Berlin verstehen

Kranzler, Dschungel, BSC Preußen: 12 Dinge, die wir an West-Berlin vermissen

West-Berlin bleibt bis heute ein Sehnsuchtsort. Von 1961 bis 1989 war die Mauerstadt eine Insel inmitten der DDR. Die Frontstadt des Westens im Ostblock. In diesen 28 Jahren entstand ein ganz eigenes Flair zwischen Reinickendorf und Marienfelde, zwischen Spandau und Kreuzberg, zwischen Charlottenburg und Wedding. Die Wilmersdorfer Witwen tranken ihr Käffchen im Kranzler, in Kreuzberg sorgten Punks, Studenten und Türken für neue Zustände, es gab Konzerte in der Deutschlandhalle und man ging zu Spielen des BSC Preußen in die Eissporthalle in der Jafféstraße. Wir erinnern an 12 Dinge, die wir an West-Berlin vermissen.


Ku-Damm-Eck

Kudamm Eck mit dem Panoptikum am Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße, 1987. Foto: Imago/Sven Simon
Ku’damm-Eck mit dem Panoptikum am Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße, 1987. Foto: Imago/Sven Simon

Das verwinkelte, irgendwie klobige, zugleich futuristisch anmutende Kaufhausgebäude am Kurfürstendamm könnte ein Symbol der Mauerstadt sein. Gebaut hat es der Architekt Werner Düttmann. Ab 1973 befanden sich darin zahlreiche Geschäfte, Kinos, das Berliner Panoptikum, eine Bowlingbahn und das Café des Westens. Spektakulär an dem Bauwerk war eine riesige Lichtrasterwand, auf der bewegte Bilder und Schrift gezeigt werden konnten. Man wollte an das visuelle Erlebnis vom New Yorker Times Square anknüpfen. Trotz moderner Ansätze hat das Ku’damm-Eck bereits 1996 ausgedient und wurde 1998 abgerissen. Es gehört zu den vielen Berliner Wahrzeichen, die nicht mehr existieren.


Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz

West-Berlin: Autonome besetzten das Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz. Foto: Imago/Peter Homann
Autonome besetzten das Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz, Juli 1988. Foto: Imago/Peter Homann

Es war eine Anomalie der Mauerstadt, denn das von der Lennéstraße, Bellevuestraße und Ebertstraße umgrenzte Gebiet gehörte offiziell zu Mitte, also Ost-Berlin, es befand sich aber auf der West-Berliner Seite der Mauer. Direkt am Potsdamer Platz, der in der Mauer-Ära eine gewaltige Brache inmitten der Stadt war. Im Rahmen eines Gebietsaustausches mit der DDR wurde das Gebiet am 1. Juli 1988 an West-Berlin übertragen. Weil der Senat dort ein Schnellstraßenprojekt plante, kam es im Vorfeld des Austauschs zu einer Besetzung des sogenannten Lenné-Dreiecks. Als die Polizei das improvisierte Lager räumen wollte, flüchteten die Besetzer nach Ost-Berlin.


Kinos in der City West

Royal Palast, erstes Kino mit gekrümmter Leinwand, späte 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht
Royal Palast, erstes Kino mit gekrümmter Leinwand, späte 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht

Der Royal Palast war einst das größte und modernste Kino in West-Berlin. Anfang der Nuller-Jahre ging das Haus mit der gekrümmten Leinwand pleite. Die ganze Ära der Ku’damm-Kinos endete irgendwann. Marmorhaus, Filmbühne Wien und Gloria Palast existieren schon lange nicht mehr. Nur der Zoo Plast ist geblieben. Das Foto aus den späten 1970er-Jahren zeigt den Royal Palast in voller Blüte. Gerade läuft „Krieg der Sterne“, wie der erste „Star Wars“-Film damals hieß. Der Blockbuster markierte den Beginn einer weltumspannenden Pop-Kultur. Überhaupt gehörte Science-Fiction zu den 1970er-Jahren dazu.


Deutschlandhalle

Tina Turner in der Deutschlandhalle, 1985. Foto: Imago/Heinrich/Brigani Art
Tina Turner in der Deutschlandhalle, 1985. Foto: Imago/Heinrich/Brigani Art

Die Deutschlandhalle war die erste Adresse für Rock- und Popstars, die nach West-Berlin kamen. Hier spielten legendäre Musiker und Bands wie Jimi Hendrix, David Bowie, The Who, Pink Floyd und die Rolling Stones. Die Halle war auch zeitweilig Austragungsort des Berliner Sechstagerennens. Die endgültige Schließung und der Abriss erfolgten in mehreren Etappen, der Konzertbetrieb endete 1998, dann folgte eine Nutzung als Eissporthalle. 2011 wurde die Deutschlandhalle schließlich abgerissen und auf dem Gelände entstand die moderne Messe- und Kongresshalle City Cube.


Deutsch-Französisches-Volksfest

West-Berlin: Deutsch-Französisches-Volksfest, um 1975. Foto: Imago/Gerhard Leber
Deutsch-Französisches-Volksfest, um 1975. Foto: Imago/Gerhard Leber

West-Berlin war in den amerikanischen, britischen und französischen Sektor unterteilt und die in der Mauerstadt stationierten Soldaten prägten die Stimmung in den jeweiligen Bezirken. Es gab spezielle Radiosender, Einkaufsläden, Kinos und Discos, die von den Alliierten gegründet, verwaltet und auch genutzt wurden. In Reinickendorf feierten die Franzosen in der Nähe des Flughafens Tegel einmal im Jahr die Freundschaft beider Länder mit dem Deutsch-Französischen-Volksfest. Mit Rummelplatz, kulinarischen Spezialitäten und einem Kulturprogramm. Zwar existiert das Fest immer noch, aber die Bedeutung von einst hat es nicht mehr. Und beim Deutsch-Amerikanischen-Volksfest zelebrierten die West-Berliner ihre Begeisterung für die USA. Also für Popcorn, Hamburger und Hotdogs.


Das alte Kreuzberg

Auf der Straße spielende Kinder in Kreuzberg, frühe 1980er-Jahre. Foto: Imago/Sven Simon
Auf der Straße spielende Kinder in Kreuzberg, frühe 1980er-Jahre. Foto: Imago/Sven Simon

In den 1980er-Jahren sah das Leben in Kreuzberg noch ganz anders aus: Graue Hinterhöfe, politischer Aktivismus, besetzte Häuser und Absturzkneipen prägten die Atmosphäre in dem ehemaligen Arbeiterbezirk, der zunehmend von Künstlern, Studenten, Wehrdienstverweigerern, Gastarbeitern und Hausbesetzern bevölkert wurde. Unvergessen bleiben die Kneipen zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor. Orte, an denen die Kreuzberger Nächte wirklich lang waren. Diese 12 Fotos zeigen Kreuzberg in den 1980er-Jahren – ein urbanes Dorf im Schatten der Mauer.


Rolf Eden

West-Berlin: Berlins berühmtester Playboy Rolf Eden mit der Schauspielerin und Schlagersängerin Audrey Landers. Foto: Imago/Brigani Art
Berlins berühmtester Playboy Rolf Eden mit der Schauspielerin und Schlagersängerin Audrey Landers. Foto: Imago/Brigani Art

Er war Berlins bekanntester Playboy und seine Nachtclubs legendär. Rolf Eden wurde 1930 in Berlin als Spross einer jüdischen Familie geboren. 1933 floh er mit den Eltern nach Palästina, er kämpfte 1948 mit der israelischen Armee im ersten arabisch-israelischen Krieg und ging später nach Paris, um Jazzpianist zu werden. Daraus wurde nichts und Eden landete schließlich in den 1950er-Jahren in West-Berlin. Schnell machte er als Nachtclubbesitzer Karriere. Später kannte man ihn als Schürzenjäger im weißen Anzug und mit Rolls Royce, als selbstgefällige Trash-Ikone und Liebling des Boulevards. Ein Berliner Original! Ohne ihn wäre das Nachtleben in der Mauerstadt weniger bunt, weniger sexy, weniger exzessiv.


BSC Preußen

Trainer Lorenz Funk in der Eissporthalle Jafféstr, 1987. Foto: Imago/Werek
Trainer Lorenz Funk in der Eissporthalle Jafféstraße, 1987. Foto: Imago/Werek

Der BSC Preußen ist ein Stück deutscher Eishockeygeschichte und erinnert daran, dass es im Berliner Sport nicht nur um Fußball geht. Die Anfänge des Vereins reichen bis 1981 zurück, damals wurde der Berliner Schlittschuh-Club Preussen gegründet. Es ging gleich turbulent los, das Team flog aus der ersten Liga, es gab finanzielle Probleme, die Jahre 1983 bis 1987 verbrachten die Jungs um die Trainer Jim Setters und Lorenz Funk in der zweiten Liga. Doch in den 1990er-Jahren wendete sich das Blatt und ab 1991 landete der Verein, der nun wieder erstklassig spielte, sechsmal im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Den West-Berlinern dürften vor allem die Begegnungen in der Eissporthalle Jafféstraße, wo der BSC Preußen bis zum Abriss der Halle im April 2001 die Heimspiele austrug, in Erinnerung sein.


Dschungel, Sound & Co.

Der Mink Club in West-Berlin, 1980er-Jahre. Foto: Ilse Ruppert
Der Mink Club in West-Berlin, 1980er-Jahre. Foto: Ilse Ruppert

Das Nachtleben in West-Berlin spielte sich vor allem zwischen Schöneberg und Charlottenburg ab. In den 1970er-Jahren entstanden neue Discotheken wie das Far Out und Sound. Man spürte dort noch den Geist der Sixties, aber schon bald dominierten Disco, New Wave und Punk in den glitzernden Tanztempeln der Mauerstadt, die keine Sperrstunde kannte und wo es schon damals an jeder Ecke Drogen gab. David Bowie und Iggy Pop zogen in die Hauptstraße, Claudia Skoda machte bahnbrechende Mode und in Kreuzberg eröffnete das SO36. Legendär wurde aber vor allem eine Diskothek, wo sich die interessantesten, extrovertiertesten und feierwütigsten Nachtschwärmer der Stadt begegneten, der Dschungel in der Nürnberger Straße.


Café Kranzler

Café Kranzler am Kurfürstendamm, 1960er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht
Café Kranzler am Kurfürstendamm, 1960er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht

Der Kurfürstendamm war das unangefochtene Zentrum von West-Berlin. Mit seinen Geschäften, Kinos, Theatern, dem Europa Center und natürlich dem Café Kranzler war der natürliche Mittelpunkt. Von hellem Neonlicht erleuchtet, konnte sich die einstige Hauptstadt hier kurzzeitig etwas mondän und weltgewandt fühlen. Das Café Kranzler hat eine lange Geschichte, im Stammhaus an der Ecke Unter den Linden und Friedrichstraße verkaufte der Wiener Konditor Johann Georg Kranzler bereits ab 1825 seine süßen Kreationen.

In Charlottenburg ging der Betrieb 1932 los und in West-Berlin wurde die Kaffeehaus-Institution, die nach dem Krieg erst 1958 wieder öffnete, zum legendären Ort. Udo Lindenberg sang über das Kranzler, der Kabarettist Wolfgang Neuss nannte hier den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker „Häuptling Silberlocke“ und die Wilmersdorfer Witwen verschlangen tonnenweise Sahnetörtchen und Kirschplunder. 2000 schloss das Traditionshaus, heute befindet sich dort ein Ableger der Kaffeerösterei The Barn.


Es gab weniger Touristen in West-Berlin

Berlin Zoologischer Garten, 1982. Foto: Imago/Serienlicht
Berlin Zoologischer Garten, 1982. Foto: Imago/Serienlicht

Klar, es gab auch in West-Berlin Touristen. Die meisten wollten die Mauer sehen, man ging zum Checkpoint Charlie und schlenderte über den Ku’damm. Kulturbeflissene Besucher schauten sich Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie an oder gingen in die Berliner Philharmonie. Beide Gebäude interessierten auch Architekturfans. Aber im Vergleich zum heutigen Berlin war West-Berlin leer und ruhig. Selbst am Zoologischen Garten, dem Mittelpunkt der Stadt.


Die Mauer… ?

West-Berlin: Blick von der Aussichtsplattform über die Mauer, 1985. Foto: Imago/Teutopress
Blick von der Aussichtsplattform über die Mauer, 1985. Foto: Imago/Teutopress

Die Mauer zu vermissen geht nicht. Dafür hat sie zu viel Unheil über die Stadt und die Menschen gebracht. Die Mauertoten, jene, die an der Grenze verhaftet und schikaniert wurden, die tödlichen Anlagen, die Republikflüchtlinge vor dem Versuch in den Westen zu kommen, abhalten sollten. Der 9. November 1989 setzte der Gewalt und den Verbrechen an der deutsch-deutschen Grenze zum Glück ein Ende. Auf West-Berliner Seite arrangierte man sich aber mit dem „antifaschistischen Schutzwall“ – er wurde bunt bemalt, an ihm wurde gegärtnert und (fast) ganz normal gelebt. Die Mauer war ein Kuriosum, ohne das es West-Berlin so nie gegeben hätte.


Mehr Berlin verstehen

Die andere Seite der Geschichte: 12 Dinge, die jeder kennt, der in Ost-Berlin der 1980er gelebt hat. Auch in unserer Geschichte gibt es Orte, die legendär sind und nicht mehr existieren. Eine Auswahl findet ihr hier. Neu in Berlin? Dann herzlich willkommen. Damit dieses Willkommen auch herzlich bleibt, hätten wir hier ein paar gute Tipps für Zugezogene.