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Gastbeitrag von Martina Jammers: Nichts als Schlossgespenster

Immer Ärger mit dem Schloss. Nach Nase­rümpfen im Gefolge der Verkündung des Preisträgers mit seinem eher biederen Entwurf schien Gras zu wachsen über die Jury-Entscheidung. Buchstäblich, wurde doch soeben der sommergrüne Rasen für 160.000 Euro frisch entrollt auf dem Schlossplatz. Doch noch vor dem ersten Spatenstich werden nun Unkenrufe vernehmbar. Der Architekt Franco Stella habe die erforderlichen Bedingungen nicht eingehalten: Zum einen hätte er in den letzten Jahren einen Umsatz von durchschnittlich 300.000 Euro erwirtschaften, zum anderen mehr als drei Mitarbeiter in Festanstellung haben müssen. Beide Angaben hat Stella bloß durch eine Unterschrift bestätigt, nicht aber nachgewiesen. Sollte tatsächlich beim größten Architek­tur­wettbewerb Berlins das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) geschlafen
haben? Kollegen frohlocken, dass wegen der Formfehler das wenig geliebte Projekt gekippt wird. Klagt nur ein Architekt, könnte das gesamte Verfahren ins Wanken geraten. Doch glaubt sich das BBR auf der sicheren Seite, sei doch die Zeit für eine Rüge abgelaufen. Auch Stellas Anwalt, Michael Pietzcker, dementiert spornstreichs jegliche
Zweifel an der Erfüllung der Vorgaben: Zwar habe Stella nicht das Umsatzkriterium erfüllt, dafür aber die erforderliche Mitarbeiterzahl eingehalten. Zudem flackert Unmut auf angesichts des Prokrustesbettes der unflexiblen  Barockrasterung, die Stella allzu brav in seinen Entwurf implantiert habe. Kategorisch verweist Stiftungspräsident
Hermann Par­zinger die aufkeimenden Konflikte zwischen Stella und seinen kooperierenden Archi­tekten­büros ins Reich der Gerüchte­küche.
Ganz im Gegenteil würden die Planer sensibel reagieren auf die Bedürfnisse der drei Nutzer. Von Anfang an sei klar gewesen, dass bei Fragen der inneren Aufteilung nach-justiert werden musste. Beim
Humboldt-Forum handelt es sich also um ein Work in Pro­gress. Erste Einblicke in die Pläne erlaubt die am 9. Juli im Alten Museum präsentierte Aus­stellung „Anders zur Welt kommen“. Dann lassen sich
vielleicht manche Schloss­gespenster vertreiben.

Text: Martina Jammers

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