Geschichte

Charité in 12 Bildern: Vom Pesthaus zur größten Uniklinik Europas

Die Charité in Berlin blickt auf eine über 300-jährige Geschichte zurück. Wie aus dem einstigen Lazarett ein renommiertes Krankenhaus und das größte Universitätsklinikum Europas wurde, erzählen wir in 12 Bildern.


Die Angst vor dem „Schwarzen Tod“

1740 war die Charité noch ein Militärhospital und befand sich in der Pampa vor Berlin. Foto: Gemeinfrei
1740 war die Charité noch ein Militärhospital und befand sich in der Pampa vor Berlin. Foto: Gemeinfrei

Die Geschichte der Charité beginnt mit einer Epidemie. Viele Menschen in Ostpreußen waren ihr bereits zum Opfer gefallen und sie näherte sich 1709 der preußischen Hauptstadt. Um Pestkranke zu isolieren und zu behandeln, ordnete König Friedrich I. die Gründung von „Lazareth-Häusern“ außerhalb der Städte an. So wurde 1710 auf dem Gelände der heutigen Charité, damals noch ein freies Feld vor den Toren Berlins, ein Pesthaus gebaut.


Vom Pesthaus zum Krankenhaus

Die Charité-Klinik im Jahr 1928. Foto: Imago/Arkivi
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Charité fast vollständig abgerissen und ein Neubau aus rotem Backstein errichtet. Foto: Imago/Arkivi

Von der Pest blieb Berlin letztlich verschont. Das Lazarett wurde 1727 auf Geheiß von Friedrich Wilhelm I. in ein Bürgerhospital mit dem Namen „Charité“ (französisch für Barmherzigkeit) umgewandelt. Damit begann der Aufstieg des „Königlichen Charité-Krankenhauses“: In den nächsten 200 Jahren wurde umgebaut, neue Kliniken kamen hinzu und zusammen mit der Humboldt-Universität wurden die Charité zur Lehrklinik erweitert.


Herausragende Forscher von Weltrang

Virchow erlangte auch als Anthropologe und Ethnologe internationale Anerkennung. Hier in seinem Büro mit einem Teil seiner großen Sammlung an Skeletten und Schädeln. Foto: Imago/United Archives International
Virchow erlangte auch als Anthropologe und Ethnologe internationale Anerkennung. Hier in seinem Büro mit einem Teil seiner großen Sammlung an Skeletten und Schädeln. Foto: Imago/United Archives International

Das 19. Jahrhundert war eine Blütezeit der Forschung. An der Charité tummelten sich namhafte Wissenschaftler und Ärzte wie Robert Koch oder Paul Ehrlich und begründen mit ihren Entdeckungen den Weltruhm des Hauses. Einer von ihnen war auch Rudolf Virchow (1821-1902). Er gilt als Vater der modernen Pathologie, also der Krankheitslehre, insbesondere wegen seiner bahnbrechenden Theorie der Zellularpathologie. Diese besagt, dass alle Zellen aus anderen Zellen entstehen und nicht, wie zuvor angenommen, aus einem unförmigen Urschleim. Somit basieren Krankheiten auf Störungen der Körperzellen und nicht auf der ungleichmäßigen Mischung der Körpersäfte. Virchow beschrieb außerdem 1845 erstmals die Krankheit Leukämie.

1856 wurde er zum Direktor des pathologischen Instituts der Charité berufen, das eigens für ihn eingerichtet und das erste in Deutschland war. Ein 1906 vollendetes Krankenhaus wurde nach ihm benannt und ist heute als Charité Campus Virchow ein Teil der Uniklinik.


Die erste Medizinprofessorin Preußens

Rahel Hirsch um 1910 im „Physikalischen Zimmer“ der II. Medizinischen Klinik der Charité. Foto: Charité-Album, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Rahel Hirsch um 1910 im „Physikalischen Zimmer“ der II. Medizinischen Klinik der Charité. Foto: Charité-Album, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin

Was Frauenrechte anging, war der militäraffine Preußenstaat allen deutschen Ländern hinterher. Erst 1908 durften hier auch Frauen studieren, und nochmal 12 Jahre später durften Ärztinnen sich endlich habilitieren. Die Fachärztin für Innere Medizin Rahel Hirsch (1870 – 1953) hatte in Zürich studiert und promoviert, bevor sie eine Anstellung an der Charité erhielt und eine Poliklinik leitet. Das von ihr entdeckte Phänomen der Durchlässigkeit der Dünndarmschleimhaut wird als „Hirsch-Effekt“ bezeichnet. 1913 wurde sie in Berlin als „der erste weibliche preußische medizinische Professor“ habilitiert. Allerdings bekam sie keinen Lehrauftrag und somit kein Gehalt.

Das ließ sich die Medizinerin auf Dauer nicht gefallen und eröffnete 1928 am Kürfüsrtendamm ihre eigene Praxis samt Röntgeninstitut. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ die Jüdin Hirsch das Land, wie auch viele ehemalige Kollegen von der Charité .


Ein Prestigeobjekt der DDR

Das markante Gebäude wurde von einem Architektenteam unter Karl-Ernst Swora und Dieter Bankert entworfen und gebaut. Foto: Imago/NBL Bildarchiv
Das markante Gebäude wurde von einem Architektenteam unter Karl-Ernst Swora und Dieter Bankert entworfen und gebaut. Foto: Imago/NBL Bildarchiv

In der DDR wurden Charité und die Universitätskliniken 1951 zur „Medizinischen Fakultät (Charité) der Humboldt-Universität“ vereinigt. Das Krankenhaus zählte 17 Kliniken und 16 Institute. Zusätzlich wurde ein über 20-geschossiger Neubau errichtet und 1982 als „Chirurgisch orientiertes Zentrum“ von Staatschef Erich Honecker eröffnet. Weil es neben medizinischen Stationen auch Krankenhausbetten enthielt, wurde es jedoch bald Charité-Bettenhaus genannt und heißt auch heute noch so.


Fusionierung nach der Wende

Der Brutalismus-Bau des Krankenhaus Benjamin Franklin wurde vom Architekturbüro Curtis & Davis aus New Orleans entworfen. Foto: Imago/Joko
Der Brutalismus-Bau des Krankenhaus Benjamin Franklin wurde vom Architekturbüro Curtis & Davis aus New Orleans entworfen. Foto: Imago/Joko

Nach der Wende wurde die Charité ab Mitte der 1990er-Jahre mit dem Universitätsklinikum Rudolf Virchow, Ausbildungsstätte der Freien Universität (FU), der Robert-Rössle- sowie der Franz-Volhard-Klinik in Buch fusioniert. Im Jahr 2003 kam das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz hinzu. Seither gehört die „Charité – Universitätsmedizin Berlin“ gleichermaßen zur FU und HU. Mit mehr als 15.000 Mitarbeiter*innen, über 3000 Betten und vier Campi ist die Charité das größte Universitätsklinikum Europas. 


Arbeitskämpfe für bessere Bedingungen

2020 forderten Demonstrant*innen unter dem Motto : "Klatschen war gestern - heute ist Zahltag" eine gerechtere Entlohnung . Foto: Imago/Bernd Friedel
2020 forderten Demonstrant*innen unter dem Motto : „Klatschen war gestern – heute ist Zahltag“ eine gerechtere Entlohnung. Foto: Imago/Bernd Friedel

Immer wieder gehen Beschäftigte der Charité in den Streik – von Wachleuten über Pflegekräften bis zu Ärzt*innen. Sparmaßnahmen und Auslagerungen von Personal an Tochterfirmen sorgen bei ihnen für Unmut, da sie sich einer extrem hohen Arbeitsbelastungen und unzureichende Entlohnung ausgesetzt sehen. Dabei geht es nicht immer nur um höhere Löhne. Beim großen Pflegerstreik 2015 wurde mehr Personal gefordert. Trotz der erkämpften Verbesserungen sind die Bedingungen nach wie vor nicht zufriedenstellend, wie zuletzt ein Streik 2020 zeigte.


Charité im neuen Gewand

Bei Nacht ist das 82 m hohe Bettenhaus der Charité ein Highlight der Berliner Skyline. Foto: Imago/Reiner Zensen
Bei Nacht ist das 82 m hohe Bettenhaus der Charité ein Highlight der Berliner Skyline. Foto: Imago/Reiner Zensen

Das Bettenhaus wurde von 2014 bis 2016 umfangreich umgebaut und kernsaniert. Dabei hat man das rot-braune Betonkleid durch eine weiße Aluminiumfassade ersetzt, die nicht nur eine optische Erneuerung darstellt, sondern auch noch energieeffizient ist. Neben Hightech-OP-Sälen und modernen Stationen gibt es für Patient*innen auch mehr Komfort. Sie werden vorwiegend in Ein- und Zweibettzimmern untergebracht und haben Dank der bodentiefen Fenster einen weiten Blick über die Stadt.

In den kommenden Jahren will der Charité-Vorstand  erneut hoch hinaus. Man plant die Standorte auszubauen, unter anderem mit einem neuen „Health Tower“ neben dem Bettenhaus.


Fahrerlos in die Zukunft

Ganz selbständig geht es noch nciht. Eine Begleitperson hat den Computer des Shuttles im Blick. Foto: Imago/Jürgen Heinrich
Ganz selbstständig geht es noch nicht. Eine Begleitperson hat den Boardcomputer des Shuttles im Blick. Foto: Imago/Jürgen Heinrich

2018 gingen die BVG und die Charité eine flotte Liaison ein. An den Standorten in Mitte und dem Virchow-Klinikum kutschieren selbstfahrende Elektro-Kleinbusse Personal, Patient*innen und Besucher*innen über das Gelände. Hierbei handelt es sich um ein Pilotprojekt der BVG zur Erforschung des Autonomen Fahrens und wie dieses im öffentlichen Personennahverkehr eingesetzt werden kann.


Nikoläuse vom Dach

Nikoläuse seilen sich vom Dach des Berliner Charit Krankenhaus in den Innenhof der Kinderstation ab. Foto: Imago/Jochen Eckel
Nikoläuse seilen sich vom Dach der Berliner Charité in den Innenhof der Kinderstation ab. Foto: Imago/Jochen Eckel

Große Augen machten die kleinen Patient*innen der Kinderklinik am Campus Virchow, als am 6. Dezember 2019 plötzlich neun Nikoläuse vom Himmel herunterkamen. Neben der Seil-Show gab es noch Geschenke für die Kids. Für die herzerweichende Aktion schlüpften Industriekletterer, die normalerweise die Fassade des Krankenhauses reinigen, in Nikolauskostüme.


Die Expertenzentrale während der Corona-Pandemie

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn CDU besucht gemeinsam mit dem Virologen Christian Drosten  Labore des Instituts für Virologie der Charite. Foto: Imago/photothek
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) besucht gemeinsam mit dem Virologen Christian Drosten Labore des Instituts für Virologie der Charité. Foto: Imago/photothek

Von Epidemie zu Pandemie: 310 Jahre nach ihrer Gründung wird die Charité erneut zur Bastion gegen eine lebensbedrohliche Seuche. Diesmal ist es das sich weltweit ausbreitende das Corona-Virus. Neben der intensivmedizinischen Versorgung an den Charité-Häusern spielen vor allem das Institut für Virologie und das dazugehörige Labor eine bedeutende Rolle. Leiter des Labors und Institutsdirektor Christian Drosten avancierte zum Chef-Virologen des Landes (und unserem besten Berliner 2020). Regelmäßig klärt er in Podcasts und auf der Bundespressekonferenz über das Virus und dessen Entwicklung auf.


Eine Serie schlägt hohe Wellen

Die Serie war 2020 sogar von dem amerikanischen Emmy-Awards als beste Dramaserie nominiert. Bild: ARD/Nik Konietzny/Montage dinjank
Die Serie war 2020 sogar von dem amerikanischen Emmy-Awards als beste Dramaserie nominiert. Bild: ARD/Nik Konietzny/Montage dinjank

Die Geschichte des weltberühmten Berliner Krankenhaus schreit geradezu nach einer Serie. Das hat die ARD 2017 auch erkannt und versorgt seitdem Serien-Junkies mit Stoff. Die preisgekrönte Serie „Charité“ beginnt im 19. Jahrhundert, als Rudolf Virchow, Emil Behring, Paul Ehrlich und Robert Koch versuchten, die Tuberkulose zu bezwingen. Die zweite Staffel spielt in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs und löst sich vom US-Vorbild „The Knick“. 2021 startete die dritte Staffel von einer der besten Berlin-Serien, die die Geschichte der Charité in der DDR beleuchtet.


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Karl Bonhoeffer war bedeutender Psychiater an der Charité und wirkte an der später nach ihm benannten Bonhoeffer-Nervenklinik, die zu einem Schauplatz für grausame Nazi-Verbrechen wurde. In Berlin haben nicht nur Forscher*innen bedeutende Entdeckungen in der Medizin gemacht, sondern auch Erfinder*innen bahnbrechende Ideen realisiert.

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