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Stadtleben

Fortsetzung: Wie leben Konsumverweigerer in Berlin?

Diese Wegwerfmentalität dient Menschen wie Raphael als Lebensgrundlage . Viel lieber wäre es ihm allerdings, wenn sich die Grundeinstellung der Menschen ändern würde: „Meine Idee wäre es, sämtliche Geschäfte und auch Landwirte zu verpflichten,überschüssige und ausrangierte Waren der Allgemeinheit zur Verfügung zu
stellen. Diesen Vorschlag habe ich auch bei der Onlineplattform Dialog Deutschland eingereicht.“ Raphaels Ideal: eine Gesellschaft, in der Geld überflüssig ist. „Wir haben doch von allem viel zu viel, von Lebensmitteln über Autos bis hin zu Computern. Wenn wir all das besser teilen würden und sich jeder mit seinen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbrächte, wäre das Zusammenleben viel harmonischer“, glaubt er.Und
auch die Verbreitung seiner Erfahrungen gehört für Raphael zur Philosophie des Teilens. Mittlerweile ist er in zahlreichen Medien präsent, hält Vorträge und bloggt auf seiner Homepage forwardtherevolution.net – die konsum- und kapitalismuskritische Szene ist bestens vernetzt.

So auch Sabine und Pavlik. Am frühen Abend haben sie sich im
„Systemfehler“ getroffen, einem Schenkladen in Friedrichshain, und
trinken Tee. Zu den Öffnungszeiten herrscht reger Betrieb, Männer und Frauen bringen rucksackweise Kleidung, kleinere Möbelstücke und Elektrogeräte vorbei. Manche nehmen auch wieder etwas mit. Die beiden sind oft hier und teilen die Grundidee des Ladens: Jeder kann geben und nehmen, was er möchte. Ohne dafür etwas zu bezahlen. Beide haben, lange bevor sie sich kannten, nach Alternativen jenseits der Regeln und Zwänge des Kapital- und Wirtschaftssystems gesucht. „Geld“, so glaubt auch der Sozialökonom Werner Onken, „leistet immer weniger das, was es eigentlich soll:
nämlich die arbeitsteilige Gesellschaft als ökonomisches Tauschmittel zusammenzuhalten und zu integrieren. Indem es sich zu großen Vermögen konzentriert, spaltet es die Gesellschaft.“

Um ihr Ideal von einer solidarischen Gesellschaft voranzubringen, betreibt Sabine, 28, unter anderem den Blog Geldfreies Berlin, auf dem sie über Ideen und Projekte informiert. „Und ich bin bei zahlreichen Projekten aktiv, etwa beim Karlshof der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit, die Kartoffeln anbauen und verschenken. Außerdem organisiere ich Kongresse und halte Vorträge zu
Themen wie solidarische Ökonomie oder ,Skillsharing‘.“ Komplett auf Geld verzichtet sie nicht. Ihr geht es vielmehr darum, unnötige Kosten zu sparen und vorhandene Ressourcen sinnvoller zu teilen. Über ein Netzwerktreffen hat sie Pavlik kennengelernt, einen Konsumverweigerer, der die Idee vom geldfreien Leben ziemlich radikal auch auf Kosten möglicher eigener Bequemlichkeitswünsche umsetzt.

Der 29-Jährige, dem die glatten Haare fast bis auf die Schulter reichen, übernachtet seit ein paar Tagen in Sabines WG in Neukölln. Er selbst hat keine Wohnung, aus Überzeugung. Vor ein paar Monaten hat er sogar seinen Pass entsorgt. Und er lebt auch an keinem speziellen Ort, sondern führt seit drei Jahren ein Nomadenleben. Genauso lange lebt er auch schon ohne Geld. „Ursprünglich stamme ich aus Polen, wobei ich Ländernamen unnötig finde“, sagt er. „Dort habe ich auch zwei Jahre Computerwissenschaften studiert. Danach habe ich in New York und schließlich in San Francisco gelebt und für eine Start-up-Firma als
Programmierer gearbeitet. Irgendwann kam mir meine Arbeit aber völlig sinnlos vor. Ich sollte Suchmaschinen programmieren, die schlichtweg nutzlos waren.“ Die Entscheidung, nicht nur auf bezahlte Jobs, sondern grundsätzlich auf Geld zu verzichten, sieht Pavlik, ähnlich wie Raphael, als logische Konsequenz: „Ich habe mich gefragt, warum man seine Talente nicht teilen kann, ohne sie von Geld abhängig zu machen.
Diese Abhängigkeit macht die Menschen manipulativ und unehrlich.“
Er
kündigt seine Wohnung, lebt eine Weile von seinen Ersparnissen und übernachtet schließlich in Parks. Wie selbstverständlich berichtet er, oft hungrig und allein gewesen zu sein. Doch für ihn war die Erkenntnis entscheidend: „Ich habe in dieser Zeit gelernt, was ich brauche und was nicht. Ich brauche Essen, etwas zu trinken, Wärme. Und ich brauche Gesellschaft, Unterhaltung, aber kein Geld.“

Auch Werner Onken beurteilt die Abhängigkeit vom Finanzsystem kritisch – seine Lösungsansätze fallen allerdings differenzierter aus: „Die
Globalisierung hat uns extrem abhängig vom Funktionieren internationaler Finanzmärkte und von der Verfügbarkeit von Ressourcen gemacht“, sagt er. „Umgekehrt glaube ich nicht, dass eine Umkehr zu einem Autarkiestreben die richtige Antwort wäre. Sehr sympathisch ist mir aber alles Bemühen um eine Regionalisierung von Produktion und Konsum. Im Gegensatz zum Autarkiestreben wäre eine Regionalisierung der Wirtschaft immer noch weltoffen für einen ökonomischen und
kulturell-wissenschaftlichen Austausch mit Menschen in anderen Ländern.“
Seit seiner Ausreise aus den USA im Jahr 2008, die er mit einem geschenkten Flug­ticket bewerkstelligt, reist Pavlik quer durch Europa. Sein Ziel: die Idee von Open-Source- Technologien und unabhängigen Social Networks voranzutreiben, um allen Menschen kostenlosen und unabhängigen Zugang zum Internet zu verschaffen. Und so eine noch
bessere Vernetzung zu gewährleisten. Er selbst verfügt, wie auch Sabine, über ein beeindruckend großes Netzwerk von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig besuchen und Kongresse und Projekte organisieren. Die Ausrichtungen einzelner Gruppen sind dabei unterschiedlich, und nicht immer kann oder soll auf Geld verzichtet werden: „Ich war drei Monate bei einer Community in der Nähe von Lissabon, die sich vor allem mit
der Friedensforschung beschäftigt und Summer Universitys organisiert. Da floss ziemlich viel Geld.“ Während Pavlik erzählt, verzieht Sabine das Gesicht. Sie kann mit besagter Community überhaupt nichts anfangen und würde lieber sofort das Thema wechseln – ein gutes Beispiel dafür, dass die Ansichten innerhalb der Szene weit auseinanderklaffen können.

In Berlin war Pavlik schon mehrfach, um Freunde und Bekannte und um Kongresse zu besuchen. Auch hat er ein paar Wochen im Kesselberg, einem alternativen, ökologischen Kulturzentrum südlich von Berlin, gelebt. „Das war ziemlich hart, es war Winter, und wir haben ausschließlich mit Feuerholz geheizt.“ Eine eigene Wohnung vermisst Pavlik nicht, allerdings möchte er künftig gerne mehr Zeit auf dem Land verbringen.
Raphael und Nieves dagegen haben schon konkrete Pläne für die Zukunft: Sie wollen nach Italien auswandern und gemeinsam mit anderen ein Stück Land bewirtschaften. Komplett autark, mit selbst gebauten Hütten, Gärten und eigener Stromproduktion. So unterschiedlich die Herangehensweisen von Pavlik, Sabine und Raphael auch sind, um ein alternatives Leben zu führen – alle drei verbindet der absolute Wille und der Glaube an ihr Ideal. Raphael ist überzeugt: „Vieles, woran wir
glauben, wird als Utopie abgetan. Und wenn man nur alleine träumt, bleibt es auch ein Traum. Aber wenn wir zusammen träumen, ist das bereits der Beginn der Realität.

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Text: Isabel Ehrlich
Fotos: www.forwardtherevolution, Benjamin Pritzkuleit

Schenkladen Systemfehler

Im Schenkladen können saubere
Kleidung, Bücher, Elektronik und Gebrauchsgegenstände abgegeben werden.
Mitgenommen werden dürfen maximal fünf Teile pro Besuch. Der Systemfehler versteht sich als politisches Projekt, das auch Diskussionen und kulturelle Veranstaltungen fördert. Achtung: im April 2012 ist der Schenkladen geschlossen!
Jessnerstraße 41 (Friedrichshain), Tel. 13 89 16 43;
http://systemfehler-berlin.de.vu

Kleider tauschen Leute
In diesem Klamottentauschladen soll jeder seinen Bedarf an Kleidung decken können, auch ohne Geld. Das Prinzip verläuft
unbürokratisch: Jeder bringt etwas mit und nimmt sich das, was er braucht. Allerdings findet das Tauschen nur zu bestimmten
Terminen statt, Infos auf der Homepage.
Markthalle 9, Eisenbahnstraße 42, Kreuzberg,
www.ktl.blogger.de

Umsonstlädin Ula
Die „erste Umsonstlädin der Welt“ der TU Berlin möchte ebenfalls das Teilen überschüssiger Waren fördern. Auch hier gibt es keine bürokratischen Regeln: Jeder darf etwas mitnehmen, unabhängig davon, was oder ob etwas mit­gebracht wurde. Wer mitmachen will, sollte
sich vorher anmelden.
TU-Berlin, Gebäude HFT, Einstein­ufer 25,
Charlottenburg, Räume 023 a, 023 b, Tel. 31 42 32 92,
Di 16–19.30, Mi 17–19, Do 15–18 Uhr;
http://ula.blogsport.de

MedienPoint-Läden
Wie in gut sortierten Antiqua­riaten finden sich in den MedienPoint-Läden diverser Bezirke Bücher, CDs, DVDs, Videos oder Zeitschriften, von denen man, ohne zahlen zu müssen, eine Hand voll mitnehmen kann. Umgekehrt werden
diese Medien hier auch gerne angenommen.
Crellestraße 9, Schöneberg,
Tel. 76 76 58 70.
Weitere Läden unter www.kulturring.org

Give-Box Berlin

Nicht mehr benötigte Kleidung, Haushaltsgegenstände oder Spielzeug können in der zur Straße offenen Give-Box einsortiert
und von anderen kostenlos entnommen werden.
Steinstraße 37, Mitte,
weitere Orte unter www.facebook.com/Givebox

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