Berlin verstehen

Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay: Vor 40 Jahren starb er beim Polizeieinsatz

West-Berlin am 22. September 1981. Der rechtskonservative Innensenator Heinrich Lummer ließ an einem Tag acht besetzte Häuser in Berlin räumen. In der Bülowstraße in Schöneberg kam es während einer Protestaktion gegen den Polizeieinsatz zu einer Tragödie. Der 18-jährige Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay geriet unter die Räder eines BVG-Busses und starb. Das Ereignis wirkte nicht nur in der linken Szene lange nach.

Das geräumte Haus in der Bülowstraße 89. Foto: Imago/Matthias Reichelt
Klaus-Jürgen Rattay hatte davor demonstriert: Das geräumte Haus in der Bülowstraße 89. Foto: Imago/Matthias Reichelt

Klaus-Jürgen Rattay: Er hatte von einem anderen Leben in Berlin geträumt

Die Hausbesetzungen erreichten im Sommer 1981 einen Höhepunkt. An die 200 leerstehenden Häuser wurden illegal bewohnt. Nicht nur in Kreuzberg. Auch in Schöneberg haben Spontis, Freaks, Punks, Künstler, Aktivisten und abenteuerlustige Studenten die von der Stadt vernachlässigten Mietskasernen in Beschlag genommen. Es ging um eine andere Wohnungspolitik, man wollte dem Verfall der Häuser, Spekulanten und profitorientierten Investoren einen Riegel vorschieben und die Häuser Instandbesetzen.

Die Kollektive organisierten ein anderes Leben, mit Manifesten, Diskussionsrunden, gemeinsamen Aktionen. Eine politisierte Stimmung vermischte sich mit rauschhaftem Exzess, rumpelndem Krawall und dem Traum von einer Existenz jenseits des Kapitalismus. Die RAF und der Deutsche Herbst verstörten die linke Szene in der BRD, doch nach dem Tunix-Kongress in der TU im Winter 1978, bei dem sich eine neue linksalternative Bewegung formulierte, nach der Gründung der Tageszeitung „taz“ und den Grünen, wehte ein neuer linker Geist und West-Berlin war sein Epizentrum.

Auch der 1962 in Kleve am Niederrhein geborene Klaus-Jürgen Rattay träumte von einem anderen Leben. Er brach seine Ausbildung ab und haute mit 18 von Zuhause ab. Erst trampte er durch Europa, doch sein eigentliches Ziel war die Mauerstadt. Schnell fand er Anschluss in der Hausbesetzerszene. Kein Zwang, gleichgesinnte Leute, das knisternde Gefühl, etwas „Verbotenes“ zu tun, das gefiel ihm.

Trauernde an der Unfallstelle von Klaus-Jürgen Rattay, Potsdamer Straße, 22.9.1981. Foto: Imago/Matthias Reichelt
Trauernde an der Unfallstelle von Klaus-Jürgen Rattay, Potsdamer Straße, 22.9.1981. Foto: Imago/Matthias Reichelt

Rattay demonstrierte gegen Lummers Politik

Doch für die Berliner Politik waren die Besetzer ein Ärgernis. Besonders Heinrich Lummer, ein CDU-Hardliner, hatte es auf die linken Spontis abgesehen. Am 22. September 1981 ließ Lummer acht Häuser räumen, es war eine groß angelegte Polizeiaktion, die vor dem gerade geräumten Haus in der Bülowstraße 89 kulminierte. Lummer rief zur Pressekonferenz und zeigte sich auf dem Balkon des Hauses. Auf der Straße davor versammelten sich mehrere Hundert Gegendemonstranten, auch Klaus-Jürgen Rattay war unter ihnen.

Die Polizei versuchte, die Situation unter Kontrolle zu bringen und verdrängte die Demonstranten auf die andere Seite der Bülowstraße und in die benachbarte Potsdamer Straße. In der Bülowstraße ruhte zu dem Zeitpunkt der Verkehr, doch nach einer Rotphase fuhr ein BVG-Bus an und erfasste Rattay auf der Fahrbahn der Potsdamer Straße. Der 18-jährige wurde bis zur Zentrale der Commerzbank geschleift, erst dort stoppte eine Menschenmenge den Bus. Rattay starb noch an Ort und Stelle.

Bülowstraße Ecke Potsdamer Straße, 22.9.1981. Foto: Imago/Matthias Reichelt
Bülowstraße Ecke Potsdamer Straße, 22.9.1981. Foto: Imago/Matthias Reichelt

Der Tod von Klaus-Jürgen Rattay wurde zum Mythos der linken Szene

In West-Berlin eskalierte die Stimmung. Es kam zu Solidaritätsbekundungen, Mahnwachen und Straßenschlachten, auch in anderen Städten gab es zu Kundgebungen. Der Tod von Klaus-Jürgen Rattay wurde zu einem Mythos der linken Szene in West-Berlin und spaltete die Stadt. Während die Springer-Presse den Fall verharmloste und den Demonstranten die Schuld am tragischen Unfall gab, suchte die Gegenseite nach Beweisen für ein lebensgefährdendes Verhalten des Busfahrers und der Polizei.

Der Fall zog sich über Jahre hin und wurde schließlich zu den Akten gelegt, ohne dass es zu einer Verurteilung kam. Auch wenn das Verwaltungsgericht Berlin im Januar 1984 feststellte, dass „das Räumen durch die Polizei rechtswidrig gewesen sei, weil es sich bei der Menschenmenge vor dem Haus nach Artikel acht des Grundgesetzes um eine ‚Spontanversammlung‘ gehandelt habe“.

Vor dem Haus in der Potsdamer Straße 127 wurde noch 1981 ein Gedenkstein für Klaus-Jürgen Rattay auf dem Bürgersteig angelegt, der 2017 während der Verlegung neuer Stromleitungen allerdings beschädigt und abgebaut wurde. Heinz-Rudolf Kunze schrieb 1982 das Lied „Regen in Berlin“, in dem er die Stimmung in der Hausbesetzerbewegung in West-Berlin nach dem Tod Rattays beschreibt.


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