Fotografie

Günter Steffen fotografierte die „Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“

Es waren die letzten Jahre der DDR, was der Ost-Berliner Fotograf Günter Steffen aber nicht wissen konnte. Wie ein Forscher durchstreifte er in den 1980er-Jahren seine Stadt, meist morgens, wenn sie leer und verlassen war. Nur er, die Kamera und die urbane Stille. Mit seiner subjektiven Schwarz-Weiß-Fotografie hielt er die letzten historischen Momente eines untergehenden Staates fest. Steffens Bilder finden sich nun versammelt in einem eindrucksvollen Fotoband: „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Das Buch ist eine Rückbesinnung auf eine vergangene Epoche, die Steffen jenseits des bunten und fröhlichen SED-Sozialismus zeigt, sondern genau so wie sie war.

Haarfärber und Münzfernsprecher, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

Günter Steffens Bilder sind mehr als Zeitzeugnisse

Straßenecken sind Markierungs- und Begegnungspunkte in einer Stadt. Hier pissen die Hunde hin, hier läuft man jemandem über den Weg, man geht „um die Ecke“ oder wird „um die Ecke gebracht“. Kneipen, Geschäfte und Spätis sind oft „an der Ecke“. Ecken sind menschengemacht, in der Natur kommt die Ecke nicht vor. Sie ist eine Spur der Zivilisation, die erst in Metropolen ihre eigentliche Wirkung entfaltet, obwohl es im Dorf auch Ecken geben mag, wird erst in der Stadt die Ecke zur Ecke.

Vielleicht spukten Günter Steffen solche Gedanken im Kopf herum, bei einem seiner frühmorgendlichen Fotoausflüge. Er kam auch an dieser Ecke vorbei, an der „Haarfärber“ stand, ein altes Ladenschild – oder doch Werbung für ein Haarfärbemittel? Darunter ein Münzfernsprecher, in Ost-Berlin der 1980er-Jahre von essentieller Bedeutung, hatte man doch oft keinen eigenen Anschluss in der Wohnung. In der Nacht muss es geregnet haben, diffus spiegelt sich die fahle Sonne in den Pfützen.

Günter Steffens Bilder sind mehr als Zeitzeugnisse, sie sind Stimmungsbilder, die die herbe Aura der Stadt vor vier Jahrzehnten ins Hier und Jetzt transportieren. Eine Stadt im Zwielicht, eine Stadt ohne ihre Bewohner, ein Wesen aus Stein und Licht. Zwischen 1984 und 1989 schuf er seinen grobkörnigen Bildzyklus, auf dem er, wie sein Verleger schreibt, „Lebensgefühle wie Hilflosigkeit, Zerrissenheit und Wut – eine Endzeitstimmung, auch ausgelöst durch den vielfachen Verlust von Freunden, die in den Westen ausreisten“, einfing.

Dieser stillen Untergangsstimmung setzte der Herausgeber Günter Jeschonnek Fragmente aus dem 1920 in der Sowjetunion verfassten Roman „WIR“ von Jewgenij Samjatin (*1884 Lebedjan, † 1937 Paris) gegenüber. Samjatins dystopischer Text erschien im Exil und war im gesamten Ostblock verboten. So wie Steffens Fotografien porträtierte auch der russische Autor, zwei Generationen vor Steffen, das vermeintlich überlegene System als einen tristen, menschenfeindlichen Ort.

Autowrack im Hinterhof, Motiv aus "Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern" – Foto: Günter Steffen
Autowrack im Hinterhof, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

„Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“ ist kein nostalgischer Ausflug in die eigene Ost-Biografie, kein Bildband für das „so schön war es damals in der DDR“-Gefühl. Es ist ein hartes Bildnis der Hauptstadt eines Staates, der seine Bürger ausspionierte, einsperrte und mit Ideologie auflud, bis die Ideologie sich verselbstständigte und zum Bestandteil der Wirklichkeit wurde. Eines Staates, der die Stadt zwanghaft modernisierte und doch verfallen ließ. Marode Fassaden, kaputte Autos in grauen Hinterhöfen, heruntergekommene Viertel. Grau, kalt und leer wirkt bei Steffen die Hauptstadt der DDR, die von der offiziellen Propaganda als bunt, weltoffen und der Zukunft zugewandt bejubelt wurde. Keine Bilder für wohlige „Ostalgie“-Erinnerungen.

Steffen legte den Fokus auf die Stadt selbst

Günter Steffen, Jahrgang 1941, studierte in den 1960er-Jahren Physik an der Humboldt Universität, wo er bis 1976 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war, dann, mit Mitte 30, wechselte er den Beruf und wurde freischaffender Fotograf mit Schwerpunkt Dokumentar- und Straßenfotografie. Er bereiste abgelegene Regionen der Sowjetunion von wo er eindrückliche Reportagen mitbrachte, immer wieder aber fotografierte er bei sich um die Ecke. In den 1980er-Jahren war er kein rebellischer Bohemien, der in einer besetzten Wohnung hauste, sondern ein studierter Physiker und gestandener Fotograf, der das Leben in der DDR in und auswendig kannte.

Wie sein berühmter Kollege, der Ost-Berliner Fotograf Harald Hauswald, zeigte er den Arbeiter- und Bauernstaat so wie er war, authentisch, nah am Leben – wenn es so war eben desolat und zuweilen kurios. Doch während Hauswald sich vornehmlich auf die Abbildung von Menschen konzentrierte, legte Steffen den Fokus auf die Stadt selbst. Die von Menschenhand errichtete Umwelt, von der Natur losgelöst. „Der Mensch hörte erst auf, ein wildes Tier zu sein, als er die erste Mauer errichtete“, schreibt Jewgenij Samjatin an einer Stelle seines düsteren Romans „WIR“.

Parkender Trabant, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

„Blade Runner“ Made in GDR

Die Stadt als Notwendigkeit des modernen Lebens. Und so ist Steffens fotografisches Werk auch in dieser Hinsicht zu verstehen, als Versuch seine Umgebung zu fassen, sie zu begreifen und aus der zuweilen bedrückenden Realität einen höheren Sinn herauszulesen. Immer wieder kam er an eine Mauer, an die berühmteste Mauer der Welt. Von Ost-Berliner Seite wirkte das massive Bauwerk beängstigend, keine bunte Sehenswürdigkeit wie im Westen. Die Zäune, Wachtürme und Grenzanlagen könnten aus einem utopischen Science-Fiction-Film stammen: „Blade Runner“ – Made in GDR.

„Dann – wie auf ein Zeichen irgendeines irrsin­nigen Dirigenten – auf allen Tribünen prompt Gepolter, Geschrei, Gerenne“; wer sich in Samjatins Text einliest, wird den Sog in den totalitären Machtmechanismus spüren. Steffens Bilder als Assoziation und Metapher für eine Art Orwellsches „1984“ funktionieren oft, aber nicht immer, vor allem dann nicht, wenn er Orte ablichtet, deren Geschichte eindeutig auf die Zeit vor der DDR, den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich, zurückgeht. Das Clärchens Ballhaus in Mitte als Beispiel oder die Hochbahn in Prenzlauer Berg. Diese Alt-Berliner-Symbole verfügen über eine eigene Gravitation, die sich nicht vollständig von der realsozialistischen Atmosphäre vereinnahmen ließ.

Clärchens Ballhaus, Motiv aus "Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern" – Foto: Günter Steffen
Clärchens Ballhaus, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

Die Verschränkung von Samjatins Roman „Wir“ und Steffens Fotografien, zwischen beiden Werken liegen gut 60 Jahre und sie entstanden unter verwandten aber doch unterschiedlichen Hintergründen, ist ein Experiment. Es funktioniert, wenn man sich die Zeit nimmt, Bilder und Worte wirken zu lassen und den Band nicht wie ein gewöhnliches Fotobuch mit hübschen Berlinbildern durchblättert. Klar ist aber, dass der Text keine Deutung der Bilder vornimmt, noch weniger illustrieren die Bilder den Text. Viel mehr handelt es sich bei der Konstellation um ein Spannungsverhältnis zwischen einem literarischen und einem fotografischen Konzept.

Im aufschlussreichen Nachwort geht Günter Jeschonnek auf Steffens Intentionen hinter dem gezeigten Zyklus ein: „Vielleicht war es ein Zeichen innerer Auflehnung gegenüber SED-Politikern, die dem jahrzehntelangen Verfall städtebaulichen Erbes tatenlos zusahen. Möglicherweise fühlte sich der Fotograf aber mehr durch den visuellen Reiz angezogen und herausgefordert? Ebenso könnte ihn der Ausspruch des französischen Filmregisseurs Robert Bresson: „Mach’ sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre“ geleitet haben“, alle drei Möglichkeiten sind legitim. Am wichtigsten ist, dass dieses fotografische Werk, das zu seiner Entstehungszeit in der DDR wohl niemals veröffentlicht worden wäre und die vergangenen Jahrzehnte im Archiv des Fotografen schlummerte, nun zu sehen ist.


Bildergalerie: „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“, Fotos von Günter Steffen

Olles Sofa im Hof, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

An der Berliner Mauer, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

Straßenecke, Motiv aus "Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern" – Foto: Günter Steffen
Straßenecke, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

Telefonzellen und Litfaßsäule an der Ecke, Motiv aus "Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern" – Foto: Günter Steffen
Telefonzellen und Litfaßsäule an der Ecke, Motiv aus „Die Hauptstadt Ost-Berlin in den Achtzigern“. Foto: Günter Steffen

Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern von Günter Steffen (Fotos) und Jewgenij Samjatin (Text), Hartmann Books, 24 × 28 cm, 152 Seiten mit 53 Duotone-Abbildungen, Hrsg. Günter Jeschonnek, Deutsch/Englisch/Russisch, 38 €


Mehr Berlin-Fotografie

Der Berliner Fotograf Alexander Steffen durchstreift seit den 1990er-Jahren die Stadt, stets auf der Suche nach den Zeichen des Wandels. In seinem Fotobuch „Vanishing Berlin“ dokumentiert er die Veränderungen und hält das Verschwinden fest. Gottfried Schenk war zu Mauerzeiten in West-Berlin unterwegs und fotografierte Kiez und Subkultur zwischen 1975 und 1990. Richtig weit zurück geht es hier – Max Missmanns Fotografien zeigen das historische Berlin in den 1920er-Jahren.

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