Berlin verstehen

Berlin in den 1950er-Jahren: Trümmer, Paraden und Wirtschaftswunder

Die 1950er in Berlin waren ein wegweisendes Jahrzehnt. Die Siegermächte teilten die Stadt direkt nach dem Krieg in Sektoren ein, nun mussten die Berliner damit leben lernen. Schutt und Trümmer waren noch überall sichtbar, aber gleichzeitig spürte man auf beiden Seiten der innerstädtischen Grenze Aufbruchstimmung.

Es wurde gebaut, was das Zeug hält, die Berlinale ging an den Start und auf der AVUS donnerten die Rennwagen. Doch es gab mit dem 17. Juni 1953 auch ein düsteres Kapitel der Stadtgeschichte. Diese 12 historischen Momente erzählen von Berlin in den 1950er-Jahren.


Kurfürstendamm

Der Kurfürstendamm mit Gedächtniskirche. Aufnahme aus den frühen 1950er-Jahren. Foto: Imago/Cola Images
Der Kurfürstendamm mit Gedächtniskirche. Aufnahme aus den frühen 1950er-Jahren. Foto: Imago Images/Cola Images

Nach der Teilung der Stadt musste sich West-Berlin neu erfinden. Die historische Mitte lag im sowjetischen Sektor, damit stieg der Kurfürstendamm zum alleinigen wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum auf. Die City-West entstand.

Die stark beschädigte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mahnte an die Schrecken des Krieges, doch drumherum rauschte das Großstadtleben. In den Kinos liefen die neusten Kassenschlager, die Geschäfte quollen über und im Kranzler gab es Kaffe und Kuchen. Noch gab es das Europa Center nicht, dafür fuhr die Straßenbahn bis zum Bahnhof Zoo.


Parade in Trümmern

Eine Friedensdemonstration zwischen Trümmern, Sommer 1950. Foto: Imago Images/Cola Images
Eine Friedensdemonstration zwischen Trümmern, Sommer 1950. Foto: Imago Images/Cola Images

Die Trümmer gehörten in den frühen 1950er-Jahren noch zum Stadtbild. Die Erinnerungen an den Krieg waren noch frisch. Und gerade in Berlin konnte niemand wissen, dass sich die Katastrophe nicht bald wiederholt – gerade angesichts der brisanten politischen Situation, in der sich die Stadt befand. Das Foto zeigt eine Friedensdemonstration in Ost-Berlin im Sommer 1950.


AVUS-Rennen

Berlin 1950er: Mercedes W196 beim AVUS-Rennen, 1954. Foto: Imago/UIG
Mercedes W196 beim AVUS-Rennen, 1954. Foto: Imago/UIG

Am Anfang war die Avus. 1921 wurde die Trasse im Südwesten Berlins eröffnet, es war die erste dem Autoverkehr vorbehaltene Straße der Welt – und damit die Geburtsstunde der Autobahn. Auf der gut acht Kilometer langen Strecke fanden ab 1926 Autorennen statt. Die großen europäischen Autohersteller wie Mercedes, Alfa Romeo und Bugatti gingen mit ihren pfeilschnellen Konstruktionen an den Start.

Nach dem Krieg ging es 1951 mit den Rennen wieder los. Der stromlinienförmige Mercedes-Benz W 196 (Foto) sorgte damals für Furore. Infolge von mehreren, teilweise tödlichen Unfällen endete aber die Ära der Berliner Grand-Prix-Rennen auf der AVUS in den späten 1950er-Jahren. Bis Ende der 1990er fanden aber noch Nachwuchsrennen sowie Rennen mit Tourenwagen auf der AVUS statt.


Aufschwung Ost

Ein Konsum Kaufhaus mit sozialistischer Propaganda in Ost-Berlin, um 1953. Foto: Imago Images/Photo12
Ein Konsum Kaufhaus mit sozialistischer Propaganda in Ost-Berlin, um 1953. Foto: Imago Images/Photo12

Der Westteil im Allgemeinen und der Kurfürstendamm im Speziellen legten in Sachen Konsum vor. Der Kapitalismus nahm seinen Lauf und das Wirtschaftswunder erfasste auch West-Berlin. Im sozialistischen Ost-Berlin herrschte eine andere Wirtschaftsordnung. Die Einkaufsläden boten andere Waren an, die Nachfrage war oft höher als das Angebot.

Dennoch versuchte man auch in der Hauptstadt der DDR, irgendwie mit dem Systemfeind mitzuhalten. Die Trennung von Konsum und Propaganda gelang aber nicht wirklich, wie dieses Foto des Konsum Kaufhaus zeigt. Statt Werbung prangt an der Fassade ein Bildnis von Stalin.


Stalinallee

Berlin 1950er: Baustelle auf der Stalinallee, um 1952. Foto: Imago Images/Marco Bertram
Baustelle auf der Stalinallee, um 1952. Foto: Imago Images/Marco Bertram

Die heutige Karl-Marx-Allee, die Mitte mit Friedrichshain verbindet, ist eines der markantesten städteplanerischen Projekte der Nachkriegszeit. Die extrem breite und schnurgerade Promenade im Stil der Moskauer Paradeboulevards sollte die Überlegenheit des Sozialismus symbolisieren. Ihr Name von den 1950ern bis 1961: Stalinallee.

Entlang der Straße entstanden in einer massiven Bauanstrengung die sogenannten „Arbeiterpaläste“. Im Zuckerbäckerstil errichtete Wohnblöcke, die heute als herausragende Beispiele für das Werk von DDR-Architekten in Berlin gelten. Bei den Bauarbeiten kam es zu massiven Unruhen, die zum Aufstand vom 17. Juni 1953 führten.


17. Juni 1953

Sowjetische Panzer im Einsatz bei den Straßenkämpfen am 17. Juni 1953. Foto: Imago Images/Photo12

Der 17. Juni 1953 gehört zu den düstersten Kapiteln der Berliner Nachkriegsgeschichte. An jenem Tag kulminierten in Ost-Berlin die Ereignisse und mündeten in einem Arbeiteraufstand. Schon vorher kam es zu zahlreichen Streiks, Protesten und Demonstrationen, bei denen junge Arbeiter politische und wirtschaftliche Forderungen stellten.

Die rebellierende Arbeiterklasse kritisierte den Aufbau des Sozialismus in der DDR, die politische Willkür der SED, ausbeuterische Arbeitsbedingungen, etwa auf den Großbaustellen in Ost-Berlin beim Bau der sogenannten Arbeiterpaläste zwischen Mitte und Friedrichshain, und äußerte harsche Kritik an Stalin.

Der Aufstand wurde von der Roten Armee brutal niedergeschlagen. Es kam zu Straßenschlachten, dem Einsatz von Panzern und Schusswaffen. In der Konsequenz starben 39 Menschen bei den Unruhen. In West-Berlin erinnert die Straße des 17. Juni bis heute an die Geschehnisse.


Museumsinsel

Die Museumsinsel in Mitte mit Brücke zum Pergamon-Museum, 1956. Foto: Imago/Gerhard Leber

Die Museumsinsel wurde im Krieg nahezu vollständig zerstört. Bis 1950 blieben die Gebäude ungenutzt, dann folgte eine massive Wiederaufbauaktion. Die SED ließ bis auf das am stärksten beschädigte Neue Museum die anderen Museen wieder aufbauen, und die Museumsinsel gehörte somit zu den bedeutendsten Kulturinstitutionen der DDR. Das Foto aus dem Jahr 1956 zeigt die einfache Stahlbrücke, die zum Pergamon-Museum führt.


Hansaviertel

Das Hansaviertel in Tiergarten wird im Rahmen der Interbau 1957 gebaut. Foto: Imago/Serienlicht

Auch in West-Berlin konzipierten Architekten und Stadtplaner an urbanen Visionen. Einer der ersten Höhepunkte dieser Anstrengungen war die Internationale Bauausstellung 1957. Im Rahmen der „Interbau 57“ entstand auch das Hansaviertel.

Der Tiergarten sollte sich sozusagen über seine Ränder hinaus in das Hansaviertel ergießen. Die Planer teilten Grundstücke neu auf und veränderten das Straßen- und Versorgungsnetz. An dem Wettbewerb zur Neubebauung des Areals nahmen 1952 insgesamt 53 Architekten aus 13 Ländern teil, sie alle waren Verfechter des Neuen Bauens, ihr Schaffen orientierte sich am Bauhaus-Stil. Heute gilt das Hansaviertel als eines der wichtigsten Berliner Architekturprojekte der Nachkriegszeit.


Reichstag

Die Kriegsschäden am Reichstagsgebäude sind auch 1958 noch deutlich zu sehen. Foto: Imago Images/Gerhard Leber

Heute ist es das Zentrum der Macht in Deutschland, bis zur Wiedervereinigung stand der Reichstag im Niemandsland. Die Mauer verlief ab 1961 direkt dahinter. Das Gebäude war in den 1950er-Jahren noch stark beschädigt und glich eher eine vergessenen Ruine. Genutzt wurde es später als Museum und beherbergte lange die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“, die viele Besucher angezogen hat.


Adenauer und Brandt

Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Berlinbesuch mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

Wille Brandt, der später als Bundeskanzler die Republik in Bewegung versetzte, war ab 1957 Regierender Bürgermeister von Berlin. In seine Amtszeit fällt auch die so genannte „Zweite Berlin-Krise“, die vom KP-Vorsitzenden Chruschtschow ausgelöst wurde.

Der Parteichef der KPdSU drohte erneut, die Kontrolle über die Verbindungswege zwischen West-Berlin und der BRD zu übernehmen, sollte es nicht zu einer Übereinkunft der Alliierten zum Status Berlins als „freie Stadt“ kommen. Sowohl die Sowjetunion wie auch die USA drohten mit militärischen Maßnahmen, darunter auch dem Einsatz von Atomwaffen.

Es blieb beim Säbelrasseln und anhaltenden Spannungen zwischen den Weltmächten, die Krise aber endete offiziell um 1962. Auch der Mauerbau fiel in Brands Amtszeit, aber das war 1961.


Sektorengrenze

Kontrolle an der Sektorengrenze, Oktober 1952. Foto: Imago Images/ZUMA Wire

Die Teilung der Stadt wurde in den 1950er-Jahren in Berlin zum Alltag. Das Leben verlief in parallelen Bahnen mit anderen Medien, anderer Stadtpolitik und unterschiedlicher Währung. Die Mauer stand noch nicht, doch die Übergänge zwischen den Ost- und West-Sektoren wurden bereits kontrolliert.


Berlinale

Zoo Palast, IX Internationale Filmfestspiele Berlin, 1959. Foto: Imago/Serienlicht

Alles anders, alles neu. Berlin war zwar eine Stadt, die erheblich unter dem Krieg gelitten hat und die durch die Teilung und den Sonderstatus zur Ausnahmeerscheinung wurde. Trotz der schwierigen Situation setzten Berliner Politiker schon früh auf die Kultur. So gehört die Gründung der Internationalen Filmfestspiele, kurz Berlinale, zu den wichtigsten kulturpolitischen Projekten der Nachkriegszeit.

Seit 1951 zählt die Berlinale zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt und steht in Europa in gleicher Reihe mit Cannes und Venedig. Heimat des Filmfestes waren bis zur Wende die Kinos rund um den Kurfürstendamm, etwa der Zoo Palast. Im Gründungsjahr gewann unter anderem Disneys Zeichentrick-Klassiker „Cinderella“ den Goldenen Bären.


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