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Stadtleben

Fortsetzung: Wandel im Wedding – ein Streifzug durch den Bezirk

„Auf einmal waren wir mitten im Aufwertungsprozess“, sagt Schmidt. Was sich für die studierte Ethnologin anfänglich noch wie ein Forschungsfeld anfühlte, war bald Alltag im eigenen Laden. Schärfster Kritiker? Rudi, Mitte 70, einstiger Möbelpacker aus Reinickendorf, der immer freitags mit Krückstock, Hut und einem Sack voller Kalauer im Taxi vorfuhr und jedes neue Detail in der Kugelbahn kommentierte. Bis
er eines Tages bei einer Jamsession selbst auf der Bühne stand. Heute maulen die Stammgäste eigentlich nur, wenn der runde Holztisch am Eingang mal um ein paar Zentimeter verrückt wurde. Hin und wieder kommen Jung und Alt ins Gespräch. So wie gerade Manne (68): Mit lieben Augen und leiser Stimme spricht er die blonde Mittdreißigerin neben sich an. „Manne vergibt Noten“, Jess Schmidt grinst hinüber. Neulich bekam sie eine Eins plus.

Weddings Wandel: Heinz Tode hat ihn so lange vor Augen wie kaum ein anderer. Seit 39 Sommern verkauft er auf der Müllerstraße Vanille-, Erdbeer- und Schokoladensofteis. Der Eismann, selbst isst er täglich vier bis fünf Portionen Softeis aus der blank geputzten Maschine, hat die goldenen Jahre der Einkaufsstraße miterlebt, in der sich einst Boutiquen und Fachgeschäfte aneinanderreihten, sodass die Straße im Volksmund „Ku’damm des Nordens“ genannt wurde. Als Anfang der 90er-Jahre die kaufkräftige Kundschaft ausblieb, kippte die Stimmung: „Viele Fachgeschäfte schlossen, Billig-Ramschläden eröffneten, zuletzt kamen die Spielcasinos“, erinnert sich Tode.
Doch der Eismann blieb. Denn auch wenn er bei Regenwetter damals mehr verdiente als heute bei Sonnenschein – die Weddinger halten ihm die
Treue. Seine besten Kunden sind die türkischstämmigen Kinder: „Die bekommen immer ein Eis von ihren Eltern“, sagt Tode, von den Einnahmen der deutschen Kunden könnte er nicht mal seine Miete bezahlen.
Im Dunstkreis der Müllerstraße ist auch Mehmet Kirmizigül (41)aufgewachsen, etwas weiter südwestlich, in der Schönwalder Straße. Kirmizigül, heute Vorsitzender des Kulturvereins Kiki Sol, kennt den Wedding wie seine Westentasche. Seine Eltern kamen Mitte der 70er-Jahre von Gaziantep in Südostanatolien nach West-Berlin. In der Autowerkstatt gegenüber des Kiki Sol schraubt sein Schwager. Und im türkischen
Festsaal gleich daneben hat Mehmet Kirmizigül als Jugendlicher mit seiner Band auf Hochzeiten gespielt und später selbst dort geheiratet.

Kiki_solAuf den ersten Blick wirkt das Kiki Sol  wie ein Instrumentengeschäft. Im Schaufenster stehen ein Kontrabass, eine türkische Saz, eine Geige, eine Sitar und eine Gitarre. Dekoriert hat es Kirmizigül selbst. Die Idee für ein Vereinswohnzimmer mit
Flohmarktmöbeln und einer Bar, in dem Gäste zu Freunden werden, hatte er schon vor ein paar Jahren. Damals, so erzählt er, sei ihm aufgefallen, dass immer mehr Künstler und Studenten in die Nachbarschaft ziehen.
Kiki Sol: Unter diesem Namen würde man anderenorts wohl eher eine Strandbar vermuten. Im Wedding setzt sich das Kunstwort Kiki aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen zweier Vereinsmitglieder zusammen,während „sol“ auf Türkisch „links“ bedeutet. Eine Anspielung auf das gemeinnützige Engagement des Kiki Sol, denn montags berät ein Anwalt
die Anwohner in sozialrechtlichen Fragen, dienstags und mittwochs findet Musikunterricht statt, und am Freitag hilft ein Lehrer Schülern, wie den Kindern des türkischen Gemüsehändlers von gegenüber, bei den Hausaufgaben. Die Belange seiner türkischen Landsleute sind Kirmizigül wichtig: „Viele Türken sprechen kein gutes Deutsch“, sagt er. „Wenn da mal ein Schreiben vom Amt kommt, müssen das meist die Kinder übersetzen.“ Weil in den Familien oft das Geld für Sprachunterricht fehlt, wird er in seinem Laden bald einen Deutsch-Türkisch-Kurs anbieten, bei dem Deutsche und Türken „in gechillter Atmosphäre“ voneinander lernen können.

Entspannt ist die Atmosphäre auch am Abend, wenn sich das Wohnzimmer in einen Künstler- und Studententreff verwandelt. Regelmäßig finden Jamsessions statt, zu denen Musiker aus ganz Berlin kommen. Wenn die Instrumente zu später Stunde akustisch gespielt würden, erzählt Kirmizigül, sei die Atmosphäre wie am Lagerfeuer. Von Lagerfeueratmosphäre kann ein paar Gehminuten weiter nördlich keine Rede sein. Rund um den Nauener Platz ist der Wedding laut und ungemütlich. Nacheinander reihen sich Dönerimbiss, Wettbüro, Spielcasino, Billig-Bäcker, Spätverkauf, ein Pizza-Lieferservice und Discounter an die dicht befahrene Reinickendorfer Straße. Viele der
Wohnhäuser sind schmucklose Zweckbauten aus den 70er-Jahren. Die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt, der Migrationsanteil ist hoch. Gleich um die Ecke aber, in der Gottschedstraße, haben die Brüder Kaitas (42) und Sirwan Malik (38) die Reihung aus Döner, Pizza und Büchsenbier unterbrochen. 2003 eröffneten sie erst die Jatz Bar, eine Cocktailbar, und 2009, nachdem die Puff-und Drogenspelunke auf der gegenüberliegenden Seite dichtmachte, das Jatz Cafй. „Verhindern wollten wir so, dass gleich das nächste Wettbüro oder Spielcasino in die leer stehenden Räume einzieht“, erzählt Kaitas Malik.

Jatzbar_Mit Erfolg: Statt Pferdewetten und einarmigen Banditen gibt es im Cafй Cappuccino und Blechkuchen. Gebacken wird selbst, „ganz einfach nach Omas Rezepten“, extravagante Torten wollte keiner. Zu Maliks Gästen gehören Studenten, portugiesische Bauarbeiter und neuerdings auch ein paar Touristen, erkennbar an ihren Rollkoffern, die im Hostel
um die Ecke schlafen. Auf die Weddinger mit Migrationshintergrund wirken die neuen Kaffeetrinker befremdlich. „Die Leute fühlen sich nicht wahrgenommen und haben Angst, verdrängt zu werden“, erzählt der Cafй-Inhaber. Er hat beobachtet, dass die jungen Männer aus der Nachbarschaft oft nur kurz durch die Tür gucken und danach gleich
wieder umdrehen. „Die kommen nicht an die Mädels ran“, sagt er, „mit einem dicken Mercedes und quietschenden Reifen kannst du einer Studentin nicht imponieren.“
Malik glaubt, dass die zugezogenen Akademiker in den nächsten Jahren Familien gründen und ihre eigene kulturelle Infrastruktur im Kiez schaffen werden. Diese Entwicklung, die von innen, also von den im Kiez lebenden Menschen selbst käme, würde er begrüßen. Doch auch gegenwärtig weiß der Inhaber zweier Läden die Qualitäten seines Heimatbezirks zu schätzen. „Der Wedding ist tolerant“, sagt er. So würden die Hausbewohner in der Gottschedstraße nicht gleich die Polizei rufen, wenn es in der Bar unter ihnen nach 22 Uhr mal etwas lauter wird. Denn: „Hier reden die Menschen noch miteinander.“

Text: Julia Boek
Fotos: Axel Völcker

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Über die Autorin:
Julia Boek ist freie Journalistin und Chefredakteurin des jährlich erscheinenden Magazins für Alltagskultur „Der Wedding“. Die zuletzt veröffentlichte Ausgabe beschäftigte sich mit dem Thema „Westen“ und ist für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2012 nominiert.
www.derwedding.de

Adressen:

Cafй Cralle, Hochstädter Straße 10a
1978 von einem Frauenkollektiv gegründet, lädt die viel gerühmte Perle des Weddings heute zum Lesetresen, Kickern in Salon­atmosphäre und zu wechselnden Ausstel­lungen. Dazu gibt’s alkoholische Eigen­kreationen wie „Matt in drei Zügen“.

Cafй Morena Malplaquetstraße 25
Anfang der Siebziger ein einschlägiges Etablissement namens Sexmuffel II, heute eine gemütliche Altberliner Kneipe mit Urgesteinen wie Wolle, Perle und Manne am Tresen.

Jatz Bar Gottschedstraße 2
Leckere Cocktails und elegante Ledermöbel: ein Studententreffpunkt inmitten von Spiel­casinos, Billig-Bäckern und Dönerimbissen.

Kamine & Wein Prinzenallee 58
Luxuriöse Kaminöfen und leckere Weine: In der Bar-Cafй-Weinstube mit Kamin-­Fach­han­del kann beides erlebt und er­worben werden.

Kunst- und Kulturverein Mastul Liebenwalderstraße 33
Echter Geheimtipp: Das Team Mastul bietet seinen Gästen mit Lesungen, Ausstellungen und Konzerten einen bunten Strauß Kultur.

Lesebühne Brauseboys im La Luz La Luz in den Osramhöfen/Oudenarder Straße 16-20 (immer donnerstags 20.30 Uhr)
Frische Texte, Musik, Multimedia-Programm: Die Weddinger Brauseboys sind längst eine Institution in der Berliner Lesebühnenszene.

WEDDINGS NEUE

Analog Martin-Opitz-Straße 21
Rauchige Whiskeys und feinste Musik, stilecht von Vinyl und Kassette: Auf zu alten Ufern!

Cafй Auf der Suche nach dem verlorenen Glück Nazarethkirchstraße 43
Hier begegnet einem das Glück in Gestalt von hausgemachtem Kuchen, einer vielfältigen Frühstückskarte und wechselnden Tagesgerichten wie Königsberger Klopsen und Linsensuppe. Durch das große Fenster fällt der Blick auf die schöne Nazarethkirche.

F-Bar Grüntaler Straße 9
Das Wohnzimmer besticht durch morbiden Charme. In der F-Bar kann man sich durch 26 verschiedene Biersorten probieren und sonntags „Tatort“ gucken.

Fünf & Sechzig Torfstraße 9
Der Name erinnert an die Postleitzahl des ehemaligen roten Arbeiterbezirks. Dabei ist das Fünf & Sechzig gar nicht prole­tarisch, sondern bietet feine internationale Küche.

Jatz Cafй Gottschedstraße 43
Gebacken wird selbst – nach Omas Rezepten. Blechkuchenliebhaber und Kaffeetrinker, die mal ein gutes Buch lesen oder sich mit Freunden zum Quatschen treffen wollen, wissen das zu schätzen.

Kiki Sol Lindower Straße 12
Tagsüber gemeinnütziger Verein, abends gemütliches Wohnzimmer mit Bar. Regelmäßig veranstaltet das Kiki Sol Schach-und Kickertuniere und Jamsessions. 

Kugelbahn Grüntaler Straße 51
Erst auf der kleinen Bühne jammen und danach zu Discomusik kegeln. In der Kugelbahn ist beides möglich. Sonntags gibt’s amerikanisches Frühstück beim „Chicago Breakfast Slam“.

Panke e.?V. Gerichtstraße 23
Alternativer Treffpunkt für die (Weddinger) Kreativszene jenseits des Mainstreams. Der Verein veranstaltet experimentelles Kino, Performances, Theater und DJ-Sets. Der schöne Garten im Hinterhof liegt direkt an der Panke. 

Pierogarnia Turiner Straße 21
Herzhafte Küche in gemütlicher Atmosphäre. Familie Kozlowska kombiniert die hausgemachten süßen oder pikanten Teigtaschen „Pierogi“ mit polnischer Gastfreundschaft.

Spiritus Mundi Nazarethkirchstraße 40
Cafй und Feinkostgeschäft zugleich, bringt das Spiritus Mundi leckeren Cheesecake, ­baskische Pintxos und erlesene Weine in den Wedding. Mediterranes Lebensgefühl inklusive.

Stattbad Wedding Gerichtstraße 65
Das stillgelegte Schwimmbad ist Ort für Konzerte, Filme, Ausstellungen und Kunstfestivals. In den ehemaligen Bassins finden Elektro-Partys und wissenschaftliche Kolloquien statt.

Supermarkt Brunnenstraße 64
Als Kreativzentrum für Freiberufler, Künstler und Start-Ups bietet der Supermarkt auf 900 Qua­drat­metern viel Raum für Events, Workshops und Konferenzen.

Studio 8 Grüntaler Straße 8
Von einem Künstler-Kollektiv betrieben, ist das minimal eingerichtete Studio 8 Bar, Cafй, Bar und Ausstellungsraum zugleich. Manchmal setzt sich auch einer ans Klavier.
 

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