Stadtleben

Game over im Senatsreservenspeicher

SRS_Time_For_Revollusion_by_Nasan_Tur_Photo_by_Shantanu_Starick

Senatsreservespeicher: bald Büros und Wohnungen

Das Spiel ist vorbei. Es war eine schöne Zeit.  Neun Jahre lang. Aber nichts ist für immer. Früher Sonnabendabend, Regen. Der Senatsreservenspeicher steht wie ein riesiger Schatten in der Kreuzberger Nacht. Gegenüber, auf der Cuvrybrache, wo sich binnen zwei Jahren immer mehr Wohnungslose und auch ein paar Aussteiger aus vielen Ländern Holzhütten gebaut haben und die gerade auch als „Berlins Favela“, oder „Slum von Kreuzberg“ in der Presse kursiert, nagelt irgendjemand wieder was zusammen.

Das Hämmern hallt durch die Dunkelheit herüber. Zu einer langen Schlange von jungen Menschen, die darauf warten, in den Speicher eingelassen zu werden, dieses eigensinnige Kunstdomizil. Ende März ist hier Schluss. Büros und Wohnungen werden dann gebaut, ein Projekt im zweistelligen Millionenbereich. Was auch sonst. Neun Jahre hat der Kunstverein Artitude das Haus bespielt, das  seinen Namen hat, weil dort im Kalten Krieg Vorräte gelagert wurden, Getreide zum Beispiel, in 19 Silos, 25 Meter hoch. Oder auch 70 Tonnen Apfelmus, von dem die Künstler, als sie 2005 das Gebäude mieteten, noch Überreste fanden.

Die Presseinformation zum Abschiedsprogramm im März trug die Überschrift: „Macht’s gut und danke für den Apfelmus!“ Sag zum Abschied laut „Servus!“. Das ist auch eine Kunst. Die Wehmut, den Abschiedsschmerz wegzufeiern, bis Ende März beim Bar Market mit vier Tresen, die im ersten Stock aufgebaut sind. Craft Beer von Heidepeters aus der Markthalle Neun, Riesling-Wein von Helen Mol aus dem Pauly Saal, Cocktails vom Würge­engel-Team.

Vielleicht ist es aber auch eine Illusion, dass es einen Abschied ganz ohne Schmerz gibt. Wie auch an der porösen Fassade des 50er-Jahre-Baus, die ein Künstler vor Jahren auch schon einmal akupunktiert hat, noch immer der Neonschriftzug steht: „Time for Revollusion“. Zeit Revolution und Illusion.

lutzEinen Tag zuvor lehnt Lutz Henke, 33, Dreitagebart, blaue Augen, der Mitbegründer und Kurator des Artitude-Kunstvereins, an dem Gerüst zur ersten von fünf Etagen und sagt mit überraschend wenig Melancholie: „Wir haben immer draufgezahlt. Alle haben anderswo Geld verdient, um es hier zu verbrennen!“

Dabei guckt er auf die Brache gegenüber. Dort, wo vor ziemlich genau zwei Jahren das BMW-Guggenheim-Lab aufgestellt werden sollte. Henke war damals der lokale Kurator für das Projekt. Auf den Fotos, die er von sich rumschickte, trug er ein Hasenkostüm, das hält er immer so, es geht auf eine schräge Marotte zurück. Das Lab war ein eher schlicht aussehender Karbonfaserkasten auf Stelzen, unter dessen luftigem Dach das New Yorker Museum, vom bayerischen Autokonzern finanziert, über Perspektiven vom Leben in den Städten diskutieren lassen wollte. Auch über Gentrifzierung, Verdrängung.

Wozu man hier in Kreuzberg, nicht zuletzt aus leidvoller Erfahrung, eine eigene Meinung hatte und das Lab, eine linke Initiative hatte lautstark dagegen mobilisiert, an der Cuvrystraße schließlich unmöglich machte. Und Henke mittendrin: „Du stehst auf einem brennenden Tanker, die ganze Zeit, mit einem Paddel in der Hand.“

Heute, zwei Jahre später, erinnert kaum etwas an diese unfassbar hitzige, auch absurde Debatte. Und doch ist die Pointe nun ebenso naheliegend wie skurril.

Ein Lab wurde verhindert, weil man von ihm Verdrängung befürchtete. Einer seiner Macher muss nun weichen, weil die Verdrängung trotzdem passiert. Sie hat sich einfach nicht um dieses komische Lab gekümmert.  

Aber Henke sagt auch: „Dem Eigentümer kann man ja keine Vorwürfe machen.“ Der Boettger-Gruppe, 1907 gegründet, Hauptgeschäft im Zucker- und Süßwarenbusiness, die die Victoria-Mühlenwerke auf der anderen Seite des Speichers saniert, an diverse Kreative vermietet und deren Immobilienmanagement-Leiter Klaus Reese im Gespräch ein paar Tage später drei Mal binnen einer Stunde sagt: „Wir sind keine Gentrifizierer.“

Henke dreht sich um, geht rein, steigt hoch in die fünfte Etage. Die Büros müssen auch bis Ende März geräumt sein. Jede Menge Flyer, Plakate, Programme. Die ganze Artitude-Geschichte auf einem Papierhaufen. „Planet Prozess“, die weit in den Stadtraum greifende offene Ausstellung im Juni und August 2007. Großformatige Zeitungen. „Die Revolution im Dienste der Poesie“ unter anderem mit Fernando Sбnchez Castillo, September und Oktober 2011. Henke zieht eine Vinyl-Platte hervor: „Berlin. Aufgenommen durch Silo 9 und Silo 16.“ Santiago Sierra, spanischer Konzeptkünstler, hatte in den Speicher Mikrofone hineingehängt. Der Klang der Stille. Der Widerhall der Stadt.

In den knapp zehn Jahren, sagt Henke, habe der Verein „keinen einzigen Euro aus Berliner Fördertöpfen fürs künstlerische Programm“ bekommen. „Für mich ist es aber keine Alternative, nur Kunst mit Verwertungsperspektiven zu machen.“ Es ist die einzige Alternative, die ihm, wie es scheint, hier an der Spree geblieben wäre. Nach Lage der Dinge.

Text: Erik Heier

Fotos: Shantanu Starick (oben), Pawel Althamer / Courtesy Collection Solomon R. Guggenheim Museum New York

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