Architektur

200. Geburtstag von James Hobrecht: Er erfand das moderne Berlin

Vor 200 Jahren, am 31. Dezember 1825, wurde der legendäre Stadt­entwickler James Hobrecht ge­boren. Ob Generalplan, Kana­lisa­tion oder Brückenbau: Im 19. Jahr­hundert hat er der heutigen Stadt ihre Form gegeben  

Hobrechtstraße in Neukölln: eine der wenigen Orte in Berlin, die an den bedeutenden Stadtplaner erinnern. Hier wird James Hobrecht als „Konstrukteur und Erbauer der Kanalisation im alten Berlin“ gepriesen. Foto: Imago/Steinach

Es muss sich für James Hobrecht, diesen aufstrebenden Funktionär, der im Jahr 1859 gerade einmal 34 Jahre alt war, wie eine Thronbesteigung angefühlt haben. Eben ist der Bauernsohn, geboren in Memel an der Ostsee, noch ein Diensthabender im Mittelbau des preußischen Beamtenstaats gewesen. An der Installation einer Bahnstrecke zwischen Küstrin und Frankfurt an der Oder hat er sich in den Jahren zuvor beteiligt.

Nun soll der Infrastrukturexperte der Kapitale an der Spree eine Gestalt geben. Förderer haben sein Talent erkannt.

Einen „Bebauungsplan für Berlin und die Umgebungen Berlins“ muss der junge Bauingenieur entwickeln – als Leiter einer Planungskommission. In einer Stadt, deren Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert rasant wächst. Ein Verlauf so steil wie viele andere Aufwärtstrends im Stakkato des allgemeinen Fortschritts: ob die Produktivität der Fabriken oder das Tempo der Lokomotiven.

Den Auftrag erteilt Regent Wilhelm I. höchstpersönlich. Eine Strukturierung, die fällig ist: Längst haben sich dicht bevölkerte Ansiedlungen rund um den den historischen Stadtkern von Alt-Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und den ursprünglichen Nukleus Berlin gebildet. Die kleine Residenzstadt der monarchischen Elite ist zur Metropole mit einer halben Million Einwohner angeschwollen.

Doch ob im heutigen Mitte oder in Gegenden wie Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf, Treptow und Lichtenberg: Der Agglomeration fehlt eine Struktur. Ein Stadtentwicklungskonzept, wie es heutzutage Senatoren im Roten Rathaus aufstellen würden.

Eine frühere Arrondierung von Grund und Boden, ersonnen in den späten 1820ern vom damaligen Oberbaurat Johann Carl Schmid, passt nicht mehr zu den Erfordernissen des Industriezeitalters.

Als „Hobrecht-Plan“ wird die neue Kartografierung in die Annalen eingehen. Bedacht hat James Hobrecht, der an der Bauakademie am Schinkelplatz sein Fach gelernt hat, ein 70.000-Hektar-Areal. Übrigens im Rang eines Regierungsbaumeisters der Königlichen Polizei, einer Großbehörde, die damals für Bauaufsicht und Stadtplanung zuständig ist.

Er avanciert damit zum Geburtshelfer des modernen Berlins. Gerühmt, aber auch verdammt.

James Hobrecht sorgt für Ausfallstraßen, die in die Vororte führen. Ungewöhnlich breit, strahlenförmig arrangiert. Diese Chausseen prägen noch heute das Erscheinungsbild. Hier nur ein paar Beispiele: die Müllerstraße im Wedding, die Potsdamer Straße in Schöneberg, die Frankfurter Allee in Friedrichshain. Ebenso plant er Ringstraßen. Dazwischen lässt er Platz für teils riesige Wohnbebauungsflächen.

Am 2. August 1862 tritt der Plan in Kraft, durch „allerhöchste Cabinets Ordre“. 

James Hobrecht und seine Kollegen: eine frühe europäische Öffentlichkeit

Das Opus Magnum legt er hin in einer Zeit, in der Maestros auch andernorts ganze Großstädte am Tisch entwerfen. Beispielsweise Georges-Eugène Haussmann in Paris, ein Präfekt, der an der Seine den Klassizismus zum Leitmotiv erklärt. In der geistreichen Atmosphäre einer frühen gesamteuropäischen Öffentlichkeit befruchten sich die Innovatoren. Stadtplaner in Tokio und Moskau lassen sich von Hobrechts baukulturellem Esprit inspirieren.

In Berlin wird derweil sozialen Nöten der Boden bereitet. Der Grund: Die umfangreiche Wohnbebauung im Zuge des „Hobrecht-Plans“ wird dem zügellosen Spiel der Märkte überlassen. Eine Carte Blanche für Spekulanten und Baulöwen, die die weiträumigen Blöcke in den darauffolgenden Dekaden mit trutzigen Mietskasernen vollpflastern. Fast ohne Regulierung. Massenunterkünfte für Hunderttausende, in deren Behausungen schon bald das Elend grassiert.

James Hobrecht begibt sich indessen nach Stettin, wo er als Baustadtrat weitere Tatsachen schafft – ehe er in den 1870er-Jahren in die Hauptstadt des nunmehr gegründeten Kaiserreichs zurückkehrt. Inzwischen eine Millionenstadt, wo teils noch immer mittelalterliche Zustände herrschen.

Es geht um die hygienischen Verhältnisse: Exkremente ergießen sich über die Rinnsteine an den Straßen und Plätzen – furchterregender denn je. Abgeleitet werden sie im boomenden Moloch aus Wohngebäuden, in denen das Proletariat oftmals auf engsten Raum den Alltag bewältigen muss. Manchmal schwimmt die Jauche auch in Sickergruben. Seuchen wie die Cholera reißen Unglücksraben in den Tod.

James Hobrecht auf einem Holzstich, der im Jahr 1882 gefertigt wurde. Der studierte Ingenieur wurde in Memel geboren. Topografische Aufnahme: Ferdinand Boehm

Hobrecht, jetzt Chefingenieur der Kanalisation, entwickelt ein bahnbrechendes Abwassersystem. Er zergliedert das Stadtgebiet in zwölf Bereiche, deren sanitäre Ausflüsse jeweils in große Pumpwerke strömen. Von dort wird das Abwasser als Dünger auf Rieselfelder im Umland geleitet. Diese sogenannten Radialsysteme machen bald auch Schule in anderen Ballungsräumen.

Damit nicht genug: Von 1885 an verewigt sich Hobrecht als Stadtbaurat für Tiefbau-Angelegenheiten in der urbanen Textur. So begradigen Arbeiter unter seiner Hand die innerstädtische Spree. Stein auf Stein gegen Überflutungen. Zugleich werden 28 Brücken errichtet; einige Konstruktionen gestaltet er selbst.

Mit 76 stirbt James Hobrecht am 8. September 1902.

Später leidet James Hobrechts Reputation

Nach seinem Tod rückt sein Erbe zeitweise ins Zwielicht. Vor allem wegen eines Bestsellers, der mehrere Epochen später erscheinen wird. Genau genommen 1930 in der Weimarer Republik. Die Abrechnung heißt „Die steinerne Stadt“, der Autor ist der Publizist Werner Hegemann. Der einstige Visionär soll demnach Armut und Segregation befördert haben. Sein „Hobrecht-Plan“ habe die berüchtigten Mietskasernen ermöglicht, jene „Zille-Burgen“, in denen sich die Klassengesellschaft manifestiert. Besonders in den krisenhaften Zwanzigern.

Heute gilt James Hobrecht in der Urbanistik als rehabilitiert. Vor allem der Ruf der Mietskasernen habe sich enorm verbessert, urteilt Harald Bodenschatz, eine Eminenz der Stadtplanung, unter anderem als assoziierter Professor an der Technischen Universität tätig. „Sie sind letztlich die bauliche Voraussetzung für die bis heute stadtprägende Berliner Mischung, die verschiedene Milieus ebenso zusammenbringt wie Wohn- und Gewerbenutzung.“

Das große Wohnelend, wie es sich im späten 19. Jahrhundert ausbreitet, hat der Reformist wohl eher nicht gewollt. Vielmehr hat er die kapitalistische Dynamik unterschätzt. Noch 1868 beschwört er in seiner Schrift „Über die öffentliche Gesundheitspflege“ den Versuch einer sozialen Ausbalancierung: „In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns auf dem Weg nach dem Gymnasium.“

Ein anderer Streitpunkt in Hobrechts Vermächtnis: In seinem Generalplan hat er die Zugkraft des innerstädtischen Bahnverkehrs, ob ober- oder unterirdisch, nicht kommen sehen. Nachfahren holen das Versäumnis nach.


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James Hobrecht war nicht der einzige Stadtplaner, der Berlin beeinflusst hat. Auch Visionäre wie Peter Joseph Lenné im 19. Jahrhundert oder Werner Düttmann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben der Metropole ihre Stempel aufgedrückt. Ein historischer Meilenstein war übrigens die Konstituierung von Groß-Berlin im Jahr 1920, als etliche Orte wie Wilmersdorf, Schöneberg, Neukölln oder Lichtenberg eingemeindet wurden. Seither ist Groß-Berlin, diese zusammengewürfelte Millionenstadt, auch immer ein Work-in-Progress-Projekt. Davon zeugt auch die lange Liste von architektonischen Plänen, die nie vollendet worden sind, darunter das Marx-Engels-Forum zu Zeiten Ost-Berlins oder in der Nachwendezeit ein Reichstagsgebäude in neuem Gewand.

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