• Stadtleben
  • Gastbeitrag von Jacek Slaski: Der Zirkus war in der Stadt

Stadtleben

Gastbeitrag von Jacek Slaski: Der Zirkus war in der Stadt

In einer Stadt zu leben, deren dringendstes Exportgut die bildende Kunst zu sein scheint, ist nicht immer ganz einfach. Zu flüchtig, zu beweglich ist das Gefüge, in dem Chaos, Mode und Zufall regieren, wo Launen ungefiltert auf Talent treffen und emsig gepflegter Egoismus auf bierseliges Beisammensein. Das Gefühl dieser Unübersichtlichkeit war selten so deutlich wie in der heißen Kunstwoche Ende Oktober.
Mit dem Art Forum, den drei Satellitenmessen Berliner Liste, Preview und Kunstsalon, den Großausstellungen von Jeff Koons und Paul Klee, der Eröffnung der Temporären Kunsthalle und des 3. Europäischen Monats der Fotografie sowie ungezählten Mittel- bis Kleinst­events drängten sich die Ereignisse auf einem denkbar knappen Zeitraum. Es war, als ob ein Wanderzirkus in Berlin einkehrte und für fünf Tage zur ganz großen Show einlud. Nach der Show kam dann die Ernüchterung. Wer soll denn diese ganzen Kunstwerke kaufen, wer schaut sie sich an oder hängt sie sich an die Wand, und wer schreibt darüber, wer denkt über sie nach? Gab es Trends zu verzeichnen? Kommt nun die schwule chinesische Kunst oder gibt es eine Renaissance des fotografierten Stilllebens? Performance beim Berliner Kunstsalon

Den Überblick behält doch lange niemand mehr, und wer das behauptet, der lügt. Man zappt sich durch die Ausstellungen, trifft alte Bekannte und lernt neue kennen, trinkt Sekt, Bier und lauwarmes Wasser und geht am Ende mit einem Sack voller Kataloge und Visitenkarten nach Hause. Für den größten Aufruhr dieser Tage sorgte übrigens nicht Herr Koons oder die Kuratoren der Temporären Kunsthalle, sondern eine vollbusige Performancekünstlerin beim Berliner Kunstsalon, die auf ihren entblößten Busen mit Edding und unter ohrenbetäubendem Gitarrenlärm schrieb: „I let touch these for 40 Euros“. Keiner zahlte, alle machten Fotos und erfreuten sich am Anblick. So blieb in der Berliner Kunstwelt doch noch alles beim Alten. Die Hysterie und Verdichtung lösten sich in der ersten Novemberwoche auf, einige Akteure verdienten Geld, andere bekamen Ansehen, noch andere me­ckerten über die Finanzkrise oder gingen einfach nach Hause. Doch keine Angst, der nächste Zirkus kommt bestimmt.

Jacek Slaski

Mehr über Cookies erfahren