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Führungen und Fotosafaris durch Ruinen von „go2know“

FotosafarieEs war einmal ein Wanderer, der betteln ging. Er kam an die Tür eines Bauern, aber sie wollten ihm nichts geben. Der Wanderer war zum Umfallen hungrig und sagte: „Na, dann will ich sehen, dass ich mir eine Steinsuppe mache.“ Die Leute aus dem Haus konnten sich vor Lachen nicht halten. Da sagte der Wanderer: „Wie, habt ihr nie Steinsuppe gegessen? Ich kann euch sagen, das ist eine leckere Sache.“ So beginnt ein altes Märchen.

Steine werden unterschätzt, vielleicht ist das der Grund, weshalb mir ausgerechnet diese Erzählung durch den Kopf geht, während ich die alte Infanterieschule in Wünsdorf in Brandenburg durchstreife. Hier nämlich erzählen die Steine wundersame Geschichten: Einst aufgeschichtet zu stolzen Mannschaftsquartieren, endlosen Fluren oder majestätischen Konzert- und Theatersälen, spalten heute feine Risse das harte Mauerwerk. Der marineblaue Putz der ehemals gemütlichen Wohnquartiere blättert von den Wänden und entblößt das schmutzig-weiße Mauerwerk. Und die Außenterrassen hat längst schon die Natur zurückerobert: Wo früher auf barocken Balkonen zum Tee geladen wurden, winden heute Brennnesseln und Farne ihre Zweige in Richtung Himmel.

Es ist ein heißer, sonniger Spätsommertag, und ich bin einer von 30 Teilnehmern der „go2know“-Fotosafari über das Wünsdorfer Infanteriegelände in Brandenburg. Den stummen steinernen Zeugen einer bewegten Vergangenheit versuche ich mit meiner Handy-Kamera und einer passenden App neues Leben einzuhauchen.
40 Euro kostet diese Foto-Safari bei der Agentur go2know, im Preis inbegriffen sind der legale Zutritt auf das Gelände – denn eigentlich ist die Ruine nicht öffentlich zugänglich – sowie eine kleine historische Einführung. Außerdem kann man jederzeit nach Tipps und Tricks für noch bessere Fotos fragen. Und anschließend wird gemeinsam gegrillt. „Touren durch verfallene Orte erleben gerade einen richtigen Boom“, sagt Thilo Wiebers. Der 36-jährige Fotograf hat aus seiner Vorliebe für ausgefallene Fotomotive einen Beruf gemacht: Regelmäßig führt er Teilnehmer durch Orte wie diesen. Auf dem Tourenplan von go2know stehen außerdem der verfallene Vergnügungspark Spreepark in Treptow, die alten Heilstätten in Beelitz, eine ehemalige Chemiefabrik bei Rüdersdorf und das Wasserwerk am Müggelsee.

Fotosafarie_InfanterieschuleKlack! Klack, klack, klack! Im Stakkato tippt mein Zeigefinger auf den Auslöser auf dem Touchscreen. Die Klick-Geräusche meiner Handy-Kamera fügen sich ein in das Konzert aus Grillensummen und Vogelgezwitscher. Auf dem Gelände der alten Infanterieschule gibt es nicht nur tolle Fotomotive, es gibt auch viele Geschichten zu entdecken. Manche Steine des Militärstandortes Wünsdorf im Landkreis Teltow-Fläming sind mehrere hundert Jahre alt. Sie haben noch die Kaiserzeit erlebt, als hier draußen im flämischen Land, eine halbe Autostunde südöstlich von Berlin, die ersten Truppenübungsplätze entstanden. Im Nationalsozialismus wurde der Gebäudekomplex zum wichtigsten Nachrichtenzentrum des Deutschen Reichs weiterentwickelt, nach Kriegsende bezog die russische Armee das Gelände. Bis zum Ende des Kalten Krieges waren 60?000 russische Soldaten hier stationiert. Die sogenannte „verbotene Stadt“ bot den Männern, ihren Frauen und Kindern auch allerhand Vergnügliches: Kino- und Theatervorführungen, ein Konzertsaal und ein Kasino sorgten für Abwechslung im harten Soldatenalltag. Von dieser Infanterieschule hatte ich noch nie etwas gehört. „Die Menschen entdecken jene Sehenswürdigkeiten wieder, die im direkten Umland Berlins zu finden sind“, meint Wiebers. Und damit auch vergessene Kapitel der Geschichte.
Das war nicht immer so. Steinerne Monumente haben hierzulande zwar Hochkonjunktur – das gilt aber vor allem für Gebäude innerhalb des inneren Stadtringes. Wenn Touristen nach Berlin kommen, interessieren sie sich – neben der mittlerweile weltweit bekannten Partyszene – vor allem für zweierlei: Für den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Gräueln inklusive dem Holocaust. Und für den Mauerfall, das Ende des Kalten Krieges. Man pilgert zu den dafür vorgesehenen Denkmälern in der Innenstadt.

Ruinen außerhalb des Berliner Zentrums blieben in den vergangenen beiden Jahrzehnten oftmals unbeachtet und sind es auch heute noch. Vor allem dann, wenn sie weder direkt auf den Zweiten Weltkrieg noch auf den Mauerfall verweisen. Das gilt für alle Orte, die go2know im Programm haben, für den Spreepark genauso wie für die Infanterieschule. 1994 haben die Russen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ihre „verbotene Stadt“ in Wünsdorf geräumt. Ein paar Gebäude wurden von Einrichtungen des Landes Brandenburg bezogen. Der Rest steht seit damals leer. Ihren besonderen Charme haben die Steine erst in den letzten 20 Jahren entwickelt. Auf der vermoderten Bühne des Theatersaales in der Wünsdorfer Infanterieschule stehen noch ein Stuhl und ein paar Überreste eines Flügels. Je länger ich auf die Überbleibsel dieses Ortes schaue und mich zwischen den verfallenen Mauern bewege, desto besser kann ich mir vorstellen, wie es hier mal ausgesehen haben könnte. In den Mannschaftsquartieren entdecke ich russische Liederbücher, einige Zeitungen und eine Gasmaske.
„Um solche Dinge abzulichten, bedarf es keiner Hightech-Fotoausrüstung“, sagt Thilo Wiebers. Die alten Mauern, die vergessenen Gegenstände sprechen für sich. Auch wenn ich mit meinen Amateur-Fotos ganz zufrieden bin: Neben den anderen Tour-Teilnehmern fühle ich mich dennoch wie ein technischer Newbie: Mit Spiegelreflex-Kameras und Dutzenden verschiedenen Objektiven, externen Blitzen und Lichtspiegeln pirschen sich die anderen wie Großwildjäger an ihre Fotomotive heran.

Fotosafarie_InfanterieschuleDen Großteil meiner Zeit auf dem Wünsdorfer Gelände bemerke ich gar nicht, dass ich mich auf einer „Guided Tour“ befinde. Hin und wieder begegne ich einem der anderen Teilnehmer in den weitläufigen Gebäudetrakten. Mit der Zeit lerne ich zu schätzen, was wohl alle, die hier dabei sind, reizt: das Alleinsein. Nur ich, meine Kamera und die Steine. „Normalerweise bleibt bei Führungen durch solche Ruinen für ordentliche Fotos gar keine Zeit, weil die Leute von einem Punkt zum nächsten gehetzt werden“, sagt Thilo Wiebers. Bei den go2know-Touren können sich die Teilnehmer frei auf dem Gelände bewegen. Dabei entstehen ganz unterschiedliche Fotoserien, die man anschließend im go2know-Forum veröffentlichen kann. Auf den Bildern erzählen die Steine Geschichten von Scheitern und Wiederaufstehen, Glück und Melancholie, Hoffnung und Untergang. Und sie sind eine Erinnerung an eine Reise in die Vergangenheit. Das Tolle an den Ruinen ist: Sie laufen nicht weg – zumindest vorerst.
Langfristig jedoch macht sich Thilo Wiebers Sorgen um die Zukunft seiner Fotomotive. „Die Leute interessieren sich auch deshalb so stark für die Touren, weil sie merken, dass die Ruinen vielleicht nicht mehr lange in dieser Form erhalten bleiben“, sagt er. Der Stadt Berlin und dem Land Brandenburg fehlen Gelder, um die Gemäuer zu restaurieren. So verfallen viele der Ruinen immer weiter, manche Gelände sind auf der Suche nach neuen Besitzern.

Im Kleinen versucht Thilo Wiebers mit seiner Agentur go2know einen Teil des historischen Erbes zu erhalten. Den Stuhl und den Flügel im Theater sowie einige weitere Bestandteile des Interieurs verbarrikadiert er nach jeder Tour in einem Lager, damit die Sachen nicht geklaut werden. Die große Versammlungshalle taucht er vor jeder Tour mit großen Studioscheinwerfern in stimmungsvolles Licht, eine Nebelmaschine sorgt für zusätzliche Atmosphäre.
Für die Fototouren sind die steinernen Ruinen eine elementare Zutat, aber sie sind eben nicht die einzige. Wie in diesem Märchen. Da ließ sich der Wanderer für seine Steinsuppe heißes Wasser geben, außerdem ein bisschen Schmalz und Salz zum Würzen, er verlangte nach Kohlblättern, ein paar Wurstscheiben und einem halben Laib Brot. Dann ließ er die Steinsuppe köcheln. Schließlich nahm er sie vom Feuer und aß. Nachdem er den Topf geleert hatte, blieb der Stein zurück. Die Leute aus dem Haus hingen mit den Augen an ihm und fragten: „Sagt, Herr Wanderer, und der Stein?“ Da antwortete der Wanderer: „Den Stein, den wasch’ ich und nehm’ ihn für das nächste Mal mit.“

Text: Michael Metzger
Fotos: Oliver Wolff

Berlin erkunden. Foto-Safari im Umland
Die Agentur „go2know“ hat Gelände wie die ehemalige Infanterieschule Wünsdorf, den Spreepark oder die Beelitz-Heilstätten für Intere­ssierte und Hobby-Fotografen erschlossen. Teilnahmegebühr: zwischen 30 und 50 Euro für die mehrstündige Tour.
www.go2know.de

Jagd nach Mr. X im Untergrund
Agenturen wie „Berlin ganz anders“ oder „StattReisen“ holen das Brettspiel „Scotland Yard“ in die Berliner U-Bahn-Schächte. Dabei jagt eine Gruppe von Mitspielern Mr. X durch die Stadt, der Spielplan ist das Netz der BVG. Benötigte Ausstattung: SMS-fähige Mobiltelefone. Preis: rund 250 Euro / 20 Spieler.
www.berlin-ganz-anders.de und
www.stattreisen.org

Hörspaziergang
Bei den interaktiven Hörspaziergängen von „stadt im ohr“ wird man per Kopfhörer zu städtischen Attraktionen gelotst, die mithilfe von Hintergrundgeschichten und Anekdoten in ganz neuem Licht erscheinen. Zur Auswahl stehen vier Programme: „Mitte-Schritte“, „Hörspaziergang Friedrichshain“, „Werkstatt Wedding“ und „Zwischen Schlange und Schwan“. Zusätzlich gibt es zwei fiktionale Audio-Geschichten. Leihgebühr für den Audioguide: 9 Euro.  
www.stadt-im-ohr.de

Die Stadt als Spielbrett
Die Gamedesigner der Berliner Gruppe „Invi­sible Playground“ machen die Stadt zum Spielbrett: Roulette spielen in der U-Bahn, Agentenspiele in Friedrichshain, Minigolf in Kreuzberg – beim regelmäßigen Open-Playground lernt man Berlin neu kennen und erlebt bekannte Orte mit anderen Augen.
www.invisibleplayground.com und https://www.facebook.com/InvisiblePlay­ground

Wie es war: in Echtzeit und 3D
Als kostenlose iPhone-App bietet layar.com diverse Programme für Augmented-Reality-Darstellungen an. Zum Beispiel die Berliner Mauer: Schaut man durch die Smartphone-Videokamera, wird passgenau an den Stellen, an denen früher die Mauer stand, ein virtueller Eiserner Vorhang im Display eingeblendet.
www.layar.com/layers/berlinermauer

Tipps von Michael Metzger

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