Archäologie

12 Ausgrabungen in Berlin: Gold, Schädel und Häuser unter der Stadt

Ausgrabungen in Berlin sind Tagesgeschäft. Fast zumindest. Denn jedes Mal wenn an historisch bedeutenden Orten etwas Neues gebaut werden soll, schickt das Landesdenkmalamt erst einmal die Stadtarchäologen vor. Die Arbeit der Wissenschaftler ist zwar nicht ganz so nervenaufreibend, wie die Abenteuer des berühmten Schatzsuchers Indiana Jones. Sie bringt aber oft spektakuläre Funde an die Oberfläche. Alte Gräber, Bürgerhäuser und viele andere Belege für die jahrtausendealte Siedlungsgeschichte im Berliner Raum. Hier sind 12 wichtige Ausgrabungen in Berlin, die für Aufsehen gesorgt haben.


Skelettfund an der Nikolaikirche

Ausgrabungen Berlin - Skelettfund an der Nikolaikirche in Mitte, Juli 2004. Foto: Imago/Uwe Steinert
Skelettfund an der Nikolaikirche in Mitte, Juli 2004. Foto: Imago/Uwe Steinert

Zu den bis heute erhaltenen Bauwerken der Vormoderne gehören in Berlin vor allem Kirchen. Keine gewaltigen Kathedralen, aber dennoch wichtige architektonische Relikte, die bis zu den Anfängen der Stadtgeschichte reichen. Die Liste der ältesten Gebäude in Berlin führt die Nikolaikirche an.

An ihrer Mauer begannen 2004 Ausgrabungen, die einen erstaunlichen Fund ans Tageslicht befördert haben. Gut 70 menschliche Überreste haben die Archäologen entdeckt. Die Gesamtzahl der Bestattungen auf diesem bis ins frühe 18. Jahrhundert genutzten Friedhof, wird auf bis zu 400 geschätzt.

Ein historisch besonders interessanter Fund war damals ein Stück Keramik, das auf die slawische Siedlungszeit verweist, zeitlich noch vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Doppelstadt Berlin-Cölln.


Bürgerhäuser in der Breiten Straße

In der Breiten Strasse in Mitte wurden im Sommer 2013 Bürgerhäuser aus dem 12. Jahrhundert freigelegt. Foto: Imago/PEMAX
In der Breiten Strasse in Mitte wurden im Sommer 2013 Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert freigelegt. Foto: Imago/PEMAX

Anfang 2013 begannen die Berliner Landesarchäologen mit den Ausgrabungen in der Breiten Straße in Mitte. Der Grund war der Teilrückbau eines Verwaltungsgebäudes, das zum DDR-Bauministerium gehörte.

Das Team um Grabungsleiter Jörg Schümann stieß schon bald auf Keller und Fundamente von mehreren Gebäuden, die sich dort im 18. Jahrhundert befanden, darunter das Ermelerhaus, ein um 1720 errichtetes und in den 1960er-Jahren abgetragenes Patrizierhaus, sowie das Warenhaus Hertzog. Man fand auch Kuriositäten wie einen alten Lederschuh und ein Tintenfässchen aus jener Ära.

Für Aufsehen sorgte aber ein Fund, der noch viel weiter zurück reicht. Ein Spielstein mit Vogelmotiv wurde von den Wissenschaftlern auf das frühe 13. Jahrhundert datiert. Das Kleinkunstmotiv ist ein Beleg für die 800-jährige Besiedlungsgeschichte der Gegend um die heutige Breite Straße.


Entdeckung einer mittelalterlichen Siedlung – Museumsdorf Düppel

Das Museumsdorf Düppel in Zehlendorf. Foto: Imago/Schöning
Das Museumsdorf Düppel in Zehlendorf. Foto: Imago/Schöning

Das Museumsdorf Düppel kennt im wahrsten Sinne des Wortes jedes Berliner Kind. Die liebevoll nachgebaute Anlage zeigt, wie die Menschen im Berliner Raum einst lebten. Die Bauweise der Häuser, die Art wie Landwirtschaft und Handwerk betrieben werden, lässt das Mittelalter nachspüren.

Doch es ist kein Zufall, dass sich die große Freilichtanlage, die regelmäßig auch zu Festen und anderen Veranstaltungen einlädt, genau im Landschaftsschutzgebiet Krummes Fenn in Nikolassee befindet. Der Archäologe Horst Trzeciak entdeckte dort bereits 1939 mittelalterliche Scherben.

1967 wurden die Grabungen fortgeführt. Man fand Siedlungsspuren wie Hausgrundrisse, Brunnen, Palisaden, Zäune und Alltagsgegenstände, die auf die Zeit um 1170 datiert wurden. In der Folge entstand die Idee, auf dem Gelände ein Areal für Experimentelle Archäologie zu schaffen und so wurde 1975 das Museumsdorf Düppel eröffnet.


Ausgrabungen am Molkenmarkt

Während der Umgestaltung des Molkenmarktes in Mitte wurden archäologische Grabungen unternommen, Februar 2020. Foto: Imago/PEMAX
Während der Umgestaltung des Molkenmarktes in Mitte wurden archäologische Grabungen unternommen, Februar 2020. Foto: Imago/PEMAX

Die meisten archäologischen Ausgrabungen in Berlin werden in Mitte unternommen, im historischen Herzen der Stadt. Schaut man sich die Geschichte Berlins an, die sich gut an historischen Plänen ablesen lässt, versteht man den Grund. Denn bis ins 18. Jahrhundert war die Stadt an der Spree nicht besonders groß.

Der Molkenmarkt gehörte aber schon immer zu Berlin, er ist bald 800 Jahre alt und damit der älteste Marktplatz der Stadt. Ein 2016 vom Senat verabschiedeter Bebauungsplan sieht für die Gegend große Veränderungen vor. Zuvor kommen die Archäologen ins Spiel – seit 2019 wird dort gegraben.

Bislang stieß man auf zahlreiche Spuren der Vergangenheit, die auf mehrere historische Epochen verweisen. Von einem mittelalterlichen Holzkeller über frühneuzeitliche Abfallgruben und barocke Gewölbe bis zu einem gründerzeitlichen Elektrizitätswerk und einem Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg. 

Das Landesdenkmalamt bietet eine 360-Grad-Online-Führung durch die Grabungsstätte am Molkenmarkt an.


Funde auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens

Grabungsfunde vom Archäologie-Projekt Tempelhofer Feld. Foto: Alliierten Museum/Chodan
Grabungsfunde vom Archäologie-Projekt Tempelhofer Feld. Foto: Alliierten Museum/Chodan

Die FU Berlin und das Landesdenkmalamt begannen 2012 mit den Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Das Forschungsprojekt suchte nach Spuren aus der Zeit des Nationalsozialismus, speziell ging es um die archäologische Erschließung eines Zwangsarbeiterlagers der Lufthansa.

Neben einem Lohnzettel eines Zwangsarbeiters beziehungsweise einer Zwangsarbeiterin wurde eine Porzellanscherbe aus der Serie „Modell des Amtes Schönheit der Arbeit“ gefunden. Aber auch mehrere Objekte, die aus der West-Berliner Zeit stammen und auf die Geschichte der US-Alliierten verweisen.


Geborgene Schätze am Petriplatz

Ausgrabungen Berlin - Archäologin Claudia Maria Melisch zeigt einen Teller aus dem Jahr 1744 gefunden während Ausgrabungen am Petriplatz in Berlin, Januar 2008. Foto: Imago/Sabine Gudath
Archäologin Claudia Maria Melisch zeigt einen Teller aus dem Jahr 1744, gefunden während Ausgrabungen am Petriplatz in Berlin, Januar 2008. Foto: Imago/Sabine Gudath

Der Petriplatz, einst das Zentrum der historischen Stadt Cölln, ist so etwas wie die Keimzelle Berlins. Auf dem Platz, auf dem sich einst die St. Petri-Kirche befand und heute das Projekt House of One verwirklicht wird, und dem ehemaligen Kirchhof, fanden von 2007 bis 2009 und noch einmal 2015 ausführliche Ausgrabungen statt, die zu den bedeutendsten archäologischen Unternehmungen in Berlin der vergangenen Jahre gehörten.

Neben den teilweise spektakulären Funden aus mehreren Jahrhunderten Berliner Geschichte und der Untersuchung eines großen Begräbnisplatzes, erhoffte sich das Team um die Archäologin Claudia Melisch, Erkenntnisse über die mittelalterlichen Bevölkerungsstruktur, Ernährungsgewohnheiten, den Stand der medizinischen Versorgung und die Herkunft der ersten Berliner zu gewinnen.


Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Spandau

Archäologie-Studentin Anna Yakimova säubert die Überreste eines Eisenverhüttungsofens, Juli 2005. Foto: Imago/Manja Elsässer
Archäologie-Studentin Anna Yakimova säubert die Überreste eines Eisenverhüttungsofens, Juli 2005. Foto: Imago/Manja Elsässer

Spandau ist natürlich nicht Berlin, also doch, seit 1920 und der Eingemeindung in Groß-Berlin, gehört der Bezirk offiziell zu Berlin. Aber ein alter Zwist über die Bedeutung beider Städte schwillt immer noch in den Köpfen vieler Altberliner. Schließlich ist Spandau älter als Berlin und nicht nur als Witz spricht manch Spandauer von „Berlin bei Spandau“.

Bei dem Spandauer Burgwall handelt es sich um den Wall einer slawischen Siedlung mit Burg aus dem achten Jahrhundert. Immer wieder wurde dort gegraben, so fand man in den frühen 1980er-Jahren Überreste einer Holzkirche aus dem zehnten Jahrhundert sowie einen goldenen Thebalring, ein als Glücksbringer verwendetes Schmuckstück aus der Zeit des Hochmittelalters.

Auch um 2005 fanden am Spandauer Burgwall Ausgrabungen statt, damals stieß das Team unter anderem auf die Überreste eines Eisenverhüttungsofens, aber auch auf den etwa 1000 Jahre alten Schädel einer Kuh. Heute erinnert noch die nach dem Spandauer Burgwall benannte Straße an die Spandauer Siedlungsgeschichte.


Erbe des Dritten Reichs – Grabungen auf dem Gestapo-Gelände in Kreuzberg

Grabungen an der ehemaligen Prinz-Albrecht-Strasse (seit 1951: Niederkirchnerstrasse) / Ecke Wilhelmstrasse, dem ehemaligen Standort der Geheimen Staatspolizei, Aufnahme vom Januar 1987. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Grabungen an der ehemaligen Prinz-Albrecht-Strasse (seit 1951: Niederkirchnerstrasse) / Ecke Wilhelmstrasse, dem ehemaligen Standort der Geheimen Staatspolizei, Aufnahme vom Januar 1987. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Die Ausgrabungen am ehemaligen Standort der Zentralen von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt begannen Mitte der 1980er-Jahre. Das Gelände direkt an der Mauer, in direkter Nachbarschaft zum Martin-Gropius-Bau, war eine historisch kontaminierte Brache am Rande von West-Berlin. Bis 1945 planten und organisierten die Nazis von dort aus Teile ihrer Terror-Politik.

Nach dem Krieg wurde die Geschichte verdrängt, das Gelände diente als Abladeplatz für Bauschutt und wurde vergessen. Bis Bürgerinitiativen begannen, sich für die Sichtbarmachung des Ortes und eine historische Auseinandersetzung zu engagieren. So legten Archäologen an der Kreuzberger Niederkirchnerstraße Kellerwände und Fundamente der NS-Gebäude frei. 1992 wurde auf dem Gelände die Stiftung „Topographie des Terrors“ gegründet und seit 2010 befindet sich dort ein Museum mit Dokumentationszentrum.


Totenschädel am Alexanderplatz

Ausgrabung eines Friedhofes der St.- Georgen-Gemeinde in der Alexanderstraße unweit vom Alexanderplatz, März 2008. Foto: Imago/Thomas Lebie
Ausgrabung eines Friedhofes der St.- Georgen-Gemeinde in der Alexanderstraße unweit vom Alexanderplatz, März 2008. Foto: Imago/Thomas Lebie

Der Alexanderplatz hat eine turbulente Geschichte. Dieser wenig schöne Verkehrsknotenpunkt hat sich seit der Kaiserzeit immer wieder verändert und auch heute wird dort ein Großprojekt nach dem anderem realisiert und die Wolkenkratzer-Zukunftspläne künden von neuen Bauvorhaben.

Und bei jedem neuen Bürogebäude, jeder Shopping Mall und jedem Parkhaus, kommen erst einmal die Kollegen vom Landesdenkmalamt vorbei und sperren das Gelände bis auf Weiteres. Dann wird gegraben, gepinselt und geschaufelt, bis sie zufrieden wieder abziehen und die Baustelle freigeben.

2008 stießen die Archäologen so auf alte Gräber, die zum 1810 geschlossenen Friedhof der St.-Georgen-Gemeinde in der Alexanderstraße unweit vom Alexanderplatz gehörten. Neben menschlichen Gebeinen wurden auch Spuren einer von Friedrich des Großen errichteten Exerzierhalle gefunden.


Archäologische Funde auf dem Gelände des Humboldtforums

Ausgrabungen Berlin - Ausgrabungen im Vorfeld des Stadtschloss-Baus, noch vor dem Abriss des Palasts der Republik, März 2003. Foto: Imago/Bonn-Sequenz
Ausgrabungen im Vorfeld des Stadtschloss-Baus, noch vor dem Abriss des Palasts der Republik, März 2003. Foto: Imago/Bonn-Sequenz

Die Debatten um den abgerissenen Palast der Republik, den Neubau des Berliner Schlosses und das darin beheimatete Humboldtforum prägen Berlin seit mehr als 20 Jahren. Natürlich hatten von Beginn an auch Archäologen dabei ein Wörtchen mitzusprechen.

Die mehrjährigen Ausgrabungen auf dem Schlossplatz begannen in den frühen 2000er-Jahren und umfassten eine Gesamtfläche von etwa 15.000 Quadratmetern. Die dabei ans Tageslicht beförderten Zeugnisse führen zur Gründungszeit der Stadt zurück. So stießen die Archäologen auf die Fundamente einer Klosterkirche sowie eines um 1300 gegründeten Dominikanerklosters. Und auch die Holzgründung des barocken Berliner Schlosses wurde erstmals freigelegt. 


Berlins größte Ausgrabung: Das Forschungsareal Biesdorf

Goldmünzenfund in Biesdorf: Aureus gelocht, Caracalla (reg. 211–217 n. Chr.), Gold, Marzahn, 211–217 n. Chr. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita
Goldmünzenfund in Biesdorf: Aureus gelocht, Caracalla (reg. 211–217 n. Chr.), Gold, Marzahn, 211–217 n. Chr. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita

Interessanterweise fand Berlins größte Grabung nicht in Mitte sondern in Biesdorf statt. Eine Ausstellung im Neuen Museum zeigte bis Ende 2020 die Fundstücke und die Dokumentation zum Forschungsareal Biesdorf. Auf mehr als 20 Hektar Fläche dokumentierten Archäologen zwischen 1999 und 2014 die gut 10.000 Jahre alte Siedlungsgeschichte an der Wuhle.

Bei den Ausgrabungen machten das Team einige tatsächlich aufsehenerregende Funde. Darunter eine steinzeitliche Hirschmaske, die zu den ältesten Funden Berlins zählt, Bronzeschmuck in Widderkopf-Form (datiert auf etwa 100 Jahre vor Christus) und eine Aureus-Goldmünze (200 nach Christus).


Ausgrabungen vor dem Bau der U5

Ausgrabungen Berlin - Archäologe Bertram Fänsen mit alten Fernmeldekabeln im Keller der alten Oberpostdirektion am heutigen Marx-Engels-Forum. Foto: Imago/Thomas Lebie
Archäologe Bertram Fänsen mit alten Fernmeldekabeln im Keller der alten Oberpostdirektion am heutigen Marx-Engels-Forum. Foto: Imago/Thomas Lebie

2009 begannen die Ausgrabungen der Berliner Archäologen im Vorfeld der Bauarbeiten zur Verlängerung der U5. Die gemeinsame Unternehmung des Landesdenkmalamts und der BVG sah unter anderem vor, sogenannte Rettungsgrabungen durchzuführen, bei denen in bis zu drei Metern Tiefe nach Resten historischer Bebauung und Siedlungsspuren gesucht werden sollte.

An der Rathausstrasse fanden die Wissenschaftler Keller und Brunnen von Häusern, die aus dem 13. Jahrhundert stammten. Auch die Überreste des alten gotischen Rathauses konnten freigelegt werden sowie an die 600 Münzen, die im und am Rathaus verloren gegangen waren. Bei den U5-Grabungen entdeckte man aber auch Spuren der neueren Berliner Geschichte, etwa die alten Fernmeldekabel im Keller der alten Oberpostdirektion am heutigen Marx-Engels-Forum.


Mehr Berlin

Auch das Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts wird generalüberholt: So gut sieht die sanierte Neue Nationalgalerie aus. Das Gegenstück zur Staatsbibliothek Unter den Linden findet sich an der Potsdamer Straße. Dass es in unserer Liste der schönsten Bibliotheken Berlins nicht fehlt, versteht sich von selbst. Das Gebäude stammt, wie auch die Philharmonie, von Hans Scharoun, einem der prägendsten modernen Architekten in Berlin.

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