Stadtleben

Fragen zum Mauerfall

Martin ZeisingMartin Zeising, Online-Redakteur
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Da ich mein Abitur in Rheinland-Pfalz gemacht hatte, musste ich – nicht wie die Berliner – zur Bundeswehr und meinen Wehrdienst ableisten. Ich war im November 1989 also geraden irgendwo in Südbayern bei der Bundeswehr und habe einen Fallschirmjäger Lehrgang absolviert. Noch am Morgen des 9. November hatte unser Kompanieführer beim Morgenappell vor den „trotz aller Entwicklungen weiterhin bestehenden Gefahren“ im Osten Europas gewarnt. Ich habe an dem Abend dann – wie alle anderen auch – vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in der Kasernenstube gesessen und den tiefen Wunsch verspürt, nach Berlin zu wollen. Unser Kompanieführer wusste dann am nächsten Morgen beim Appell auch nicht so recht, was er sagen sollte.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Unmittelbar hat er bewirkt, dass ich meinen Springer-Lehrgang zwar noch fertig gemacht habe, danach aber erst einmal Urlaub eingereicht habe und nach dem Urlaub dann den weiteren Wehrdienst verweigert habe und den Rest der Zeit als Bürohilfe bei einem Militärpfarrer abgesessen habe. Auf längere Sicht weiß ich nicht, ob ich jemals nach Berlin zurückgekehrt wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Nach dem Mauerfall bestand jedoch nie ein Zweifel, dass ich früher oder später zurück musste.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Ganz ehrlich, keine Ahnung. Wahrscheinlich wäre ich irgendwo in West-Deutschland gestrandet und mein doch recht chaotisch verlaufenes Leben hätte einen sehr viel stringenteren Verlauf genommen.

 

Bert RebhandlBert Rebhandl, Film-Redakteur
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Ich weiß es nicht mehr. 1989 war für mich ein verwirrendes Jahr. Nach Weihnachten fuhr ich nach Prag, und erst am Wenzelsplatz, wo es kurz davor eine samtene Revolution gegeben hatte, bekam ich ein Gefühl dafür, dass die überwältigenden Ereignisse doch eine menschliche Dimension hatten.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Nicht viel und doch alles. Davor war ich Bürger eines kleinen neutralen Landes in europäischer Randlage, danach war ich Bürger eines kleinen Landes in Mitteleuropa. Ich bin immer noch dabei, die Implikationen dieser Veränderung zu begreifen.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Ich würde höchstwahrscheinlich immer noch in Wien leben.

 

Robert RischkeRobert Rischke, Geschäftsführung
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Den 9. November erlebte ich in Berlin und ich habe ihn erst so richtig am nächsten Morgen um fünf Uhr mitbekommen. Ich musste früh zur Arbeit, meine Schicht bei einem Fahrdienst begann um sechs Uhr. Als ich am U-Bahnhof Schloßstraße überall Menschen traf, war mir erst klar, was passiert war. Der Weg zur Arbeit war dann unglaublich emotional, überall feiernde Menschen aus West und Ost, dazwischen einige auf dem Weg zur Arbeit mit einem breiten Grinsen – so wie auch ich!
 
Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…

Der Mauerfall machte mich zu einem Medien-Besessenen. Ich war 20 Jahre alt und hatte im Sommer meine Schule beendet, war noch ohne wirkliche Orientierung, aber diese Nachrichten und Informationen verschlang ich, ob am Radio, im TV oder in der Zeitung. Ziemlich viele Regierungen des ehemaligen Ostblocks, wie Rumänien, Tschechoslowakei, die große UdSSR und andere brachen in dieser Zeit ja zusammen, Geschichten und Geschichte entstand. Durch einen Zufall landete ich so selbst bei der Zeitung, als Kaufmann. Der Branche bin ich bis heute treu geblieben – und immer in Berlin.
 
Hätte es keinen Mauerfall gegeben…

Ohne Mauerfall wäre ich heute bei irgendeiner Airline oder anderswie im Cockpit unterwegs, als Pilot, was ein großer Berufswunsch war. Aber ich glaube, ich hätte Berlin bald verlassen, denn Berlin flogen damals nur PanAm, British Airways und Air France an. Und die Piloten stammten aus den Heimatländern der Airlines. Ich bin heute sehr froh, dass es anders kam. Und Berlin noch immer meine Heimat ist.


Lars PenningLars Penning, Film-Redakteur

Wo ich war, als die Mauer fiel…
Ich (gebürtig aus Bremerhaven, zu diesem Zeitpunkt wohnhaft in West-Berlin) saß zuhause vor dem Fernseher und freute mich auf einen Piratenfilm, den ich gerne sehen wollte. Doch dann wurde das Programm geändert. Da ich Menschenmassen und nationalem Freudentaumel schon immer äußerst skeptisch gegenüberstand, bin ich leicht verärgert ins Bett gegangen.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Mein Leben hat sich deshalb nicht komplett geändert. Aber ich habe einige Leute kennengelernt, die ich ohne Mauerfall nicht getroffen hätte, und habe in der Folge auch die Ausflüge ins Berliner Umland und darüber hinaus sehr genossen. Heute kenne ich Teile von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern besser als viele Gegenden in der alten Bundesrepublik. Der Horizont – der tatsächliche und der geistige – war in West-Berlin einfach enger.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Beruflich und privat hätte sich da wohl wenig verändert – plus/minus einiger Kontakte, von denen man heute oft nicht einmal mehr weiß, dass man sie ohne Mauerfall gar nicht hätte. Denn glücklicherweise charakterisieren sich die Leute immer weniger in Ost/West-Kategorien. In vielen Bereichen hat sich in dieser Hinsicht eine wohltuend unaufgeregte Normalität eingestellt, mit der ich sehr gut leben kann.


Susan SchiedlofskySusan Schiedlofsky, Art Direction, geboren 1980 im Krankenhaus Luckenwalde

Wo ich war, als die Mauer fiel…
Mit meinen Eltern bei meiner Oma in Thüringen. Als die von der Öffnung hörten, haben die uns sofort in unseren blauen Wartburg gesetzt und sind nach Westberlin zu meiner Tante Ingrid gefahren. Die konnte davor nur meine Mutter besuchen, glaube wegen dem Verwandtschaftsgrad. Ich kannte die davor nur via Westpaket. Wir also nach Reinickendorf, alle drücken, Cambozola (Blauschimmelkäse) mit Banane – ich war damals verrückt danach – essen und dann schnell wieder rüber in Osten. Meine Eltern hatten nämlich Angst, dass die Grenze wieder dicht gemacht wird und wir dann im Westen bleiben müssten.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Ich war Jungpionier und stand kurz davor das rote Halstuch zu bekommen, was mit einer großen lang ersehnten Feier verknüpft war. Fiel nun ins Wasser. Dafür gab es mein erstes Skateboard, Klassenfahrten nach Holland und die Möglichkeit, Menschen aus aller Welt in meinem Leben zu haben. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung ist politisch und philosophisch für mich die einschneidende Erfahrung meines Lebens. Denn dadurch weiß ich, dass wir zusammen jede politische Situation und jeden gesellschaftlichen Wert jederzeit umgestalten können. Eine großartige Erkenntnis!

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Ich hätte in jedem Fall schon zwei, drei Kinder. War aus meiner Erfahrung bzw. der meiner Mutter nur von Vorteil und weder zeitlich oder finanziell eine Belastung wie heute. Wahrscheinlich hätte ich noch ein paar Matheolympiaden gewonnen, hätte mit anderen FDJlern wilde und nicht so wilde Partys organisiert und statt zu studieren hätte ich den Blumenladen meiner Oma wieder auf gemacht. Die war 1986 schon gestorben.


Lena GannsmannLena Gannsmann, Foto-Redakteurin

Wo ich war, als die Mauer fiel…
Ich war neun Jahre alt und gerade bei meiner Nachbarin zu Besuch. Da wir einen Katzensprung vom Schöneberger Rathaus entfernt gewohnt haben, war für uns die größte Aufregung an diesem Abend, dass wir im Fernsehen und aus dem Fenster das selbe Geschehen beobachten konnten.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Da ich zur Zeit des Mauerfalls gerade eine Begeisterung für Opern entwickelte hatte, nutzte meine Mutter die Gunst der Stunde und kaufte Tickets für die Komische Oper. Weil die Karten so unglaublich billig waren, gingen wir in den nächsten drei Wochen fast jeden Abend dorthin. Ich hatte nur ein „Ausgehkleid“ und wurde schon am dritten Abend von anderen Daueropernbesuchern erkannt: „Da ist ja wieder das Mädchen mit dem schönen Kleid.“ Meine Opernerfahrung  hat mir zwar ein Leben mit Liebe für Opern beschert, aber auch eine dauernde Enttäuschung darüber, dass ich mir nie wieder so gute Plätze in der Komischen Oper leisten konnte.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Ich war damals zu jung, alle meine Erwachsenen-Entscheidungen habe ich lange Jahre nach dem Mauerfall getroffen.

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Als die Mauer fiel… Auszüge aus tip-Ausgaben aus dem Jahr 1989

Der diplomatische Dissident: Roland Jahn

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