Geschichte

Berlin 1982: Mauerblümchen, Hinterhöfe und der Reagan-Besuch

Berlin 1982. In der geteilten Stadt bröckelt der Putz von den Fassaden, im Westen sind Dutzende Häuser besetzt und auch im Osten hausen Punks in maroden Wohnungen. Für Unruhe sorgt im Juni der damals amtierende US-Präsident Ronald Reagan. Bei seinem Besuch in der Mauerstadt wird er mit massiven Protesten, die in brutale Straßenschlachten ausufern, begrüßt. Derweilen freut sich der progressive Teil der DDR-Jugend im Haus der jungen Talente über Jazzkonzerte und am Flughafen Tegel staut sich eine bunte Blechlawine. Und die Mauer ist zwar allgegenwärtig, aber im Alltag auch mehr oder weniger irrelevant. Diese 12 Fotos schicken Euch auf eine Zeitreise ins Berlin des Jahres 1982.


Mauerblicke

Ausblick aus einem verlassenen Haus in West-Berlin auf die Mauer und ein Gebäude in Ost-Berlin, Sommer 1982. Foto: Imago/Günter Schneider

Ein poetisches Bild, das auf mehreren Ebenen die ganze Geschichte der Stadt abbildet. Ein leerstehendes Haus in West-Berlin, die alten Schriftzüge an der Fassade stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ein wild wachsender Baum sorgt für etwas grünen Kontrast, dahinter steht die Mauer und direkt dann kommt schon das nächste Haus, im Osten, in einer anderen politischen Wirklichkeit. Günter Schneiders Foto aus dem Sommer 1982 ist ein großartiges Beispiel für die Beschaulichkeit der irrsinnigen Situation in der sich die Stadt befand.


Im Haus der jungen Talente

Haus der jungen Talente in Ost-Berlin, 1982. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Die biederen SED-Bonzen haben die Rechnung ohne die Freaks, subversiven Künstler und Rockfans gemacht. Die hatten meist keinen Bock auf Saufen bei schlechtem Licht und an hässlichen Resopaltischen. Die Jugend in Ost-Berlin hörte westliche Popmusik, Punk oder Jazz, ließ die Bärte und Haare wachsen und diskutierte jenseits der staatlichen Ordnung über den Klassenfeind und Sozialismus mit anderem Antlitz. Das Foto zeigt einige Vertreter der jungen Generation im Jahre 1982 bei einem Konzert im Haus der Jungen Talente.


Am Flughafen Tegel

Bunte Autopracht am Flughafen Tegel, 1982. Foto: Imago/Serienlicht

In den 1980er-Jahren platzte der 1974 eröffnete Flughafen Tegel aus allen Nähten. Der Senat plante einen Ausbau, neue Terminals und eine U-Bahn-Anbindung. Einige Vorhaben wurden verschleppt, aus Kostengründen nicht realisiert oder politisch verhindert, unter anderem durch ein Veto der Alternativen Liste, die Ende der 1980er-Jahren in Berlin mit der SPD regierte. So waren Staus vor dem Flughafen und lange Anfahrtszeiten zu den Terminals keine Seltenheit.


Marode Hinterhöfe

Remise und Wohnhaus in der Ackerstraße 9 in Mitte. Foto: Imago/K. Krause/Snapshot

Heute gehört die Ackerstraße in Mitte zu den begehrten Adressen der Stadt. In den frühen 1980er-Jahren sahen Hinterhöfe in der Mitte von Berlin noch oft so aus wie kurz nach dem Krieg. Von Sanierungen und Modernisierungen keine Spur. Noch. Wer Lust auf mehr Hinterhofkultur in Berlin Ost und West hat, hier geht es auf eine fotografische Reise zu verborgenen Höfen.


Demo gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan in West-Berlin

Brennendes Polizeifahrzeug während der Demonstration gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan in West-Berlin, 11. Juni 1982. Foto: Imago/Sommer

Im Juni 1982 besuchte der damals amtierende US-Präsident Ronald Reagan Deutschland, am 11. Juni kam der ehemalige Filmschauspieler und in der linken Szene verhasste erzkonservative Cowboy nach West-Berlin. Die Polizei sperrte Kreuzberg vorsorglich ab und man genehmigte keine einzige Demonstration in der Stadt. Dennoch versammelten sich Demonstranten rund um den Nollendorfplatz. Mehrere tausend Menschen nahmen an der nicht genehmigten Kundgebung teil. Die Polizei kesselte die Protestierenden ein und forderte vehemente die Auflösung der Demo. Doch die Stimmung eskalierte, autonome Gruppen errichteten Barrikaden, Steine flogen, Einsatzwagen der Polizei wurden angezündet. Weltpolitisch spielte der Reagan-Besuch 1982 allerdings keine größere Rolle. Auf die Berlin-Besuche von US-Präsidenten blicken wir hier zurück.


Blick über den Todesstreifen

Eine Delegation der US Air Force blickt von einer Aussichtsplattform an der Berliner Mauer nach Ost-Berlin. Foto: Imago/UIG

West-Berlin hatte keine Sperrstunde und die Männer mussten nicht zur Bundeswehr, politisch war die Mauerstadt abgekoppelt, so nahm man etwa nicht an den Bundestagswahlen statt. Das lag an der rechtlichen Sonderstellung der geteilten Stadt, über deren Status die Alliierten maßgeblich bestimmten. Hier wirft eine Delegation der US Air Force einen Blick von einer Aussichtsplattform an der Berliner Mauer nach Ost-Berlin.


Punks im Osten

Ein Ost-Berliner Punk in einem besetzten Haus, 1982. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Anfang der 1980er-Jahre reiste die damals in Hamburg lebende Fotografin Ilse Ruppert in die Hauptstadt der DDR und traf eine Gruppe von Punks, die in Prenzlauer Berg in einer Wohnung lebten. Sie machte Fotos, die in ganz Europa abgedruckt wurden. Die wilden Kids aus Ost-Berlin sorgten für Aufruhr, so hat man den Arbeiter- und Bauernstaat noch nicht gesehen. Ruppert bekam allerdings Einreiseverbot.


Das Pergamonmuseum

Eingangsbereich des Pergamonmuseums in Mitte. Foto: Imago/K. Krause/Snapshot

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Museumsinsel eine Ruinenlandschaft, vor allem das Neue Museum wurde fast vollständig zerstört. Zu DDR-Zeiten begann der Wiederaufbau, doch das Neue Museum blieb als Ruine bestehen. Nach der deutschen Wiedervereinigung begannen Ende der 1990er-Jahre umfassende Sanierungen. 


Berlin Zoologischer Garten

Passanten vor dem Bahnhof Zoologischer Garten. Foto: Imago/Serienlicht

Der Bahnhof Zoo war während der 1970er- und 1980er-Jahre ein berühmt-berüchtigter Treffpunkt der Westberliner Drogen- und Alternativszene. Im biographischen Roman-Klassiker „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1978) stellt der Bahnhof den Schauplatz für eine drogenabhängige Jugendkultur um die Protagonistin Christiane F. dar. Das hierdurch etablierte düstere Schmuddel-Image des Bahnhofs blieb für einige Jahrzehnte bestehen.


Pissoir in Wedding

Pissoir in Wedding, 1982. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Noch heute finden sich in Berlin die klassischen dunkelgrünen Pissoirs, im Volksmund Café Achteck genannt. In Wedding stand 1982 dieses hübsche Exemplar. Auch die alten Gaslaternen sorgten in der Mauerstadt für nostalgische Stimmung.


DDR-Armeefahrzeuge an der Berliner Mauer

DDR-Armeefahrzeuge an der Berliner Mauer. Foto: Imago/Günter Schneider

Das Leben an der Mauer sorgte für kuriose Bilder, wie hier die Aufnahme aus dem Frühling 1982. Zwei Armeefahrzeuge der DDR-Grenztruppen patrouillieren entlang der Grenzanlagen, während im Westen Mutter und Kind aus dem Fenster zuschauen. Alltag in der geteilten Stadt.


S-Bahn in Friedenau

Eine S-Bahn in Friedenau. Foto: Imago/Gerhard Leber

Die S-Bahn war in West-Berlin ein Politikum. Anfangs, nach der Teilung der Stadt, wurden die Züge noch von der Deutschen Reichsbahn, sprich von der DDR, betrieben. Es gab Proteste gegen die sozialistischen Nahverkehrsmittel, später übernahm die BVG den Betrieb, dennoch fuhren die gelbrot gestrichenen Waggons immer wieder durchs Grenzgebiet. Ganze Bahnareale, etwa rund um die Yorckstraße, verwilderten.


Mehr Berlin verstehen

Wir blicken zurück: 12 Fotos aus Berlin im Jahr 1962. Bunter und moderner war die Stadt, auch die Ost-West-Beziehungen normalisierten sich. Unser Rückblick auf Berlin 1972. Immer neue spannende Geschichten aus der Geschichte Berlins findet ihr hier. Die andere Seite der Geschichte: 12 Dinge, die jeder kennt, der in Ost-Berlin der 1980er-Jahre gelebt hat. Auch in unserer Geschichte gibt es Orte, die legendär sind und nicht mehr existieren. Eine Auswahl findet ihr hier. Neu in Berlin? Dann herzlich willkommen. Damit dieses Willkommen auch herzlich bleibt, hätten wir hier ein paar gute Tipps für Zugezogene.

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