandelt.

Doch derzeit liegt das Projekt auf Eis. Der Bezirk ist mehrheitlich dafür, hat aber diverse Änderungswünsche. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist jedoch strikt dagegen. Weil das Einkaufszentrum, schon von 40?000 auf 30?000 Quadratmeter reduziert, ihr immer noch zu üppig vorkommt. Krieger hatte auf den neuen Senator Michael Müller (SPD) gehofft. Anfang Januar gab es ein Gespräch. Einen Tag später verkündete Müller, es bliebe beim Senats-Nein. Kurt Krieger, übrigens gebürtiger Pankower, soll jetzt, so hört man, schwer vergrätzt sein. Aber die Verhandlungen gehen weiter.

Nicole_LiebingDIE NEUE PANKOWER MISCHUNG
Vielleicht lässt sich in der Florastraße, die am Bahnhof Pankow beginnt, durch die Mühlenstraße geteilt wird und kurz vor Wedding endet, am besten sehen, wie das neue, urbane Ambiente mit dem alten, oft noch dorfcharmanten Pankow zusammenpasst. Ob friedliche Koexistenz funktionieren kann. Die neue Pankower Mischung. Gleich am Bahnhof baut ein Aalener Bauträger das „Ärzte- und Dienstleistungszentrum am Garbбty-Platz“. Wobei zum Beispiel irritiert, dass vom Garbбty-Platz, erst vor wenigen Jahren neu gestaltet, nichts übrig bleiben wird. Oder auch, dass neben einem Super- und einem Drogeriemarkt auch eine Bäckerei einzieht. Das erhöht die Zahl der Bäcker binnen fünf Fußminuten auf sechs. Friseure gibt’s aber auch reichlich.
Einer davon, kurz vor der Mühlenstraße, heißt sinnig Ha(a)rmonie. Daneben das stilvoll auf Landhauscharme getrimmte Cafй und Salon Eigenartich. An der Ecke ein rustikaler City Grill, halber Liter Bier für 99 Cent. Und jenseits der Mühlenstraße, auf der anderen Florastraßenseite, das Cafй Schönhausen. Da ist meist viel los. Eltern, Kinder.
Ein paar Hundert Meter weiter sieht man, was auf den Kiez zukommt. An der Ecke von Flora- und Gaillardstraße. Dort, wo einst der Volkseigene Betrieb Elektrokeramik stand, wächst mit den Floragärten auf 40?000 Quadratmetern ein 60 Millionen Euro teurer 240-Wohnungskomplex, den der Immobilienentwickler Kondor Wessels mit zwei Partnern hochzieht. Miet-, Eigentumswohnungen, Stadt-, Penthäuser. Das neue Übliche.

Schräg gegenüber, im Kinderbuchladen Buchsegler, guckt Chefin Wiebke Schleser, 41, mit Interesse auf den neuen Nachbarn. Vor zweieinhalb Jahren machte die 41-jährige Frau ihren Laden auf. „Als wir herzogen, war das hier schon ziemlich Oma.“
Jetzt aber merke sie, dass viele Kinder zuzögen. „Mit Eltern, die hohe Ansprüche haben.“ Öfter hört sie auch Fragen wie: „Hast du Ideen, wo Grundschulplätze frei sind?“
Gegenüber liegt der liebevoll ausstaffierte Accessoire-Laden Florentine. Geschirr, Kerzen, Papier. Ein Laden, wie er auch in Prenzlauer Berg sein könnte. „Aber da gibt es schon so viele davon“, lacht Chefin Nicole Liebing, 42. Das Floragärten-Projekt könne für die Einzelhändler einen Schub bringen, sagt sie: „Aber zu den Wohnungen braucht man doch eine Infrastruktur. Alle freuen sich, das Pankow so wunderbar zum Wohnen ist. Aber fürs Einkaufen, für Kneipen fahren die Leute woanders hin. Da muss der Bezirk doch mehr standortpolitisch denken.“
Dabei guckt sie nachdenklich durch die Scheibe nach draußen. Es ist ein schöner, sonniger, ruhiger Spätwintertag.
Ein wenig zu ruhig, vielleicht.

Text: Erik Heier
Fotos: David von Becker

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