Geschichte

Attentat im „La Belle Club“: Vor 35 Jahren endete die Ekstase

Vor 35 Jahren schockierte der tödliche Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle die Welt. Läden wie dieser Friedenauer Club waren Vorreiter multiethnischer Partys, wie sie in Berlin längst zum Alltag gehören

Verstörende Erinnerung: Das Attentat auf das „La Belle“ gilt als einer der schwersten Terroranschläge auf US-Amerikaner in Deutschland. Foto: Elke Bruhn-Hoffmann/Picture Alliance/AP Photo

Disco La Belle CLub: Stasi duldete Terroristen aius „libyschem Volksbüro“

Irgendwann hat wohl fast jeder schon mal dieses Bild gesehen: Ein Baugerüst vor einem langgestreckten, geklinkerten Gebäude. An dem Gerüst hängt schlaff eine knallrote Plane. In weißen Lettern darauf: „Disco La Belle Club“. Ein Nachtlokal ist auf dem Foto nicht zu erkennen. Statt dessen gähnt hinter Baugerüst und Plane ein großes, dunkles Loch. Umrahmt von Absperrgittern, Flatterband und jeder Menge Schutt. Das war alles, was nach der Bombenexplosion in der Nacht vom 4. zum 5. April 1986 vom „La Belle“ übrig blieb.

Geduldet von der Stasi hatten Terroristen aus dem „libyschen Volksbüro“, der Botschaft Libyens in Ost-Berlin, den Anschlag auf den Club verübt. Kenneth T. Ford, 20, James E. Goins, 28, zwei amerikanische GIs, sowie die 28-jährige Türkin Nermin Hannay starben. 250 Menschen wurden teils schwer verletzt. 35 Jahre ist das nun her.

Wie es in dem Club vor dem Anschlag ausgesehen hat – davon gibt es so gut wie keine Bilder. Berliner Fotografen verschlug es nie in solche Läden, wie es das von dem Italiener Enzo di Nunno betriebene „La Belle“ in der Friedenauer Hauptstraße eines war. Aus Sicht der lokalen Presse, auch aus Sicht damals von tip und Zitty, existierten derartige Clubs gar nicht. Den Mainstream bestimmten Mitte der 80er-Jahre Punk, New Wave oder ein Pop-Sound wie der von Madonna. Im „La Belle“ aber spielten sie Funk, Soul und frühe HipHop-Stücke.

Für ein tanzwütiges Publikum, das aus vielen afroamerikanischen GIs, einigen Schwarzen Frauen, weißen deutschen Frauen, wenigen weißen Männern sowie aus Angehörigen etwa türkischer, arabischer und afrikanischer Minderheiten beiderlei Geschlechts bestand. Aus Berliner Mehrheitsperspektive waren das irrelevante Leute. Und über weiße Frauen, die sich mit Schwarzen Männern „einließen“, lächelte man ohnehin nur – süffisant.

Legendäres Nachtleben: 70er-Glamour und GIs aus den USA

Auch die Autorin dieses Beitrags kann sich kaum mehr erinnern, wie es im „La Belle“ ausgesehen hatte. Eher klein war der Club. Irgendwie quadratisch. Mit einer im Verhältnis dazu großen Tanzfläche, mittendrin. Was aber unvergessen bleibt, ist die Wahnsinnsmusik. Die mitreißende Stimmung. Die spannenden Leute, die man im „La Belle“, aber auch in den anderen damals von Schwarzen GIs frequentierten Clubs kennenlernen konnte: Im „Motown“ auf der Fuggerstraße in Schöneberg. Im „Chic“ am Adenauer Platz in Charlottenburg. Oder im „Silver Shadow“ am Breitenbachplatz in Wilmersdorf.

Wer zuvor nur bemüht-cooles Rumstehen im legendären „Dschungel“ auf der Nürnberger Straße oder im „Café Swing“ am Nollendorfplatz kannte, dem verschlug es den Atem, wenn sich die Tanzflächen-Crowd in diesen Black-Music-Clubs wie auf ein geheimes Zeichen plötzlich zu irrsinnigen Choreografien vereinte. Eine leise Ahnung von der Sogwirkung des Geschehens bekommt, wer sich die Gruppentanzszene in der ersten Folge der Netflix-Musical-Serie „The Get Down“ anschaut: Wenn die in 70er-Jahren-Glamour-Fummeln aufgebrezelten Gäste in der Disco „Les Inferno“ im Gleichschritt ihre Leiber schwingen, hält es daheim nur noch Tote auf dem Sofa.


Euphorisches Abgehen zu einem neuen Sound: Club-Szene aus der Netflix-Serie „The Get Down“, die auch das Feeling in Berlins Black-Music-Clubs bestens widerspiegelt. Foto: Courtesy of Netflix

Ein US-Soldat mixte im La Belle als DJ Heavy Funk mit R’n’B

Nicht weniger ekstatisch ging es in den US-Army-eigenen Clubs zu, für Novizinnen waren es erstaunliche Entdeckungen in Kasernen oder im Flughafen Tempelhof. Hinein konnte da jeder, Soldat*in oder nicht, aus den USA, Deutschland oder von sonst wo her. Hauptsache man hatte seinen Perso, wahlweise den Pass dabei. Und ein paar Dollar eingewechselt, um sich Getränke kaufen zu können. Cola-Rum oder Long Island Iced Tea, ein Getränk, das von seinem hohen Alkoholgehalt her locker einen ganzen Abend vorhielt, gab es für schlappe 1,50 Dollar.

Es hing von dem jeweiligen Tag am Wochenende ab, ob in den Räumen, die in den barracks für Geselligkeit gedacht waren, an Disco-Abenden dann tatsächlich Black Music gespielt wurde: Freitags zog es die Fans in den „Friendship-Club“ auf der Finckensteinallee sowie in den „Starlight“-Club“ an der Goerzallee, beide jottwede in Lichterfelde. Samstags befreite man sich im „Checkpoint“-Club“ Clayallee/ Ecke Saargemünder Straße in Zehlendorf und im „Silverwings“ am Columbiadamm in Tempelhof von den „Shackles on my feet“ (R.J.‘s Latest Arrival), den Fesseln an den Füßen, die das Tanzen sowieso nicht hätten verhindern können.

„Man ist dahin gegangen und hat wirklich nur getanzt“, erinnerte sich Katja Bahadori in einem RBB-Video zum 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls über ihre Besuche im „La Belle“. „Da war Superstimmung, tolle Musik, teilweise Musik, die wir hier noch gar nicht so hatten. Im „La Belle“ etwa verbrachte damals regelmäßig Cedric Nelson, ein US-Soldat, als DJ seine Freizeit an den Turntables. Während in den „weißen“ Berliner Discos noch holprig ein Song nach dem anderen abgespielt wurde, mixte Nelson bereits Heavy Funk mit R‘n‘B-Stücken zu einem niemals endenden, enthusiastisierenden Sound. „Ich hatte mit der Poststelle der Army zu tun“, erzählt er im Telefonat aus Camden, Arkansas. „So konnte ich mir für günstiges Geld die allerneuesten Scheiben aus den USA einfliegen lassen.“

Rechtsanwalt Hans-Joachim Ehrig (li., GER) und Enzo di Nunno (ehemaliger Besitzer Discothek La Belle) gedenken der Opfer des Bombenanschlags auf die Berliner Discothek im Jahr 2002. Foto: Imago/Manja Elsässer

Der Tag, der so viel zerstörte

Katja, die diese Musik so liebte, gehörte zu den Opfern des Bombenattentas. Drei Monate lag die damals 19-Jährige im Krankenhaus, wurde mehrfach operiert. Trotzdem blieb sie zu 50 Prozent schwerbeschädigt. Und musste fortan mit einem schrecklichen Trauma leben.

Terroristen denken nicht viel: Das Feindbild, der Anschlag. Und vielleicht noch schön geredete „Kollateralschäden“ – wie sie diese den anderen stets vorwerfen. Getroffen hatte das Attentat auf das „La Belle“ weniger die US-Regierung oder das amerikanische Militär. Die Opfer waren stattdessen junge Leute, die offen waren: für Menschen aus aller Welt. Für Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten. Und für eine Musik, die alle miteinander verband.

Nach dem Anschlag war dann nichts mehr wie vorher. Ronald Reagan, damals US-Präsident, ließ nur neun Tage später die libyschen Städte Tripolis und Bengasi bombardieren. Den US-Soldaten wurde derweil von ihren Vorgesetzten über ein Jahr lang verboten, Diskotheken in Berlin zu besuchen. Umgekehrt durften in die Army-Clubs nur noch Militärangehörige. Cedric Nelson machte 1988 den Abflug zurück nach Amerika und arbeitete dort bei Musikradiosendern. Später machte er einen eigenen Club auf. Enzo di Nunno, der einstige „La Belle“-Betreiber, eröffnete in Zehlendorf auf der Martin-Buber-Straße das „Shalamar“. Noch einmal versuchte man an alte Zeiten anzuknüpfen: Clubs wie die von di Nunno waren Vorläufer der multiethnischen Partys, wie sie der tip 2019 in seiner Titel-Story „Berlins Black Beat“ (tip 18/2019) thematisierte – nur eben Jahrzehnte früher.

Die Mauer fiel, und 1994 zogen die letzten alliierten Truppen aus Berlin ab. Für immer zurück blieb das Bild des zerstörten „La Belle“. Es erinnert, wie die Zeitung „Die Welt“ einmal schrieb, an einen „der schwersten Terroranschläge gegen US-Amerikaner in Deutschland“ – und gegen die Leute, die einfach nur mit ihnen feiern wollten. Was aus Enzo di Nunno nach der Schließung des „Shalamar“ wurde? Das Internet weiß es nicht.


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