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Fortsetzung: Radio in und aus Berlin: ein Medium im Wandel

MonaRuebsamen_MarkusKuehnFlux. Bis vor ziemlich genau einem Jahr, das genaue Datum ist der 23. August, hieß die „Alternative im Radio“ noch Motor FM. Es gibt ein ziemlich altes Foto aus der Anfangszeit, darauf stehen die drei Motor-FM-Radiomacher von damals, blutjung sehen die da noch aus, vor einem handbeschriebenen weißen Laken: „Wir wollen eure Werbung nicht!“ Tim Renner, Mona Rübsamen, Markus Kühn.
Mona Rübsamen sieht fast ein bisschen melancholisch aus, als man sie jetzt auf das Foto anspricht, acht Jahre später. „Tja, ein idealistisches Selbstausbeutungsprojekt, damals.“  Man spielte fast nur Indiemusik, hatte ein paar Moderatoren dabei, wollte künstlernah sein, neue Bands entdecken, mit, wie sie heute sagt, „etwas Medienerfahrung und Querdenkerblick ein verstaubtes Medium mal ein bisschen anders angehen“.

Da sitzt man mit ihr in einer hellen Fabriketage in Kreuzberg, wo Flux vor knapp zwei Monaten eingezogen ist. Eigentlich eine Heimkehr, ganz am Anfang residierte der Sender auch schon mal in dem Gründerzeitbau. Auf der anderen Spreeseite: der Mainstream. Durch das Fenster an Rübsamens Schreibtisch fällt der Blick auf die große Mehrzweckhalle hinter dem Fluss, wo jene Musiker, jene Bands auftreten, die Flux nicht spielt. Oder zumindest selten. Ursprünglich sollte Motor FM tatsächlich ohne Werbung auskommen, sich durch Musikdownloads finanzieren. Das war die Idee des ehemaligen Universal-Managers Tim Renner, mit dem sich Rübsamen und Kühn im vergangenen Jahr letztendlich vollends über die weitere Senderstrategie zerstritten, bis man sich, und zwar nicht eben friedlich, trennte und die beiden allein weitermachten.
Die Zielgruppe heißt seitdem, schön werbewirksam „Generation Flux“, ein befreundeter Soziologe hat sie definiert. Es geht um kreative Macher, denen Flux eine Plattform sein will. „Die Filmemacher, die Designer, die Start-ups, die laden wir jetzt auch ein“, sagt die Geschäftsführerin. Statt der Downloads steht nun eine Buchreihe an, „Edition Flux“, unter anderem gemeinsam mit Aufbau.

Es gibt jetzt natürlich jene, die ihr altes Motor FM zurückwollen (Tim Renner hat sich im Frühjahr vergeblich um eine UKW-Frequenz beworben, mit „Motor FM – Das Demokratische Radio“). Dann fällt schon mal das böse Wort der „Kreativranschmeiße“ von Flux. Mona Rübsamen winkt ab: „Ach was … Die Idee ist, den Leuten zu sagen: Die Welt verändert sich, alles ist sehr kompliziert, aber man sollte keine Angst davor haben. Wir wollen positive Beispiele bringen.“
Nach einer zweijährigen Odyssee über diverse, mit anderen Sendern geteilte Frequenzen bekam Motor FM 2006 gemeinsam mit der damaligen „Netzeitung“ die starke, geschichtsträchtige 100,6-Megahertz-Frequenz, wo einst das alternative Radio 100 (übrigens mit dem Nachrichtenredakteur Robert Skuppin) sendete und später Georg Gaf­ron die Stadt mit seinem Hundert,6 beschallte. Ein Jahr darauf, nun in alleiniger Verantwortung, baute man eine Redaktion auf: „Es wurde plötzlich ein mittelständisches Unternehmen“, sagt Mona Rübsamen.
Die Mischkalkulation beinhaltet nun Werbung, aber auch, das hat die ehemalige MTV-Managerin beim einstigen Musiksender gelernt, Kooperationen, Sponsorship mit sogenannten Lifestyle-Marken. Ob eine Quote derzeit unter 20?000 Hörern in der Stunde auf Dauer reicht, ist eine ganz andere Frage. „Wir stellen immer noch neue Musik vor und begleiten sie“, betont Mona Rübsamen. Neulich zum Beispiel hätte sich die gesamte Redaktion in die Brook­lyner Indie-Band We Are Augustines verliebt. Wenn dann zum Konzert einer solchen bis dato völlig unbekannten Band 300 Leute kommen, „ist das ein lebendiger Beweis, dass es Radio schafft, dass man Musik entdecken kann und diese Band dann auch live sehen will.

Von Beginn an war klar: Es gibt die UKW-Frequenz – und es gibt Online. Im Bewusstsein war, dass UKW irgendwann vom Digitalfunk abgelöst wird. Nicht 2015, wie es mal geplant war, aber trotzdem. Mona Rübsamen nennt die UKW-Zeit daher einen „Transmissionsriemen in die digitale Welt“ und sagt: „Das, was du im Radio hörst, ist ein Schaufenster. Eigentlich geht die Welt in Richtung Online.“
Alexander_Kind_StarFMAb Anfang September gibt es dafür übrigens im Flux-Programm eine personifizierte Verbindung. Plan-B-Sänger und Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler, der einst bei Radio4U mit Lehnert arbeitete, wird eine wöchentliche Sendung moderieren. Wenn digitale Verbreitung irgendwann UKW ablöst, wenn also auf einmal theoretisch Hunderte Sender wirklich überall verfügbar sind, vor allem auch im Auto, reicht die Webradiovielfalt sozusagen via Äther überall hin. Ist es das Ende des Radios, wie wir es kennen? Der Berliner Unternehmensberater und Medienexperte Klaus Goldhammer sagt: „Klar ist, dass die Schonzeiten für die UKW-Sender schon längst vorbei sind. Wir haben eine neue Wirklichkeit, die darauf beruht, dass das UKW-Radio nicht mehr die alleinige Vermittlungskompetenz für Musik hat. Das ist gelaufen. Für die Radiosender hört das Naturschutzgebiet UKW-Funk damit auf.“

„Es werden Sender auf der Strecke bleiben“, sagt Alexander Kind, Programmdirektor des privaten Rocksenders Star FM, „aber das Radio wird bleiben“. Radio sei kein altes Medium. „Nur die Verbreitungswege. Aber Facebook und YouTube sind quasi digitale Kopien von Radio. Denn seit es Radio gibt, gibt es Interaktion mit den Hörern. Einer sagt was, der andere reagiert.“
Star FM, der David Dornier aus der Flugzeugbauer-Dynastie Dornier gehört und auf jener legendären Frequenz 87,9 Megahertz sendet, über die man früher den amerikanischen AFN bekam, spielt so ungefähr jeden  Hit, bei dem in den letzten 50 Jahren mal eine Gitarre lauter gepeinigt wurde. Da folgt auf die Kaiser Chiefs Deep Purple,  auch noch „Smoke On The Water“. Morgens moderiert ein langhaariger Mann den Breakfast Club, der auf den Namen T-Bone hört. Der dunkle Teppich in den Redaktionsräumen nahe des Hackeschen Marktes ist aber erstaunlich weich, flauschig. So gar nicht Rock’n’Roll. An der Wand neben dem Eingang hängen Poster von Dave Grohl (Foo Fighters) oder auch Lemmy Kilmister (Motörhead). Star FM sendet auch auf UKW in Nürnberg und mit drei weiteren, automatisierten und unmoderierten Webstreams (etwa: „From Hell“, „Rock Classics“). In Berlin liegt der Rocksender, der erst seit 2006 seine Frequenz komplett allein hat, nach jahrelanger Durststrecke damit als bester Jugendsender vor Fritz. „Ich persönlich glaube, dass es immer eine Form von Audioangebot geben wird, was live ausgestrahlt wird und wo Menschen etwas konfektioniert haben, das andere sich gern anhören“, sagt Kind. „Ob es die Masse an Sendern aber noch in 15 Jahren gibt, das wird man dann sehen. Noch gibt es jedenfalls kein funktionierendes Vermarktungsmodell für das reine Internetradio.

Tim_ThalerWie schnell auch bei konsequenter Selbstausbeutung und Querfinanzierung über andere Jobs die Luft dünn werden kann, sieht man derzeit bei BLN.FM, einem Internetradio für elektronische Musik mit bis zu 10?000 Hörern pro Tag, das als Verein organisiert ist, sich gemeinsam mit Flux FM um eine UKW-Frequenz für ein Clubradio bemüht und gerade in zwei Kategorien für den Webradiopreis Goldener Kopfhörer nominiert ist. BLN.FM sendet derzeit aus einer Erdgeschosswohnung in Mitte. Weil aber ein Bürozimmer, das bislang vermietet wurde, leer steht, klafft jeden Monat ein Loch von rund 500 Euro im knappen Etat.
Der Vorstandsvorsitzende Tim Thaler, gelernter Schlagzeuger, früherer Fernsehaufnahmeleiter und DJ, der selbst als Moderator für den Webradiopreis nominiert ist, sagt nüchtern, man brauche dringend einen Nachmieter. Oder einen Kooperationspartner. „Sonst gehen sehr bald die Lichter aus.“
Einen Radiosender mit nur 500 Euro retten: Preiswerter geht’s ja kaum. 

Text: Erik Heier
Fotos: David von Becker

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