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Gastbeitrag von Jacek Slaski: Urheberrecht

Der Berliner Elektronikmusiker Johannes Kreidler produzierte vor einigen Wochen ein 33-sekündiges Werk, in dem er 70.200 Samples verwendete und diese am 12. September ordnungsgemäß mit Einzelnachweisen bei der GEMA meldete. Diese absurde Aktion sollte eine Diskussion über geistige Urheberschaft, Sampeln und das Recht des Zitats anregen. Kreidler sprach von dem merkwürdigen Begriff der „Schöpfungshöhe“, den die Gesetzgeber aufführen, und forderte seinerseits eine zeitgemäße Lösung beim Umgang mit geistigem Eigentum im Internetzeitalter.

ANYWAY-Galerie-catalogue-Mikko-IjaeSMerkwürdig hierbei ist die Unterscheidung zwischen Musik und bildender Kunst. Was in der Musik reglementiert wird, was im HipHop und der Elektronik ein rechtliches Problem für die Musiker darstellt, wird in der bildenden Kunst überhaupt nicht behandelt. Der bildende Künstler darf tun und lassen, was er will, und natürlich ist er mindes­tens genauso auf die Technik des Samplens angewiesen wie der Musiker. Genauso zitiert, verfremdet und erweitert er in seinen eigenen Arbeiten ganz selbstverständlich die visuellen Schöpfungen anderer. Abbilder, Collagen und Assemblagen sind schließlich seit langem ein wichtiger Bestandteil der Kunstgeschichte. Ein besonders schönes Beispiel für das Sampeln in der Kunst bietet derzeit der Finne Mikko Ijäs mit seiner Ausstellung The Vincent Van Gogh and Walt Disney Collection, die noch bis zum 17. Oktober in der Friedrichshainer Anyway Galerie gezeigt wird. Ijäs konstruiert dort eine seltsame Verflechtung von Nazikult, Disney-Kitsch und Van Gogh. Ohne die Verweise auf zum Teil urheberrechtlich geschützte Motive, wie Mickey Mouse oder Pinocchio, würde sein Konzept nicht aufgehen.

Auch Christine Nikol, deren eigene Schau Die Blusen des Böhmen am 19. September in der alten Schultheißbrauerei am Kreuzberg (Schmiedehof 5) eröffnet, zitiert fröhlich aus dem Disney-Bilderschatz und verarbeitet Daisy Duck und Bambi in ihren folkloristischen Wimmelbildern. Es sind nur zwei aktuelle Beispiele für die enorme Bedeutung des Zitats, ohne das Kunst heute nicht denkbar wäre. Wie antiquiert gibt sich da die von der Musikindustrie und Politik kontrollierte GEMA, sie sollte sich ein Beispiel an den bildenden Künstlern nehmen.

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