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Jacinta Nandi – „Fuck, das waren Zeiten“

Als Jacinta Nandi nach Neukölln zog, war Berlin noch cooler als eine Edeka-Werbung. Bis die Penner aus ihrer Heimat kamen: Ost-London

Blog: Mein Neukölln – Street-Art und Kuriositäten als Beschreibung vom Zustand und Wandel von Berlins hipstem und ranzigstem Stadtteil: Neukölln.www.facebook.com/MeinNeukoelln

Meine Freundin Lizzy und ich sitzen in einer Hipster-Kneipe in Neukölln. Sie wird angebaggert von zwei Hipstern. Ich werde nie von Hipstern angebaggert – nicht mal türkische Hipster baggern mich an. Ich bin zu dick und alt für Hipster, aber es ist eigentlich egal, weil ich sie zu dünn und jung finde. Ich denke, wenn ich mal einen One-Night-Stand mit einem Hipster hätte, würde ich ihn wahrscheinlich entzweibrechen.

Diese zwei Hipster kommen aus Ost-London. Einer ist ein DJ und der andere ist Dog-Walker und Spoken-Word-Künstler. Sie gehen kurz auf das Klo, um zu koksen. „Es kotzt mich an, dass so viele Ost-Londoner hierher nach Berlin gezogen sind“, sagt meine Freundin Lizzy, die vor fünf Jahren aus Ost-London hierher nach Berlin gezogen ist. „Als ICH neu in Berlin war, DAMALS war Berlin cool, damals war es hip, damals war es alternativ. Damals war Neukölln echt cool und alternativ und hip und nicht so ein billiger Prenzlauer-Berg-Ersatz. Damals gab es so viele coole Sachen in Berlin, diese neuen Leute haben keine Ahnung. Damals gab es coole, illegale Partys und coole, illegale Kneipen, illegale Partys in illegalen Kneipen in illegalen Kellern und das war echt! Das war authentisch! Jetzt kommen diese Ost-Londoner hierher, mit peinlichen Frisuren und lächerlichen Mützen! Diese Penner, die gerne teurere Mieten zahlen und in Shoppingcentern einkaufen!“

„Ich kaufe auch in Shoppingcentern ein“, sage ich. „Besonders in den Neukölln Arcaden, das ist das geilste Einkaufszentrum der Welt.“ „Ja, ich auch“, sagt Lizzy. „Aber zumindest wissen wir, dass das peinlich ist. Es ist doch peinlich, dass sie nicht wissen, dass sie peinlich sind! Sie denken, sie wären ,cool‘. Sie denken, dass sie an Berlins Coolness teilhaben. Aber wir waren hier, Jacinta, als Berlin richtig, richtig, richtig cool gewesen ist.“

Also NA JA. Ich will nicht angeben, ich hasse Angeber, normalerweise! Aber das ist einfach die Wahrheit: echt ey. Ich war hier, als Berlin ECHT COOL gewesen war. Ja, als ich in Berlin ankam, damals war alles so RICHTIG cool. Damals war Berlin supergeilpornohipcool. Cooler als eine Edeka-Werbung. Damals konnte man mit seinem Sparmenü in McDonald’s EIN BIER kaufen. SPARMENÜ. McDonald’s! Bier! Fuck, waren das coole Zeiten.

Außerdem: Damals hat man vor 20 Uhr in den Bus hinten einsteigen können und musste nicht dem Fahrer seinen Fahrschein zeigen. Nee, ihr Penner aus Ost-London, mit euren lächerlichen Frisuren und peinlichen Mützen und eurer Vorliebe für teurere Mieten und Shoppingcenter, ihr habt überhaupt keine Ahnung, was das Wort Coolness überhaupt HEISST.

Weiterlesen: Berlin ist nicht mehr die cooleste Stadt der Welt? Das behaupten sie zumindest anderswo.

Die Wahrheit ist, ich war in Wirklichkeit nie besonders cool. Die einzige richtig coole Sache in meinem Leben, das ist mein Berlin-Aufenthalt. Ich war hier, als Berlin so cool war, dass niemand wusste, dass es überhaupt cool war. Und ich verspreche hierzubleiben, nachdem es nicht mehr cool ist. Obwohl … vielleicht soll ich doch nach Chemnitz ziehen? Ich war letztes Jahr wegen eines Poetry Slams in Chemnitz, und ich muss euch warnen – Chemnitz, Mann! Chemnitz ist noch so richtig, richtig, richtig cool. Und die Mieten sind billig. Aber sagt das niemandem aus Ost-London. Diesmal soll das ein Geheimtipp bleiben.

Jacinta Nandi
geboren in Ost-London, lebt in Neukölln, ist Lesebühnenautorin (Rakete 2000, Surfpoeten) Kolumnistin (u.a. „Amok Mama“ im „Exberliner“). Zuletzt erschien 2013 (gemeinsam mit Jakob Hein): „Fish ’n‘ Chips & Spreewaldgurken. Warum Ossis öfter Sex und Engländer mehr Spaß hatten“ be KiWi.

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