Stadtleben

Franz Schulz im Gespräch

/FranzSchulz-1Herr Schulz, am 31. Juli verlassen Sie aus Gesundheitsgründen Ihr Bürgermeisteramt. Wie wird Ihr letzter Arbeitstag aussehen? ?
Ich habe noch ein paar Tage Resturlaub. Der 19. Juli, der Freitag, ist der letzte Arbeitstag. Ich weiß noch nicht, wie ruhig oder unruhig der wird.

Wieso unruhig?
Am Donnerstag davor soll das große Gespräch im Flüchtlingscamp auf dem Oranien­platz stattfinden, wo wir alle wichtigen Politiker eingeladen haben, die sich bis auf Christian Ströbele in den letzten Monaten alle ordentlich weggeduckt haben. (Nachtrag nach Redaktionsschluss des gedruckten tip: Der Runde Tisch wurde einen Tag vor dem geplanten Termin abgesagt, nachdem der überwiegende Teil der eingeladenen Politiker eine Teilnahme abgelehnt hatten). Wenn die Diskussion schiefgeht, werden wir Freitag Trouble haben. Die Flüchtlinge werden vielleicht mit Straßenblockaden weitermachen.

Ihre Nachfolgerin im Amt, Monika Herrmann, wird einige Aktenordner auf dem Schreibtisch vorfinden. Zum Beispiel ist der Umzug des YAAM an die Schillingbrücke noch immer in der Schwebe, für den Sie sich starkgemacht haben.?
Ich muss jetzt natürlich auch ein bisschen selbstkritisch meine Situation mitbetrachten. Das heißt, dass ich mir immer wieder deutlich mache: Es geht auch ohne mich. Und ich bin austauschbar. Trotzdem wird man mir verzeihen, dass ich erst einmal denke: Sicher wäre das natürlich gut gewesen, wenn ich das selbst noch gemacht hätte.

Dieser Gedanke, man wäre unersetzbar, wird Politikern ja gern nachgesagt. Wie stark ist er bei Ihnen tief innen drin??
Das war sicher einmal ausgeprägter, als es jetzt ist. Das hängt auch mit meinen gesundheitlichen Problemen zusammen. Ich setze mich auch mit meinen eigenen narzisstischen Tendenzen auseinander, weil ich weiß: Nirgendwo werden Menschen so schnell vergessen wie in der Politik, wenn sie weg sind.

Sie haben Ihre gesundheitlichen Probleme öffentlich nie konkretisiert. Anders als Ihr grüner Parteikollege Hans-Christian Strö­bele, der trotz seiner Krebsdiagnose jetzt noch mal für den Bundestag kandidiert. Wieso macht Ströbele weiter und Sie nicht?
Das sind ganz individuelle Entscheidungen, die hängen auch damit zusammen, wie persönlich man den Umgang mit seiner Krankheit macht. Es gibt andere, die lassen die Presse sogar bei einer Operation zugucken.  Ich finde, Gesundheit ist ein privates Thema.

Trotzdem: Macht Politik irgendwann krank??
Sie macht sicherlich krank, wenn Sie sie nicht mehr aus Spaß oder Leidenschaft betreiben. Wenn es Arbeit wird, dann sind Sie ganz schnell am Ende. Gesundheitlich, psychisch. Dann müsste man eigentlich sagen: Okay, jetzt verabschiede ich mich. Ganz viele schaffen den Absprung aber eben nicht.

Zum Beispiel??
Matthias Platzeck (Brandenburgs Ministerpräsident, Anm. d. Red). Er hat viele Warnzeichen von seinem Körper bekommen. Und er arbeitet immer weiter. Das ist auch so ein Feedback-System. Die Bevölkerung findet ihn sympathisch, das spürt er. Man braucht das ja auch. Dann werden die Warnzeichen, die der Körper aussendet, zur Seite geschoben. Und wiederholen sich immer heftiger.

Gab es die Warnzeichen auch bei Ihnen??
Nein. Bei mir war das absolut unerwartet, das war eine Routinekontrolle. Davor habe ich meinen Neun- bis Zehnstundentag gemacht, mein Nachfolger für das Stadtentwicklungsamt, Hans Panhoff, den ich jetzt einen Tag mal mitgeschleppt habe, spricht von Marathon-Tagen. Ich habe gar nicht verstanden, was er damit gemeint hat.

/FranzSchulzHaben Sie schon eine Idee, wie sich das ­Leben nach der Politik anfühlen wird??
Ich versuche, mir das so in den letzten Wochen zunehmend vorzustellen. Auch, was ich nach dem letzten Arbeitstag mache. Ob man dann irgendwo sitzt oder bei Freuden hockt und am Jammern ist, auf hohem Niveau.

Mit Alkohol womöglich??
Eher nicht. Ich weiß, dass das eine ganz große Gefahr bei Politikern ist, dieses Abturnen mit Alkohol, das in viele persönliche Ka­­ta­strophen mündete. Nein, dieses Gefühl, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden, damit muss auch ich fertigwerden.

Sind Politiker süchtig nach Politik? Und brauchen hinterher eine Suchttherapie??
Es ist vielleicht brutal, wenn ich das so formuliere: Aber ich glaube, dass es einige Berufsgruppen bei uns gibt, und dazu gehören die Politiker, die solche Randbedingungen haben, dass sich viele Personen dort ansammeln, die narzisstische Störungen haben. Die sind beinahe krankhaft davon abhängig, dass sie eben als die Größten angesehen werden:  die Macher, die immer gut drauf sind, immer besser als die anderen. Und diese Gruppen reagieren unglaublich empfindlich, wenn das mal angekratzt wird. Der Politikertypus, der sich in den letzten 50 bis 60 Jahren entwickelt hat, ist ein Politiker, der sich einbindet und eingebunden wird in die Mediengesetzmäßigkeiten – und damit auch beginnt, eine Rolle zu spielen. Da wirkt das natürlich nach außen wie eine Sucht, ist es vielleicht auch, wenn Sie nicht loslassen können.

Über Politik als Sucht gibt es viele Bücher: von Michael Jürgs, Jürgen Leinemann …?
Ich gestehe, ich habe auch mal so ein Buch gelesen, fand das durchaus auch treffend …

Treffend für andere? Oder für sich selbst??
Automatisch gleicht man, wenn man solche Psychobücher liest, das mit sich selbst ab und denkt: Oh Gott, das bin ich auch? Aber da gibt es schon Unterschiede. Man sieht tatsächlich, dass einige Personen Politik ­machen, bis sie ins Grab fallen …

Was genau hat Ihnen zu denken gegeben?
Dass man, wenn man in der Politik tief drinsteckt, die Fähigkeit verliert, abzugleichen, wie man zur Realität steht. Man macht sich ein Bild von der Realität und der Form der Anerkennung, der Akzeptanz. Und das hat mit der Realität gar nichts zu tun. Das ist das Bild, das andere von einem haben und einem vermitteln. Im Innersten wünscht man sich doch, dass diese Anerkennung, diese Akzeptanz wirklich echte menschliche Gefühle sind. Aber das ist eine Lebenslüge.

In Ihrer Abschlussrede vor der Bezirksverordnetenversammlung haben Sie gesagt, Politik sei das „Aneinanderreihen von unwahrscheinlichen Ereignissen“. Wie bei der East Side Gallery. Eine Lücke in der Mauer und plötzlich demonstrieren Tausende Leute gemeinsam mit David Hasselhoff. Und bei der letzten Demo gegen das Bauprojekt kommen mehr Journalisten als Protestler.
Nach meinen Erfahrungen ist Politik ein hochgradig chaotischer Prozess. Nicht im Sinne von Anarchie, sondern Unplanbarkeit.

Nach Ihrer Amtszeit können Sie sich, so liest man, eine Mitarbeit in Bürgerinitiativen vorstellen. Wo denn zum Beispiel?
Da gibt es ganz viele, die ich ja politisch auch begleitet habe. Es gibt im Moment diese wahnsinnige Idee vom Senat, dass man dort schon an den 17. Bauabschnitt der A 100 denkt. Jetzt wird in Treptow erst mal der 16. Abschnitt gebaut. Der 17. geht dann mitten durch Friedrichshain.

Fragen Sie vorher Ihren Arzt, wie lange Sie bei einer Sitzblockade mitmachen dürfen?
Ich habe da keine Hemmungen. Dafür muss ich keinen Arzt fragen.

Interview: Erik Heier

Foto: Oliver Wolff

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