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Friedrichshain-Kreuzberg plant den ersten deutschen Coffeeshop

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„Schluss mit Krimi. Cannabis Normal.“ Das Credo des Deutschen Hanfverbandes macht was her. Ansichtssache, klar. Definitiv revolutionär aber ist die neueste Finanzierungsquelle seiner Kampagne für die Legalisierung von Cannabis: Gameshows im Privatfernsehen.

Schöne Idee auch für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der den ersten legalen Coffeeshop Deutschlands plant. Die Bürgermeisterin Monika Herrmann geht zu Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“. Das entlastet sicher die klamme Bezirkskasse. Wenn schon unkonventionell, dann richtig. Sie müsste natürlich gewinnen, die Frau Herrmann.

Eine Million Euro. So viel hat Georg Wurth, Chef des Hanfverbandes, kürzlich bei der „Millionärswahl“ von ProSieben und Sat.1 abgeräumt. Das entscheidende Votum: die Zuschauerstimmen. Wurth hatte im Vorfeld die Cannabis-Freunde im Netz mobilisiert, in der Sendung warb er ausführlich für das Ende der Cannabis-Prohibition, dafür will er den Gewinn verwenden.

Man kann sagen, dass der Hanfverband der einzige Beteiligte war, dem die Show Freude bereitete. ProSieben und Sat.1 verlegten die auf acht Teile angelegte „Millionärswahl“ ins Internet. Die Zuschauerquote war ein Desaster. Georg Wurth ist das egal.

Weiterlesen: Vom Kiffen zum Kokain: eine anonyme Usergeschichte aus Berlin  

Ein paar Tage später sitzt Wurth, 41 Jahre alt, ehemaliger Finanzbeamter, später Stadtrat für die Grünen in Remscheid und seit 2001 Berliner, in der Zentrale des Hanfverbandes in Prenzlauer Berg und sagt: „Schon nach der ersten Sendung war bei uns auf Facebook die Hölle los.“
Sein Verbandskollege Maximilian Plenert, mit Blick auf den Computerbildschirm: „Mit einem Schlag sind wir von 62?000 auf 80?000 Facebook-Freunde hochgegangen.“

Wurth: „Haben wir eigentlich die Parteien jetzt wieder überholt?“
Plenert: „Die Piraten liegen noch vor uns. Aber jetzt sind wir größer als die CDU.“

Eine Legalisierung von Cannabis werde sicher nicht das Drogenproblem im Sinne von Abhängigkeiten lösen, sagt Wurth. „Der Sinn ist, die negativen Effekte des Verbots zu mindern.“ Diverse Effekte: vom Führerscheinverlust wegen Kiffen, der berufliche Existenzen zerstören kann, bis hin zu Streckmitteln, die bei illegalen Beschaffungswegen drohen: Sand, Talkum, Fischfutter, Blei.

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Deutscher Hanfverband:Gegründet als Abteilung der Agentur Sowjet, die das „Hanf Journal“ he­rausgibt. Seit 2004 selbstständig. Streng genommen kein Verband, sondern eine Lobby-Firma, mit 1?000 Unterstützern. Inhaber: Georg Wurth

Dem geplanten Coffeeshop in Kreuzberg sieht Georg Wurth naturgemäß mit Interesse entgegen: „Das wird der Anfang vom Ende der Prohibition sein“, sagt er. Wenn er tatsächlich kommt, der Anfang. Die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara zum Beispiel klingt wenig begeistert: „Die mit der Cannabis-Legalisierung zusammenhängende Problematik kann nicht von einem Bundesland alleine angegangen werden, das geht nur auf Bundesebene und da sehe ich im Moment keine Mehrheit.“

Dabei gibt es durchaus gute Gründe für einen solchen Versuch. Und wenn es nur die katastrophalen Zustände rund um den Görlitzer Park wären, wo man täglich beobachten kann, wie mehr als hundert Drogenhändler, von regelmäßigen Polizeieinsätzen überaus unbeeindruckt, Argumente dafür liefern, dass Repression womöglich doch nicht der Drogenpolitik letzten Schluss darstellt.  

Im vergangenen Dezember hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg beschlossen, beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Antrag auf einen Modellversuch zu stellen. Ähnlich wie 1997 Schleswig-Holstein, das allerdings eine Abfuhr aus Bonn bekam.

Jonas Schemmel, Fraktionsvorsitzender der Grünen und seinerzeit Antragsteller im Bezirksparlament, schaut sich den Ablehnungsbescheid deshalb besonders genau an. Seine Argumente für einen Versuch: „Jugendschutz, Prävention, bessere Erreichbarkeit von Leuten mit problematischem Konsumverhalten.“ Man könne sich zum Beispiel ein an die Abgabestelle angeschlossenes Cafй eines Suchthilfeträgers vorstellen.

Weiterlesen: Seine Ware: Kokain. Sein Transportmittel: das „Kokstaxi“. Seine Kunden: alle, die seine Telefonnummer haben.

Noch sind viele Fragen offen. Ob der Antrag im Sommer gestellt wird oder doch erst später. Wer die notwendige wissenschaftliche Begleitung übernimmt. Wie viele Abgabestellen es werden, „vier bis fünf müssten es in Kreuzberg schon sein“, glaubt Schemmel. Oder woher man den Stoff beschafft.

„Es gab schon Anfragen aus Brandenburg, sogar eine aus Kanada“, sagt Schemmel. „Man kann es aber auch selber anbauen.“
– Das Bezirksamt als Homegrower?
„Zum Beispiel“, sagt Schemmel.
Man ist versucht, sich den Gesichtsausdruck der Drogenbeauftragten zu dieser Idee vorzustellen. Aber nur ganz kurz.

Text: Erik Heier

Foto: Christian Werner (oben), Foto: David von Becker

INFO

Cannabis-Legalisierung
In den USA hat Colorado nach einem Volksentscheid gerade den Cannabiskonsum komplett freigegeben. Alaska könnte folgen. Und in Deutschland fordern mehr als 100 Strafrechtsprofessoren eine Überprüfung des Betäubungsmittel­gesetzes in einer Enquete-Kommission. „Die strafrechtliche Drogenprohibition ist gescheitert, sozialschädlich und un­ökonomisch“, heißt es in der Resolution. 

Cannabis-Modellprojekt am Görlitzer Park
Die Idee geht auf den ehemaligen Bürgermeister Franz Schulz zurück. Grundlage: ein Antrag auf Grundlage von Paragraph 3 des Betäubungsmittelgesetzes, nach dem der Verkauf von Betäubungsmitteln „ausnahmsweise zu wissenschaftlichen oder anderen im öffentlichen Interesse liegenden Zwecken“ gestattet werden kann.

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