Gleichberechtigung

Frauen an der Macht: Fränzi Kühne

Die Gründerin und Chefin der Digitalagentur TLGG Fränzi Kühne avancierte quasi über Nacht zur jüngsten Aufsichtsrätin des Landes

Foto: David von Becker

„Als der erste Anruf kam, wusste ich nur grob, was ein Aufsichtsrat eigentlich macht“, sagt Fränzi Kühne. Ganze zehn Minuten ist sie in sich gegangen, anders als bei sonstigen Entscheidungen, die die 35-jährige Berlinerin gern den Gefühlen ihres Bauches überlässt. Dann rief sie zurück und erklärte, das Aufsichtsmandat beim Telekommunikationsunternehmen Freenet gerne übernehmen zu wollen. Nach dem ersten Bewerbungsgespräch ihres Lebens und einer kurzen Vorstellung vor 600 Aktionären avancierte sie gleichsam über Nacht zur jüngsten Aufsichtsrätin der Bundesrepublik. Ein Label, das ihr nun anhaftet. Dabei ist sie den langen Weg in die noch immer männlich dominierte Führungsetage eines Dax-Konzerns eher leichtfüßig gegangen.

Im heute durchgentrifizierten Winsviertel in Prenzlauer Berg geboren, zu einer Zeit, als die Häuser noch Einschusslöcher hatten, gründet die Jura-Studentin Fränzi Kühne 2008 zusammen mit zwei Freunden ein aufstrebendes Unternehmen. Seither ist die erste deutsche Digitalagentur „Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr“, kurz TLGG, auf 190 Mitarbeiter*innen angewachsen. Von Berlin und nun auch von New York aus bringen sie diversen ökonomischen Playern nahe, wie man in der Netzwelt an Boden gewinnt.

Zwischen männlich und weiblich, sagt Fränzi Kühne, habe sie nie einen Unterschied gemacht. Vielleicht liegt es an ihrer direkten und selbstbewussten Ost-Berliner Chuzpe, an ihrer stets fokussierten Art oder dem eigenen Wissen um ihre Fähigkeiten, dass Männer es bislang nicht gewagt haben, der Frau die Welt erklären zu wollen. Im Gegenteil ist sie es, die durchbuchstabiert, wie Gegenwart und Zukunft funktionieren. Ihre unbestrittene Expertise in Netzfragen ist bei der Württembergischen Versicherung, wo die Pankower Business-Punkerin seit Kurzem ein weiteres Aufsichtsmandat innehat, genauso gefragt, wie in der Freenet AG.

Natürlich weiß Fränzi Kühne, dass zahlreiche Frauen, die im Machtgefüge der Wirtschaftswelt eine weniger komfortable Position besetzen als sie, Sexismus stärker zu spüren bekommen. Die Quote sei eine leider noch immer notwendige Krücke und müsse auch jenseits der Aufsichtsräte dringend installiert werden, sagt Kühne. Vor allem im mittleren Management, um firmeninterne Kandidatinnen-Pools für die Vorstände überhaupt herzustellen. Nur so könnte sich langfristig am Mindset der Herren und den verkrusteten Strukturen etwas ändern.

Doch auch ihre eigene Vita wirft Fränzi Kühne in die Waagschale: „Ich sitze nicht im Aufsichtsrat aus Statusgründen, ich mache das vor allem wegen der Vorbildfunktion. Junge Frauen sollen sehen, dass man nicht erst 50 sein und ein schickes Kostümchen tragen muss, um in Unternehmen an die Spitze zu kommen.“

Pipi Langstrumpf als Vorbild – Fränzi Kühne hat Punk-Rock im Blut, ihr Freund (und Vater ihrer Tochter) leitet das Kreuzberger Ramones-Museum. Als ihr Kind zur Welt kam, wurde sie dann doch mit alten Klischees und dem Vorwurf belästigt, als Mutter keine gute Figur abzugeben. Das Leben aber, wie ihr Unternehmen, betreibt sie mit hervorragender Planung. Alle Abende und Wochenenden sind für ihre dreijährige Tochter reserviert.

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