Guten Rutsch!

Neujahr und Silvester in Berlin: Zeitreise von 1900 bis 2022

Wir blicken zurück auf mehr als ein Jahrhundert Silvester und Neujahr in Berlin. Im Kaiserreich feierte die Stadt, je nach sozialem Stand, in Ballsälen oder Schenken. In der Weimarer Republik in mondänen Etablissements, Cabarets oder verrauchten Eckkneipen, im “Dritten Reich” auch in vom Krieg gezeichneten Nächten. Dann wünschten sich die Berliner und Berlinerinnen in der geteilten Stadt 40 Jahre lang getrennt einen guten Rutsch und stießen erst 1989/90 wieder gemeinsam an. Am Brandenburger Tor stiegen seitdem spektakuläre Partys, und die Clubszene feiert gerne mehrere Tage den Jahreswechsel. Hier erzählen wir entlang von 12 Bildern die Geschichte von Silvester und Neujahr in Berlin.


1900: Die besten Glückwünsche zum neuen Jahre!

Silvester in Berlin: Grußkarte zum neuen Jahr mit Foto der Friedrichstraße, um 1900. Foto: Imago/Arkivi
Grußkarte zum neuen Jahr mit Foto der Friedrichstraße, um 1900. Foto: Imago/Arkivi

Die Kirchenglocken läuten, man trinkt Sekt und tanzt. Das gab es alles auch schon um 1900 an Silvester in Berlin. Die preußische Metropole wuchs in jener Zeit rasant, die Euphorie in der Stadt war spürbar. Vor allem auf der Friedrichstraße, die zu den belebtesten Geschäftsmeilen der Stadt gehörte, vibrierte die Luft.

Diese 120 Jahre alte Grußkarte zeigt die berühmte Meile. Solche Karten schickte man sich anlässlich des neuen Jahrs. Sozusagen eine historische Whatsapp-Nachricht mit Foto.


1910: Glückliches Neues Jahr.

Grußkarte zum neuen Jahr mit Foto vom Victoria Luise-Platz, um 1912. Foto: Imago/Arkivi
Grußkarte zum neuen Jahr mit Foto vom Victoria-Luise-Platz, um 1910. Foto: Imago/Arkivi

Um 1910 bestand Berlin noch weitestgehend aus der historischen Mitte und einigen angrenzenden Gebieten. Heutige Bezirke wie Reinickendorf, Köpenick und Spandau waren bis zur Gründung von Groß-Berlin im Jahr 1920 noch eigenständige Gemeinden.

Diese Neujahrskarte aus der Zeit um 1910 zeigt den Victoria-Luise-Platz, der sich damals wie heute im Herzen von Schöneberg befindet. Zwar verweist die Karte auf “Berlin”, doch auch Schöneberg war bis 1920 eine Stadt für sich.


1920: Prosit Neujahr aus dem Cafe Bauer

Silvester in Berlin: Silvesterkarte vom Cafe Bauer, Unter den Linden, 1920. Foto: Imago/Arkivi
Silvesterkarte vom Cafe Bauer, Unter den Linden, 1920. Foto: Imago/Arkivi

Das Berliner Nachtleben war in den 1920er-Jahren legendär. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Clubs, Varietés, Theater und Bars, deren Ruhm weit über die Landesgrenzen reichte. Exzess, Laster und Hedonismus waren auf dem Vormarsch. Auch in den Kaffeehäusern, die allerdings weniger schick als ihre Vorbilder aus Wien waren, konnte man sich prächtig amüsieren. Natürlich auch an Silvester. Wie etwa im Café Bauer Unter den Linden.


1938: Treptow in Flammen

Feuerwerk auf der Spree, 1938. Foto: Imago/Arkivi
Feuerwerk auf der Spree, 1938. Foto: Imago/Arkivi

Ende der 1930er-Jahre war der Spaß vorbei. Die Wirtschaftsmisere setzte den Berlinern zu, die Nazis waren an der Macht und verfolgten Juden, Homosexuelle und Andersdenkende. Schon bald sollte sich die Welt in einen Krieg stürzen.

So wirkt die Silvesterkarte aus dem Jahr 1938 ebenso düster wie prophetisch: “Treptow in Flammen” sollte in einigen Jahren kein Feuerwerkszauber zum Jahresendfest werden, sondern bittere Wirklichkeit. Aber vorerst sorgte man selbst in dieser unheimlichen Zeit für etwas feierliche Silvester-Stimmung mit einem “Feuerwerk auf der Spree”.


1960: Neujahrsfest der Arbeiter- und Landjugend in Ostberlin

Bis in die frühen Morgenstunden wurde das Tanzbein geschwungen. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-70028-0002 / CC-BY-SA 3.0
Bis in die frühen Morgenstunden wurde getanzt. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-70028-0002 / CC-BY-SA 3.0

Nach Kriegsende und Teilung der Stadt wurde in Berlin auf zweierlei Art gefeiert. Vorwiegend zumindest. In den Kneipen, Nachtclubs und Restaurants im Westen und bei betrieblich oder parteilich organisierten Tanzveranstaltungen im Osten. So wie etwa beim Neujahrsfest der Arbeiter- und Landjugend in Berlin, das der Zentralrat der FDJ und der Bundesvorstand des FDGB zum Jahreswechsel 1959/60 in der Hauptstadt der DDR veranstaltet hat.


1984: Silvester-Feuerwerk in Marzahn

Silvester in Berlin: Silvester 1984 in der Plattenbausiedlung. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1984-1220-021 / CC-BY-SA 3.0
Silvester 1984 in der Plattenbausiedlung. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1984-1220-021 / CC-BY-SA 3.0

Feiern, Bälle, Feste und Partys gab und gibt es an Silvester schon lange. Doch die meisten Berliner verbringen das Jahresende letztlich wohl eher im Kreis der Familie. Mit etwas Sekt, buntem Hut, Sofa und Fernsehprogramm. Oder neuerdings Streams und Mediathek.

Man schaut “Dinner for One”, vielleicht ein Konzert oder eine Unterhaltungssendung in der Glotze. Geht um Mitternacht auf den Balkon oder vors Haus, ballert etwas herum und gut ist. Auch 1984 verbrachten viele Marzahner Silvester in den eigenen vier Wänden.


1990: Silvester in der wiedervereinten Stadt

Simon Deutsch-deutsche Silvesterfeier am geöffneten Brandenburger Tor in Berlin, 1. Januar 1990. Foto: Imago/Sven Simon
Deutsch-deutsche Silvesterfeier am geöffneten Brandenburger Tor in Berlin, 1. Januar 1990. Foto: Imago/Sven Simon

Eine Ausnahme dürfte den Jahreswechsel 1989/90 gewesen sein. In jenem historischen Jahr ging jeder Berliner raus. Einige Wochen nach dem Mauerfall, aber noch Monate vor der eigentlichen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 entfernt, feierte die ganze Stadt Silvester vor dem Brandenburger Tor. Ost und West kamen zusammen und die Welt schaute zu.


2000: Die Jahrtausendwende

Lebkuchenherz zur Jahrtausendwende, 1. Januar 2000  Foto: Imago/Müller-Stauffenberg
Lebkuchenherz zur Jahrtausendwende, 1. Januar 2000. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

Zehn Jahre später, zum Jahreswechsel 1999/2000, gab es eine ähnliche Aufruhr vor Silvester. Diesmal ging sie nicht von Berlin aus, die Jahrtausendwende bewegte die Gemüter auf der ganzen Welt. Man sprach von Weltuntergang, dem Ausfall von Computersystemen. Flugverkehr, das Finanzsystem und die Energieversorgung waren mutmaßlich von “Y2K” bedroht. Nix davon traf zu, die Partys waren etwas heftiger, aber sonst passierte nichts.


2006: Feiern am Brandenburger Tor

Laserschriftzug "Welcome 2006" am Brandenburger Tor, 31. Dezember 2005. Foto: Imago/Waldemar Boegel
Laserschriftzug “Welcome 2006” am Brandenburger Tor, 31. Dezember 2005. Foto: Imago/Waldemar Boegel

Schon im 19. Jahrhundert feierten viele Berliner und Berlinerinnen den Jahreswechsel gemeinsam und an öffentlichen Plätzen. Oft auf dem zum Brandenburger Tor führendem Boulevard Unter den Linden. Beliebt war aber auch der Schlossplatz, wo die Stadtväter die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stattfinden ließen.

Nach den beiden Weltkriegen ging den Berlinern die Feierlaune etwas abhanden. Zwar gab es zentrales Feuerwerk, aber keine Großveranstaltungen zum neuen Jahr. Mit der Wiedervereinigungs-Party vor dem Brandenburger Tor 1989/90 entstand die Idee, in Berlin wieder so eine zentrale Feierlichkeit regelmäßig am 31. Dezember zu organisieren.

Schon bald etablierte sich die Riesenparty vor dem Brandenburger Tor, mit abgesperrter Festmeile auf der Straße des 17. Juni, Live-Konzerten, spektakulären Licht-, Laser- und Feuerwerksshows und Hunderttausenden Schaulustigen, die sich um Mitternacht in den Armen lagen.


Silvestermüll nach der großen Knallerei

Silvester in Berlin: Der Tag danach. Foto: Imago/Olaf Wagner
Der Tag danach. Foto: Imago/Olaf Wagner

Egal ob vor dem Brandenburger Tor, im eigenen Kiez oder auf den vielen Brücken, Parks und Plätzen wo die Berliner an Silvester traditionell gerne gemeinsam um Mitternacht stehen, grölen, ballern, küssen, sich umarmen und saufen – am Ende hinterlassen sie eine riesige Sauerei. Abgebrannte Böller und Raketen, Sektflaschen, Kippen und sonstiger Müll liegen (nicht selten) im Matsch herum.

Und während die Partymeute am Neujahrstag den Kater kuriert und sich mit Kopfschmerztabletten, Konterbier oder deftigem Frühstück ins Leben zurückmanövriert, muss der ganze Mist von irgendwem wieder aufgeräumt werden. Von selbst macht sich das nicht.


2019: Silvesterfeuerwerk in Kreuzberg

Oberbaumbrücke zum Jahreswechsel von 2019 auf 2020. Foto: Imago/A. Friedrichs
Oberbaumbrücke zum Jahreswechsel von 2019 auf 2020. Foto: Imago/A. Friedrichs

Der Jahreswechsel 2019/2020 war noch ganz normal, niemand ahnte, wie das Jahr werden würde. Das Wort Corona kannte man im Zusammenhang mit einem mexikanischen Bier, Silvester wurde maskenfrei und zusammen verbracht. Die Clubs waren offen, teilweise gingen die Partys im Berghain, Tresor und Kater Blau mehrere Tage. Exzess pur, Berlin war die Partyhauptstadt der Welt. Alles wie immer. Im März 2020 wurde dann alles anders.


2022: Silvester ohne Corona!

Frohes Neues Jahr 2023! Foto: Imago/Wolfgang Maria Weber

Silvester 2022/23 wird wieder normal. Endlich ist die Pandemie vorbei und man darf nach Lust und Laune feiern gehen. Aber passt trotzdem auf Euch auf, wir wollen schließlich, dass Ihr alle gesund bleibt. Guten Rutsch!


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