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Friedrich von Borries über sein Projekt RLF

Friedrich_v_BorriesHerr von Borries, Sie suchen Leute, die in eine Revolution investieren. In Berlin gibt es für Revolutionäre einen althergebrachten Termin, den 1. Mai.
FRIEDRICH von Borries
Wir waren auf der Revolutionären 1. Mai Demonstration. Da sind wir zum ersten Mal mit RLF an die Öffentlichkeit gegangen: Das richtige Leben im falschen. Wir wollten einmal gucken, wie die Leute in so einem Milieu, in dem man am ehesten Unterstützer für eine Protestbewegung vermuten würde, darauf reagieren. Uns ist natürlich klar, dass von diesen Leuten auch am ehesten Kritik kommen wird an unserem ja etwas merkwürdigen Konzept, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln überwinden zu wollen. Wir wurden aber vollkommen selbstverständlich aufgenommen, sowohl von den Demons­tranten als auch von der Polizei, auf deren Radar wir anscheinend noch nicht so waren. In der „Berliner Morgenpost“ gab es danach eine sehr schöne Bildstrecke, in der RLF zwischen brennenden Bankautomaten und anderen Demonstrationsaktivitäten zu sehen war. Insgesamt ist uns klar geworden, dass man die inhaltliche Bandbreite dessen, was wir konzeptionell vorhaben, nicht leicht vermitteln kann.

Was ist das denn genau: RLF? Auf der Webseite erfahre ich: ein Unternehmen, eine Ausstellung, ein Roman.
Alles das. Im Zentrum steht eine Produktlinie. Wir haben zehn, elf Luxusprodukte, die einen sehr großen Bereich unseres Konsumentenalltags abdecken: Kleidung, Wohnen, vielleicht auch bald noch Schmuck. In einem halben Jahr werden wir sehen: Wie reagieren die Leute, die so etwas kaufen? Die lernt man ja kennen, das sind limitierte Auflagen, es ergibt sich ein Kontakt. Dann wissen wir mehr, ob das ein Weg ist, bei dem es sinnvoll ist, so weiterzugehen. Ein wirtschaftlich und gesellschaftlich gangbarer Weg.

Durch den Konsum dieser Produkte wird man „Teilhaber an der Revolution“. Spontan würde ich sagen, dass Design eher ein Medium der richtigen Ausstattung des falschen Lebens ist.
Das hängt aber sehr vom Designbegriff ab. Ich stehe für einen erweiterten, ich sehe darin mehr als nur die Innenausstattung der Mentaldisposition mehr oder minder wohlhabender Subjekte. Lucius Burckhardt hat in den 80er-Jahren gesagt: Nicht gestalten ist auch keine Lösung. Am Ende ist auch unsere Finanzwelt ein Designprodukt, auch der Klimawandel ist etwas Gestaltetes. Design ist mehr als nur Produktdesign. Ich habe einen Doktoranden an der Hochschule für Bildende Künste, der gerade mit Überlebenszelten durch die Presse geht. Das Besondere an RLF ist: Wir wollen an die oberen Zehntausend ran, an die man sonst nicht rankommt. Einfach noch ein kritischer Gesprächskreis mit Freunden, das ist zu eng. Wir müssen andere Leute erreichen, deswegen finde ich das völlig o. k., wenn jemand unsere Tapete oder ein durchgeknalltes Service kauft – und sich dann vielleicht auch noch meinen neuen Roman holt. Das Poster mit der Aufschrift „SHOW THAT YOU ARE NOT AFRAID“ gab es in der C|O-Ausstellung fünftausendmal zum Mitnehmen, das ist jetzt in 5?000 Haushalten, dahinter öffnet sich jetzt ein gesellschaftskritischer Horizont. Ein Concept Store von Murkudis ist nicht der Ort für gesellschaftskritische Reflexion, klar, aber dort wollen wir so subtreshold-mäßig rein. Wir wollen in die Orte des Konsums die Kritik reinbringen.

Was ist denn genau falsch in unserem Leben?
Wir leben in einem merkwürdigen Dilemma. Wir haben ein unheimlich hohes Wissen davon, was falsch ist: Klimawandel, soziale Ungleichheit, das ist allen klar, nicht so wie in den Achtzigerjahren, in denen ich groß geworden bin. Damals gab es echte Grabenkämpfe über die Beschreibung der Realität. Heute würden die meisten sagen: Es fehlt die Praxis oder auch die „Übung“, wie wir es besser machen. Wir wissen das mit dem Fliegen und dem Autofahren, wir sollten das möglichst nicht tun, wir haben aber keine „Übung“, unsere Wege anders zu gestalten. Wir wissen, dass unser Zeitmanagement uns auffrisst, aber wir haben keine Übung, ein anderes Leben zu leben. Es gelingt uns nicht einmal, uns über Prism so richtig zu empören. Im Grunde wussten wir ja schon beim iPhone, dass wir uns überwachen lassen, deswegen schockiert einen das alles gar nicht so richtig.

Das richtige Leben im falschen spielt auf einen berühmten Satz von Adorno an. Er meinte, das ginge ja gerade nicht. Ist diese Position überholt?
Adornos Begriffe funktionieren immer noch. Wir sind freiwillige Teilhaber unserer eigenen Verblendung, die Kulturindustrie funktioniert hervorragend. Das aufgeklärte Bewusstsein gibt es aber auch noch, das hat Adorno ja auch gesagt: Widerstand ist möglich. Wie geht man mit diesen Schlachtschiffen Kulturindustrie oder Konsumkultur um? Eine Variante sind die London Riots. Man nimmt sich, was einem versprochen wurde. Die andere Variante ist RLF.

Wir sitzen hier in einer typischen Berliner Kreativumgebung: eine Loftetage in Kreuzberg. Eine Nische des Widerstands, oder doch eher scheinoppositionelle Idyllik?
Das versucht RLF als experimenteller Versuchsaufbau zu hinterfragen. Ich lebe seit 20 Jahren in Berlin, ich gehöre zur sogenannten „Kreativwirtschaft“. Man könnte sich durchaus eine Nische bauen und versuchen, im Schlechten zu den Guten zu gehören. Doch wie erreicht man Menschen außerhalb dieser soziokulturellen Nische? In kleineren Städten gibt es diese Nischen ja nicht. Da wird einem bewusst, dass das was mit Selbstbetrug zu tun haben könnte.

In Ihrem neuen Roman RLF gibt es zwei männliche Protagonisten, man könnte auch sagen, Konzeptfiguren: den Werber Jan, eher integriert und systemerhaltend, und den Künstler Mikael Mikael, der ziemlich konsequent den Aussteiger gibt. Wer ist Ihnen näher?
Jeder Gestalter kennt wahrscheinlich beide Seiten, einer, der angepasst ist und von etwas anderem träumt, und der, der sich entschieden hat, konsequent nur das zu machen, was er verantworten kann. Da ich an einer Kunsthochschule arbeite, habe ich wesentlich größere Freiräume als ein Werber. Persönlich bin ich also auf einer mit viel Freiheit versehenen Seite. Jan ist ein mögliches Rollenmodell, das mir auch hätte passieren können. Das Buch arbeitet mit maximalen Kontrasten.

Ich fand es manchmal ziemlich satirisch, wobei nicht ganz klar ist, ob das beabsichtigt ist.
Also ich finde, dass der Begriff Satire dem nicht gerecht wird. Jan ist im Duktus der Literatur eine realistische Figur, viele Leute leben so und sind diesen Konflikten ausgesetzt.

Wenn sich dann allerdings Slavias Brüste an seinem Rücken reiben, ist das doch, wie insgesamt Sex in dem Buch, ein Spiel mit Signalen, das überdeutlich mit Kolportage-Elementen operiert.
Über meinen ersten Roman „1WTC“ schrieb jemand in einer Kritik, das wäre eigentlich ein ganz guter Thriller, nur ein bisschen verkopft. … LESEN SIE WEITER IN TIP 18/2013 AB SEITE 16

Interview: Bert Rebhandl
Fotos: Harry Schnitger

Ausstellungen
„RLF – Das richtige Leben im falschen“, St. Agnes, Alexandrinenstraße 118-121, Kreuzberg,
24.–27.8., 15–19 Uhr,
Eröffnung 23.8. um 19 Uhr

„Die Berliner Weltverbesserungsmaschine“, vor dem Hamburger Bahnhof und als Intervention in 15 weiteren Berliner Museen, 23.8.–20.10.
www.rlf-propaganda.com

Bücher
Friedrich von Borries’ Roman „RLF“ erscheint am 19. August als Suhrkamp Taschenbuch.
Der Merve-Verlag publiziert Ende August zwei Bücher, bei denen Friedrich von Borries Mitautor bzw. Mitherausgeber ist: „Die Berliner Weltverbesserungsmaschine. Eine Geschichte des fortwährenden Scheiterns“ sowie „Die Berliner Weltverbesserungsmaschine. Die Rekonstruktion einer abstrakten Imagination“

Friedrich von Borries
, geboren 1974 in Berlin, studierte an der UdK, in Brüssel und in Karlsruhe Architektur. 2004 veröffentlichte er „Wer hat Angst vor Niketown?“, bei Suhrkamp erschienen 2010 das Buch „Klimakapseln – Überlebensbedingungen in der Katastrophe“ sowie 2011 der Roman „1WTC“. Seit 2009 ist er Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In Kreuzberg betreibt er das Projektbüro Friedrich von Borries. Im August kommen drei neue Bücher und zwei Ausstellungen, außerdem ist die von ihm kuratierte Schau „Realität und Fiktion“ noch bis 1. September in der Villa Schöningen in Potsdam zu sehen.

 

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