Stadtleben

Fragen zum Mauerfall

Stefanie Dörre, Chefredakteurin
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Im September 1989 bin ich nach London gezogen, um dort für ein Jahr zu studieren, Austauschstipendium. Ein sehr schlechtes Timing, aber den Mauerfall hatte ja keiner vorausgesehen. Ich wohnte dort in einem Studentenwohnheim, in dem es nur einen Fernseher für alle gab, die anderen Studierenden hatten das Thema Mauerfall bald satt und wollten lieber Filme als Nachrichten gucken. Zum Glück gab es damals noch Geschäfte, die Fernsehgeräte im Schaufenster präsentierten. Dort konnte ich dann auf vielen Bildschirmen die Bilder aus Berlin sehen.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Plötzlich gab es im Ostteil der Stadt überall illegale Clubs, man stieg durch irgendwelche Türen oder Löcher in der Mauer, dahinter standen Bierkästen und Bretter zu einem Tresen gestapelt, jemand verkaufte Bier und ein DJ legte auf. Das Grundgefühl der Zeit: Alles ist möglich.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…

Vermutlich wäre mir Berlin irgendwann zu eng geworden.

Hagen Liebing, Musik-Redakteur und stellvertretender Chefredakteur
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Es ging gen Mitternacht, wir waren Pizza essen und wunderten uns auf dem Nachhauseweg, warum uns so viele aufgedrehte Leute begegneten. Besoffene gab es in Schöneberg immer, aber gleich so viele und dann auch noch so fröhlich? Umgehend schmiss ich den Fernseher an: Da stand Bürgermeister Walter Momper am Grenzübergang Invalidenstraße vor einer „Abendschau“-Kamera und erzählte, dass die Mauer offen sei. Meine damalige Frau Marion und ich sprangen ins Auto, fuhren dorthin. Und wirklich: während Passanten aus dem Osten in den Westen strömten, ließen uns die Grenzer ganz ohne Passierschein und Zwangsumtausch in den Osten. Wir liefen die Chausseestraße hinunter, dort war es ähnlich voll, wie am Kudamm. Nur dass hier die Wessis aufgeregt flanierten – ich traf auch wirklich einige Bekannte. Am Brandenburger Tor wurde es brenzlig, Vopos wollten verhindern, dass dort die Mauer erklommen wird. Meiner Lady taten auch schon die Füße weh, also rief ich ein Taxi Marke Wartburg und bat, uns zur Invalidenstraße zurück zu bringen. Der Fahrer: „Das geht doch nicht.“ Ich: „Doch klar, das geht jetzt. Fahren Sie einfach drauflos.“ Am Übergang hat er dann einen Weinanfall bekommen, wir waren da längst im Stau eingekeilt und hätten eh nicht wenden können. Ich habe ihm beruhigend auf die Schulter geklopft – „das klappt schon“. Und wirklich: Ohne Anstalten passierten wir drei die Grenzen und wurden dort mit lautem Jubel der Massen empfangen. Ich bin also als Wessi eingereist in die DDR und als Ossi wieder herausgekommen.  

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Mein Horizont hat sich enorm erweitert. Nicht nur geographisch.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…

Wäre ich immer noch in Berlin. Und beim tip wäre ich vermutlich auch gelandet. So sind wir Eingeborenen – wir wissen halt, was wir haben.

Eva Apraku, Stadtleben-Redakteurin
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Hatte ich abends in einem Buch gelesen? Oder bin ich einfach früh zu Bett gegangen? Ich weiß es nicht mehr. Am 9.November 1989 jedenfalls blieb bei mir die Glotze aus – ich habe den Mauerfall verpasst. Umso mehr wunderte ich mich, als mir morgens auf der Potsdamer Straße erst ein Trabi, dann noch einer und dann immer mehr entgegenkamen. Noch nie zuvor hatte ich, eine 1980 Zugezogene, einen Trabi in West-Berlin fahren sehen. Die Fahrer schienen beste Laune zu haben, winkten. Erst im Büro erfuhr ich die Neuigkeit. Unfassbar! Sofort entstand am Bahnhof Zoo ein lebhafter Schwarzmarkt, auf dem man D-Mark gegen Ost-Mark tauschen konnte. Wie abenteuerlich, sich auf diese Weise für Ausflüge in den Ostteil der Stadt und nach Brandenburg zu rüsten.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Die bis dahin wie unter einer Käseglocke existierende Stadt veränderte sich in rasender Geschwindigkeit. Und Zeitzeuge eines bis dahin nicht für möglich gehaltenen, weitgehend positiven Geschehens zu sein, ist ein erhebendes Gefühl. Wobei sich auch die Schattenseiten tief eingeprägt haben. Was Schwarze Freunde und Familienmitglieder von mir nach Ausflügen in die Umgebung Berlins vermehrt von Beleidigungen oder gar Pöbeleien berichteten, trübte die Freude und dämpfte die Lust auf Neuentdeckungen.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Ich hätte einige meiner besten Freunde – und auch liebe Kollegen – , die als DDR-Bürger geboren wurden, wohl nicht kennengelernt. Was für ein riesiger Verlust!

Erik Heier, Stadtleben- und Literatur-Redakteur, 1970 in Ost-Berlin geboren
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Wie viele Berliner: im Bett. Fernsehen geschaut, Schabowski stammeln gehört, nichts gerafft. Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Abi-Schule in der S-Bahn, ein Klassenkamerad im Rausch: „Heier, ich war drüben! Im Westen! Die halbe Nacht!“ Ich sah ihn an wie einen Irren.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Kurz gesagt: dass ich nicht Sportjournalist wurde. Sich journalistisch mit Politik zu beschäftigen, erschien mir damals in der DDR nicht sonderlich erbaulich. Hat sich in jenem Herbst 89 geändert. Wie alles andere.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Wäre ich jetzt Sportjournalist. Kopftief in der Nische. Ich hatte damals einen Volontariatsplatz beim „Sportverlag“ für 1992 oder so. Aber wohl nicht bei einer Fußball-WM. Reisekader wäre ich nämlich wahrscheinlich nicht geworden. Ich mochte nicht in die SED eintreten. Das hatte ich beim Bewerbungsgespräch, das war Mitte der 80er Jahre, beim Bewerbungsgespräch einem Kaderleiter, glaube ich, vom Sportverlag gesagt: „Drei Jahre Armee wäre da mein einziges Zugeständnis.“ Hinreichend angepasstes Bekenntnis, natürlich. Und der Mann antwortete leicht irritiert: „Zugeständnis?“

 

Stefan SauerbreyStefan Sauerbrey, Leiter der Sonderthemen-Redaktion
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Ich war in meiner Wohnung im Friedrichshain. Ich hatte mir gerade von meiner Mutter einen Stadtplan von West-Berlin geholt. Ich wollte am Samstag versuchen „rüberzufahren“. Ein Freund erzählte mir am Anfang der Woche, er hätte Gerüchte gehört, man könne mit Pass „raus“ – ich hatte einen, weil ich im Sommer bei der Hochzeit meines Cousins im Ruhrgebiet war. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich es plötzlich nicht mehr so eilig hatte. Am Freitag bin ich erst mal wieder jobben gegangen und dann am Samstag, wie geplant, gen Westen – da war die Mauer schon zwei Tage auf.

Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Nachdem Chris Gueffroy bei seinem Fluchtversuch im Februar 1989 erschossen wurde, begann sich die Situation zu verändern. Zufrieden war niemand meiner Freunde in der DDR, aber irgendwie war nach diesem Vorfall etwas anders geworden. Er war jemand aus unserer Generation. Man konnte damals junge Menschen im Osten in vielleicht vier Gruppen einteilen: Die, die sich mit dem System auf unterschiedliche Weise arrangiert hatten, die Oppositionellen (sie diskutierten viel, tranken Rotwein, wohnten im Prenzlauer Berg), die Wirtschaftsflüchtlinge und wir – irgendwo dazwischen. Während die Oppositions-Leute oft eine „demokratischere“ DDR wollten und auch dafür nach dem Fall der Mauer an den Runden Tischen kämpften, die Wirtschafts-Leute nach Mallorca reisen, Bananen essen und Westgeld haben wollten (viele landeten an der ungarischen Grenze und in Prag), wussten wir gar nicht so genau wohin wir wollten.
Ich hasste die DDR – sie war so absurd – als Staat. Für mich war die Wiedervereinigung die Wiederherstellung eines Normalzustandes. Das Ende der DDR hieß, endlich frei atmen können, selbst entscheiden, was man machen möchte und wohin man will. Meine erste selbst organisierte Reise führte mich nach Polen, nach Krakau. Ich besuchte unter anderem Auschwitz. Das Ende der DDR bedeutete eben auch, sich anders, vor allem freiwillig mit Geschichte auseinanderzusetzen. Beruflich waren die Jahre bis 1989 verloren. Danach konnte ich erst studieren und machen was ich wollte.

Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Im Sommer 1989 hatte ich mich exmatrikulieren lassen, weil ich keine Lust auf diese Laufbahn hatte. Ich war arbeitslos ohne Arbeitslosengeld. Ich bin viel ausgegangen – irgend eine Disco oder Bar hatte auch in der Woche bis morgens auf. Da sah ich dann die fleißigen Werktätigen auf dem Weg zur Arbeit. Dann jobbte ich in einem Werbemittelversand, ich musste ja meine 34-Ost-Mark-Miete bezahlen. Entweder ich wäre eingegangen, wie eine Topfpflanze im Dunkeln, oder auf die schiefe Bahn geraten. In der DDR wäre ich nie glücklich geworden.

 

Peter LaudenbachPeter Laudenbach, Redakteur für Bühne und Klassik
Wo ich war, als die Mauer fiel…
Vermutlich in meiner Wohnung in Neukölln. Weil ich keinen Fernseher hatte, habe ich das erst am nächsten Tag mitbekommen, als die Brüder und Schwestern aus dem Osten die Straßen fluteten.
 
Was der Mauerfall für meine Entwicklung bedeutet hat…
Ich habe damals für die taz über Literatur und Theater geschrieben. Nach dem Mauerfall kam ich als freier Autor zur Berliner  Zeitung und wurde da zum Theaterkritiker. Dem damaligen tip-Theaterredakteur, Rüdiger Schaper, haben meine Texte gefallen, er hat mich gefragt, ob ich mal was für ihn schreiben will. Erst wurde ich tip-Autor, dann wurden Rüdiger und ich Freunde, dann wurde ich beim tip sein Nachfolger. Ansonsten: Ohne Mauerfall gäbe es wahrscheinlich keine Castorf-Volksbühne, die Theaterwelt wäre deutlich langweiliger
 
Hätte es keinen Mauerfall gegeben…
Vermutlich wäre ich immer noch im alten, gemütlich vergammelten Westberlin.

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