Stadtleben

Fußballfans

Es ist jetzt ungefähr acht Jahre her, als ich kurz davorstand, Fan von Hertha BSC zu werden. Irgendwie hatte ich Lust, einen Verein in der Stadt zu haben, in der ich lebe. Ins Stadion zu gehen, mitzufiebern. Obwohl ich natürlich wie jeder Zugezogene den Verein meines Herzens mit nach Berlin gebracht hatte. Ein Verein, der nun weit weg lag, leider oft nur Zweite Liga spielte – aber immer noch besser als Hertha war. So dachte man damals.

Andere sind als Bayern-Fans hergekommen, als Köln- oder Gladbach-Anhänger. Ich kenne niemanden, der hierhergekommen und Hertha-Fan geworden ist. Im Gegenteil: Der Hauptstadtklub war einem immer suspekt. Komische Spieler (CDU-Mann Fiedler im Tor, Axel Kruse), komische Fans (Hertha-Frösche), komische Trainer (Falko Götz, Jürgen Röber), komischer Manager (Dieter Hoeneß) und komisches Stadion (Nazi-Olympiaschüssel). Das konnte nie ein Ersatz für die echten Bundesligavereine sein.

Olympiastadion
Und plötzlich hatte man den Feind im eigenen Haus. Die eigenen Kinder nämlich, die mit der größten Selbstverständ­lichkeit Hertha-Fans wurden, obwohl man ihnen ständig eintrichterte, dass das ungefähr so unsexy sei, als würde man gern Filme mit Til Schweiger gucken.
In dieser Zeit also, als ich merkte, dass meine Tiraden nicht fruchten würden, überlegte ich, meinen Widerstand aufzugeben und Fan des Vereins
zu werden, in dessen Stadt ich wohne. Doch dann fuhr ich mit der S-Bahn zum Olympiastadion zu irgendeinem UEFA-Cup-Spiel gegen einen schottischen Verein. Und in der S-Bahn hoben die Hertha-Fans zu einem
Gesang an: „Ha Ho He Hertha BSC„. Ha Ho He Hertha BSC? Das war’s? Das war das Ergebnis der kollektiven Kreativität und Fantasie von hundert Herthanern in der U2? Die wenigen Schotten im Zug schauten sich an, ehe
sie loslachten. Es war ein Lachen voller Mitleid und Erstaunen. Die Hertha-Fans merkten nicht mal, dass über sie gelacht wurde. Später sangen die schottischen Fans anderthalb Stunden ganze Lieder im Stadion, wie es nur die Fans von der Insel können.

Leider hat sich nicht viel geändert bei Hertha. Der Club mag mittlerweile Tabellenführer sein, aber die Fans schaffen immer noch wenig mehr als „Ha Ho He“-Rufe. Obwohl man ihnen eine Zeit lang sogar ganze Brass-Bands ins Stadion schickte, um sie zu anderen Schlachtgesängen zu motivieren. Was soll man sagen: Vielleicht ist eine blaue Tartanbahn und ein Stadion, in dem schon Hitler jubelte, der falsche Ort für moderne Fußballromantik.
Ich habe mittlerweile einen Ort in Berlin gefunden, wo ich meinem Lieblingsverein zujubeln kann. Denn das ist das Schöne. Hier muss niemand Hertha-Fan werden, weil es von jedem Bun­desligaclub genügend
Fans in der Stadt gibt, die eine Fan-Kneipe gründen. Die Sprüche darin sind übrigens nicht viel schlauer als auf den Rängen bei Hertha. Aber wenigstens verstehe ich den Dialekt nicht.

Foto: Simon Wüsthoff/PIXELIO

Mehr über Cookies erfahren