Berlin verstehen

Das Geheimnis der Berliner Kneipen – Gespräch mit Bernd Feuerhelm

Niemand kennt die Berliner Kneipen so gut wie er. Ob Kreuzberger Rock‘n‘Roll-Spelunken, verrauchte Hippiehöhlen oder mondäne Schwulenclubs – Bernd Feuerhelm ist Jahrgang 1943, er wuchs am Lausitzer Platz auf und gehörte in den 1950er-Jahren zu den ersten Rock‘n‘Rollern in Berlin. In der Jugend lernte er Feinblechner, später war Feuerhelm Kuriositätenhändler und betrieb das legendäre Harlekin in Schöneberg, wo er Falco, David Bowie und Udo Lindenberg bewirtete.

Heute archiviert er Artefakte zur Berliner Kneipengeschichte und rettet so eine Welt vor dem Vergessen. Wir sprachen mit Feuerhelm über die Gewalt in Kreuzberg seiner Kindheit, geheimnisvolle Etablissements hinter verschlossenen Türen, seine Hauptrolle in Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – und die Verwunderung, dass man sich in Kneipen auch einfach mal unterhalten konnte.

Bernd Feuerhelm hat sechs Jahrzehnte Berliner Kneipengeschichte erlebt. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Bernd Feuerhelm hat sechs Jahrzehnte Berliner Kneipengeschichte erlebt. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

Bernd Feuerhelm ist Archivar der Berliner Kneipenkultur

tipBerlin Herr Feuerhelm, Sie sind ein Ur-Kreuzberger, waren Kuriositätenhändler, Wirt einer Schöneberger Szenebar und sind nun Erforscher und Archivar der Berliner Kneipenkultur, in der sie sich über sechs Jahrzehnte bewegen. Wie fing alles an?

Bernd Feuerhelm Ich bin am Lausitzer Platz groß geworden. Kreuzberg war in den 1950er-Jahren eine andere Welt, heruntergekommen, arm, in der Manteuffelstraße, dort wo heute die Milchbar ist, hielt einer Kühe im Hinterhof, da holte ich immer mit der Kanne die frische Milch ab. Aber es war keine Idylle, Kreuzberg war ein richtig gruseliger Ort. Alte Nazis, viele Männer mit Kriegserfahrung. Gewalt. Gewalt. Gewalt. Bis 1955 herrschte dort der Pate von Kreuzberg, Gerhard Hirschfeld, vom Sparverein Südost. Das waren ehemalige Ringbrüder, die hatten in allen Kneipen ihre Leute gehabt und erpressten Schutzgeld unter dem Vorwand, man wolle die Wirte vor den Halbstarken beschützen. In der Zeitung stand „Halbstarkenkrawalle am Zickenplatz“ und sowas. Das hat mich interessiert und ich fragte mich, was waren das für Leute, die sich nichts haben gefallen lassen?

tipBerlin Und war waren das für Leute?

„Es gab nur harte Säuferkneipen in Kreuzberg“

Bernd Feuerhelm Da haben sich Kreuzberger Jugendliche in Cliquen zusammengetan, Jeans und Lederjacke angezogen und sie bekamen Respekt. Es war ein Generationskonflikt, die alten Brüder und gewalttätigen Kneipenschläger gegen die Jugend. Bis zu den späten 1950er-Jahren gab es nur harte Säuferkneipen in Kreuzberg. Skat, Bier und Kerle, die von ihren Frauen rausgeholt wurden, damit sie nicht das ganze Geld versaufen. Erst um 1958 änderte sich das, damals begannen die ersten Wirte Jukeboxen reinzustellen. Meistens in Kneipen, die sowieso nicht liefen, also versuchten die es so. Wenn die Jugendlichen hörten, da ist ein Kneipe wo man Chuck Berry oder Gene Vincent drücken und tanzen kann, gingen alle hin. Es gab in ganz Kreuzberg in der Zeit aber nur vier oder fünf Kneipen in diesem Stil.

Berliner Kneipen: Halbstark in Kreuzberg, Bernd Feuerhelm am Lausitzer Platz, frühe 1960er-Jahre. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Halbstark in Kreuzberg: Bernd Feuerhelm am Lausitzer Platz, frühe 1960er-Jahre. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin So begann Ihre Geschichte mit den Berliner Kneipen, als Halbstarker in Kreuzberg?

Bernd Feuerhelm Ja, aber es gab ein Schlüsselerlebnis. Ich begann 1958 eine Lehre als Feinblechner bei der Firma Lerm & Ludewig in Tempelhof. In ganz SO 36 gab es damals kein Gymnasium, Streber wollte keiner sein, an ein Studium war nicht zu denken, das war alles sehr proletarisch. Wir stellten in unserem Betrieb vor allem Drahtzäune her. Jeden Morgen musste ich vom Görlitzer Bahnhof bis nach Tempelhof fahren. Wenn ich oben am Bahnsteig stand und auf die Skalitzer Straße runterschaute, fiel mein Blick auf eine Kneipe: Ellis Bierbar. Da sah ich immer so gegen sechs Uhr morgens, wie vor diese runtergeranzte Kneipe Taxen vorfuhren und feine Herren im Smoking und Damen in Pelzen herauskamen, von einem livrierten Kellner mit Handkuss verabschiedet.

„Diese Kneipe ist ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben geworden“

tipBerlin Da haben Sie gemerkt, dass Kneipen ein Geheimnis haben können?

Bernd Feuerhelm Es war wirklich geheimnisvoll. Wenn ich abends an der Kneipe vorbeikam, sah man nichts, weil das eine Klingelbar war. Ich wusste nicht, was das ist. Später fand ich heraus, dass das eine der berühmtesten Schwulenkneipen Berlins war. Diese Kneipe ist aber ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben geworden.

tipBerlin Sie waren aber zu der Zeit noch in den Rock’n’Roll-Kneipen in Kreuzberg unterwegs?

Bernd Feuerhelm 1961 fing es langsam mit Livekonzerten in Kneipen an. Einige Bands spielten aber auch in auserlesenen großen Etablissements, ehemaligen Ballhäusern etwa. Es gab am Kottbusser Damm das berühmte Atelier 13, auch ein ehemaliges Ballhaus, das zur Kottbusser Klause gehörte. Das Gebäude wurde in den 1920er-Jahren von dem Architekten Bruno Taut erbaut, und das Besondere war, dass sich das Ballhaus im Keller befand und nicht wie sonst üblich auf dem Hof. Da spielten dann alle Berliner Bands, die damals wichtig waren, Didi and the ABC Boys etwa oder Edgar and the Breathless. Wir sind also hin und da war nicht mehr die Kneipenatmosphäre, wie wir das kannten, es war richtig groß. Dann kamen auch die richtigen Rock’n’Roll-Tänzer.

Ellis Bierbar. Blick vom U-Bahnhof Görlitzer Park. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Ellis Bierbar. Blick vom U-Bahnhof Görlitzer Park. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin Wurde in Kreuzberg denn nicht getanzt?

Bernd Feuerhelm Doch schon, aber es wurde schief angesehen. In meiner Clique wollte außer mir eigentlich niemand tanzen. Entweder war man Schläger oder Tänzer, aber das Tanzen galt als „schwul“. Am Ku’Damm war es anders, im Eden Saloon wurde getanzt, in der Kreuzberger gewalttätigen Jugendkultur war es verpönt. Geprügelt habe ich mich aber nie gerne, nur wenn es sein musste, schlug ich auch mal zu, aber ich hatte genug von Gewalt. Für mich war Tanzen Ausdrucksmittel, und ich wollte die Musik mit meinen ballettartigen Bewegungen immer transportieren. Das war schon etwas verdächtig in meinem Umfeld. Es gab damals viele homophobe Leute. Ich war aber immer ein anderer Typ, mochte auch Schmalz. Mein Held damals war Roy Orbison. Ich war verträumt und träumte von Amerika.

„Meine ältere Schwester schleppte immer Amis mit nach Hause“

tipBerlin Kreuzberg lag ja zu den Zeiten der Alliierten im US-Sektor, hatten Sie mit den in West-Berlin stationierten Soldaten zu tun?

Bernd Feuerhelm Na klar, die GIs waren sehr wichtig für mich. Meine ältere Schwester schleppte immer Amis mit nach Hause und meine Mutter ist fast in Ohnmacht gefallen, als die mal einen Schwarzen mitgebracht hat. Einmal fuhr ich mit meiner Schwester und ihrem Freund in so einem lindgrünen Oldsmobile in die Clayallee ins PX zum Einkaufen, das war dieser Supermarkt, in dem es Sachen aus den USA gab. Da war ich zwölf, das hat schon einen großen Eindruck hinterlassen. 1955 ging meine Schwester nach Amerika und schickte mir dann Platten. Ich saß am Lausitzer Platz, doch den Stoff, aus dem die Träume waren, bekam ich direkt aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

tipBerlin Sie hörten Rock’n’Roll und trieben sich immer in den gleichen Kreuzberger Kneipen herum. Das Geheimnis der Kneipe vom Görlitzer Bahnhof haben Sie aber nicht gelöst, oder?

Bernd Feuerhelm Doch, aber etwas später, so um 1962 herum. Ich war in einer dieser Kreuzberger Jukebox-Kneipen, da kommt ein Typ rein und sieht, wie ich tanze, und fragt, ob ich mit ihm tanzen will. Na klar, sage ich. Also tanzen da 1962 zwei Männer in einer Kneipe in Kreuzberg. Nun war klar, der Feuerhelm ist nicht ganz echt. Schwulsein war eine Beleidigung und galt zugleich als unmännlich. Das wollte ich nicht sein. Aber der Typ sagte, lass dich nicht von denen ärgern, ich zeige dir andere Kneipen. Wir sind also zum Görlitzer Bahnhof und er sagt, wir gehen jetzt mal bei Elli rein. Und da war ich dann endlich in der Kneipe drin, die ich immer als Lehrling vom Bahnsteig beobachtet habe.

„Da konnte ich Musik hören, die es in den normalen Proll-Kneipen nicht gab“

tipBerlin Wie war die Stimmung in Ellis Bierbar?

Bernd Feuerhelm Ganz anders, wie in den Kneipen, die ich kannte. Halbstarke hatten da keinen Zutritt, aber zu mir waren alle freundlich, spendierten Drinks, die Chefin kannte mich jetzt und so konnte ich auch allein rein. Da konnte ich Musik hören, die es in den normalen Proll-Kneipen nicht gab. Edith Piaf. Das kannte ich nicht, auf einmal durchzuckte mich ein Gefühl, wie als ich zum ersten Mal Rock’n’Roll gehört habe. Zugleich suchten sich meine Kreuzberger Kumpels Mädchen haben die gleich geheiratet und Kinder gekriegt. Und da dachte ich, in Kreuzberg gehst du ein.

Zum Gemütlichen Paule, an der Ecke Mariannenstraße und Reichenberger Straße. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Zum Gemütlichen Paule, an der Ecke Mariannenstraße und Reichenberger Straße. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin Sie zogen dann Mitte der 1960er-Jahre aus Kreuzberg weg?

Bernd Feuerhelm Ja, 1967 eigentlich erst, und das war so. Wir gingen damals immer in so eine Kneipe an der Ecke Mariannenstraße und Reichenberger Straße, Zum Gemütlichen Paule hieß die. Dort spielten oft Beatbands auf einer kleinen Bühne, die aus zwei Bierkisten gezimmert war. Eines Abends spielten The Shads und die trugen solche tollen Hosen mit leichtem Schlag, ich saß an der Bar und sprach ein Mädchen an, die Eveline. „Sag mal, wo gibt es denn solche Hosen“, fragte ich. „Ach, die nähe ich doch selber“, antwortete sie. Ich fragte, ob sie mir auch eine nähen könnte. Sie sagte ja, also bin ich ins KaDeWe, hab Stoff gekauft, und zu ihr hin nach Schöneberg. Später wurde sie meine Ehefrau und ich zog bei ihr ein.

tipBerlin Wie war das, für einen jungen Kreuzberger Rock’n’Roller in Schöneberg zu sein?

Bernd Feuerhelm Eine ziemliche Umstellung. Damals wohnte Eveline mit ihrem Vater in einer riesigen Fünf-Zimmer-Wohnung in der Bülowstraße. Als unverheiratetes Paar durfte man eigentlich nicht zusammenziehen, aber sie konnte mir ein Zimmer untervermieten. Pro Forma. Sofort begann ich dann, die ganzen Bars und Kneipen in Schöneberg zu erkunden. Ich lernte früh das berühmte Berliner Traditionslokal E. & M. Leydicke kennen, das gibt es seit 1877. Das war schon sehr anders, dort gab es Leute, die nicht nur prügeln oder saufen wollten, die haben sich einfach nur unterhalten. Ich dachte immer, worüber reden die nur die ganze Zeit, ich kannte nur tanzen, saufen und prügeln.

„Das war ein richtiger Gangsterladen“

tipBerlin Gewöhnten Sie sich an die neuen Gepflogenheiten und die neuen Kneipen?

Bernd Feuerhelm Anfangs stand ich bei Leydicke allein am Tresen und guckte mir die schöne Einrichtung an. Die alte Lucy Leydicke hegte für mich so ein mütterliches Gefühl, stellte mir einen Schnaps hin, wenn ich ging. Geredet habe ich nie, kannte ja niemanden, aber ich wohnte da, es war mein Kiez. Obwohl ich mittlerweile verheiratet war, ging ich immer noch gerne in die Schwulenkneipen, von denen es in Schöneberg so einige gab. In den Dandy Club, Le Punch und wie die alle hießen, Bar Gerda in der Motzstraße und auch in das legendäre Rififi in der Augsburger Straße. Das war ein richtiger Gangsterladen, zu der Berlinale ging das dort immer hoch her.

tipBerlin Das waren die späten 1960er-Jahre, die Hippie-Ära, mit Rock’n’Roll war es eigentlich vorbei, oder?

Bernd Feuerhelm Aus England schwappte der Beat nach Deutschland. Die einzelnen Szenen wurden vielfältiger und bunter. Beatclubs wie das Liverpool Hoop in der Bülowstraße machten auf. Ich war überall dabei und saugte alles wie ein Schwamm in mich hinein. Das Konzert der Rolling Stones 1965, bei dem die Waldbühne zerlegt wurde, war für mich eine Zäsur. Wieder Gewalt, das nervte, meine Haare wurden länger, ich hörte Jazz und Chansons und heiratete Eveline. Der Summer of Love erreichte 1967 die Mauerstadt. „Make Love not War“, das war mein Ding.

Berliner Kneipen: Die Hippies vor dem Mr. Go in Schöneberg. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Die Hippies vor dem Mr. Go in Schöneberg. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin Gab es damals auch so richtige Hippie-Kneipen in West-Berlin?

Bernd Feuerhelm Klar doch! Damals ging ich auch gleich in den ersten Hippie-Club. Das war das Mr. Go von Peter Blah, gleich an den Yorckbrücken. Da gab es Stroboskope, Light-Show und „Liquid Oil“-Projektionen. Der hat 1968 aufgemacht, ich wohnte ja um die Ecke, und eine Freundin sagte, da ist so ein dunkler Laden, der wird dir gefallen. Also bin ich hin. An dem ersten Abend war ich noch in irgendeinem Beatschuppen vorher und hatten meinen weißen Anzug an, und ging so ins Mr. Go. Dort waren alle total existenzialistisch drauf, dunkel angezogen, lange Haare, die Haschschwaden kamen einem entgegen, viele auf LSD. Aus den Lautsprechern kam Pink Floyd, Vanilla Fudge, Iron Butterfluy, so Zeug. In dem Stroboskoplicht tanzte ein Mädel, ich habe sowas noch nie gesehen, dachte nur, das ist wie ein Theaterstück.

„Dort lief dann Adamo, wir tanzten, dann gingen wir zu mir nach Hause“

tipBerlin Sind Sie mit Ihrem weißen Anzug nicht komisch aufgefallen, zwischen den ganzen Freaks?

Bernd Feuerhelm Hinter dem Tresen stand eine Frau, mit der ich ins Gespräch kam, Silvia, die staunte über meine Klamotten und meine außergewöhnlich gepflegte Langhaarfriseur. Ich passte überhaupt nicht hinein. Wir haben gequatscht und zogen, nachdem sie zugemacht hat, durch die Schwulenbars in der Gegend. Das kannte sie nicht. Dort lief dann Adamo, wir tanzten, dann gingen wir zu mir nach Hause, hörten Chansons und dann wurde Silvia meine Freundin für die nächsten 13 Jahre.

tipBerlin Sie waren mit zwei Frauen zusammen!?

Bernd Feuerhelm Silvia wohnte über dem Mr. Go in einer WG, sie war meine Freundin, und Eveline meine Frau. Sie war erst stinksauer, aber sie akzeptierte das bald und schmiss mich nicht raus. Ich war ziemlich hedonistisch drauf.

tipBerlin Sie zogen weiterhin um die Häuser?

Bernd Feuerhelm Ich war ständig unterwegs. Das Mr Go. lief so gut, dass Peter sich dachte, jetzt geht es richtig los und wollte einen großen Laden am Ku’Damm aufmachen. Richtige Avantgarde, alles weiß, keine Dekorationen. Um 1970 eröffnete er in einem alten Klaviergeschäft das Park, das war ein richtig schräger Kiffer-Drogenclub. Wie das Sound später, nur ohne Strich und Prolls. Sun, Beautiful Balloon waren die anderen Läden in der Zeit. Manchmal ging ich auch in die Hafenspelunke von Jack Bilbo. Der hatte eine Kneipe nicht weit vom Savignyplatz. Dort war das ganze Rotlichtmilieu vertreten, Künstler, dazu Baulöwen, Rock’n’Roller, Touristen. Die krudeste Mischung, die man sich vorstellen kann.

Szenenbild aus Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", Drehort war Ellis Bar, in der Hauptrolle: Bernd Feuerhelm. Foto: WDR
Szenenbild aus Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, Drehort war Ellis Bar, in der Hauptrolle: Bernd Feuerhelm. Foto: WDR

tipBerlin Wie kamen Sie zu der Hauptrolle in einem Film von Rosa von Praunheim?

Bernd Feuerhelm Weil ich in den Schwulenbars unterwegs war, kannte ich auch Rosa von Praunheim, und der war irgendwann auf der Suche nach einem Typen, der in seinem nächsten Film spielen sollte. Er wollte keinen Schauspieler, sondern einen Laien, so arbeitet er meistens. So kam ich zu der Hauptrolle in Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971), einem der berühmtesten Schwulenfilme, die in Deutschland je gedreht wurden. Einen großen Teil des Films drehte Praunheim ausgerechnet in Ellis Bierbar, die ich ja aus meinen Kreuzberger Tagen gut kannte. So kehrte ich dorthin zurück.

„Dort gingen die Kreuzberger Aufreißer hin“

tipBerlin Hatten Sie, nachdem Sie weggezogen waren, überhaupt noch eine Verbindung zu Kreuzberg?

Bernd Feuerhelm Sicher. In Kreuzberg war ich regelmäßig, meine Mutter lebte dort, und ich bekam die Entwicklungen eigentlich immer mit, wann neue Kneipen und Clubs eröffneten, da wusste ich immer bescheid. Anfang der 1970er-Jahre eröffnete im ehemaligen Texas-Kino in der Oranienstraße eine Discothek. High Speed hieß der Schuppen neben der legendären Oranienbar. Dort gingen die Kreuzberger Aufreißer hin, die trugen Goldkettchen und an den Wänden hingen so riesige Bilder von Sportwagen. Highspeed hieß der Laden. Die ersten Türken waren auch schon da, aber das war lange vor Punk und den Hausbesetzern.

tipBerlin Das mit Punk und den Hausbesetzern war später nicht ganz ihre Szene, oder?

Bernd Feuerhelm Nicht ganz, aber ich kannte viele von denen, ging ja auch ins Risiko und ins SO36. Doch als es mit den Hausbesetzern losging, war ich in Kalifornien und kaufte alte Rock’n’Roll-Fotos, weil ich den Traum von meiner eigenen Kneipe hatte. Zu der Zeit habe ich meinen alten Job schon aufgegeben und war Trödler.

tipBerlin Wie kam es denn dazu?

Bernd Feuerhelm Meine Freundin Silvia wohnte mittlerweile in der Eisenacher Straße und zu der Wohnung gehörte ein Laden, den habe ich übernommen. Dann bin ich zu Auktionen gefahren und habe mich reingefuchst, in diese Trödlerwelt. Ein richtiger Antiquitätenhändler wurde ich nicht, eher ein Kuriositätenhändler. Ich habe mich auf Berlin spezialisiert, und zwar nur auf Kneipensachen. Schilder, Gläser, Plakate, Einrichtung, Kneipenutensilien eben. So lernte ich auch Charlotte von Mahlsdorf kennen und die hatte in ihrem Keller, wo heute das Museum ist, eine komplette Altberliner Kneipe zu stehen. Abgebaut und bei ihr wieder original aufgebaut. Und die hat unter der Hand Sachen verkauft und die kaufte ich ihr für meinen Laden ab.

„Wenn man ständig unterwegs ist, dann lernt man viele Leute kennen“

tipBerlin Charlotte von Mahlsdorf, Rosa von Praunheim. Sie sind vielen legendären Berlinern über den Weg gelaufen.

Bernd Feuerhelm Wenn man ständig unterwegs ist, dann lernt man viele Leute kennen. Ich kannte auch Bommy Baumann, der später in der Bewegung 2. Juni war und auch den legendären Bruno S. Ein Außenseiter, Berliner Original und Straßenmusikant, der in zwei Filmen von Werner Herzog mitgespielt hat. Mit Bruno hatte ich zu tun, weil ich Trödler war und er gerne alte Sachen gekauft hat. Ihn traf ich oft bei den gleichen Trödlern und er kaufte auch bei mir Zeugs. Irgendwie hatte er immer Geld gehabt, wer weiß woher. Und er nahm mich mal mit in seine Wohnung in der Flottwellstraße. Da sah ich auch seine Kunst, und als ich später meine eigene Kneipe hatte, habe ich mit ihm die erste Ausstellung gemacht. Im Harlekin.

Berliner Kneipen: Vom Gast zum Wirt. bernd Feuerhelm hinter dem Tresen im Harlekin. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Vom Gast zum Wirt. Bernd Feuerhelm hinter dem Tresen im Harlekin. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin Das Harlekin in der Schöneberger Kneipe war die Kneipe, die Sie Ende der 1970er-Jahre aufgemacht haben. Sie wurden vom Kneipengänger zum Wirt, wie kam es dazu?

Bernd Feuerhelm Mitte der 1970er-Jahre begannen in Berlin die großen Brauereien, diese auf Alt-Berlin getrimmte Kneipen zu eröffnen. Das war eine richtige Mode, Kitsch und Nostalgie. Das wollte ich besser machen und dachte, mach doch eine Rock’n’Roll-Kneipe auf. Ich wollte aber mehr als nur eine Jukebox reinstellen, die 1950er-Jahre waren ja vorbei. Deshalb trieb ich es so auf die Spitze, dass es sich am Rande der Satire bewegte. Ich habe da richtig viel reingepfeffert, alte Fotos von Chuck Berry und Jerry Lee Lewis, Plakate und der berühmte Autoscooter vom Rummel, den ich zum Tresen umgebaut habe.

„David Bowie war da, Falco, Udo Lindenberg, Willy De Ville. Alle.“

tipBerlin Klingt nach einem Rock’n’Roll-Paradies.

Bernd Feuerhelm Das Harlekin war die erste richtige Retrokneipe in Berlin. Die Wände waren voll, Rock’n’Roll-Fantasy pur. Das sollte so geballt sein, dass wenn man reinkam, sollte man sich wie in einer anderen Welt fühlen. Ich bin aber kein Nostalgiker, der an den alten Zeiten hängt, Rock’n’Roll ist einfach ein Stück Zeitgeschichte. Erst kamen dann aber doch die Rock’n’Roller, die Teddy Boys, Armin vom Blue Moon mit seiner ganzen Entourage. Das war hart an der Grenze, ein Nostalgiker-Laden zu werden, aber nach drei Jahren war alles da, was man sich vorstellen kann. David Bowie war da, Falco, Udo Lindenberg, Willy De Ville. Alle. Mehr ging nicht.

tipBerlin Klingt fast wie das Promi-Publikum im Dschungel, der legendären West-Berliner Discothek.

Bernd Feuerhelm Im Dschungel waren die verschiedenen Subkulturen. New Wave, Punk, Künstler. Ich war da auch ständig, aber heute erinnere ich mich vor allem, dass ich da immer gefroren hab. Emotional gefroren – die Atmosphäre war nicht mein Ding. Von der Einrichtung und der Architektur her war der Laden aber einmalig. Die Leute, die den Dschungel machten, kamen morgens oft zu mir in den Harlekin. West-Berlin war ja ein Dorf.

tipBerlin Sie hatten mit dem Harlekin Erfolg und haben nach drei Jahren den Laden dann doch verkauft. Warum?

Bernd Feuerhelm Ich konnte das nicht mehr toppen, war in allen Medien bis hin zum „Spiegel“. Außerdem war mir bekannt, dass die Konkurrenz mit ähnlichen Retro-Konzepten in Charlottenburg schon in den Startlöchern saß. Also war der Drops für mich gelutscht. Ich begann Teile meiner Einrichtung sowie meine Jukebox-Sammlung, die als ständige Ausstellung Unmengen von Gästen anzog, zu verkaufen. Außerdem hatte ich mich neu verliebt, das erleichterte mir einen Abschied. Ein Käufer für den Club war schnell gefunden, später übernahm Volker Hauptvogel den Laden und machte unter dem Namen Pinguin weiter. Bye, Bye Rock’n’Roll. Privat ging das aber nicht so einfach ab.

„Das Glück zerbrach“

tipBerlin Hat es mit der großen Liebe geklappt?

Bernd Feuerhelm Leider habe ich es nicht geschafft, dass aus Verliebtheit die große Liebe entsteht. Das Glück zerbrach, ich schaffte es dann doch nicht, mein bisheriges Leben wie einen Mantel abzulegen.

tipBerlin Was haben Sie dann gemacht?

Bernd Feuerhelm Ich schlug mich so durch und bekam kurz nach dem Mauerfall eine Stelle als Hilfspädagoge im Kinderfreizeitheim Menzeldorf. Dort konnten Kinder aus prekären Verhältnissen Zeit verbringen. Da ich mich immer für alten Kram und Geschichte interessiert habe, begann ich mit den Kindern die Geschichte des Ruinengrundstücks, auf dem sich die Einrichtung befand, zu erforschen. Ein historisches Projekt sozusagen. Wir fanden heraus, wer das Haus erbaut hat, warum der jüdische Besitzer fliehen musste und die ganze Entwicklung bis in die Gegenwart. Mit Interviews, Zeitzeugen und allem, was dazugehört. So begann meine historische Arbeit.

Berliner Kneipen: Bernd Feuerhelm heute. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm
Bernd Feuerhelm heute. Foto: Archiv Bernd Feuerhelm

tipBerlin So wurden Sie Hobbyforscher und Archivar der Berliner Rock’n’Roll-Kultur und der Kneipengeschichte?

Bernd Feuerhelm Kann man so sagen. Diese Forschungen brachten mich dazu, meine Geschichte zu schreiben. Erst schrieb ich selbst auf, dann befragte ich Zeitzeugen. Musiker, Wirte, Szenegänger, Künstler, alle.  Kontakte hatte ich ja ohne Ende, und ich fand Gefallen an der Sache. Nachdem ich meine eigene Geschichte dokumentiert habe, begann ich mich historisch mit den Berliner Kneipen zu beschäftigen, und mit Kreuzberg, weil ich da geboren und aufgewachsen bin, hat das für mich auch immer etwas mit Heimat zu tun. Aber ich verkläre Kreuzberg nicht. Im Gegenteil.

„Die Oranienstraße ist für mich heute Disneyland“

tipBerlin Wie stehen Sie heute zu Kreuzberg?

Bernd Feuerhelm Die Oranienstraße ist für mich heute Disneyland. Kreuzberg mache ich an den Menschen fest, und heute kenne ich dort kaum noch jemanden, und da fragte ich mich, was bleibt denn im Kiez?

tipBerlin Deshalb die historische Aufarbeitung, weil Ihr Heimatkiez verschwunden ist?

Bernd Feuerhelm Nicht nur mein Kiez, aber das gehört alles zusammen. Ich baute über die Jahre ein umfangreiches Archiv mit Fotos und anderen Dokumenten auf. Zu der Kneipengeschichte in Berlin, den Halbstarken in Kreuzberg und der Rock’n’Roll-Kultur. Aber auch zu den Hippie-Läden, Schwulen- und Künstlerkneipen und den Punk- und New Wave-Clubs. Ich gehe ja seit den 1950er-Jahren in Berlin in allen möglichen Szenerien ein und aus und ich laufe seit Jahrzehnten über die Flohmärkte und habe ein gutes Händchen für historische Schätze. Viele Fotos, die ich gefunden habe, sind einzigartig. Einige habe ich aus alten Alben gefischt, andere von Pressefotografen und Weggefährten bekommen. Es gibt nicht viel Material aus der Zeit. In den 1960er-Jahren hat niemand in Kneipen fotografiert, das gab es nicht und schon gar nicht in Kreuzberg. Die wenigen Bilder, die es aus dieser Ära noch gibt, trage ich zusammen, damit diese Welt nicht komplett in Vergessenheit gerät.


Mehr Berlin

Wir waren im Archiv und haben Werbeanzeigen von Kneipen aus den 1970er-Jahren gefunden. Bernd Feuerhelm sammelt Artefakte aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Überhaupt vermissen wir vieles an West-Berlin. Auch manche Wahrzeichen sind mittlerweile Geschichte: Legendäre Berliner Gebäude, die nicht mehr existieren. Sie erzählen viel über die Stadt: Die berühmten Straßen in Berlin.