Stadtleben

GASTBEITRAG: Gips-Theater

Eigentlich ist es ziemlich unwichtig, wie ein Opernhaus von innen aussieht. Die meiste Zeit über ist es im Saal ohnehin dunkel und die Pause verbringen die Besucher sowieso in Wartschlangen vor der Toilette oder vor dem Büffet. Hauptsache also, man sieht, sitzt und hört gut und ist anschließend schnell wieder draußen. Praktische Anforderungen, die die Berliner Staatsoper bisher leider nur sehr eingeschränkt erfüllte: Der Sound ist mies, ein Viertel der Plätze ist sichtbehindert und in den Pausen drängen sich die Leute in engen Gängen.

In den letzten Wochen allerdings bestand kurz die Aussicht, dass das ab 2013 anders werden könnte: Mit klarer Zweidrittelmehrheit hatten die Architekten und Opernfachleute, die über die Neugestaltung des sanierungsbedürftigen Gebäudes entscheiden sollten, einen Entwurf favorisiert, der diese Probleme auf einleuchtende Weise löste. Draußen historische Fassade, drinnen modernes Musiktheater – so hätte die Staatsoper tatsächlich zum Symbol für die neue Mitte der Republik werden können.

Staatsoper_Foto_von_Marion_SchoeneEin schöner Traum, aus dem wohl leider nichts werden wird: Kaum war die Entscheidung bekannt, formierte sich eine seltsame Koalition aus DDR- und Preußennostalgikern von ganz links bis ganz rechts, die den maroden Fünfziger-Jahre-Saal des Architekten Richard Paulick zum „Meisterwerk des sozialistischen Klassizismus“ ausrief. Das Unwichtigste war mit einem Mal zum Wichtigsten geworden, die Frage nach den besten Bedingungen für die Kunst interessierte nur noch am Rande. Dass Klaus Wowereit, der Taktierer, hier eine mutige Entscheidung fällen und das Votum der Jury verteidigen würde, war wohl nicht zu erwarten. Nun soll das ganze Verfahren noch einmal aufgerollt werden, aber Gips und Goldfarbe des alten Saals sollen auf jeden Fall bleiben. Und wenn wir großes Glück haben, hören wir am Ende sogar ein kleines bisschen besser und sehen mehr als ein Drittel der Bühne. Aber das ist inzwischen leider ziemlich unwichtig geworden.


GASTAUTOR: Jörg Königsdorf

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