Berlin verstehen

Serienmörder, Clans und die Polizei: Ein Gespräch über Verbrechen in Berlin

Tatort Berlin – Verbrechen gehören zu einer Großstadt dazu. Mord, Diebstahl, Raub, Fälschung. Überall wo Welten aufeinanderprallen, wo Menschen dichtgedrängt zusammenleben, wo Armut und Reichtum nebeneinander koexistieren, dort entsteht Kriminalität. Wir sprachen mit Dr. Jens Dobler, dem Leiter der Polizeihistorischen Sammlung, über die Geschichte des Verbrechens in dieser Stadt und über die Berliner Polizei.

In dem langen Gespräch geht es weit zurück zu den Anfängen der Behörde, dem rasanten Anstieg von Kriminalität in den 1920er-Jahren als die Ringvereine und schwere Jungs den Ton angaben bis zu den Auswirkungen der Spanischen Grippe auf das soziale Gefüge.

Berlin Verbrechen: Die Berliner Polizei im Einsatz um 1900. Foto: Imago/United Archives International
Die Berliner Polizei im Einsatz um 1900. Foto: Imago Images/United Archives International

Wir erörtern die historischen Zusammenhänge von Verbrechen und Politik, reden über die NS-Zeit und die Teilung der Stadt und natürlich über die spektakulären Kriminalfälle, die in Berlin für Furore sorgten: unter anderem die legendären Sass-Brüder, den trickreichen Karstadt-Erpresser Dagobert und den Goldmünzenraub im Bode-Museum.


tipBerlin Herr Dr. Dobler, Sie sind Leiter der Polizeihistorischen Sammlung und Experte für die Geschichte der Berliner Polizei. Wie weit reicht diese überhaupt zurück?

Jens Dobler Wir machen das an zwei Daten fest. Das erste Datum ist 1809, in dem Jahr wurde das Polizeipräsidium gegründet und seitdem existiert eine kontinuierliche Polizeigeschichte. Zwischen 1740 bis 1770 verstetigt sich eine polizeiliche Behördenstruktur, die dann Polizeidirektorium heißt. Im Grunde ist Polizei eine relativ junge Erfindung, das geht alles erst im 16. Jahrhundert los.

tipBerlin Und wer war vorher für die Einhaltung von Recht und Ordnung in Berlin zuständig?

Jens Dobler Die Justiz gibt es schon immer und die hatte sogenannte Gerichtsbüttel. Der Richter schickte seine Leute los, um etwas zu untersuchen. Und es gab das Militär, das auch für innere Angelegenheiten zuständig war. Wenn es um Ruhe und Ordnung ging oder die Niederschlagung von Aufständen, dann wurde es eingesetzt. Zudem kamen Nachtwächter, Torwächter. Aber eine Polizei im Sinne einer Exekutive als unabhängige Institution gab es nicht. Das kam erst mit der Entwicklung des Rechtsstaates.

Es war recht gemütlich im alten Berlin

tipBerlin Was weiß man über das alte Berlin, war es eine Stadt des Verbrechens?

Jens Dobler Da weiß man relativ wenig, ich kenne auch nicht das erste beurkundete Delikt, es ist aber anzunehmen, dass bereits vor 750 Jahren schon Verbrechen begangen wurden. Allerdings war Berlin sehr lange klein und die Kriminalität überschaubar. Die Stadt hatte noch um 1800 nicht viel mehr als 100.000 Einwohner, wenn da jemandem die goldene Taschenuhr geklaut wurde, gab es irgendwo drei Spelunken, da hat man geguckt und dann ist sie wieder aufgetaucht. Es war recht gemütlich.

tipBerlin Wann endete diese Gemütlichkeit?

Jens Dobler Das änderte sich langsam in den 1850er-Jahren und ab 1870 ging es alles sehr schnell. Berlin entwickelt sich in kurzer Zeit zur Metropole mit etwa zwei Millionen Einwohnern. Damit stieg natürlich auch die Kriminalität.

Tatsächlich stieg die Kriminalität um 1920 noch einmal rasant an

tipBerlin Der Anstieg der Kriminalität erfolgte also schon vor den berüchtigten 1920er-Jahren und der Gründung von Groß-Berlin?

Jens Dobler Verbrechen hat immer auch etwas mit der Anzahl der Menschen zu tun, die in einer Stadt leben. Und das waren schon vor 1920 viele. Formal wird 1920 die Einheitsgemeinde Berlin geschaffen und damit entsteht auch eine relativ große Polizeibehörde, die die Arbeit zentral organisiert. Das ist aber ein Verwaltungsakt und ist unabhängig von der Entwicklung des Verbrechens. Doch tatsächlich stieg die Kriminalität um 1920 noch einmal rasant an.

Berlin Verbrechen: Unruhen in der Nähe vom Reichstag um 1930. Foto Imago/Photo12
Unruhen in der Nähe vom Reichstag um 1930. Foto Imago Images/Photo12

tipBerlin Warum?

Jens Dobler Das hatte mehrere Gründe. Erst einmal war Groß-Berlin mit vier Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt. Hinzu kamen die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, die Inflation und die unglaubliche Armut. Außerdem die Auswirkungen der Spanischen Grippe, die bislang noch gar nicht richtig erforscht wurden. Diese Pandemie forderte Millionen von Opfern weltweit und hat gut anderthalb Jahre auch in Berlin gewütet. Im Spiegel von Corona entsteht eine Idee davon, was das damals bedeutet haben konnte.

Armut bedingt immer Verbrechen

tipBerlin Wie verhält sich eine Pandemie zum Anstieg von Kriminalität?

Jens Dobler Armut. Armut bedingt immer Verbrechen. Viele Berliner hatten kein Geld, eine elende Wohnsituation und keine Möglichkeit zum Arzt zu gehen, weil es keine vernünftige Krankenversicherung gab. Wir haben also die Inflation und die Seuche, und dann kommen noch die Kriegsheimkehrer hinzu. Entwurzelte, verzweifelte und verrohte Männer, die sich politisch radikalisieren oder kriminell werden.

tipBerlin Im Gegensatz zur Spanischen Grippe scheint sich Corona aber nicht auf die Kriminalität in Berlin auszuwirken. Wenn man den Nachrichten glaubt, dann fiel etwa die Zahl der Einbrüche, weil die Leute einfach mehr zu Hause waren. Sehen Sie das auch so?

Jens Dobler Man muss zur aktuellen Entwicklung die Zahlen abwarten, bevor man seriös etwas aussagen kann. Die Situation heute ist aber mit der Spanischen Grippe nicht vergleichbar, obgleich man sieht, wie kirre Corona auch die Menschen heute macht. Es gibt Ausschreitungen, Angriffe gegen die Polizei, Anschläge, die Psychiatrien sind voll. Die Situation heute ist für viele kaum auszuhalten. Wie war es da erst in den 1920ern, wenn sie kein Geld für Medizin hatten und alle im selben Raum schliefen?

Gesellschaftliche Aufreger waren die Serienmörder

tipBerlin Sah die Kriminalität damals anders aus?

Jens Dobler Es gab in den 1920er-Jahren politische Morde und Intrigen, wie es die Serie Babylon Berlin andeutet. Für die Bevölkerung damals aber war viel wichtiger, was sie selbst betraf, war eine ganz andere Art der Kriminalität. Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung. Und es gab noch einen gesellschaftlichen Aufreger, das waren die Serienmörder, die in Berlin in den 1920er-Jahren relativ verbreitet waren.

tipBerlin Woran lag das?

Jens Dobler Es waren jene entwurzelten Männer, von denen ich zuvor sprach und die in dem Moloch Großstadt ziemlich einfach untertauchen konnten. In Berlin gab es Grossmann, davor Schumann, in Hannover Haarmann, in Düsseldorf Kürten. Diese Männer konnten unabhängig von irgendwelchen sozialen Kontrollen agieren, leicht ein Opfer finden und anonym bleiben. Das ist vielleicht typisch für Großstädte allgemein, aber es ist ein Phänomen der 1920er-Jahre.

Berlin Verbrechen: Carl Grossmann, genannt der Schlächter von Berlin. Foto: Public Domain
Serienmörder Carl Grossmann. Man nannte diesen Verbrecher den Schlächter von Berlin. Foto: Public Domain

tipBerlin So wie auch die Ringvereine ein Phänomen der 1920er-Jahre waren?   

Jens Dobler Es gibt den Mythos Ringverein, aber verdammt wenig Forschung darüber. Die Ringvereine waren vereinsmäßig organisierte Kriminellengruppen, die auf bürgerlich machten. Sie gaben sich Namen wie „Immertreu“ und hatten Statuten, Fahnen und ein schriftliches Regelwerk. Es gab einen Vorsitzenden, Beisitzer und eine Blaskapelle, und wenn ein Mitglied starb, kamen alle zum Begräbnis.

Inwieweit sie aber wirklich Mafiastrukturen hatten und als Vereine das Verbrechen in Berlin organisiert und kontrolliert haben, lässt sich schwer sagen. Die Bezirke haben sie zwar unter sich aufgeteilt, aber ob der Vorsitzende da entschieden hat, wer wann Wertheim ausraubt, ist sehr fraglich.

In den Zeitungen stand „Straßenschlachten wie in Chicago“

tipBerlin Worum ging es dann in den Ringvereinen?

Jens Dobler Ich glaube, es ging da eher um das Miteinander und die Geselligkeit. Das waren Leute, die im Krieg waren, viele saßen im Gefängnis und waren gesellschaftlich geächtet, der Verein gab ihnen einen Bezugspunkt. Die Aufreger in der Öffentlichkeit waren eher, dass sie untereinander Streit hatten und sich abgemurkst haben.

Es gab eine berühmte Schlägerei am Schlesischen Bahnhof, wo Hamburger Zimmermänner sich eine blutige Schlacht mit dem Verein „Immertreu“ geliefert haben. Mit dem organisierten Verbrechen hatte das wenig zu tun, nur in den Zeitungen stand „Straßenschlachten wie in Chicago“.

tipBerlin Teile von Wedding, die Gegend um den heutigen Ostbahnhof oder das Scheunenviertel, das waren schon harte Ecken. Lassen Sie den Chicago-Vergleich gar nicht gelten?

Razzia in einem Arbeiterviertel. Die Polizei führt Verdächtige ab, 21. März 1932. Foto: Imago/Topfoto/United Archives
Razzia in einem Arbeiterviertel. Die Polizei führt Verdächtige ab, 21. März 1932. Foto: Imago/Topfoto/United Archives

Jens Dobler Das waren schon heiße Gegenden. Auf jeden Fall. Da gab es Gaunerkeller, einschlägige Kaschemmen, Prostitution. Natürlich auch Verbrechen. Aber versuchen sie sich mal die 1920er-Jahre vorzustellen, wenn jemand aus Friedenau nach Friedrichshain gefahren ist, dann verstand er die Welt nicht. Das war für den ein anderer Planet.

Dabei war das einfach nur eine normale Arbeitergegend. Doch der Unterschied zwischen der bürgerlichen Realität in Friedenau und dem Alltag im Scheunenviertel war immens. Aus dieser Diskrepanz entstanden solche Chicago-Vergleiche.

Es ist die Oberschicht, die ins Ghetto geht und berichtet, wie schlimm es da riecht

tipBerlin Wir haben also ein falsches Bild der „Goldenen Zwanziger“?

Jens Dobler Man muss vorsichtig sein mit den Bildern, die man aus den 1920ern transportiert bekommt. Denn wer transportiert diese Bilder? Es ist in der Regel die Oberschicht, die ins Ghetto geht und darüber berichtet, wie schlimm es da riecht.

tipBerlin Es gab aber auch eine gewisse Begeisterung für das Milieu, etwa für die Sass-Brüder, die mit ihren Coups in die Berliner Geschichte eingegangen.

Jens Dobler Das Besondere an den Sass-Brüdern, die übrigens nicht in einem Ringverein organisiert waren, war erst einmal, dass sie niemanden verletzt haben. Sie raubten Banken und Geschäfte aus und kamen teilweise mit spektakulärer Beute davon. Und sie waren der Polizei immer einen Schritt voraus. Die haben sehr schlau gearbeitet, konnten ihre Spuren verwischen, hatten gute Anwälte und ihre Alibis perfekt geplant. Das wurde medial gekocht und das fanden die Leute toll. Jemand, der es dem Staat zeigt und den Reichen das Geld klaut, wird schnell zum Helden.

Mit Köpfchen statt roher Gewalt

tipBerlin Das erinnert etwas an den bei den Berlinern beliebten Dagobert, der etwa ein halbes Jahrhundert später mit viel Einfallsreichtum versuchte, Karstadt zu erpressen.

Jens Dobler Absolut. Dagobert war auch so ein trickreicher Gauner, der der Polizei drei Schritte voraus gewesen ist. Diese Art Gentleman-Verbrecher, die mit genialen Plänen und Köpfchen statt roher Gewalt vorgehen und es „denen da oben“ mal so richtig zeigen, kommt gut an. Bei den Sass-Brüdern war es noch so, dass in Moabit, wo sie wohnten, sie niemand an die Polizei verpfiffen hat, weil sie nach bester Robin-Hood-Manier den Nachbarn immer wieder mal einen Hunderter in den Briefkasten steckten.

Die Sass-Brüder abgelichtet von der Polizei, 1930er-Jahre. Foto: Public Domain
Geschichte des Verbrechens in Berlin: Die Sass-Brüder abgelichtet von der Polizei, 1930er-Jahre. Foto: Public Domain

tipBerlin Die Sass-Brüder kamen im Dritten Reich in Gewahrsam und wurden hingerichtet. Machten die Nazis kurzen Prozess mit der Kriminalität in Berlin?

Jens Dobler Der Höhepunkt des Verbrechens in Berlin war 1929. Dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, die die Situation für viele Berliner noch einmal verschlimmert hat. Die Nazis schafften es mit ihren Arbeitsprogrammen ab 1933, die Leute relativ schnell von der Straße zu holen. Damit geht die Kriminalität runter und pendelt sich um 1935 wieder auf den Stand von 1927/28 ein. Das wurde natürlich propagandistisch ausgeschlachtet.

tipBerlin Da hört man doch schon den Spruch: „War ja nicht alles schlecht damals“.

Jens Dobler Diese Sprüche hört man ja bis heute. Wenn man aber genauer schaut, dann sieht man, dass die Nazis die Kriminalität einfach nur auf ein normales Level gesenkt haben, mehr nicht. Allerdings führte die NSDAP auch das Instrument der Schutzhaft und später die Präventivhaft ein.

Das heißt, sie steckten potentielle Täter ohne irgendein Verfahren, einfach nur auf Verdacht, ins KZ. Ein illegales und mörderisches Verfahren, bei dem die Hälfte der gut 50.000 „Gewohnheitsverbrecher“ die Haft nicht überlebte. Das war auch das vorläufige Ende der Ringvereine und auch das der Sass-Brüder, die im KZ Sachsenhausen erschossen wurden.

Richtig in den Griff haben die Nazis die Kriminalität auch nicht bekommen

tipBerlin Trotzdem lösen die Nazis das Problem der Kriminalität nicht.

Jens Dobler Überhaupt nicht. Wie gesagt, sie fiel auf den Normalstand. Und es gab auch berühmte Kriminalfälle in der NS-Zeit, etwa den S-Bahnmörder Ogorzow, der in der Kriegszeit in der Gegend um Rummelsburg Frauen vergewaltigte und ermordete.

Das Bezeichnende war in dem Fall, dass die von den Nazis ideologisch unterminierte Polizei falsch ermittelt hat. Man suchte unter Kommunisten, Juden, Gewohnheitsverbrechern nach dem Täter und nicht in den eigenen Reihen. Am Ende kam heraus, dass Ogorzow SA-Mann und NSDAP-Mitglied war. Ein kleinbürgerlicher Eisenbahner mit Frau und Kindern. Das passt nicht zur NS-Ideologie, und richtig in den Griff haben die Nazis die Kriminalität auch nicht bekommen.

tipBerlin Die sich im Krieg auch wieder erhöhte.

Jens Dobler Natürlich, es kam die Kriegskriminalität hinzu. Schwarzmarkt, Plünderungen, Diebstahl. Plötzlich wurden Leute zu Verbrechern, die vorher nicht im Traum daran gedacht haben.

Der Verbrecher Werner Gladow, der „Al Capone von Berlin“

tipBerlin Verbrechen steht demnach immer im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umwälzungen und ist ein Produkt der sozialen Umstände?

Jens Dobler Es gibt keine kriminellen Menschen. Die Situation bedingt, dass Menschen kriminell werden. Nehmen wir den Fall Werner Gladow, der der „Al Capone von Berlin“ werden wollte und mit Kumpanen direkt nach dem Krieg sein Unwesen trieb. Eine wilde Bande von entwurzelten Männern, die im Chaos nach dem 8. Mai 1945 auf die schiefe Bahn gerieten.

Sofort nach Kriegsende standen auch die Ringvereine wieder auf. Teilweise waren es die Leute von damals, teilweise auch Nachwuchs, und die spielten eine wichtige Rolle in der Berliner Nachkriegskriminalität. Bis man sie Mitte der 1950er-Jahre pauschal mit dem Paragraf 129 „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ verboten hat.

Verbrechen und Kriminalität in der DDR: Die Ost-Berliner Polizei greift einen Mann an der Sektorengrenze an, Aufnahme vom 20. August 1951. Foto: Imago Images/United Archives International
Verbrechen und Kriminalität in der DDR: Die Ost-Berliner Polizei greift einen Mann an der Sektorengrenze an, Aufnahme vom 20. August 1951. Foto: Imago Images/United Archives International

tipBerlin Die Stadt war geteilt, aber noch nicht von der Mauer. Wurde diese Situation von Verbrechern ausgenutzt?

Jens Dobler Es gab Fälle, da wurde eine Straftat im Osten begangen und die Täter flohen in den Westen oder umgekehrt. Das machte die Ermittlung extrem schwierig oder gar unmöglich. Die Polizeien waren ja ab 1948 geteilt und arbeiteten unabhängig voneinander. Außer bei Kapitalverbrechen wie Mord gab es nur wenige Kooperationen zwischen Ost- und West-Berlin. 

tipBerlin Unterschied sich die Polizeiarbeit in Ost und West-Berlin voneinander?

Jens Dobler Grundsätzlich nicht. Einen Unterschied gab es, im Osten sind keine alten Nazis übernommen worden, das gab es im Westen schon.

Der Westen hat nach der RAF-Gründung unglaublich aufgerüstet

tipBerlin Wir sprechen von zwei Systemen und die politischen Straftaten kamen hinzu. Im Osten die Dissidenten und Fluchtversuche, im Westen der linksradikale Terrorismus um die RAF und Bewegung 2. Juni. Das waren schon sehr unterschiedliche Herausforderungen für die Polizei in Ost- bzw. West-Berlin.

Jens Dobler Da gab es natürlich schon Unterschiede. Raub, Diebstahl, Sexualverbrechen unterschieden sich nicht voneinander, ob man nun in der DDR oder in West-Berlin war.

Aber bei politisch motivierten Straftaten ging es weit auseinander. Ganz klar. Der Westen hat nach der RAF-Gründung, also in den 1970er-Jahren, unglaublich aufgerüstet. Die innere Sicherheit spielte aufgrund der terroristischen Bedrohung eine extrem wichtige Rolle. West-Berlin war dabei besonders wichtig, weil hier die Proteste und die Straßenschlachten stattfanden und die linke Szene militanter war als in anderen Städten.

tipBerlin West-Berlin galt als Frontstadt ohne Sperrstunde und Wehrdienst sowie als Sündenpfuhl und erneut als Stadt des Verbrechens. Stimmte das Vorurteil?

Jens Dobler Drogen und Prostitution bestimmten schon früh die Mauerstadt. Es gab 1970 in der Bleibtreustraße in Charlottenburg eine berühmte Schießerei der Speerbande mit der iranischen Drogenmafia. Es ging um den Strich und den Drogenhandel in der Potsdamer Straße und am Stuttgarter Platz.

Das war alles schon vor Christiane F., die mit ihrem Buch West-Berlin als angebliche Drogenstadt bekannt machte, nicht sehr harmlos hier. Die Massenkriminalität sank, aber gleichzeitig stieg die organisierte Kriminalität, auch weil man über den Flughafen Schönefeld in Ost-Berlin relativ einfach reinkommen oder wegkommen konnte.

VOPOS und Polizeibeamte aus West-Berlin am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung. Foto: Imago/imageBROKER/Manfred Vollmer
VoPos und Polizeibeamte aus West-Berlin am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung. Foto: Imago/imageBROKER/Manfred Vollmer

tipBerlin Mit welchen Herausforderungen hatte die wiedervereinigte Berliner Polizei nach dem Mauerfall plötzlich zu tun?

Jens Dobler Verkehrsdelikte, Diebstahl, Betrug, selbst Mord blieben weitestgehend unverändert, das gab es in ähnlicher Weise vor und nach der Mauer. Aber es kamen neue Formen der Kriminalität dazu. Die vietnamesische Zigarettenmafia und kriminelle Gruppen aus Osteuropa, aber auch eine neue Welle der Hausbesetzerbewegung. Stichwort Mainzer Straße in Friedrichshain. Und dann kam die organisierte Kriminalität in einer neuen Erscheinung, die Clan-Kriminalität.

Raubüberfall auf einen Geldtransporter am Alexanderplatz

tipBerlin Die meisten berühmten Verbrechen in Berlin der letzten Jahre werden den Clans zugeordnet, etwa der Goldmünzenraub im Bode-Museum oder der Einbruch ins KaDeWe.

Jens Dobler Ja, auch der Raubüberfall auf einen Geldtransporter am Alexanderplatz mit anschließender Verfolgungsjagd am helllichten Tag geht auf das Konto dieser Gruppierungen.

tipBerlin Ärgert Sie eigentlich, dass meist nur über die spektakulären Fälle gesprochen wird?

Einen Fahrraddiebstahl zu ermitteln ist schwerer als einen Mord aufzuklären

Jens Dobler Es ist ja so, über Mord – oder den Raub der Goldmünze – wird berichtet, und zumindest bei Mord liegt die Aufklärungsrate bei 90 Prozent. Dabei ist es ungleich schwerer, wenn nicht unmöglich, einen Fahrraddiebstahl zu ermitteln, als einen Mord aufzuklären.

Beim Fahrrad wird das oftmals gar nicht erst versucht. Ich halte das für ein Problem, wie wir als Gesellschaft mit Kriminalität umgehen und wie wir gewichten. Dabei ist ja ein Fahrraddiebstahl ziemlich schlimm für die Betroffenen und es betrifft ja fast jeden hier in der Stadt, im Gegensatz zu Mord, der ja verhältnismäßig selten vorkommt.

Spektakuläres Verbrechen: der Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" im Bode-Museum in Berlin, 28. März 2017. Foto: Imago Images/Thomas Lebie
Spektakuläres Verbrechen: der Diebstahl der Goldmünze „Big Maple Leaf“ im Bode-Museum in Berlin, 28. März 2017. Foto: Imago Images/Thomas Lebie

tipBerlin Die Schlussfolgerung kann aber nicht sein, wir klären jetzt statt Mord alle Fahrraddiebstähle auf.

Jens Dobler Nein, aber sie könnte sein, wir klären jetzt auch 80 Prozent der Fahrraddiebstähle auf. Doch in Berlin ist das nicht so, deshalb kaufe ich mir kein E-Bike, weil ich weiß, dass es mir sowieso geklaut wird. Ich würde aber gerne in einer Stadt leben, wo das ginge.

tipBerlin Und wie soll man das konkret machen?

Jens Dobler Die Lösung des Problems kann technischer Natur sein oder mehr Polizeipräsenz in der Stadt. Das gilt auch für den offenen Drogenhandel im Görlitzer Park und anderswo oder die vollgesprühten U-Bahnhöfe und Hausfassaden. Über die Goldmünze reden alle, aber die war versichert. Die Alltagskriminalität, über die niemand redet, wird uns täglich zugemutet.

Vermutlich wird Cyberkriminalität den gesamten Polizeiberuf verändern

tipBerlin Fahrraddiebstahl, Drogenhandel und Graffiti sind die eine Sache, aber ist die Zukunft der Kriminalität nicht wie alles andere auch, digital?

Jens Dobler Die analoge Kriminalität wird bleiben, aber gleichzeitig wird sie sich immer mehr Richtung Cyberkriminalität entwickeln. Das ist jetzt schon so. Jede Spam-Mail, die wir tagtäglich löschen, ist im Prinzip ein versuchter Betrug. Das nehmen wir einfach hin. Ins Netz verlagern sich zum Beispiel die Kinderbelästigung, neue Formen von Erpressung, und dazu kommt der gesamte Bereich der Hate-Crimes.

Das alles wird Einfluss auf die polizeiliche Arbeit der Zukunft haben, vermutlich den gesamten Beruf verändern. Denn wer Internetkriminalität bekämpfen will, muss die Verkehrsregeln nicht kennen oder Schießtraining machen, sondern EDV-Spezialist*in sein.


Dr. Jens Dobler

Dr. Jens Dobler wurde 1965 geboren. Er studierte Erziehungswissenschaften, Psychologie und Neuere Geschichte an der TU Berlin. 2008 promovierte er mit einer Arbeit über die Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933.

Dobler publizierte unter anderem einen Katalog zur Geschichte der Schwulen in Kreuzberg. Von 2010 bis 2015 leitete er das Archiv und die Bibliothek des Schwulen Museums in Berlin. Seit 2015 ist er Leiter der Polizeihistorischen Sammlung im Polizeipräsidium Berlin.


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