• Stadtleben
  • Friedrichstraße: Die neue Mitte Berlins

Stadtleben

Friedrichstraße: Die neue Mitte Berlins

King Size – der Name ist natürlich ein Witz. Ein Tresen, ein paar Barhocker, eine Wand, ein Durchgangsbereich zu den Toiletten, der sich zu vorgerückter Stunde in eine Tanzfläche verwandelt. Der Laden in der Friedrichstraße 112b ist winzig, hinter den verspiegelten Scheiben verbirgt sich kaum mehr als ein Loch in der Wand, und das ist auch der Grund, warum hier nicht jeder reinkommt. Auch nicht, wenn man den freundlichen, aber unnachgiebigen Türsteher schon seit 15 Jahren kennt und bisher immer an ihm vorbeigekommen ist. Auch nicht, wenn man zu den 300 allerbesten Freunden von Conny Opper gehört. Und auch nicht, wenn man von Boris Radczun persönlich aus dem Grill Royal hergeschickt wurde. Nein heißt nein oder bestenfalls: vielleicht später. Die besten Kontakte helfen nicht weiter, wenn es drinnen so voll ist wie in der U-Bahn von Tokio zur Rush Hour. Und das war seit der Eröffnung der Bar im Mai bisher an jedem Wochenende der Fall.  

King Size, so heißt die neue Bar, für die sich die Grill-Royal-Betreiber Boris Radczun und Stephan Landwehr mit dem überaus umtriebigen Partyveranstalter Conny Opper zusammengetan haben (siehe Interview auf Seite 30). Wenn der Grill Royal das Wohnzimmer der Berliner Republik ist, hat die King Size Bar das Zeug dazu, ihr Partykeller zu werden. Das Interieur wirkt wie eine Hommage an die Zwischennutzungsästhetik der 90er-Jahre; der Putz bröckelt, die Toiletten erinnern an die sanitären Anlagen eines Jugendfreizeitheims, die Einrichtungsgegenstände scheinen noch vom Vorbesitzer zu stammen. Doch hinter der räudigen Oberfläche offenbart sich eine außergewöhnliche Liebe zum Detail, an den Wänden hängen kostbare Originale: Ein Hitler-Bild von Jonathan Meese schmückt den Weg zum Klo, und eine Reihe von Zeichnungen, die Stephan Landwehr Anfang der 90er dem ehemaligen Wirt der Paris Bar Michael Würthle abgekauft hat, erzählen von einer Kontinuität, die tief in die Westberliner Kunstszene der 80er-Jahre hineinreicht.

„Das King Size ist die Bar mit den schönsten Gläsern der Stadt“, sagt Marcus Liesenfeld, der hier an einem der ersten Abende für die Musik gesorgt hat, eingezwängt zwischen der Bar und der Menschenmenge. „Und die einzige Bar, in der der DJ mit dem Rücken zum Publikum steht.“ Über seine Erlebnisse beim Auflegen möchte er lieber schweigen, und das kann man ihm kaum verübeln, denn wer es in dieser verrauchten Enge aushält, ist in der Regel nicht mehr ganz nüchtern und verschmilzt dankbar mit den anderen Betrunkenen zu einem kollektiven Feierkörper, der einem läufigen Tier mit vielen Köpfen, Armen und Beinen gleicht. Zum Umfallen ist es zu voll, aber jedes Wanken, Straucheln und Zucken pflanzt sich in einer Wellenbewegung fort durch den ganzen Raum, bis einen die Welle dann irgendwann mitnimmt und hinausträgt in die Nacht und den Morgen.

Der Star sind die Gäste

Auch wenn die King Size Bar nur ein kleiner Laden ist, steht sie doch symptomatisch für die erfreuliche Wiederbelebung des oberen Abschnitts der Friedrichstraße. Ausgerechnet hier, in unmittelbarer Nachbarschaft der Oranienburger Straße und ihrer üblen Ballermann-Atmosphäre, ausgerechnet in dieser seltsam unbehausten Ecke, in der sich nicht mal die McDonald’s-Filiale behaupten konnte, hat das Berliner Nachtleben seine neue Mitte gefunden. Man kann hier wieder ausgehen, und diese Entwicklung ist einer Gruppe von Gastronomen zu verdanken, die in den temporären Clubs der 90er-Jahre sozialisiert ist und es sich in den Kopf gesetzt hat, das Zentrum der Stadt nicht den Touristen und den Politikern zu überlassen, sondern für ein Publikum interessant zu machen, das vielleicht nicht mehr ganz jung ist, aber die Lust am Ausgehen noch nicht verloren hat und sich auch mal ein Glas Jahrgangs-Champagner leisten kann.

King-_SizeZu dieser Gruppe gehört auch Till Harter. Er sitzt auf den Lederpolstern in der Bar Tausend, über ihm erhebt sich ein mit matt glänzenden Platten verkleidetes Tonnengewölbe. Es ist Mittwoch, kurz vor zwölf, kubanische Nacht: Schwarz gekleidete Kellner schieben sich mit Tabletts voller Mojitos durch die Menge, die Band hat noch nicht angefangen. Später soll noch der britische DJ Gilles Peterson auflegen. Harter grinst. Als er vor drei Jahren vollmundig ankündigte, in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Spielkasinos unter den S-Bahn-Bögen einen „Großstadtclub mit internationalem Renomee“ zu eröffnen, sorgte das in seinem Bekanntenkreis für irritierte Blicke. Was willst du denn da, haben sie ihn gefragt, dahin verirrt sich doch keine Sau. Inzwischen zählt die Bar Tausend ganz offiziell zu den besten Adressen der Welt. New York Times, London Times, El Mundo, Wallpaper – die Pressemappe der Bar ist voll mit Berichten, die die spektakuläre Einrichtung und die köstlichen Drinks loben. Die Westberliner aus Zehlendorf und Charlottenburg fühlen sich hier genauso zu Hause wie die Nightlife-Veteranen aus Mitte. Zu den Gästen zählten auch Hollywood-Größen wie Clive Owen, Ben Stiller und Leonardo DiCaprio.„Es gibt hier keinen speziellen VIP-Service“, sagt Harter, „aber wir sorgen schon dafür, dass besondere Gäste auch angemessen behandelt werden. Wir wollen einem Filmstar nicht zumuten, draußen in der Schlange zu warten.“ Für DiCaprio und seine Entourage wurde zunächst ein Tisch im Separee hergerichtet, später zog die Gruppe in den Hauptraum um und mischte sich unter die übrigen Gäste. Das Berliner Publikum ist ja für seinen entspannten Umgang mit Celebrities bekannt, hier bekommt niemand einen hysterischen Anfall, wenn ein bekanntes Gesicht auftaucht, und das wissen die Gäste aus dem Ausland offensichtlich sehr zu schätzen.

Auch wenn in der Bar Tausend kein Krawattenzwang herrscht, ist es für Harter inzwischen eine Selbstverständlichkeit, dass der berlintypischen Nachlässigkeit in Fragen der Abendgarderobe in edlerem Ambiente Grenzen gesetzt sind. „Für Kapuzenpulliträger mit schlecht sitzenden Jeans bau ich doch keine Bar, die strahlt und glänzt“, sagt er. Vor allem die weiblichen Besucher würden sich darüber freuen, dass es gerne gesehen wird, wenn sie sich in Schale schmeißen. „Der Star sind die Gäste“, lautet sein Erfolgsrezept, und die Gäste scheinen es sich zu Herzen zu nehmen, dass man von ihnen einen Beitrag zum Gelingen des Abends erwartet. Als die Bar Tausend neulich zu einem Maskenball lud, konnte man einige der Geladenen dabei beobachten, wie sie sich vor der Party in einem Fachgeschäft in der Oranienburger Straße voller Vorfreude mit fantasievoll gestalteten venezianischen Larven eindeckten.  

Einzug der A-Prominenz

Harter ist der Friedrichstraßen-Veteran des Berliner Nachtlebens. Auf dem Gelände mit der Hausnummer 103, wo eine spanische Hotelkette mittlerweile einen Kasten aus Glas und Beton hingestellt hat, eröffnete er in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre seinen ersten Club in einem ehemaligen tschechischen Kulturpavillon. Mit seinem zurückgesetzten Eingang und seiner großzügigen Raumaufteilung  glich der Flachbau an der Weidendammer Brücke einer realsozialistischen Interpretation von Schloss Versailles. Harter und sein Team zauberten dreidimensionale Landschaften aus Licht an die Wände. „Damals gab es hier noch nichts“, erinnert sich Harter. „Nur ein paar Punks, die mit ihren Hunden vorm Tränenpalast herumhingen.“ Die S-Bahn-Gleise bildeten die Demarkationslinie zwischen der Einkaufsmeile mit ihren Autohäusern und Luxusboutiquen, die bis zur Leipziger Straße reicht, und einem scheinbar entwicklungsresistenten Abschnitt, der sich bis an die Ecke Torstraße erstreckte.

Zwar ist der nördliche Teil der Friedrichstraße immer noch weit davon entfernt, an seine Hochzeiten in den 20er-Jahren anzuknüpfen, als hier angeblich allein mehrere Dutzend Nackttanzbars um Kundschaft buhlten, aber zumindest sind – neben den bereits erwähnten Orten – mit dem San Nicci und dem Admiralspalast zwei wichtige Adressen hinzugekommen, die das gastronomische und kulturelle Angebot der Gegend nachhaltig bereichern. Selbst der Friedrichstadtpalast hat sich gemacht. Seit der neue Geschäftsführer Bernd Schmidt den lange Zeit als provinziell verrufenen Palast für Fremdveranstalter öffnete, hat hier die A-Prominenz aus der Film- und Modebranche Einzug gehalten und rauschende Feste gefeiert. In den letzten sechs Monaten waren unter anderem Michael Michalsky mit seiner Style-Nite, die Berlinale mit ihren Special Screenings und der Deutsche Filmpreis mit seinen Stars und Sternchen zu Gast. „Es ist mein Wunsch, neue und hippe Zielgruppen in den Palast zu bringen“, sagt Schmidt. „Die sind dann immer ganz erstaunt, dass wir gar nicht so eine verstaubte Betonkiste sind, sondern richtig schick und frisch.“ Zu diesen neuen Zielgruppen gehören aber nicht nur Promis und solche, die sich dafür halten, sondern unter anderem auch Blogger und Internetsüchtige, die hier erst kürzlich im Rahmen der re:publica-Messe mit ihren Laptops und Smartphones herumhantierten durften. „Da kommen Leute zu uns ins Haus“, sagt Bernd Schmidt, „die sich früher nie hätten träumen lassen, dass sie mal freiwillig in den Friedrichstadtpalast gehen“. So trägt auch die Neuorientierung von Europas größtem Show-Theater ihren Teil dazu bei, die ganze Umgebung zu beleben und wieder ins Zentrum des Berliner Gesellschaftslebens zu rücken. Die Gegend rund um die Friedrichstraße ist damit auf dem besten Weg, das neue Herz der Stadt zu werden, eine Ausgehmeile mit Entertainmentangeboten, Restaurants und Bars von Weltrang, ein lebendiges Viertel, das rund um die Uhr geöffnet hat und von dem sich auch die Einheimischen angezogen fühlen: Downtown Berlin.
„Ein bisschen mehr Glamour und Auswahl verträgt das Ganze schon noch“, sagt Bernd Schmidt, „aber ich denke, in drei bis fünf Jahren haben wir hier eine einzigartige Mischung aus Glitz & Glam und Ranz & Glanz“. Für mehr Auswahl und ein bisschen mehr Glamour wird demnächst Heinz „Cookie“ Gindullis sorgen. Im Herbst will er am Oranienburger Tor eine Zweigstelle seines Restaurants Chipps aufmachen, das gerade erst in der Jägerstraße eröffnet hat. Dass der Vormieter hier mit einem Bio-Fastfood-Lokal scheiterte, schreckt Cookie nicht ab: „Wenn man hier etwas richtig Gutes anbietet, dann werden die Leute das auch annehmen.“
Auch Till Harter bestätigt, dass sich seine Gegend in den letzten Jahren enorm entwickelt hat, aber er hat auch gelernt, dass es ein Fehler ist, zu sehr auf den Hipness-Faktor zu setzen: „Irgendwann ist der große Rausch vorbei, und die Trendsetter ziehen weiter.“ Um sich langfristig zu behaupten, sei persönliche Präsenz des Gastgebers von hoher Bedeutung, und das Programm müsse stimmen.  

Auch der Hype um das King Size wird irgendwann abklingen, und dann wird eine kleine, tolle Bar übrig bleiben, in der sich wohl noch öfter solche Szenen abspielen werden wie neulich auf dem Nachhauseweg.
Ein Paar stolpert aus der Bar. Er stützt sich bei ihr ab. Bleibt stehen, wankt, kramt in seinen Taschen. „Scheiße, ich hab mein ganzes Geld verloren.“ Sie: „Das hast du nicht verloren, das hast du da drin versoffen.“ Dass das Geld der beiden nicht mehr fürs Taxi reicht, ist aber nicht so schlimm. Die Straßenbahn hält direkt gegenüber. Auch nachts. 

Text: Heiko Zwirner
Fotos: Christian Lesemann, Harry Schnitger

Bar Tausend, Schiffbauerdamm 11, www.tausendberlin.com
Friedrichstadtpalast, Friedrichstraße 107, www.friedrichstadtpalast.de
Grill Royal, Friedrichstraße 105, www.grillroyal.com
King Size, Friedrichstraße 112b

INFO
Im März 2007 eröffneten der Gastronom Boris Radczun und der Kunstsammler Stephan Landwehr das Edel-Steakhouse Grill Royal. Das an einen Luxusdampfer erinnernde Restaurant mit dem Panoramablick auf die Spree gehörte schnell zu den begehrtesten Adressen der Stadt. Zu den Gästen gehörten illustre Persönlichkeiten wie Damien Hirst und Pamela Anderson, Joschka Fischer feierte hier seinen 60. Geburtstag. Seit Anfang Mai betreiben die beiden Chefs zusammen mit Conny Opper die King Size Bar. Opper ist einer der eifrigsten Partymacher der Stadt, er gehört zu den Gastgebern der Partyreihe „Broken Hearts Club“ und organisiert das Berlin Festival, das im Spätsommer erneut auf dem Flughafengelände Tempelhof stattfinden wird. Zuvor lädt das Trio noch zu einem nostalgischen Sommerball im Freien.    

Mehr Stadtthemen:

MIKROKOSMOS MAUERPARK

WIE DIE A 100 DIE STADT SPALTET

POLIZEIGEWALT IN BERLIN BRANDENBURG

NORD NEUKÖLLN – SPIELPLATZ AVANTGARDE

 

Mehr über Cookies erfahren