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Sexarbeit

Die Geschichte der Prostitution in Berlin: Von Stasi-Spitzeln, Straßenhuren und Strich-Dumping

Die Geschichte der Prostitution in Berlin ist eng verbunden mit den politischen Zuständen der jeweiligen Zeit. Der Blick aufs Gewerbe bewegte sich in den letzten gut 200 Jahren zwischen Sittenlosigkeit und Moralismus: von der abstoßenden Doppelmoral im Dritten Reich über das heuchlerische Verbot im Sozialismus bis hin zur weitgehend unkontrollierten Sexarbeit heute.

2020 arbeiten rund 8000 Prostituierte in der Hauptstadt. Die meisten von ihnen bieten ihre Dienste in Wohnvierteln an. Sperrbezirke oder Sperrstunden? Sind in Berlin Fehlanzeige. Die Hauptstadt nimmt in Sachen Sexarbeit bundesweit eine merkwürdige Sonderstellung ein. Wie sich das Sexgewerbe in Berlin seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Berlin entwickelte, verdient also einen genaueren Blick.

Prostitution Berlin Zwischen Verbot und Duldung: Prostitution in Berlin bewegt sich seit jeher zwischen Sittenlosigkeit und Moralismus.
Zwischen Verbot und Duldung: Prostitution in Berlin bewegt sich seit jeher zwischen Sittenlosigkeit und Moralismus. Foto: Imago Images/Rolf Kremming

Bis zum Ersten Weltkrieg: Berlin entwickelt sich zu einem Moloch der Prostitution

Prostitution Berlin Die älteste Berliner Brücke, die Jungfernbrücke in Mitte, war um 1850 herum ein Umschlagplatz für Dirnen und Freier.
Die älteste Berliner Brücke, die Jungfernbrücke in Mitte, war um 1850 herum ein Umschlagplatz für Dirnen und Freier. Foto: Imago Images/Kremming

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Prostitution in Deutschland mit Einschränkungen geduldet. Staatlich überwachte Bordelle wurden zugelassen, diese waren jedoch streng kontrolliert, da man die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis mit der Prostitution – und vor allem mit den Huren selbst – in Verbindung brachte.

In Berlin, wo die Sexarbeit schon damals florierte, ließ die preußische Regierung bis 1850 alle Bordelle in eine berüchtigte Gasse an der Berliner Klosterstraße verlegen. 52 Freudenhäuser drängten sich hier dicht an dicht.

In den Bordellen blieben die „Frolleins“ damals unter sich, Männer waren nach der damaligen Meinung für die Leitung von Bordellen „ungeeignet“. Die Freier mit offensichtlichen Gesten in die Bordelle zu locken war den Huren jedoch verboten. Die Dienste waren streng reglementiert. Die Anzahl der männlichen Gäste wurde dokumentiert, die Dienste waren zeitlich begrenzt.

Preußen gelang es nicht, Prostitution in Berlin zu verbieten

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte die Regierung, die Prostitution dann ganz zu verbieten. Die Bordelle in der Gasse an der Klosterstraße wurden abgerissen. Das Verbot verfehlte jedoch seine Wirkung und die Sexarbeit wurde auf die Straßen der Stadt gedrängt.

Um die Jahrhundertwende wurde die Jungfernbrücke an der Berliner Fischerinsel zu einem Hotspot des Sexgewerbes. Hier sollen die Dirnen schon im Morgengrauen obszöne Melodien vor sich hingeträllert haben, um Freier zu verführen.

In der kaiserlichen Weltstadt wurde das erotische Treiben immer unübersichtlicher. In Berlin arbeiteten Anfang des 20. Jahrhunderts rund 50.000 „Kokotten“, leichte Mädchen. Das Geschäft von Huren und Zuhältern, die es mittlerweile gab, nahm immer mehr an Fahrt auf. Es gab günstigen Sex auf dem Dirnenmarkt am Schlesischen Bahnhof und teurere Damen für 20 Reichsmark an der Friedrichstraße.

Die Polizei bekam das unsittliche Treiben nur schwer in den Griff.


Denunziation und Doppelmoral im Dritten Reich

Prostitution Berlin Nazi-Spionage-Bordell Salon Kitty in der Giesebrechtstraße 11 in Berlin-Charlottenburg.
Nazi-Spionage-Bordell Salon Kitty in der Giesebrechtstraße 11 in Berlin-Charlottenburg. Foto: Imago Images/United Archives International

Bis zur Machtübernahme der Nazis florierte das Sexgewerbe in Berlin relativ unkontrolliert.

Im Dritten Reich dann hielt, wie auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, eine lächerliche Doppelmoral Einzug. Prostituierte waren unter den Nazis verpönt, „asoziale weibliche Elemente“, die man jederzeit internieren konnte.

Im gleichen Atemzug jedoch betrieben die Nazis eigene Bordelle – sogar in Konzentrationslagern. Und nutzten diese, auch über das Naheliegende hinaus, für ihre Zwecke.

Berliner Nazi-Spionage-Bordell Salon Kitty

Berühmt für die Berliner Prostitutions-Szene während des Dritten Reichs wurde beispielsweise das Charlottenburger Bordell Salon Kitty. Die Besitzerin, Kitty Schmidt, eigentlich eine Regimegegnerin, wurde ab 1939 von der Gestapo gezwungen, ihren „Amüsierbetrieb“ dem Sicherheitsdienst zur Verfügung zu stellen.

Das ganze Bordell wurde mit versteckten Mikrofonen ausgestattet und „Frauen und Mädchen, die intelligent, mehrsprachig, nationalistisch gesinnt und ferner mannstoll“ waren, sollten Regime-Feinde mit gezielten Fragen und Körpereinsatz enttarnen – und sogar eigene SS-Funktionäre auf ihre Regimetreue testen.

Auch nach dem Krieg blieb der Salon Kitty noch für Jahrzehnte in Betrieb. In den 1990er-Jahren wurde das Freudenhaus dann geschlossen.


„Essen-Anschlafen“ nach dem Zweiten Weltkrieg: Trümmerfrauen werden zu Teilzeit-Huren

Prostitution Berlin Trümmerfrauen an der zerstörten Friedrichstraße des Nachkriegsberlin im Jahr 1946.
Trümmerfrauen an der zerstörten Friedrichstraße des Nachkriegsberlin im Jahr 1946. Foto: Imago Images/United Archives

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war die Prostitution nicht verboten, außer in Bordellen, wurde jedoch als sittenlos angesehen. Trotzdem boten auch Frauen gehobenerer schichten Freiern ihren Körper an – primär aus Gründen der Existenzsicherung. Im zerstörten Berlin wurden Trümmerfrauen nach Sonnenuntergang nicht selten zu Teilzeit-Huren.

In den Berliner Besatzungszonen, vor allem in Neukölln, Tempelhof, Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf im amerikanischen Sektor, wurde es zur Gepflogenheit, sexuelle Handlungen im Gegenzug für Geschenke anzubieten. Mädchen und Frauen hatten Sex mit der Militär-Polizei für eine Schachtel Zigaretten oder einen Pfund Kaffee.

Mit dem wachsenden Wohlstand wuchs jedoch auch wieder die Begierde nach Geld. Und Sex im Gegenzug für Geschenke verlor für viele Damen den Reiz.

Ende der 1950er-Jahre wurde die damals wie heute von der Sexarbeit stark frequentierte Kurfürstenstraße erstmals zum Kinderstrich. 13-jährige Mädchen, die in der Nachkriegszeit fern von Idealvorstellungen aufgewachsen waren, gaben hier für Geld ihren Körper her.


Prostitution in der DDR: Sex-Arbeiter*innen als Spion*innen der Stasi

Prostitution Berlin Im heutigen Park Inn am Alexanderplatz gingen in der DDR Prostituierte ein und aus.
Im heutigen Park Inn am Alexanderplatz gingen in der DDR Prostituierte ein und aus. Foto: Imago Images/Zensen

Mit der Teilung Berlins wurde die Reglementierung der Prostitution wieder strenger. Ab 1960 wurde das Sexgewerbe als unvereinbar mit dem sozialistischen Frauenbild angesehen. Bis 1968 blieb Prostitution in der DDR folglich verboten.

In der Realität war die teilweise Duldung von Prostitution jedoch ein offenes Geheimnis: In sogenannten Devisenhotels, nicht nur in Berlin, gingen Prostituierte ein und aus und wurden von der Stasi sogar als Informationsbeschafferinnen eingesetzt.

Voraussetzung für Prostituierte: vaterländische Gesinnung

Der Anforderungskatalog der Staatssicherheit an die Sexarbeiterinnen lautete damals: „zwischen 20 und 30 Jahre alt, unverheiratet, keine Kinder, Fremdsprachenkenntnisse, gut aussehend, gebildet, analytische Fähigkeiten, vaterländische Gesinnung“.

Orte in Ost-Berlin, die während der DDR regelmäßig von Prostituierten und Freiern besucht wurden, waren zum Beispiel das Palast-Hotel am Potsdamer Platz oder das Interhotel Stadt Berlin, das heutige Park Inn am Alexanderplatz.

Prostituierte in der DDR reizte nicht zuletzt die Aussicht auf Westgeld. Als Folge stieg seit den 1970er-Jahren die Zahl der Prostituierten, die der Mittelklasse entstammten oder sogar einen Hochschulabschluss hatten, auf eine Rekordzahl.


Ende der 1970er-Jahre: Babystrich am Bahnhof Zoo erlangt traurige Berühmtheit

Ausschnitt aus dem Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von 1981. Das dem Film zugrunde liegende Buch sorgte seit 1978 für Diskussionen.
Ausschnitt aus dem Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von 1981. Das dem Film zugrunde liegende Buch sorgte seit 1978 für Diskussionen. Foto: Imago Images/United Archives

In den 1970er-Jahren überschwemmten harte Drogen West-Berlin, und mit dem kriminellen Geschäft blühte auch die Prostitution auf.

Das relativ neue Phänomen der Prostitution im Zusammenhang mit der Drogenszene nahm in West-Berlin relativ unkontrolliert seinen Lauf. Als zentraler Verkehrsknotenpunkt West-Berlins erlangte der Bahnhof Zoologischer Garten Ende der 70er-Jahre durch das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ traurige Berühmtheit.

Teils sehr junge Mädchen und Jungen verkauften ihren Körper an der Jebensstraße, um sich den nächsten Schuss zu finanzieren.


Mit dem Fall der Mauer wird Sexarbeit auch im wiedervereinten Berlin legal

Prositution Berlin Mit dem Mauerfall wurde Prostitution im ganzen Berliner Stadtgebiet wieder legal.
Mit dem Mauerfall wurde Prostitution im ganzen Berliner Stadtgebiet wieder legal. Foto: Imago Images/UIG

Mit der Wiedervereinigung der Stadt im Jahr 1990 wurde auch die Prostitution im ganzen Berliner Stadtgebiet wieder legal.

Nach der Wende reisten zudem Frauen aus Osteuropa in Berlin ein, um die neue Freiheit zu genießen. Sie verkauften ihren Körper an der Kurfürstenstraße, die heute noch als wichtigster Umschlagplatz für das Sexgewerbe Berlins gilt. Die osteuropäischen Prostituierten und ihre Zuhälter begannen damit, den Markt mit Dumpingpreisen aufzumischen.


Der Kurfürstenkiez – Berlins bekanntester Straßenstrich

Prositution Berlin Prostituierte an der Berliner Kurfürstenstraße: Neben den Straßenstrichs gibt es in Berlin zudem hunderte Bordelle.
Prostituierte an der Berliner Kurfürstenstraße: Neben den Straßenstrichs gibt es in Berlin zudem hunderte Bordelle. Foto: Imago Images/Kremming

Seit dem Ende der 1950er-Jahre gehört die Prostitution zum Schöneberger Kurfürstenkiez dazu. Mittlerweile ist die Kurfürstenstraße wohl Berlins bekanntester Straßenstrich. Zudem gelten auch Teile der nahegelegenen Bülowstraße und der Genthiner Straße als Straßenstrich. Ein weiterer bekannter Umschlagplatz für öffentliche Prostitution in Berlin ist die Oranienburger Straße in Mitte.

Sperrzeiten oder ein Sperrbezirk, damit Anwohner*innen während ihres Alltags weniger mit dem Sexgewerbe in Berührung kommen, waren seit 2013 immer wieder im Gespräch. Die Situation hat sich jedoch bis heute nicht geändert. An den stadtbekannten Straßenstrichen bleibt Berlin ein Freiluft-Puff.

Zusätzlich zum öffentlichen Sexgewerbe gibt es berlinweit hunderte Bordelle, in denen Prostituierte ihre Dienste anbieten können. Seit der Jahrtausendwende wurde die Prostitution in Deutschland durch zwei verschiedene Gesetze stärker reglementiert – auch um Sexarbeiterinnen sozial und rechtlich besser abzusichern.


Berlin bleibt arm, aber sexy: Senat lässt Prostitution, trotz Gesetz, weitgehend unkontrolliert zu

Prostitution Berlin Berühmtes Berliner Bordell: Der Sauna-Club Artemis unweit des Messe-Geländes.
Berühmtes Berliner Bordell: Der Sauna-Club Artemis unweit des Messe-Geländes. Foto: Imago Images/Ritter

Seit 2001 gilt Prostitution nicht mehr als „sittenwidrig“, das heißt, dass Prostituierte mit ihren Freiern Dienste vertraglich regeln können. Mit dem Prostituiertenschutzgesetz sollte der undurchsichtige Markt seit Mitte 2017 zusätzlich sicherer und übersichtlicher werden. Kernelemente dieses Gesetzes sind zum Beispiel eine Erlaubnispflicht und eine Anmeldebescheinigung, die Prostituierte im Falle einer Kontrolle vorweisen müssen.

Wieviel Prozent des Gewerbes jedoch immer noch unter dem Radar stattfinden, ist weitgehend unbekannt. Ende 2017 fand eine große Razzia im Berliner Sauna-Club und Bordell Artemis statt. Solche großen Razzien sind bisher jedoch die Ausnahme. Daher bleibt fraglich, wie viel Schwarzgeld im Sexgewerbe noch im Umlauf ist und wie viel Steuergeld dem Staat durch die unzureichende Kontrolle entgeht.

Prostitution in Berlin: Im Kurfürstenkiez liegen die Nerven blank

Insbesondere Berlin bekleckert sich mit seiner „Arm, aber sexy“-Kultur deutschlandweit nicht gerade mit Ruhm: Sperrstunden und Sperrbezirke sucht man in der deutschen Hauptstadt, im Vergleich zu anderen großen Städten, vergeblich.

Bei Anwohner*innen, beispielsweise des Kurfürstenkiezes, für die das öffentliche Sexgewerbe zum Alltag gehört, liegen seit Jahren die Nerven blank.

Osteuropäische Banden, die massenweise Frauen für sich anschaffen lassen, machen in Berlin immer noch einen großen Teil der Szene aus. Männliche, junge Stricher aus Rumänien und Bulgarien sind Teil des Stadtbilds an der Fugger- und Eisenacherstraße in Schöneberg. Teilweise werden die Geschäfte direkt auf Kinderspielplätzen abgewickelt.

Und seit Beginn der Flüchtlingswelle 2015 treffen Spaziergänger*innen und Jogger*innen vermehrt auf homosexuelle Stricher im Tiergarten.

Das verrückte und freie Berlin bleibt sich in Bezug auf das Sexgewerbe also selber treu. Wie lange ihr etwas schmuddeliger Ruf jedoch noch zur Weltstadt Berlin passt, bleibt abzuwarten.


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