Berlin verstehen

Die RAF und Berlin: 50 Jahre Rote Armee Fraktion und die Stadt

Die RAF und Berlin. 1970 gründeten Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und andere die Rote Armee Fraktion. Kurz RAF. Die linksextreme Terrororganisation, die nach dem Vorbild lateinamerikanischer Guerillagruppen operierte, hinterließ eine Spur der Gewalt und prägte nachhaltig die deutsche Geschichte. Mehr als 30 Morde werden der „Baader-Meinhof“-Bande zugerechnet. Hinzu kommen Banküberfälle, Bombenanschläge und Entführungen.

Die meisten der Taten geschahen nicht in Berlin, doch sowohl West- wie Ost-Berlin spielten eine dauerhafte Rolle in der Geschichte der RAF. 50 Jahre nach der Gründung der terroristischen Vereinigung haben wir hier die wichtigsten historischen Verbindungen der RAF zu Berlin zusammengestellt.


Die Vorgeschichte: APO, Rudi Dutschke und die Studentenbewegung

Rudi Dutschke und Fritz Teufel bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch in West-Berlin, 2. Juni 1967. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

In West-Berlin der 1960er-Jahre entstand eine vielfältige und sehr rege linke bis linksradikale Politszene. Rudi Dutschke führte die Studentenbewegung an, die Außerparlamentarische Opposition (APO) organisierte sich gegen die Bonner Parteien, in der Kommune 1 experimentierte man mit neuen Formen des Zusammenlebens, Verlage brachten Manifeste in Umlauf, dogmatische K-Gruppen diskutierten die Weltrevolution und die langhaarigen Freaks trieben sich als umherschweifende Haschrebellen herum.

Der Protest gegen den Krieg in Vietnam und der Besuch des persischen Schahs am 2. Juni 1967, bei dem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, bewegten die Gemüter. Auch wenn weder Dutschke, der politisch motivierte Gewalt ablehnte und den „Marsch durch die Institutionen“ forderte, noch die anderen Entwicklungen und Bewegungen, als unmittelbare Vorläufer der RAF angesehen werden können, so war die aufgeladene West-Berliner Stimmung für viele Linke in Deutschland anziehend.


Jugend in West-Berlin: Baader, Ensslin, Meins und Raspe in der Mauerstadt

Kurfürstendamm um 1966. Foto: Imago/Serienlicht

In West-Berlin gab es keine Sperrstunde, die Alliierten verwalteten die Mauerstadt und als Mann musste man nicht zur Bundeswehr. An der Freien Universität politisierten sich die Studenten und in den Kneipen und Nachtclubs konnte man wilde Musik hören und sich über radikale Ideen austauschen.

Auch die späteren RAF-Gründer zog es in den 1960er-Jahren in die Frontstadt. Andreas Baader kam 1963 an, lebte seine Bisexualität aus, posierte für den berühmten Modefotografen Herbert Tobias, führte eine Dreierbeziehung mit der Berliner Malerin Ellinor Michel und deren Ehemann und bewegte sich im Umfeld der Studentenbewegung und der Kommune 1.

Mitte der Sechziger kam auch die 25-jährige Gudrun Ensslin aus ihrer schwäbischen Heimat in West-Berlin an und studierte Germanistik an der FU. 1967 wurde sie Mutter, Patenonkel ihres Sohnes Felix war Rudi Dutschke.

Der Hamburger Holger Meins wechselte 1966 von der Kunstakademie in der Hansestadt an die in Berlin gerade gegründete Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb).

Und Jan Carl-Raspe hat sogar eine doppelte Verbindung zu Berlin. Das neben Baader und Ensslin dritte RAF-Mitglied, das 1977 bei der „Todesnacht von Stammheim“ Suizid beging, verbrachte seine Kindheit in Ost-Berlin. Ab 1961 lebte Raspe in West-Berlin wo er Chemie und Soziologie studierte. Über seine damalige Freundin lernte er Ulrike Meinhof kennen.


Der radikale Anwalt: Horst Mahler

RAF-Gründungsmitglied Irene Georgens und Horst Mahler während eines Gerichtsverfahrens in West-Berlin, April 1971. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

Einer der schillerndsten Figuren in der Anfangszeit der RAF war sicherlich der extravagante und als brillant geltende Anwalt Horst Mahler. Er war Mitglied einer schlagenden Verbindung, der SPD und des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). 1936 geboren, war er älter als die anderen RAF-Terroristen. Mahler kam in den 1950er-Jahren nach West-Berlin und studierte Rechtswissenschaften und war, neben dem Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele, Mitbegründer des Sozialistischen Anwaltskollektivs.

Als Verteidiger vertrat er prominente linke Aktivisten wie Fritz Teufel und Rudi Dutschke, aber auch die wegen linksextremistisch motivierter Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main angeklagten Gudrun Ensslin und Andreas Baader. 1970 war Mahler an der Gründung der RAF beteiligt und war Mitorganisator der so genannten „Baader-Befreiung“. Er wurde im Oktober 1970 verhaftet und zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1974 wurde er aus der RAF ausgeschlossen.


Die Baader-Befreiung: Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen

Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen in Dahlem, Mai 2020. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Nach der rechtskräftigen Verurteilung von Baader und Ensslin wegen der Anschläge auf die Kaufhäuser in Frankfurt am Main, tauchten die beiden unter und lebten unter anderem bei der linken Journalistin, Autorin und Filmemacherin Ulrike Meinhof in West-Berlin.

Bei einer von der Polizei fingierten Verkehrskontrolle wurde Baader am 4. April 1970 in West-Berlin verhaftet und kam in die Haftanstalt Tegel. Sofort begann Baaders engstes Umfeld, zu dem neben Meinhof und Ensslin auch Irene Georgen, Ingrid Schubert und Astrid Proll gehörten, die Befreiung zu planen.

Unter dem Vorwand eines vom Verleger Klaus Wagenbach initiierten Termin für ein Interview, das Ulrike Meinhof mit Baader zu einem Buchprojekt mit dem Titel „Organisation randständiger Jugendlicher“ führen sollte, wurde Baader am 14. Mai 1970 von seiner Zelle in Tegel in die Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Dahlem gebracht.

Anschließend wurde das Institut von Baaders Befreiern gestürmt, es kam zum Einsatz von Schusswaffen und der Verwundung eines Institutsmitarbeiters. Meinhof und Baader sprangen aus dem Fenster und flüchteten in einem gestohlenem Alfa Romeo. Die „Baader-Befreiung“ gilt als symbolische Geburtsstunde der RAF.


Neue Medien: Agit 883

Logo der linksradikalen Zeitschrift „Agit 883“. Foto: Public Domain

Wesentlich für die Terrororganisation war ihr theoretischer Überbau. Die RAF veröffentlichte Grundsatzpapiere, Manifeste und andere Dokumente. Dazu kam eine Reihe an weiteren Texten aus dem Umfeld sowie von kritischen Beobachtern und linken Intellektuellen, in denen die politischen Ziele des linksextremen Terrorismus vermittelt, analysiert und diskutiert wurden.

Die erste Erklärung der RAF erschien am 5. Juni 1970 in der linksradikal-anarchistischen West-Berliner Zeitschrift Agit 883, die aus einer Wilmersdorfer Wohnung heraus produziert wurde.


Linke Desperados: Der „Dreierschlag“ in West-Berlin

Altes Fahndungsplakat mit Fotos der RAF-Terroristen, die auch als Baader-Meinhof-Bande bezeichnet wurde. Es wurde eine Belohnung von 100.000 DM ausgelobt. Foto: Imago/Gottfried Czepluch

Das Leben im Untergrund ist teuer und auch für die Revolution, selbst wenn es eine kommunistische und antiimperialistische sein soll, braucht man Geld. So hatte ein nicht geringer Teil der RAF-Aktivitäten das Ziel der Geldbeschaffung.

Bereits in den Anfangstagen überfielen RAF-Terroristen bei dem so genannten „Dreierschlag“ drei Banken in West-Berlin und erbeuteten gut 200.000 DM. Knapp zwei Wochen nach den Banküberfällen wurden in dem Zusammenhang unter anderem Horst Mahler und Irene Georgens verhaftet.


Paralleler Terror: Die Bewegung 2. Juni

Polizisten vor dem Haus des entführten CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz, Februar 1975. Foto: Imago/Sven Simon

Die Radikalisierung der linken Szene schritt nach der Gründung der RAF voran. Im Januar 1972 gründete sich in West-Berlin die Bewegung 2. Juni, benannt nach dem Tag im Jahr 1967, an dem der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg während der Demonstration gegen den Schah erschossen hat.

1975, nicht lange vor dem „Deutschen Herbst“, kam es in West-Berlin zu dem spektakulärsten Fall von linksradikalem Terrorismus: Wenige Tage vor der Berliner Abgeordnetenwahl am 27. Februar 1975, entführten Mitglieder der Bewegung 2. Juni den Vorsitzenden der Berliner CDU Peter Lorenz.

Lorenz sollte gegen sechs inhaftierte Terroristen, darunter auch Mitglieder der RAF, ausgetauscht werden. Anfang März 1975 kam es zu der Einigung, wobei Mahler den Austausch ablehnte. Die restlichen befreiten Gefangenen wurden in den Südjemen ausgeflogen. Lorenz, der unter anderem in der Kreuzberger Schenkendorfstraße gefangen gehalten wurde, kam am 4. März 1975 frei.


Unterstützerszene: Rote Hilfe, Demos und Sympathisanten

Protest von RAF-Symphatisanten, 1974. Foto: Imago/Klaus Rose

Der „bewaffnete Kampf“ sorgte innerhalb der linken Szene für eine Spaltung. Während die APO und Studentenbewegung noch Zehn- wenn nicht Hunderttausende mitreißen konnten, bestand die RAF in der gesamten Zeit ihres Bestehens insgesamt aus kaum mehr als 60-80 Mitgliedern. Hinzu kam, vor allem in den Jahren bis 1977, noch ein Unterstützerkreis. Die so genannten „Sympathisanten“.

Man organisierte sich in verschiedenen Gruppen, etwa der Roten Hilfe, die u.a. inhaftierte RAF-Mitglieder unterstützte, und zeigte sich bei Beerdigungen, etwa von Holger Meins (1974) und Ulrike Meinhof (1976), die auf dem Dreifaltigkeitskirchhof III in Mariendorf bestattet wurde.

Bis zum „Deutschen Herbst“ und der „Todesnacht von Stammheim“ war die Zahl der Sympathisanten in West-Berlin noch relativ hoch. Spätestens danach erfolgte eine Ernüchterung und viele ideologische Weggefährten und „Brüder und Schwestern im Geiste“ wendeten sich endgültig von der RAF ab.


RAF-Papiere: Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front

Die RAF wandelte sich in den 1980er-Jahren. Die „Erste Generation“ gehörte der Geschichte an, auch die „Zweite Generation“ war größtenteils tot oder verhaftet und die „Dritte Generation“ ein Gespenst. Man kannte wenige Namen der noch aktiven Mitglieder, es gab immer weniger Verhaftungen, doch die Attentate, Morde und Sabotageakte waren nicht weniger brutal.

Die Strategie der Dritten Generation fasste ein im Mai 1982 veröffentlichter Text zusammen. Das so genannte „Mai-Papier“ oder „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“, beschrieb die Kooperation mit Internationalen Terrorgruppen und präzise Angriffe. Die letzte Grundsatzschrift der RAF wurde auch von der taz abgedruckt.

Angeblich suchten die RAF-Terroristen in den frühen 1980er-Jahren auch in der West-Berliner Hausbesetzerszene nach Unterstützern.


RAF, Stasi und die DDR: Aufnahme von Aussteigern

Der Flughafen Schönefeld, 1982. Foto: Imago/NBL Bildarchiv

Ab 1980 kam es zur Aufnahme von RAF-Aussteigern in der DDR. Viele der ehemaligen Terroristen kamen aus dem Exil über den Flughafen Schönefeld in die Hauptstadt der DDR und wurden dort mit falschen Identitäten ausgestattet, die ihnen ein normales Leben im SED-Staat ermöglichen sollten.

Heute weiß man von zehn Personen, die als RAF-Aussteiger in der DDR Unterschlupf fanden. Das Ministerium für Staatssicherheit war bei dem Vorgang federführend. In der Wendezeit flogen die untergetauchten RAF-Terroristen auf und wurden an die BRD ausgeliefert.


Das Ende der RAF

Am 20. April 1998 gab die RAF ihre Auflösung bekannt. Insgesamt 34 Menschen haben RAF-Terroristen getötet, zudem starben 26 Menschen aus den Reihen der RAF, Bewegung 2. Juni, der Revolutionären Zellen und des Umfelds. 2011 wurde mit Birgit Hogefeld das letzte noch inhaftierte RAF-Mitglied aus dem Gefängnis entlassen.


Die Zeit danach: Ausstellungen, Filme und Romane

Besucher betrachtet Artikel in der RAF-Ausstellung „Die Vorstellung des Terrors“ im KW Institute for Contemporary Art, 2005. Foto: Imago/IPON

Auch 50 Jahre nach ihrer Gründung und 22 Jahre nach der Auflösung, gehört die RAF zu den einschneidendsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der linksradikale Terror hat die Gesellschaft verändert. Er nahm Einfluss auf die Entwicklung der linken und alternativen Szenen, er prägte Politik, Polizeiarbeit und Justiz und nicht zuletzt die Kulturlandschaft.

Ungezählte Bücher, Filme, Theaterstücke und Ausstellungen haben sich mit dem Phänomen RAF auseinandergesetzt. Die Regisseure Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder, Christian Petzold und Uli Edel drehten Filme über Baader, Ensslin, Meinhof und die Konsequenzen des linken Terrorismus. Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmete der RAF im Jahr 2015 eine umfassende Ausstellung und das KW Institute for Contemporary Art (Kunst-Werke) beleuchtete bereits 2005 die Zusammenhänge in der Ausstellung „Vorstellung des Terrors und die Vorstellung der RAF“.


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