Berliner Gedenktafel

Erinnerungen an Wolfgang Neuss und die Lohmeyerstraße 6

Vom “Mann mit der Pauke” zum “zahnlosen Späthippie”: Wolfgang Neuss, der sagenumwobene Kabarettist, Schauspieler und Kiffer, wird am 15. September 2022 mit einer Berliner Gedenktafel an seinem Charlottenburger Haus gewürdigt. Alfred Holighaus war in den 1980er-Jahren erst Film- und dann Chefredakteur beim tip und hat Neuss hautnah erlebt. Erinnerungen an die verqualmten Zeiten in der Lohmeyerstraße 6, wo Neuss der Legende nach mietfrei wohnte, und stets jemanden um sich hatte, der ihm die Joints drehte.

Besuch bei Wolfgang Neuss: Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt sind vorbeigekommen, Wolfgang Neuss sitzt auf dem Boden, die beiden Besucherinnen sind namentlich nicht überliefert. Die Aufnahme entstand um 1985. Foto: Imago/Rolf Hayo

Wolfgang Neuss – wacher Geist mit Schnauze

2500 Meter. So weit hatte sich Wolfgang Neuss schon lange nicht mehr aus dem Fenster seiner Dreizimmerwohnung im zweiten Stock der auffällig unauffälligen Lohmeyerstraße 6 unweit des Schlosses Charlottenburg gelehnt (damals noch 1 Berlin 10). Er ging zwar regelmäßig ums Eck, ins Café Möhring an der Otto-Suhr-Allee, um feste Nahrung in Form eines Frühstückseis einzunehmen. Aber die 2500 Meter bis zur Filmbühne am Steinplatz, die er Anfang Dezember 1981 zurückgelegt hatte, waren eine kleine Weltreise, knapp 4000 Schritte für den Mann, der seine Tage seit Jahren im Schneidersitz verbrachte. Und es war auch ein großer Schritt in eine letzte, eine einzigartige Epoche des westdeutschen Kabaretts. Wolfgang, dieser entspannte Kiffer, schien ihr ein esoterisches Antlitz zu verleihen, im Grunde aber schenkte er ihr seinen wachen Geist.

In der Filmbühne am Steinplatz, die damals ihren Namen noch zurecht trug, weil sie über eine Leinwand verfügte, war Wolfgang Neuss der Ehrengast der Buchpremiere seines Freundes, Biografen und Nachlassverwalters Volker Kühn. Der präsentierte sein „Wolfgang-Neuss-Buch“, eine unverzichtbare Sammlung mit Texten von dem und über den Mann mit der Pauke, ein Rückblick, der an diesem Tag, an dem auch Wolfgangs Mitläufer-Satire „Wir Kellerkinder“ über ein erstauntes Publikum hereinbrach, einen Anfang setzen sollte. Nolens volens, gewollt oder nicht. Es lief auf ein gesollt hinaus.

Wolfgang Neuss stand plötzlich und unerwartet (?) auf und machte Programm

Denn Wolfgang Neuss stand plötzlich und unerwartet (?) auf und machte Programm. Ich hatte den Auftrag, für den tip ein Interview mit ihm zu führen, also setzte ich mich – unbekannt und ungefragt – nach seinem grandiosen Comeback zu ihm und Rainer Hachfeld an den Tisch und lud mich in die Lohmeyerstraße 6 ein.

Als ich ein paar Tage später dort aufgeregt auftauchte, schenkte er mir erst einmal einen ein: Der dogmatische Drogen-Philosoph geißelte meine Vorliebe für Flüssiges (die an dem Abend aufgefallen sein musste…) – und ließ mich dennoch zum gelegentlichen Mitglied der Kifferrunde werden. Ich hatte an diesem Tag eine ziemlich billige Zigarre dabei. Die natürliche Schwere ihres Duftes hinterließ ich in Zukunft nach jedem meiner Besuche in der Lohmeyer 6.  Auch als wir den ersten und einzigen Beitrag von Wolfgang Neuss für den tip vereinbarten: Zum elften Bühnenjubiläum der Drei Tornados führte er 1988 ein hinreißendes Interview mit Arnulf Rating, Holger Klotzbach und dem 1993 verstorbenen Günther Thews, bei dem er sie gelegentlich sogar zu Wort kommen ließ.

Der Eintritt in die Lohmeyerstraße 6 war übrigens nicht immer frei. Wolfgang Neuss entschied gerne spontan, ob ein Gespräch mit gebührenpflichtig oder gebührenfrei sein sollte. Unbezahlbar war es so oder so.

Text: Alfred Holighaus


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