Stadtleben

Gastbeitrag: Ingo Metzmacher wirft hin

Berlins Klassikszene leidet an zwei Krankheiten. Die eine heißt „zu wenig Geld“ und schnürt den Befallenen langsam die Luft ab. Die andere schlägt noch schlimmer zu. Sie heißt „zu viel Geld“ und fordert ihre Opfer bereits nach einer Inkubationszeit von wenigen Wochen. Prominentestes Opfer des „Zu viel-Geld“-Virus war bisher Staatsopernintendant Peter Mussbach, der im vergangenen Jahr von seinem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim weggebissen wurde, nachdem sich die beiden über die Verwendung der Etaterhöhung für das Haus Unter den Linden entzweit hatten. Doch jetzt hat der Virus den Organismus der Berliner Rundfunk­orchester und -chöre (ROC) befallen und dort ein noch prominenteres Opfer gefunden: Ingo Metzmacher, den erst seit 2007 amtierenden Chefdirigenten des Deutschen Ingo MetzmacherSymphonie­orches­ters (DSO). Metzmacher gibt seinen Job im kommenden Jahr auf, weil es ihm nicht gelungen ist, aus der satten Erhöhung des ROC-Etats von sechs Millionen so viel Geld herauszuschlagen, wie er den Musikern offenbar versprochen hatte. Eine sicher nicht leichte Entscheidung, die der Orchestervorstand mit dem lapidaren Hinweis kommentierte, Metzmacher habe damit nur sein Wort gehalten.

Es fällt nicht leicht, für die Musiker Verständnis aufzubringen, zumal für das Orchester weder Gehaltskürzungen noch Kündigungen auf dem Spiel stehen. Was die Musiker wurmt und wofür sie ihren Noch-Chef verantwortlich machen, ist allein die Tatsache, dass die Gesellschafter der ROC beschlossen haben, die bisherige Sonderstellung des DSO abzubauen und künftig die beiden Sinfonieorchester gleichrangig zu behandeln. Damit werden vor allem die künstlerischen Erfolge honoriert, die das Rundfunk-Sinfonieorchester unter seinem Chef Marek Janowski in den letzten Jahren erzielt hat. Dass die DSO-Musiker nun aus gekränkter Eitelkeit ihren Chef zum Sündenbock machen, ist eine Riesendummheit, deren Folgen sie bald selber spüren dürften: Denn erstens war Metzmacher mit seinen wagemutigen Programmen der richtige Mann für Berlin, und zweitens mag das Publikum keine schlechten Verlierer. Und das DSO kann sich jetzt erst mal einen neuen Chef suchen. Wenn da noch jemand hin will.  

Gastbeitrag von Jörg Königsdorf

Foto: Matthias Bothor 

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