Berliner Straßen

Die Kastanienallee: Die Geschichte der Berliner Straße in 12 Fotos

Die Kastanienallee, das ist Berlin! Sie geht zurück auf einen einflussreichen Mann im frühen 19. Jahrhundert. Wilhelm Griebenow war Grundbesitzer, eine Straße, die zum Zionskirchplatz führt, erinnert bis heute an ihn. Um 1826 ließ er eine Verlängerung des Weinbergswegs anlegen. Die knapp einen Kilometer lange Strecke war umsäumt von zwei Reihen Rosskastanien, denen sie ihren Namen verdankt: Kastanienallee.

Kastanienallee in Prenzlauer Berg.
Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Steinach

Wie sonst nur der Kollwitzplatz ist die Kastanienallee heute Symbol für die Veränderungen in Prenzlauer Berg. Dem Aufstieg des Stadtteils von einem leicht maroden Arbeiterviertel, in dem sich in den 1980er-Jahren die Ost-Berliner Boheme angesiedelt hat, hin zu einem Wohlfühlparadies für gutbetuchte Akademikerfamilien mit ökologischem Gewissen.

Restaurant, Boutiquen, Cafés und kleine Geschäfte bestimmen das Bild der Promenade, die bei Touristen beliebt und bei Einheimischen umstritten ist. „Castingallee“ war einst der abfällige Spitzname. Gehasst und geliebt ist sie, die Kastanienallee. Ihre Geschichte erzählen wir anhand von 12 Fotos.


DEFA-Filmtheater

Das DEFA-Filmtheater in der Kastaniensllee, Aufnahme um 1950.
Das DEFA-Filmtheater in der Kastanienallee, Aufnahme um 1950. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R91746 / CC-BY-SA 3.0

Der Prater ist eine der wichtigsten Institutionen entlang der Kastanienallee. Schon im frühen 20. Jahrhundert strömten die Berliner auf das Vergnügungsgelände mit Biergarten. Auch ein Kino gehörte bis 1965 zum Areal. Das DEFA-Filmtheater Kastanienallee in der Kastanienallee 7-9. Später zog die Volksbühne in das Gebäude.

Heute ist das Lichtblick-Kino in der Hausnummer 77 für die Versorgung der Nachbarschaft mit cineastischen Perlen verantwortlich. Und der Prater-Biergarten, Berlins dienstältestem Biergarten überhaupt, wird auch heute noch Frischgezapftes ausgeschenkt, und gut essen kann man dort auch.


Sozialistischer Wohnungsbau

Wohnungsbau: Ein großer Wohnblock ist an der Schwedterstrasse, Ecke Kastanienallee, entstanden. Aufnahme um 1958.
Wohnungsbau: Ein großer Wohnblock ist an der Schwedterstrasse, Ecke Kastanienallee, entstanden. Aufnahme um 1958. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-59692-0001/CC-BY-SA 3.0

Die Kastanienallee und Umgebung gehört zu den beliebtesten Wohngegenden der Stadt. Doch schon vor mehr als einem halben Jahrhundert investierten Wohnungsbaugesellschaften in die Verbindungsstraße zwischen Mitte und Prenzlauer Berg. Das Foto zeigt einen 1958 fertiggestellten Wohnungsblock an der Ecke Schwedter Straße.


Hochbahn

Kreuzung Schönhauser Allee/ Danziger Str./ Kastanienallee, Aufnahme um 1970.
Kreuzung Schönhauser Allee/ Danziger Str./ Kastanienallee, Aufnahme um 1970. Foto: Imago/Gerhard Leber

Die Mündung der Kastanienallee an der Kreuzung Schönhauser Allee, Danziger Straße. Schon 1970 war hier der Trubel der Stadt zu spüren, während die Kastanienallee selbst noch halb im Dornröschenschlaf lag. Die Hochbahn fuhr damals genauso wie heute über die eisernen Gleise und sorgte für die urbane Beschallung.


Eckneipen

Eckkneipe Kastanien-Eck, Aufnahme vom Oktober 1985. Foto: Imago/Christian Thiel

Von Hipstern und Szenegastronomie noch keine Spur. Mitte der 1980er-Jahre schien die DDR noch unerschütterlich und die Kneipen in Prenzlauer Berg, wie diese an der Ecke Oderberger Straße und Kastanienallee, hießen ganz schnöde „Kastanien-Eck“. Hier ging Vater nach Feierabend eine Molle zischen.


Schlange stehen

Menschenschlange vor einem Elektrofachgeschäft, um 1986. Foto: Imago/Christian Thiel

Geschäfte gehörten und gehören zu der Kastanienallee dazu. Auch vor dem Mauerfall kam der Kiez und manchmal auch Kundschaft von außerhalb, um sich mit Fahrradteilen, Eisenwaren oder wie hier auf dem Foto, Elektrogeräten zu versorgen. Schlange stehen war in der DDR Alltag.


Hausbesetzungen

Besetztes Haus in der Kastanienallee, 15. April 1990. Foto: Imago/PEMAX

Nach der Wende veränderte sich alles. Statt in Kreuzberg besetzten die Leute nun Häuser in Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Auch die Kastanienallee gehörte in den frühen 1990er-Jahren zu den Zentren der linken Szene. Bis heute zeugen einige Hausprojekte und ehemals besetzte Häuser von der Aufbruchsstimmung nach der Wende.


Sanierungen

Kastanienallee 12 vor der Sanierung, 28. April 1999. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Im Osten verfielen die Altbauten, es gab viel Leerstand. Punks und Künstler mochten den maroden Charme, aber nicht wenige Prenzlauer Berger zogen lieber in die neuen Plattenbauten in Marzahn, statt sich weiterhin mit undichten Fenstern und Kohleöfen zu plagen. Noch 1998 sahen viele Häuser so aus, wie dieses hier in der Kastanienallee 12. Doch Investoren und Sanierungen sollten schon bald das Antlitz der Straße verändern.


 Café Schwarzsauer 

Das Café Schwarzsauer in der Kastanienallee, um 2000. Foto: Imago/Rüttimann

Mit diesem Café fing alles an. Inmitten der grauen Altbauten eröffnete 1993 das Schwarzsauer. Großer Tresen, ein paar Tische und Stühle – und fertig war der wohl wichtigste Treffpunkt für die Kiez-Boheme. Noch immer kann man in dem Café in der Kastanienallee 13 morgens frühstücken, mittags einen Kaffee trinken und am Abend gepflegt abstürzen.


Schienenparty

Berlin: Junge Berliner sitzen an einem Sommerabend auf freigelegten Tramschienen in der Kastanienallee, Sommer 2006.
Junge Berliner sitzen an einem Sommerabend auf freigelegten Tramschienen in der Kastanienallee, Sommer 2006. Foto: Imago/David Heerde

Das war ein Spaß! Der Sommer 2006 war nicht nur ein Märchen für Fußballfans. In der Kastanienallee wurden die Schienen der Tram erneuert und zeitweilig wurde die Straße zu einer Großbaustelle. Statt sich zu ärgern, übernahmen die Anwohner und vermutlich weit mehr Feierwillige aus dem Rest der Stadt (und nicht wenige Touristen) die Situation und funktionierten die Schienen zur längsten Bar der Stadt um.


Gentrifizierung

In der Kastanienallee in Berlin wird ein Haus saniert.
In der Kastanienallee wird ein Haus saniert. Foto: Imago/Steinach

Die alte Regel der Gentrifizierung gilt in der Kastanienallee: Wo sich Künstler und Freaks wohl fühlen, wo sich ein alternativer Lebensstil entfaltet, da soll man investieren. Party, Second-Hand und angesagte Bars ebneten den Weg und schon bald wurde Haus um Haus saniert und teuer vermietet oder in Eigentum umgewandelt. Viele alte Bewohner konnten sich nicht halten, neue Mieter zogen ein.


Castingallee

Das Casting-Carree-Festival sorgt bei einigen Anwohnern für Verärgerung. Sommer 2013. Foto: Imago/PEMAX

Die Party nahm kein Ende. Touristen kamen. Die Kiez-Atmosphäre verschwand. In „Pregnant Hill“, wie Prenzlauer Berg seit den Nuller-Jahren wegen der hohen Geburtenquote und den vielen Jungfamilien, die sich dort ansiedelten, genannt wurde, galt die „Castingallee“ als schick-turbulente Meile. Hier flanierten die Schönen und die (Fast-)Berühmten. TV-Darsteller, Werbemodels, angehende Deutschpop-Sternchen. Sie alle liefen die Kastanienallee auf und ab, um zu sehen und vor allem: um gesehen zu werden.

Die Reibungen zwischen den Zugezogenen und denen, die schon vorher da waren, verschärften sich. 2013 feierte man ein Festival, das die Sache ein wenig auf die Schippe nahm: das Casting-Carree-Festival. Aber auch das gefiel nicht allen. Wütende Transparente konnten der Entwicklung dennoch nicht Einhalt gebieten.


Alltag in der Kastanienallee in Berlin
Alltag in der Kastanienallee. Foto: Imago/Schöning

Ähnlich wie die Oranienstraße in Kreuzberg oder die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain ist die Kastanienallee eine geschäftig-hippe Straße geworden, die auf eine ruhmreiche Kiezgeschichte zurückblickt, längst aber in jedem Reiseführer angepriesen wird. Das nervt viele, die Wahrheit ist aber, dass man hier auch heute noch eine gute Zeit haben kann.


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