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Berlin verstehen

Berlin, 1991: Lenindenkmal, Straßenstrich und Tacheles – die Stadt vor 30 Jahren

Berlin 1991: Im ersten Jahr nach der Wiedervereinigung organisiert sich die noch kurz zuvor geteilte Stadt neu. Die Mauer verschwindet, leere Fabriken verwandeln sich in Techno-Clubs, am Kollwitzplatz tanzen die Hexen, Hape Kerkeling verkleidet sich als Königin Beatrix und im Tacheles regieren die Künstler. Das Lenindenkmal fällt der Abrissbirne zum Opfer, die DDR verschwindet, und in Bonn beschließen die Abgeordneten den Umzug nach Berlin. Zugleich finden große Demonstrationen gegen die Kriege im Irak und in Jugoslawien statt. Diese 12 Fotos schicken Euch auf eine Zeitreise ins Berlin des Jahres 1991.


Die DDR wird entsorgt

DDR-Einrichtungsgegenstände aus den umliegenden Wohngebäuden türmen sich in einem Berliner Hinterhof, Januar 1991. Foto: Imago/Werner Schulze

Ein Staat verschwindet. 1991 war das Jahr eins nach der Wiedervereinigung. Auf den Berliner Straßen sind noch Trabanten und Wartburgs unterwegs, doch sie werden weniger. Die alten DDR-Produkte sind aus den Läden verschwunden, Straßennamen ändern sich und in den Schulen gibt es neue Lehrpläne. Auf der anderen Seite gilt seit Sommer 1990 die D-Mark auf beiden Seiten der einstigen Grenze und auch der ÖPNV macht gemeinsame Sache. Nach der Wende verändert sich zwangsläufig das Konsumverhalten und die Ost-Berliner und Ost-Berlinerinnen trennen sich von ihren alten Einrichtungsgegenständen. Auf den Hinterhöfen türmen sich Berge mit Sperrmüll, alles muss raus oder wird auf Flohmärkten verramscht.


Strich auf der Oranienburger Straße

Straßenstrich in der Oranienburger Straße, März 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Straßenstrich in der Oranienburger Straße, März 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Schon bald nach dem Mauerfall entstand entlang der Oranienburger Straße ein Straßenstrich. In Ost-Berlin kannte man das Phänomen nicht, in West-Berlin gab es rund um die Potsdamer Straße Prostitution. Die Pulsader in Mitte, zwischen dem Kunsthaus Tacheles und dem Hackeschen Markt, machte damals einiges durch. Es gab hier Szenekneipen, touristische Attraktionen und Kriminalität.


Fans der New Kids on the Block

Die Popband New Kids on the Block gab zu Freude der Berliner Fans im Frühjahr ein Konzert in der Deutschlandhalle. Foto: Imago/Brigani-Art
Die Popband New Kids on the Block gab zu Freude der Berliner Fans im Frühjahr 1991 ein Konzert in der Deutschlandhalle. Foto: Imago/Brigani-Art

1990 erschien „Step by Step“, das Hitalbum der amerikanischen Boygroup New Kids on the Block. Nicht nur in Deutschland stürmte es bis an die Spitze der Charts. Die Jungs aus Boston kamen im Frühjahr 1991 nach Berlin, das Konzert in der Deutschlandhalle begeisterte Fans aus Ost und West. Einige Jahre später lösten sich die NKOTB auf, und auch für die Deutschlandhalle gab es keine Zukunft. Die endgültige Schließung und der Abriss erfolgten in mehreren Etappen: Der Konzertbetrieb endete 1998, dann folgte eine Nutzung als Eissporthalle. 2011 wurde die Deutschlandhalle schließlich abgerissen, auf dem Gelände entstand die moderne Messe- und Kongresshalle City Cube.


Das Palasthotel

Das heute nicht mehr existierende Palasthotel. Foto: Imago/Stana
Das heute nicht mehr existierende Palasthotel im April 1991. Foto: Imago/Stana

Es war eine der feinsten Adressen in Ost-Berlin. An der Karl-Liebknecht-Straße Ecke Spandauer Straße ragte ab 1979 das Palasthotel in den sozialistischen Himmel. Die Betonfassade war mit bernsteinfarbenen Fenstern durchsetzt, es gab mehrere Bars und Restaurants, ja, das von der Interhotel-Kette betriebene Etablissement hatte sogar fünf Sterne. Besser unterkommen konnte man im SED-Staat kaum. Die Radisson-SAS-Gruppe übernahm das Haus nach der Wende, dennoch wurde im Jahr 2000 der Abriss beschlossen. Beim Abbau fand man unter den Fundamenten eine amerikanische Fliegerbombe.


Die falsche Königin Beatrix

Hape Kerkeling winkt am 25. April 1991 als Königin Beatrix der Niederlande verkleidet vor dem Schloss Bellevue in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Schwarz
Hape Kerkeling winkt am 25. April 1991 als Königin Beatrix der Niederlande verkleidet vor dem Schloss Bellevue in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Schwarz

Am 25. April 1991 schrieb der Komiker Hape Kerkeling in Berlin ein Stück Fernsehgeschichte. Er verkleidete sich als Königin Beatrix der Niederlande und fuhr in schicker Limousine vor dem Schloss Bellevue vor, zur Begeisterung der dort versammelten internationalen Presse winkte die falsche Monarchin freundlich in die Kameras und grüßte die Polizei. Ein Sketch für die Ewigkeit.


Hexentanz in der Kollwitzstraße

Zur Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg tanzen die Großstadthexen um ein Feuer in der Kollwitzstraße, 30. April 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Zur Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg tanzen die Großstadthexen um ein Feuer in der Kollwitzstraße, 30. April 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner

1991 begann die Berliner Tradition der Walpurgisnacht. Alte Hexenbräuche und die Rituale des „Tanz in den Mai“ wurden wiederentdeckt. Emanzipation und ausgelassene Freude bestimmten den 30. April. Wie sonst in den improvisierten Clubs und Bars wurde im Nachwende-Berlin plötzlich der öffentliche Raum zum Ort, an dem man tanzen, trinken und feiern konnte. Vor allem der Kiez rund um den Kollwitzplatz und der Mauerpark entwickelten sich zum Mittelpunkt der nicht immer friedlich verlaufenden Walpurgisnächte.


Zweiter Parteitag der PDS

Zweiter Parteitag der PDS unter dem Motto "Wer Zukunft will, muß die Gegenwart verändern", 21. Juni 1991. Foto: Imago/Stana
Zweiter Parteitag der PDS unter dem Motto „Wer Zukunft will, muß die Gegenwart verändern“, 21. Juni 1991. Foto: Imago/Stana

Die SED hat sich aufgelöst, 1991 befand sich Erich Honecker noch im sowjetischen Exil. In Berlin organisierten die einstigen Genossen den Übergang ihrer alten Partei in demokratische Strukturen. Die aus der SED hervorgegangene PDS, der 1991 noch Gregor Gysi vorstand, traf sich im Juni 1991 zum zweiten Parteitag unter dem Motto „Wer Zukunft will, muss die Gegenwart verändern“. Ein Kritiker sprühte „Und sich der Vergangenheit stellen“ daneben.


Das Kunsthaus Tacheles

Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin. Foto: Imago/Teutopress
Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin im August 1991. Foto: Imago/Teutopress

Nach der Wende begann der Kampf um die Immobilien, viele Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt, die Treuhand verwaltete die staatseigenen Betriebe, es gab aber Leerstand und dadurch Möglichkeiten für alternative Lösungen. Eine Künstlerinitiative besetzte Anfang 1990 die halb abgerissene Ruine der einstigen Friedrichstraßenpassage sowie das dazugehörige Areal und gründete darin das Künstlerhaus Tacheles mit Kino, Theater, Konzertsaal und Ateliers. Das Projekt bestand bis 2012. Heute gehört der Ort zu den größten Bauprojekten der Stadt. Finanzkräftige Investoren errichten dort einen Stadtblock mit Büro- und Geschäftsräumen sowie zahlreichen Kulturinstitutionen.


Kinder spielen in Prenzlauer Berg

Kinder spielen in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Werner Schulze
Kinder spielen in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg, Mai 1991. Foto: Imago/Werner Schulze

Das Foto mit den spielenden Kindern in einem Prenzlauer Berger Hinterhof entstand im Mai 1991 und ist ein Beleg für eine Form urbaner Kindheit, die sich dort heute eher nicht mehr finden lassen wird. Der Bezirk wurde zum Paradebeispiel für die Gentrifizierung. Hier sind 12 Fotos aus Prenzlauer Berg der 1990er-Jahre, jener kurzen Phase zwischen Verfall und Ausverkauf.


Protest gegen den Krieg in Jugoslawien

Protestdemonstration von in Berlin lebenden Kroaten gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Foto: Imago/Seeliger
Protestdemonstration von in Berlin lebenden Kroaten gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, 15. Juli 1991, Foto: Imago/Seeliger

Berlin hatte zwar in den ersten Jahren nach der Wende vor allem mit sich selbst zu tun, aber auch Ereignisse von weltweiter Bedeutung erregten die Gemüter. 1991 waren es zwei Kriege, zum einen der Zweite Golfkrieg, als die USA im Irak einmarschierten. Auf der anderen Seite protestierten die Berliner und Berlinerinnen gegen die militärische Eskalation in Jugoslawien. Das Foto zeigt eine Demonstration von in Berlin lebenden Kroaten gegen den Krieg in ihrem Heimatland.


Abbau der Magnetschwebebahn

Abbau der Magnetschwebebahn auf dem Potsdamer Platz, Oktober 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Abbau der Magnetschwebebahn auf dem Potsdamer Platz, Oktober 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner

So richtig gelungen ist der Neuaufbau des Potsdamer Platzes seit der Wende nicht. Irgendwie leer und öde steht da die mittelprächtige Architektur im Stadtraum und kaum jemand interessiert sich dafür. Shopping-Center, Kino und McDonalds haben schon aufgegeben oder sind dabei es zu tun. In West-Berliner Zeiten war der Potsdamer Platz schlicht und ergreifend eine gewaltige Brache. Man erprobte dort das vermeintliche Fortbewegungsmittel der Zukunft, die Magnetschwebebahn oder M-Bahn. 1991 war klar, aus der Sache wird nichts. Man baute alles ab und machte Platz für die modernen Bürogebäude.


Abriss des Lenindenkmals

Abriss des Lenindenkmals auf dem Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) in Mitte, Oktober 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Abriss des Lenindenkmals auf dem Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) in Mitte, Oktober 1991. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Während Marx und Engels noch davonkamen, mussten andere Symbolfiguren des Sozialismus aus dem Stadtbild weichen. Bei Stalin gab es wenig zu diskutieren, aber Lenin war schon eine andere Sache. 1991 wurde beschlossen, dass das berühmte Lenindenkmal auf dem Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) abgerissen werden soll. Im Herbst des Jahres sollten die Rückbauarbeiten beginnen, im Vorfeld kam es zu mehreren Protestaktionen, die den Abriss verhindern wollten. Wie man heute weiß, erfolglos.


Mehr Berlin in den 1990er-Jahren

Habt Ihr Lust auf Berlin in den 1990er-Jahren bekommen? Hier gibt es einen Überblick zu unseren 90er-Jahre-Fotogalerien rund um das Jahrzehnt. Erinnert Ihr Euch an Graffiti und Writing in Berlin der 1990er-Jahre? Der Bildband „Decades“ stellt die Szene vor. Natürlich standen die 1990er vor allem im Zeichen von Techno – Loveparade: Foto-Zeitreise durch die legendären Berlin-Jahre der Party-Demo. Noch mehr Artikel findet ihr in unserer Geschichts-Rubrik.

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