Stadtleben

Gastbeitrag: Boulevard der Dämmerung

In Berlin gibt es so viele Probleme, dass eigentlich zum Ausgleich auch viele Lösungen herumgeistern müssten. Etwa, was die Theater anbelangt: Der Volksbühne laufen schon lange Ensemble und Publikum weg. Das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm hingegen, denen Ensemble und Publikum eher zulaufen, haben bald kein Dach mehr über dem Kopf – und zwar wohl drei Jahre lang, weil ein irischer Investor das Ku’damm-Karree abreißen und dafür ein lukrativeres Gebäude errichten will. Wohin allerdings in der Bauphase mit den heimatlosen Ku’damm-Truppen? Wäre es 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht eine schöne Geste zwischen Ost und West, die Volksbühne für eine Weile dem Ku’damm-Intendanten Martin Woelffer und seinen Leuten anzuvertrauen?

Das böte allen Beteiligten nur die besten Aussichten: Denn während die putzmunteren Gäste wie Anita Kupsch, Katja Riemann, Ingolf Lück oder Klaus Sonnenschein wieder ausreichend Zuschauer ins Haus locken und vermutlich sogar Politiker erfreuen werden (auch der Regierende Partymeister und sein Kulturstaatssekretär, weiß man, lachen gern unter Niveau), kann die Volksbühne in ihrer Kreativpause eine neue Belegschaft anwerben. Theaterhistorisch hätte diese Lösung Tradition: Der Architekt Oskar Kaufmann entwarf sowohl die Ku’damm-Bühnen als auch die Volksbühne, der große Regisseur Erwin Piscator arbeitete einst hüben wie drüben. Vielleicht, um alle vorsorglich auf die kommende Boulevardisierung vorzubereiten, hat man in der Volksbühne jetzt den brachialwitzigen Regie-Rentner Jйrфme Savary engagiert. Was freilich keineswegs von Humorkompetenz zeugt: Denn am Ku’damm würden sie den heute nicht einmal mehr Kaffee kochen lassen, geschweige denn inszenieren. Vive la diffйrence!

Text: Irene Bazinger

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