30 Jahre Wiedervereinigung

Tag der Deutschen Einheit: 30 irre Fakten zum 3. Oktober

Vor 30 Jahren wurde das Land wieder eins – der 3. Oktober 1990 ist aber vielen Berlinern eher egal. „Historisch betrachtet lagen die größten, einschneidendsten Veränderungen davor oder danach“, sagt der Historiker Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Wir haben unnützes Wissen zum 3. Oktober 1990 für euch: eine Sammlung der 30 irrsten Fakten zum Tag der Deutschen Einheit 1990 – von Kohlwetter über Schwierzomper bis zum Einheitssekt.

Texte: Erik Heier und Philipp Wurm

Unnützes Wissen zum 3. Oktober 1990: Einheit im Reißverschlussverfahren? imago images / imagebroker
Unnützes Wissen zum 3. Oktober 1990: Einheit im Reißverschlussverfahren? Foto: imago images / imagebroker

1. Kohlwetter 

Warum überhaupt der 3. Oktober? Weil die Bundestagswahl für den 2. Dezember angesetzt war und die DDR-Bürger spätestens acht Wochen vorher Bundesbürger sein mussten, um die Wählerlisten pünktlich fertig zu haben. Letztmöglicher Termin wäre der 7. Oktober gewesen: der 41. Jahrestag der DDR. Das wollte keiner. Man entschied sich für den Mittwoch davor. Die irrste Erklärung für das Datum kam von Helmut Kohl. Er behauptete, den Tag wegen der günstigen Wetterprognose festgelegt zu haben.


2. Schwierzomper 

Unnützes Wissen zum 3. Oktober: Tino Schwierzina (links mit Mütze), Ost-Berlins Bürgermeister, und sein West-Pendant Walter Momper (rechts mit Kelle), waren ab 3. Oktober 1990 gemeinsam die Chefs der Stadt. Foto:  imago images / Ulli Winkler.
Unnützes Wissen zum 3. Oktober: Tino Schwierzina (links mit Mütze), Ost-Berlins Bürgermeister, und sein West-Pendant Walter Momper (rechts mit Kelle), waren ab 3. Oktober 1990 gemeinsam die Chefs der Stadt. Foto: imago images / Ulli Winkler.

Spitzname für die Bürgermeister Tino Schwierzina (Ost) und Walter Momper (West), ab 3. Oktober 1990 nur noch im Duo unterwegs. Das steht dem „Magisenat“ vor. Auch das ist eine Zusammenziehung aus Magistrat (Ost) und Senat (West). Nach Tino Schwierzina, der 2003 verstarb, ist übrigens eine Straße in Weißensee benannt.


3. Einheitsschmuser 

200.000 Exemplaren werden von der Programmbroschüre gedruckt, die auf den Feiermeilen rings ums Brandenburger Tor ausgehändigt wird. Zum Line-up gehört unter anderem Chris de Burgh, ein „sanfter Schmuser“, wie die „Berliner Zeitung“ ihn seinerzeit ankündigt.


4. Linksfeier 

Autonomendemo am Alex: „Deutschland, halt’s Maul“. Foto: imago images / Rolf Zöllner

10.000 Teilnehmer zählt die linke Gegendemo am Alexanderplatz. Die gebündelten Fakten: Politische Ansagen („Deutschland, halt‘s Maul!“), außerdem 300 Verletzte, 150 Festnahmen. Die „B.Z.“ berichtet von einer „Terrornacht“.


5. Staatsakte

Ost Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth hielt eine separate DDR-Feier zum Ende des Landes für überflüssig. Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl sah das anders. So kam es am 2. Oktober, 21 Uhr, zum letzten offiziellen Staatsakt der DDR im Ost-Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Die Leipziger Philharmonie intonierte Beethoven. So gab es zwei Staatakte: in Ost und West.


6. Bahr macht blau 

Ein Wegbereiter der Wiedervereinigung schwänzt den West-Staatsakt in der Philharmonie, wo der Bundespräsident ans Rednerpult tritt: Egon Bahr, Vater der neuen Ostpolitik in den 70ern, diskutiert lieber an der HU, u. a. mit den Bürgerrechtlern Jens Reich und Bärbel Bohley, Spiegel-Reporter Matthias Matussek und Claus Peymann.


7. Radical Chic 

Heiner Müllers "Germania Tod in Berlin" in der Volksbühne. Foto: imago images / Martin Müller
Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ in der Volksbühne. Foto: imago images / Martin Müller

Während die halbe Stadt im Einheitstaumel ist, veranstaltet der unbeeindruckte Theater-Regisseur Heiner Müller an der Volksbühne ein Gegenprogramm. Er führt sein Stück „Germania Tod in Berlin“ auf, eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.


8. Schlussverkauf 

Zehntausende Shopping-Touristenpilgern einen Tag vor dem 3. Oktober in die Kaufhäuser im Berliner Westen. Sie kommen aus Polen. Der Termin ist ihre letzte Möglichkeit für eine unkomplizierte Einreise; nach der Besiegelung der Einheit wird ein Visum nötig sein.


9. Oh Gott! 

Gemeinden in Ostdeutschland registrieren eine Welle von Austritten aus der katholischen Kirche. Hinter dem Phänomen steckt wirtschaftliches Kalkül. Nach dem 3. Oktober wird auch für Gläubige unter dem Dach der Erzbistümer jenseits der gefallenen Mauer die Kirchensteuer fällig.


10. Lichtkanonier 

Der Installationskünstler Rolf Lieberknecht schießt den Laserstrahl aus der Lichtkanone am Brandenburger Tor. Drei Zentimeter dick ist das illuminierende Bündel, sein grüner Farbton ist in einem Radius von 4,5 Kilometern zu sehen. Leuchten wird er bis zum 7. Oktober.


11. Es ist ein Junge 

Das erste Einheitsbaby heißt Jakob, stammt aus Schildow, ist sechs Pfund schwer und 50 Zentimeter groß. Geboren wurde der Junge um 0.00 Uhr in der Klinik Maria Heimsuchung in Pankow, seine Mutter ist Krankenschwester.


12. Rock’n’Roll 

Wusstet ihr, dass in der Nacht auf den 3. Oktober am Kollwitzplatz eine ganz eigene Republik ausgerufen wurde? Utopia statt Deutschland. Foto: Imago Images/Rolf Zöllner
Wusstet ihr, dass in der Nacht auf den 3. Oktober am Kollwitzplatz eine ganz eigene Republik ausgerufen wurde? Utopia statt Deutschland. Foto: Imago Images/Rolf Zöllner

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober rufen am Kollwitzplatz linke Künstler und Aktivisten die „Autonome Republik Utopia“ aus – ein Statement gegen den nationalen Rausch. Aktionskünstler Kurt Jotter proklamiert: „Ab 0.33 Uhr wird zurückgefeiert.“


13. Wilde Herzen

Eine Transplantation am Abend des 3. Oktobers rettet einem schwer kranken Wilmersdorfer die Gesundheit. Das Herz, das ihm eingepflanzt wird, stammt aus dem verblichenen Körper eines DDR-Bürgers. „Das ist mein herzlicher Beitrag zur Wiedervereinigung“, wird der Chirurg in der B.Z. zitiert.


14. Die große Erleuchtung 

Am Tag nach der großen Fete empfängt Richard von Weizsäcker, oberster Repräsentant des vereinten Landes, den Dalai Lama im Schloss Bellevue. Ein „Privatgespräch“ sei das Ganze gewesen, heißt es danach ganz diskret.


15. Nur der Himmel ist die Grenze 

50 Minuten über den Wolken zwischen Frankfurt und Berlin – so lange dauert der erste Lufthansa-Linienflug seit 1945 nach West-Berlin, in einer Boeing 747-200. Zuvor hatten keine Lufthansa-Maschinen in Berlin landen können. Der Luftraum war nur offen für Flieger, die in den Ländern der Alliierten gemeldet waren.


16. Klassengesellschaft 

Stößchen für Deutschland: Volles Land, halbtrocken. Foto: imageBROKER/Manfred Vollmer via www.imago-images.de

Ein Schaumweinhersteller kreiert fürs Party-Happening am 3. Oktober einen „Wiedervereinigungssekt“. Die Preise sind den Zielgruppen angepasst. 18 Mark kostet die Flasche am Brandenburger Tor, nur 6 Mark auf dem Einheitsfest in Lichtenrade.


17. Fußnote 

Der Schumacher-Meister Wilhelm Lucas aus Prenzlauer Berg hat ein schwarz-rot-goldenes Schuhpaar in der Größe 42 angefertigt – ein Geschenk für CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl. Er überreicht die lederne Fußmode dem Spitzenpolitiker auf dem Festgelände.


18. Kassandra

Unnützes Wissen zum 3. Oktober 1990: Letzte Arbeitsministerin der DDR: Regine Hildebrandt. Die wusste Bescheid. Foto: imago images / Sven Simon
Letzte Arbeitsministerin der DDR: Regine Hildebrandt. Die wusste Bescheid. Foto: imago images/Sven Simon

Regine Hildebrandt, Ministerin für Soziales und Arbeit aus Lothar de Maizières ostdeutschem Regierungskabinett, weissagt die Zukunft. Sechs Millionen Arbeitslose werde es im wiedervereinigten Deutschland geben, prognostiziert sie kurz vor dem Einheitsfest.


19. Golf ist geil 

Die Erotik-Unternehmerin Beate Uhse verleiht im Grandhotel an der Friedrichstraße den Gewinnern eines Ausschreibens die Preise: wahlweise Schecks über 18.000 Mark oder einen VW Golf. Das Glücksspiel war redaktioneller Inhalt eines Uhse-Katalogs, der zuvor in den Zeitschriftenregalen ausgelegen hatte.


20. Geld macht geil

Ein Auszug aus dem Kabarett-Programm für den 3. Oktober: In der Distel, dem Ost-Berliner Vorzeigekabarett, witzelt man leise seufzend der DDR nach: „Uns gab’s nur einmal.“ Im West-BKA im Zelt verkündet Lisa Fitz: „Geld macht geil.“


21. West-Grün für Ost-Ladas

Farbe bekennen: Ost-Polizeiautos machen rüber. Foto: imago stock&people

Rund 200 Ladas russischer Bauart bringt die Volkspolizei ein, sie werden mit West-Lack auf West-Berliner Grün umgespritzt. Den Polizeistern erhalten sie erst am 3. Oktober 1990. Ost- und Westreviere tauschen Dienstwagen, die Polizisten im Osten sind mit den Volkswagen „von drüben“ deutlich schnittiger motorisiert.


22. Neukölln ist anders

Was mit den Dienst­wagen klappt, ist beim Personal schwieriger. Viele Westpolizisten sind nicht begeistert von der Idee, im Osten Dienst zu schieben. In Neukölln etwa seien nur sechs von 600 Beamten zum Wechsel in Ost-Abschnitte bereit, schreibt die „Morgenpost“.

30 Jahre später hat die Berliner Polizei ein Problem, das damals schon kein unbekanntes Phänomen war: rechtsextreme Ansichten und Rassismus mancher Polizisten.


23. Post aus Paris 

„Natürlich bin ich glücklich“, frohlockt Marlene Dietrich, 88-jährige Exilantin in Paris, anlässlich der Einheit – in einem Telefon-Interview mit „France Soir“. Ihre gute Laune begründet sie so: „Alles macht glücklich, was Menschen zueinander bringt und den Frieden stärkt.“


24. Schnelle Nummer

Andere Umstände auf dem tip-Cover. Foto: tip Bildarchiv / Bernd Pohlenz

Die Headline auf dem tip-Titelbild der Ausgabe 20/90: „Die schnelle Nummer 3.10.90. Einigung: Berlin in anderen Umständen”. Es zeigt eine Karikatur von Bernd Pohlenz: ein Bärenpaar. Der West-Bär trägt einen Mercedes-Stern am Ohr, die schwangere Ost-Bärin hält eine Banane in der Tatze. Zudem fehlt ihr ein Zacken in der Krone.


25. Waterboys statt Einheitsfest

Im Metropol spielen am 3. Oktober 1990 die Waterboys. Aus der Zitty-Ankündigung: „Auch falls sich die Herren Bush und Gorbatschow heute Abend tatsächlich unter dem Brandenburger Tor die Hände schütteln, sollten – Mike Scott und seine Waterboys würden sie wahrscheinlich keinen einzigen Besucher abziehen.“ Bush und Gorbi kommen aber eh nicht.


26. Hoch die Krüge

Zum Tag der Einheit bringt die Berliner Kindl-Brauerei einen schwarz-rot-goldenen Krug auf den Markt.

Auch sonst hat die Getränke-Wirtschaft in Berlin Spuren hinterlassen: mit ihren Produktionsstätten, wobei viele Brauereien viele längst eine andere Bestimmung haben.


27. Letztes deutsch-deutsches Fußballduell

In der ersten UEFA-Pokalrunde wird das letzten deutsch-deutsche Fußballduell am Vorabend der Deutschen Einheit im Chemnitzer Ernst-Thälmann-Stadion ausgetragen. Borussia Dortmund besiegt den Chemnitzer FC mit 2:0. Beide Fangruppen brennen quasi durchgehend Feuerwerkskörper ab, die es in der Stadt für den Einheitstag zu kaufen gibt.


28. DDR-Liebhaber

Kurz vor dem Feiertag werden laut „Berliner Zeitung“ mehrere „DDR-Liebhaber“ wegen öffentlicher Schmierereien festgenommen. So hatten zwei Männer auf einen Bauwagen und Hauswände gesprüht: „Helmut kommt vor dem Fall“. Die mochten vielleicht auch die DDR-Architektur. Kann man sogar verstehen, zum Teil.


29. Unbequeme Einheit

Es stimmt gar nicht, dass sich im Westen nach der Wiedervereinigung nichts ändert. Im Bonner Bundestag wird es eng. Weil für 144 Abgeordnete aus den Neuen Ländern Platz nötig ist, werden die Stühle enger zusammengestellt – und Armlehnen entfernt.


30. Feiertag

Arbeitsfrei ist der 3. Oktober 1990 übrigens nicht – weil dieses Privileg für den „anderen“ Tag der Deutschen Einheit verbraten wurde: Zum letzten Mal fällt der Feiertag 1990 auf den 17. Juni. Ab 1991 dürfen die wiedervereinigten Deutschen am 3. Oktober blau machen. Außer wenn der Tag, wie dieses Jahr, auf ein Wochenende fällt. Pech.

Nach der Einheitsnacht vom 3. Oktober 1990 wäre für den einen oder anderen ein freier Tag auch nicht schlecht gewesen. Foto: imago images / Rolf Zöllner

Mehr über die Einheit:

Die ganz großen Einheitsfeierlichkeiten finden zwar dieses Jahr in Potsdam statt, aber in Berlin gibt es auch Gelegenheiten, den Tag der Deutschen Einheit zu begehen. Irre, wie sich manche Orte in der Stadt in 30 Jahren verändert haben – aber nicht alle. 12 Beispiele aus Berlin mit Fotos von 1990 und 2020 haben wir für euch zusammengestellt. Zum Jubiläum präsentieren wir 12 Filme, die sich mit der Zeit der Wende, dem Mauerfall und den Zuständen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs beschäftigen. Berlin im Jahr 1990 scheint euch weit weg zu sein? Hier geht es zurück ins Jahr 1920, der Geburtsstunde von Groß-Berlin.

Mehr über Cookies erfahren