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„Terror auf der Tanzfläche“ – Podcast zum Attentat auf die Berliner Disco La Belle

Welche Interessen hinter dem Anschlag auf die Berliner Disco La Belle gesteckt haben, ist wohl nie so ganz richtig aufgeklärt worden. Die Hörspielautorin Viviane Koppelmann hat einen Versuch gemacht und anhand wahrer Figuren und Begebenheiten einen spannenden Rückblick gewagt. Dieser ist als „Blue Crime“-Podcast in öffentlich-rechtlichen Mediatheken abrufbar.

Mit Blumen geschmücktes Kreuz zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags auf die Diskothek - La Belle - vom 5. April 1986 in West-Berlin, Aufnahme vom Mai 1986. Foto:  Imago/Sven Simon
Mit Blumen geschmücktes Kreuz zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags auf die Diskothek La Belle vom 5. April 1986 in West-Berlin, Aufnahme vom Mai 1986. Foto: Imago/Sven Simon

Es sind im Wesentlichen die geheimdienstlichen Verzwickungen hinter dem Attentat in der La-Belle-Diskothek, die die Schriftstellerin Viviane Koppelmann zum Dreh- und Angelpunkt ihres zweiteiligen Hörspielkrimis „La Belle – Terror auf der Tanzfläche“ macht. Mitte Dezember 2020 wurde es erstmals auf Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt, nachhören kann man es aber immer noch als Podcast in den Mediatheken von Deutschlandradio und der ARD.

Ausgangspunkt des Geschehens ist der fiktive Stasi- und CIA-Doppelagent Wolfgang „Wolle“ Sobotka

Ausgangspunkt des Geschehens ist der fiktive Stasi- und CIA-Doppelagent Wolfgang „Wolle“ Sobotka (gesprochen vom Berliner Schauspieler Patrick Güldenberg). Sobotka startet Anfang der 1980er Jahre sein Leben in die Erwachsenenwelt im beschaulichen, uckermärkischen Templin – wo er als Punk sowohl in der Oberschule als auch in der Nachbarschaft sowie bei argwöhnischen Behörden immer wieder aneckt. Nur seine Freundin Monika (gesprochen von der Berliner Schauspielerin Hanna Plaß) bietet ihm Halt und Hoffnung. Was aber nichts daran ändert, dass er eines Tages in den Stasi-Knast nach Hohenschönhausen einfährt. 

Freigekauft durch die Bundesrepublik findet Sobotka im Westen weder einen Job noch innere Balance. Als er in der hessischen US-Garnisonsstadt Gießen von einem CIA-Agenten (gesprochen vom Berliner Schauspieler Jeremy Mockridge) zur Mitarbeit überredet werden soll, ist seine Gegenwehr nur halbherzig und kurz. Zumal er die Aussicht auf eine Wohnung in West-Berlin und einen gutbezahlten Job bei einem Berliner Bauunternehmer erhält.

„Terror auf der Tanzfläche“: Von krummen Dingern und zwielichtigen Waffenschiebern

Darüber, dass dieser Ulrich „Uli“ Lemke (gesprochen vom Berliner Schauspieler Manuel Harder) immer wieder krumme Dinger drehen lässt und Kontakte zu zwielichtigen Waffenschiebern unterhält, sieht Sobotka angesichts seines nun deutlich glamouröseren Lebensstils irgendwann einfach nur noch hinweg.

Viviane Koppelmann gelingt mithilfe ihrer Figur Wolfgang Sobotka eine eindrucksvolle Schilderung der graugestrichenen Atmosphäre im Berlin der 1980er Jahre, in der sowohl der Kalte Krieg als auch Arbeitslosigkeit sowie Korruptionen etwa vom Format des Garski-Skandals bestens gediehen. 

Kein Wunder also, dass sich „Wolle“ irgendwann nach seiner in der DDR verbliebenen „Moni“ zurücksehnt, der Liebe seines Lebens. Es ist der wunde Punkt, an dem ihn schließlich auch die Stasi zu fassen kriegt: Mit der Aussicht, Monika dürfe auf absehbare Zeit die DDR verlassen, erklärt sich Sobotka gegenüber dem dem Stasi-Beamten Erwin Wieland (gesprochen vom Berliner Schauspieler Arnd Klawitter) bereit, mit dem Geheimdienst der DDR zu kooperieren.

Rechtsanwalt Hans-Joachim Ehrig vertritt die Interessengemeinschaft der Opfer des Bombenanschlags auf die Berliner Discothek La Belle, 2002. Foto: Imago/Manja Elsässer
Rechtsanwalt Hans-Joachim Ehrig vertritt die Interessengemeinschaft der Opfer des Bombenanschlags auf die Berliner Discothek La Belle, 2002. Foto: Imago/Manja Elsässer

Schon bald ist er Dauergast im „libyschen Volksbüro“, der Botschaft Libyiens in Ost-Berlin, wo er es unter anderem mit Zafir Talar Mansour (gesprochen vom Berliner Schauspieler Samir Fuchs), Fuad und Dagmar Hussain (gesprochen von dem Berliner Schauspieler Imad Mardnli und der Frankfurter Schauspielerin Claude De Demo) sowie mit Omri Omari Sami (gesprochen vom Berliner Schauspieler Hassan Akkouch) zu tun bekommt.

Bombe unter einem Tisch in der Nähe des DJ-Pults in der Disco La Belle

Tatsächlich spiegeln diese vier Personen recht glaubhaft die später als La-Belle-Attentäter verurteilten Yasser Shraydi, Musbah Eter und Ali Chanaa nebst seiner Frau Verena Chanaa. Letztere war es, die in der Discothek die Tasche mit der Bombe unter einem Tisch in der Nähe des DJ-Pults deponierte. 

Das aber alles hatte Wolfgang Sobotka in dem Hörspiel so gar nicht gewollt. In seiner von Viviane Koppelmann konstruierten, ewig kindisch-pubertären, teils aber auch etwas unglaubhaft naiven Seele hält er die Vorbereitungen auf den Anschlag lange Zeit nur für eine Warnung an die US-Regierung – mit zuletzt harmloser mit Schreckschussqualität.

Warnung vor dem La-Belle-Anschlag, aber die Polizei hat Feierabend

Erst als sich der Tag des Attentats nähert, wird „Wolle“ der Ernst der Lage klar: In letzter Minute will er telefonisch die Berliner Polizei warnen – wo der zuständige Ansprechpartner allerdings schon im Feierabend ist. Außerdem meldet er sich bei der Stasi in Ost-Berlin: Sie müssten das Attentat dringend verhindern, fleht „Wolle“. 

Blick auf eine Skizze aus dem La Belle Prozess nach der Urteilsverkuendung in der Revisionsverhandlung, 2004. Foto: Imago/Eckehard Schulz
Blick auf eine Skizze aus dem La Belle Prozess nach der Urteilsverkuendung in der Revisionsverhandlung, 2004. Foto: Imago/Eckehard Schulz

„Am Vorabend des Anschlags“, so heißt es auch auf der Website des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BstU), „hatte dann ein Inoffizieller Mitarbeiter seinen Führungsoffizier darüber unterrichten wollen, dass nun ein Anschlag auf ,La Belle‘ unmittelbar bevorstand. Sein Telefonanruf aus dem Palasthotel gegen 22:30 Uhr erreichte außerhalb der Dienstzeit jedoch wohl nicht den zuständigen Mitarbeiter an seinem Schreibtisch.“

Solange die Täter nicht die DDR attackierten, ließ man sie gewähren

Ohnehin, so analysiert man beim Stasibeauftragten, hätte man das Attentat seitens der DDR wohl kaum verhindert: „Letztlich agierte die Staatssicherheit gegenüber Terroristen nach dem „St. Floriansprinzip“: Solange die Täter nicht die DDR attackierten, ließ man sie gewähren und nahm auch eine Gefährdung Dritter in Kauf.“

Viviane Koppelmann ist aus diesem geheimdienstlichen Wirrwarr – und dem tragischen, blutigen Drama – ein mitreißendens Hörspiel mit überzeugenden Sprecherinnen und Sprechern gelungen.

La Belle – Terror auf der Tanzfläche Teil 1 (54:38 Min.) und Teil 2 (53:48 Min.) als Podcast zu hören in der ARD Mediathek


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