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Hildegard Knef: Die Frau des Jahrhunderts

Im Jahr 1925 wurde Hildegard Knef geboren. Schauspielerin, Bestseller-Autorin, Chanson-Sängerin, Antifaschistin – die Berlinerin, 2002 verschieden, war eine Wucht.

Hildegard Knef (1925–2002) war Filmstar, später Sängerin, Bestseller-Autorin und Vollzeitlegende. Foto: Imago/Pond5 Images/Gordon Parks/The LIFE Picture Collection

Hildegard Knefs Karriere begann mit „Die Mörder sind unter uns“

Diese Frau, die das Lebensgefühl einer Stadt personifiziert hat, auf eine ganz beiläufige Weise, ist im Trümmerdeutschland zum Star geworden. 20 Jahre alt war Hildegard Knef gerade einmal, als sie sich im Jahr 1946 einen Namen machte, in dem Nachkriegsdrama „Die Mörder sind unter uns“, dieser antifaschistischen Großtat von Wolfgang Staudte aus der DEFA-Schmiede.

Eine junge Heimkehrerin aus dem KZ, die sich im zerbombten Berlin eine Existenz aufbaut, spielte sie darin. Mit einem ehemaligen Feldarzt bandelt die Protagonistin an, ein Mannsbild, das kein Nazi ist, vielmehr ein waidwunder Rekonvaleszent, dem das Klima der Gewalt in den Jahren zwischen 1933 und 1945 zugesetzt hat. Zusammen müssen die beiden erleben, wie jene Leute, die eben noch grausamste Nazi-Verbrechen begangen haben, sich nun feuchtfröhlich unter neuer Identität in der Berliner Gesellschaft bewegen. Als habe es Hitler, SS und Auschwitz nie gegeben.

Was für ein Karrierestart: BRD und DDR waren nicht einmal gegründet, da beteiligte sich die Knef schon an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Vor 100 Jahren, am 28. Dezember 2025, wurde sie in Ulm geboren. Schon ein halbes Jahr später lebte das Kind in Berlin, Knef wuchs in Schöneberg auf. Der leibliche Vater war noch im Schwabenland an Leukämie zugrunde gegangen. Ihre Mutter zog sie groß, später auch deren neuer Ehemann, ein Schuhmachermeister und Lederfabrikant. Ein Mädchen aus der etablierten Mittelschicht, das sich zur Trickfilmzeichnerin ausbilden ließ und noch in der NS-Zeit die Schauspielerei erlernte.

Hildegard Knef war Filmstar, später Sängerin, Bestseller-Autorin und Vollzeitlegende.

Ihre schnoddrige und unsentimentale Grandezza war die Triebfeder ihres massentauglichen Images. In dieser illusionslosen Grundhaltung wollten sich die meisten Berlinerinnen und Berliner, Vertreter eines Menschenschlags, der jedwede katholisch-barocke Gefühlsduselei scheut, nur allzu gern spiegeln. Auf der B-Seite ihres Über-Hits „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ (1968) croonte sie in ihrem besten Song mit selbstironischer Verve: „Ich kam im tiefsten Winter zur Welt / hab’ dreimal geniest, mich müde gestellt / der Vater war wütend, er wollt’ einen Sohn / ich sah mich so um und wusste auch schon / von nun an geht’s bergab.“

Wer war diese alles in allem widerstandsfähige Person?

Der Erfolg katapultierte sie früh in die USA, wo ihr Stern vor allem in den 50ern erglühte. Mit der Gunst des Publikums im Land der Piefkes war das nämlich zunächst so eine Sache gewesen: In der spießigen Adenauer-Republik geriet sie 1950 vorerst zur persona non grata – nach ihrer Nacktszene in „Die Sünderin“, einem damals provokanten Film, der um Tabus wie Prostitution und Suizid kreiste. So war der Ruf Hollywoods ihre Exit-Strategie. Dort hatte das „Life“-Magazin längst vom „new German star“ geschwärmt.

In den Vereinigten Staaten spielte sie mit Gregory Peck und Ava Gardner in „Schnee am Kilimandscharo“, als Vertragskünstlerin von 20th Century Fox. Eine von mehreren US-Produktionen, die die Exilantin im Abspann aufführten. Sie glänzte aber auch am Broadway mit einer Hauptrolle in dem Cole-Porter-Musical „Silk Stockings“ – in der Nachfolge von Greta Garbo.

Mit Marilyn Monroe teilte sie sich den Schminktisch (O-Ton Knef: „Eine ganz feinfühlige, verängstigte Frau“). Ihre Ziehmutter im US-Showbiz: Marlene Dietrich, damals schon ein altes Eisen in der dortigen Filmindustrie. Sie wählte ihre Kleidung aus. Eine exquisitere Modechefin konnte es nicht geben.

Ihr existenzialistischer Glamour war Signum für den modern way of life

„Man muss an das glauben, was man tut – und ab und zu etwas aufmüpfig sein“, philosophierte sie. Ihre eiskühlen Augen funkelten im Spionagethriller „Gefährlicher Urlaub“, im Historiendrama „Katharina aus Russland“, in der Frank-Wedekind-Verfilmung „Lulu“, im Italo-Actionstreifen „Die Furchtlosen von Parma“.

Als sie in den 60er-Jahren wieder stärker in der Bonner Republik präsent war, hatte das ehemals so versteinerte Land sich etwas gelockert. In dieser Atmosphäre, begünstigt von Studentenbewegung, Popkultur und Konsumrausch, geriet der existenzialistische Glamour ihres Auftritts zum Signum für den modern way of life. Jedenfalls in der Wahrnehmung jener Otto Normalverbraucher, die am TV-Tisch vor dem Grundig-Fernseher träumten. Wo sonst „Hörzu“ und „Funkuhr“ die Tore zur Welt waren.

Hildegard Knef: Melancholischer Soundtrack für Berlin

Hildegard Knef reüssierte jetzt auch in der Unterhaltungsmusik. Wieder einmal Berlin: Mit ihrem trockenen Chanson-Pop vertiefte sie die Beziehung zu den Leuten zwischen Ku’damm und Krumme Lanke. Die Göre aus Schöneberg, die um die Rolle der Tribunin nie gebuhlt hatte. Ein melancholischer Soundtrack für die Stadt, der selbst eine schwer charakteristische Band wie Element of Crime inspiriert haben dürfte. Knapp 20 Langspielplatten hat sie bis zu ihrem Tod aufgenommen.

Ich habe mehr überlebt als gelebt

Hildegard Knef

Ein Knüller ihr Buch „Der geschenkte Gaul“ von 1970: millionenfach verkauft, in 17 Sprachen übersetzt. Eine autobiografische Halbzeitbilanz. Deren Moral: Ihr Körper, ihre Seele sind mitnichten die Hochleistungsorgane eines Paradepferds. Sondern die Plagen eines Gauls, mehr geschunden als gehätschelt. Im Lauf ihres Lebens erkrankte Hildegard Knef an Meningitis, Typhus, Brustkrebs, später an einem Lungenemphysem. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs schlug ihr ein Rotarmist einen Gewehrkolben versehentlich gegen den Kiefer, ein Unfall, den sie mit medizinischen Scherereien bezahlte.

60 Operationen musste sie insgesamt während ihres Daseins ertragen. „Ich habe mehr überlebt als gelebt“, offenbarte sie.

Hildegard Knef war drei Mal verheiratet, und ja, sie fungierte als Rollenmodell für weibliche Unabhängigkeit. Aus ihrem Arbeitsethos hat sie derweil keinen Hehl gemacht. Kunst ist harte Fron – und keine ingeniöse Zauberei.

Hildegard Knef in einem TV-Studio in den späten 1960er-Jahren. Von Eric Koch für Anefo - Nationaal Archief, CC0, via Wikimedia
Hildegard Knef in einem TV-Studio in den späten 1960er-Jahren. Von Eric Koch für Anefo – Nationaal Archief, CC0, via Wikimedia

Zur Wahrheit gehört auch, dass in ihrem darstellerischen Werk in der zweiten Lebenshälfte viel Mittelmaß gewesen ist. So partizipierte sie an der eher zuckrigen Verfilmung von Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ von 1976. Und sie fand sich immer häufiger in TV-Konfektionsware wieder. Darunter 1990 eine Performance in der RTL-Serienschmonzette „Ein Schloss am Wörthersee“.

In den 90ern schwanden die Kräfte

Zuvor, im Jahr 1987, hatte sie am Theater des Westens einmal mehr die Herzen der Berliner erobert, als Pensionsbetreiberin „Fräulein Schneider“ im Musical „Carbaret“ – nachdem sie aus der In-Liste gefallen war. Ein Facelifting beschäftigte die Klatschpresse.

In den 90ern schwanden ihre Kräfte. Gerüchte über Schulden machten die Runde. In der Tat stand sie in der Kreide – wegen der vielen Aufenthalte in Krankenhäusern, womöglich auch wegen der kostspieligen Pflege einer Tochter mit einer Behinderung an der Hüfte. Wohl aber ebenso, weil ihr der Umgang mit Geld nicht so lag. 1999 noch einmal ein zeitgenössisches Update ihrer Persona: Jazz-Guru Till Brönner produzierte ihr letztes Album „17 Millimeter“.  2002 ist die phänomenale Hildegard Knef in einem Zehlendorfer Klinikum an einer Lungenentzündung gestorben.


2025 – die große Hildegard-Knef-Party

Im Jahr des 100. Geburtstag der Knef, der im kalendarischen Sinne erst am 28. Dezember 2025 steigt, steckt jetzt schon jede Menge Musik. Ein Überblick:

„Ich will alles – Hildegard Knef“

Film Eine biografische Betrachtung, die auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“ gezeigt wird. Dargestellt werden Höhen und Tiefen einer lebenshungrigen Frau, die sich den Konventionen ihrer Zeit widersetzte. Regie führte Luzia Schmid. Unsere Berlinale-Texte sind hier gesammelt.

  • Vorführtermine während der Berlinale (13.–23.2.), Website

Christian Schröder: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“

Buch Eine Wiederaufbereitung der Biografie „Mir sollten sämtliche Wunder begegnen“, die der Kulturjournalist Christian Schröder schon 2004 in die Erinnerungslandschaft platziert hat.

  • ebersbach & simon 144 S., VÖ: 19. März 2025

Tim Fischer singt Hildegard Knef

Bühne Der Chansonnier und Conférencier Tim Fischer, bekannt für die Einverleibung nostalgischer Revue-Nummern, schlüpft in die Rolle seines Idols.

  • Bar jeder Vernunft Schaperstr. 24, Wilmersdorf, mehrere Termine zwischen Di, 4.3. und Do, 13. 3., jeweils 20 Uhr, Website

Irmgard Knef

Der Theatermacher Ulrich Michael Heissig lässt die Geburtstagsqueen auferstehen – im Identitätskleid der fiktiven Schwester Irmgard Knef.

  • Bar jeder Vernunft Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Sa, 1.2., 20 Uhr, und So, 2.2., 19 Uhr, 
    Website

„Ich glaube, ’ne Dame werd‘ ich nie“

Ein kleines Ensemble porträtiert die Berühmtheit mit musikalischen Einlagen. Dabei erklingen auch Knef-Songs.

  • Theater im Palais Am Festungsgraben 1, Mitte, Sa. 8.2., 19.30 Uhr, Website

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Sie prägten die Stadt und schrieben Geschichte: 12 bemerkenswerte Berliner Frauen. Von Knef bis Brecht zeigen wir euch hier, wo wichtige Menschen in Berlin begraben liegen. Hildegard Knefs Grab ist eine Pilgerstätte für Musikfans. Wer die Stadt verstehen will, muss diese Berliner Berühmtheiten kennen.

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