Amerikaner in der DDR

Dean Reed: Wie ein Cowboy aus Colorado zum DDR-Star wurde

Dean Reed ist heute allenfalls eine Randnotiz der Popgeschichte. Zu Lebzeiten war der US-amerikanische Schauspieler und Musiker in seiner Heimat obskur, aber anderswo überlebensgroß: in Südamerika beliebter als Elvis Presley, in der sozialistischen Welt ein Superstar. Ein US-Patriot aus Colorado mit Haus am See in Schmöckwitz, ein Rock’n’Roll-Cowboy mit Marx im Bücherregal: Wir blicken zurück auf das widersprüchliche Leben des Dean Reed zwischen Stars and Stripes und Hammer und Sichel.

Ein Amerikaner in Ost-Berlin: Dean Reed gibt 1973 Autogramme bei den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin. Foto: Imago/Sven Simon
Ein Amerikaner in Ost-Berlin: Dean Reed gibt 1973 Autogramme bei den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin. Foto: Imago/Sven Simon

Dean Reed: Ein Amerikaner in der sozialistischen Welt

„Und sollte man uns fragen, ob wir die Feinde kennen, dann woll’n wir sie gemeinsam bei ihrem Namen nennen“ schmettert Dean Reed sein Lied in die Welt, Agitations-Soundtrack mit amerikanischem Akzent. „Wir sagen ja“ heißt der Song, der die Schlösser zum Zittern bringen sollte – ein Ja in vielen verschiedenen Sprachen für die Weltfestspiele der Jugend, die 1973 in Ost-Berlin stattfanden.

Für jenes Festival lockerte die SED zeitweise ihre strengen Vorgaben an Unterhaltungsmusik und verhalf der Rockmusik in der DDR so zu ungeahntem Auftrieb. Und in die vordere Reihe der fröhlichen Propagandaschlacht mit jungen Gästen aus aller (sozialistischer) Welt schickte der Arbeiter- und Bauernstaat Dean Reed mit einem eigentümlichen, aber aufschlussreichen Agitationsschlager zum Mitklatschen. Wie um alles in der Welt war der Amerikaner dort gelandet?

Geboren wurde Dean Cyril Reed 1938 in Denver, Colorado, als Sohn eines Farmers, der Vater hätte ihn gern beim Militär gesehen. Stattdessen schnappte Dean Reed sich eine Gitarre, tingelte in den 1950er-Jahren als Denver Kid durchs Land, zog nach LA und dort die Aufmerksamkeit einer Plattenfirma auf sich. Der Plan war, aus dem charismatischen Cowboy ein Teenie-Idol zu machen, einen Burschen zum Anschmachten, Typ Schmalztolle, der im Cadillac zum Date im Diner fährt. Das hätte eine kurze Episode in Dean Reeds Leben bleiben können, denn weder mit kleinen Sitcom-Rollen noch mit romantischem Rock’n’Roll gelang ihm in der Heimat der Durchbruch.

Nobody im Norden, Star in Südamerika

Irgendwie ging der Plan aber doch auf: Dean Reeds in den USA leidlich erfolgreiche Single „The Search“ katapultierte ihn in Argentinien an die Spitze der Charts. Anfang der 1960er-Jahre schickte ihn sein Label auf eine Tour über den Kontinent. In Buenos Aires warteten 100.000 Fans auf ihn, ganze Fußballstadien mussten angemietet werden für den jungen Amerikaner, den die Menschen in Argentinien mehr liebten als Elvis Presley.

Ein gefälliger Popstar mit Chuck-Berry-Rhythmen wollte Dean Reed allerdings nicht bleiben. Und Hollywood, für Reed sowieso ein Abgrund aus Ausbeutung und Prostitution, war für den aufstrebenden Schauspieler ebenfalls der falsche Ort. Argentinien wurde seine Wahlheimat, Dean Reed lernte Spanisch, bekam eine eigene Fernsehshow und gab Konzerte in Elendsquartieren und Gefängnissen. Reed las Marx und machte mit Che Guevara die Nacht durch. Kapitalisten, Blinde und Revolutionäre gäbe es in Südamerika, sagte der Musiker einmal. Und für ihn war klar, zu welcher Gruppe er sich zählte.

Dean Reed: Voran zum Sozialismus

1966 begann seine zweite Karriere: Dean Reed wurde sein eigener Manager und tourte durch die sozialistische Welt. Argentinien, seit einem Putsch 1966 eine wirtschaftsliberale Diktatur, wies den Musiker aus, der stattdessen in Italien Westernfilme drehte und im Ostblock umjubelte Konzerte gab. Atomare Abrüstung und der Vietnamkrieg waren Reeds Themen, die linken Leitlinien seiner Zeit.

Er begleitete Salvador Allendes Werdegang und wurde eine Woche vor dessen Wahlsieg in Santiago de Chile verhaftet, als er eine US-Flagge öffentlichkeitswirksam vom Schmutz des Imperialismus reinigte. Die Flagge wehte auch in seinem späteren Zuhause in Berlin-Schmöckwitz. Denn den Amerikaner zog es nach Deutschland.

Sein Markenzeichen war der helle Rollkragenpullover. Das Bild zeigt Dean Reed bei seiner Ankunft in Schönefeld 1972. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T1119-005/Rainer Mittelstädt/CC-BY-SA 3.0
Sein Markenzeichen war der helle Rollkragenpullover. Das Bild zeigt Dean Reed bei seiner Ankunft in Schönefeld 1972. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T1119-005/Rainer Mittelstädt/CC-BY-SA 3.0

Oder besser gesagt: Er wurde nach Deutschland gezogen. Beim Dokumentarfilm-Festival „Dok Leipzig“ war Reed mit einem Beitrag über Allende der Star-Gast. 1972 zog Dean Reed dann endgültig in die DDR – nicht nur der Liebe wegen, auch wenn er die in Deutschland fand: Er begann eine Beziehung mit dem Model Wiebke Dornbeck.

Zwar tat er jeden Schritt unter den wachen Augen der Stasi, die fürchtete, Reed könne sich jederzeit mit DDR-Bürger*innen aus dem Staub machen. Aber der sozialistische Staat hofierte den Künstler wie kaum einen anderen: Reed durfte zur besten Sendezeit im Fernsehen auftreten und hatte freie Hand auf den Bühnen der DDR. Was ihm bereits in Südamerika gelungen war, wiederholte er hinter dem Eisernen Vorhang: In der Sowjetunion war er zeitweise einer der bekanntesten Amerikaner, nur die US-Präsidenten hatten höheren Wiedererkennungswert. In Budapest schaffte er es, Hallen mit 70.000 Menschen zu füllen. Hätte die DDR Klatschpresse gehabt, wäre Dean Reed immer wieder auf den Titelseiten aufgetaucht.

"Ein Kessel Buntes" mit Dean Reed: Das Cowboy-Image trieb er in der DDR auf die Spitze. Foto: Imago/Gueffroy
„Ein Kessel Buntes“ mit Dean Reed: Das Cowboy-Image trieb er in der DDR auf die Spitze. Foto: Imago/Gueffroy

Dabei wurde er zusehends als Schauspieler wahrgenommen. Er spielte in der Eichendorff-Verfilmung „Aus dem Leben eines Taugenichts“ die Titelrolle, kehrte mit seinem Film „El Cantor“ thematisch ins Chile der Allende-Ära zurück und stand mit Gojko Mitić im Defa-Western „Blutsbrüder“ vor der Kamera. Dean Reed lieferte hier auch das Drehbuch. Fern von der Heimat arbeitete er künstlerisch das Sand-Creek-Massaker auf, ein Blutbad, das die Nationalgarde von Colorado an den Cheyenne verübte.

In der DDR hatte Dean Reed Heimweh

Denn so sehr die DDR den glamourösen Exilanten für ihre Propaganda einspannte – auch die Berliner Mauer rechtfertigte Dean Reed vor der Presse – so unüberbrückbar war die Distanz. Dean war nie Parteimitglied und blieb amerikanischer Staatsbürger. Die US-Flagge wehte an seinem Haus in Ost-Berlin, in vielen seiner Songs klang die Sehnsucht nach den USA an. Bis zuletzt zahlte er dort Steuern.

Doch in der DDR sank sein Stern seit den 1980er-Jahren. Seine Platten hatten keinen Erfolg mehr, sein letzter Defa-Film, die Westernkomödie „Sing, Cowboy, sing“ wurde verrissen. Mit Fernsehshows und Stadthallenkonzerten konnte er sich über Wasser halten, aber die Nachfrage nach Beatles-Medleys und nostalgischen Rock’n’Roll-Schlagern war gesunken, Dean Reed war zum Relikt einer anderen Zeit geworden.

In den 1980er-Jahren gab Dean Reed immer weniger Konzerte. Eine der Ausnahmen: ein Auftritt im Palast der Republik 1983, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu protestieren. Foto: Imago/Ulli Winkler
In den 1980er-Jahren gab Dean Reed immer weniger Konzerte. Eine der Ausnahmen: ein Auftritt im Palast der Republik 1983, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu protestieren. Foto: Imago/Ulli Winkler

Auch seine Wahlheimat nahm Dean Reed als immer autoritärer wahr, in seinen Stasi-Akten ist verzeichnet, dass er die DDR vor Volkspolizisten als faschistischen Staat bezeichnete. Dean Reed, einst Aushängeschild einer international attraktiven sozialistischen Republik, hatte das Land satt – und vor allem: Heimweh.

Das Comeback in den USA, das er sich wünschte, wurde jedoch nie Wirklichkeit. Zu sehr wurde er wahrgenommen als Propagandafigur, bestenfalls als Kuriosum. Nach einem Interview in der US-Show „60 Minutes“ wurde er mit Hasspost vom US-Publikum überhäuft. Dem Sozialismus schwor er nie ab, weder im amerikanischen Fernsehen noch in seinem Abschiedsbrief: Nach einem heftigen Streit mit seiner zweiten deutschen Ehefrau Renate Blume fand man Dean Reed am 13. Juni 1986 mit aufgetrennten Pulsadern tot im Zeuthener See, seine Asche wurde 1991 nach Colorado überführt.

Stoff für Tom Hanks und fürs Theater

Nach seinem Tod wurden Aufstieg und Fall des schillernden Stars immer wieder Gegenstand von Dokumentationen und Filmen, besonders bekannt ist Leopold Grüns „Der rote Elvis“ von 2007. Selbst Tom Hanks zeigte Interesse an dem Stoff, beerdigte das Projekt allerdings wieder, bevor es verwirklicht werden konnte.

2020 entdeckten Lars Werner und Fabian Gerhardt den Stoff für sich und brachten unter dem Titel „Iron Curtain Man“ einen Dean-Reed-Abend auf die Bühne der Neuköllner Oper. Der dramaturgische Kniff, den sie sich vom Bob-Dylan-Biopic „I’m not there“ geborgt haben, ist die vielleicht einzige Möglichkeit, einem so widersprüchlichen Menschen gerecht zu werden: Ihr Dean Reed wird von gleich sechs Schauspieler*innen verkörpert.


  • The Dean of Germany Die Neuköllner Oper bereitet ihr Stück „Iron Curtain Man“ als mehrteilige Castingshow auf. Die Darsteller*innen von Dean Reed konkurrieren um die Gunst des Publikums, die Livestreams finden vom 17. April bis 5. Mai statt. Mehr Infos hier

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