Berlin verstehen

12 Walpurgisnacht-Momente in Berlin: Hexen, Punks und Partymacher

Die Geschichte der Walpurgisnacht in Berlin ist eine Geschichte des Exzesses. Die Nähe zum 1. Mai bestimmte stets die ausschweifenden Partys und Demos am 30. April. Der Tag der Arbeit gehört Kreuzberg. Seit den 1980er-Jahren liefern sich dort Linksradikale bei der „Revolutionären 1. Mai-Demo“ Straßenschlachten mit der Polizei.

Nach der Wende gehörte aber die Walpurgisnacht den Ost-Berliner Bezirken. Anfangs Prenzlauer Berg und später Friedrichshain. Am Kollwitzplatz, im Mauerpark und am Boxhagener Platz wurde in den Mai getanzt, demonstriert und geprügelt. Erst in den letzten Jahren hat sich der Fokus auf Wedding verlagert.

Die Walpurgisnacht in Berlin ist auch eine Geschichte der Gentrifizierung. In jedem Fall ist sie ein Stück Berlin-Geschichte. Hier sind 12 Berliner Walpurgisnacht-Momente aus den letzten 30 Jahren.

1990 – Hexenfeuer am Wasserturm

Die 1. Walpurgisnacht am Prenzlauer Berg. Berlin 1990.
Die 1. Walpurgisnacht am Prenzlauer Berg. Im Jahr nach dem Mauerfall laufen „Hexen“ über die Wörther Straße zum Wasserturm, wo das Hexenfeuer zur Walpurgisnacht 1990 brennen sollte. Foto: Imago/Rolf Zöllner

1991 – Hexentanz und Frauenpower

Hexentanz in der Kollwitzstraße. Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg.
Hexentanz um ein Feuer an der Kollwitzstraße. Zur Walpurgisnacht versammelten sich Frauen und feierten im frisch wiedervereinigten Berlin mit alten Bräuchen. Foto: Imago/Rolf Zöllner

1996 – Der Kollwitzplatz war blau, so viele Bullen waren da

Am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg liefern sich Polizei und Demonstranten eine Schlacht bei der Walpurgisnacht.
Noch einige Jahre zuvor war die Walpurgisnacht eine feministisch bewegte aber eher lustig-aufregende Veranstaltung. Ab Mitte der 1990er-Jahre politisierte und radikalisierte sich die Nacht vor dem 1. Mai. Am Kollwitzplatz kam es zu regelmäßigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Foto: Imago/Rolf Zöllner

1998 – Demo gegen Schönbohms Politik

Demo gegen Innensenator Jörg Schönbohm. Berlin, Walpurgisnacht 1998.
Jörg Schönbohm war von 1996 bis 1998 Innensenator in Berlin. Bei der Demo zur Walpurgisnacht wurde gegen seine Politik der Absperrung ganzer Stadtviertel und für eine freie Ortswahl von Veranstaltungen und Demonstrationen protestiert. Foto: Imago/Rolf Zöllner

2000 – Feuersprünge und Party

Sprung über das Feuer bei der Walpurgisnacht im Mauerpark.
Die Walpurgisnacht ist aber nicht nur politisch, viele Jugendliche wollen einfach nur feiern. Hier üben sich zwei Jungs im traditionellen Sprung über das Walpurgisnachtfeuer. Mauerpark, Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Christian Ditsch

2001 – Randale und Verhaftungen

Ein Punk wird in Berlin verhaftet. Walpurgisnacht, Prenzlauer Berg.
Das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gehört längst zur Berliner Walpurgisnacht-Folklore. Wer nicht bis zum 1. Mai in Kreuzberg warten kann, findet schon in der Nacht vorher ein Ventil und landet nicht selten in Haft. Foto: Imago/David Heerde

2003 – Walpurgisfeuer im Mauerpark

Bei der Walpurgisnacht im Mauerpark wird Bauholz im Walpurgisfeuer verbrannt.
Walpurgisnacht im Mauerpark: Bauholz wird im Walpurgisfeuer verbrannt. Foto: Imago/Rolf Zöllner

2004 – Ausnahmezustand in Prenzlauer Berg

In Prenzlauer Berg herrscht der Ausnahmezustand bei der Walpurgisnacht.
Demonstranten und Partyvolk vermischen sich rund um den Mauerpark. In Prenzlauer Berg herrscht der Ausnahmezustand. Es kommt zu zahlreichen Verhaftungen. Foto: Imago/Seeliger

2005 – Tanzende Punks in Friedrichshain

Ein Punk tanzt um ein Feuer bei der Walpurgisnacht in Friedrichshain.
Der Tanz in den Mai hat hier eine etwas rustikale Anmutung. Punks tanzen um einen brennenden Müllhaufen. Der Boxhagener Platz ist zum Epizentrum der Walpurgisnacht-Randale geworden. Foto: Imago/Christian Schroth

2009 – Am Boxi brennt eine Mülltonne

Eine Mülltonne brennt bei der Walpurgisnacht in Friedrichshain.
Die Tradition des Maifeuers wird am Boxhagener Platz in Friedrichshain neu interpretiert. Eine Mülltonne brennt. Foto: Imago/Olaf Wagner

2011 – Liebe am Wismarplatz

Ein Pärchen küsst sich vor der Polizeiabsperrung. Walpurgisnacht in Friedrichshain.
Walpurgisnacht auf dem Wismarplatz in Friedrichshain. Ein Pärchen küsst sich vor der Polizeiabsperrung. Trotz Liebe endet die Demo mit Randalen. Foto: Imago/Christian Schroth

2014 – Feuer über den Dächern in Wedding

2500 Demonstranten zogen bei der "Antikapitalistischen Walpurgisnacht" durch den Wedding. Die Route führte von der Kreuzung Seestraße/ Müllerstraße bis zur Pankstraße. Unterstützer brannten Bengalos auf den Hausdächern in der Maxstraße ab.
2500 Demonstranten zogen bei der „Antikapitalistischen Walpurgisnacht“ durch den Wedding. Die Route führte von der Kreuzung Seestraße/ Müllerstraße bis zur Pankstraße. Unterstützer brannten Bengalos auf den Hausdächern in der Maxstraße ab. Foto: Imago/Olaf Wagner

Als in den 1990er-Jahren die Berliner Tradition der Walpurgisnacht begann, ging es um Selbstverwirklichung und Freiheit. Alte Hexenbräuche und die Rituale des „Tanz in den Mai“ wurden wiederentdeckt. Emanzipation und ausgelassene Freude bestimmten den 30. April. Wie sonst in den improvisierten Clubs und Bars wurde im Nachwende-Berlin plötzlich der öffentliche Raum zum Ort, an dem man tanzen, trinken und feiern konnte. Vor allem der Kiez rund um den Kollwitzplatz und später den Mauerpark entwickelte sich zum Mittelpunkt der Walpurgisnacht.

Man lebte in Prenzlauer Berg, es gab leerstehende Wohnungen und die Mieten waren niedrig. Die alte Ost-Boheme wohnte Tür an Tür mit zugezogenen Studenten aus Westdeutschland. Die Wiedervereinigung fand hier in Echtzeit statt und die Walpurgisnacht wurde zu ihrem kumulativen Moment. Doch schon bald verwandelten sich anarchische Partylaune und jungendlicher Übermut in Gewalt. Die Nächte wurden von Aggression dominiert und eskalierten in Prügeleien, Verfolgungsjagden mit der Polizei und Verhaftungen.

Bei der Walpurgisnacht in Berlin wurde das Feuer zum Element der Zerstörung

Poltischer Widerstand und linksradikale Forderungen unterfütterten das bunte Treiben. Feuer war nicht mehr Symbol, sondern das Element der Zerstörung. Statt gelassen über Lagerfeuer zu hüpfen, brannten Mülltonnen und Autos. Die Walpurgisnacht verschmolz mit den den Kreuzberger 1.-Mai-Randalen zur großen Berliner Anarchie-Festivität.

Parallel dazu sanierten, modernisierten und bauten die Investoren und Immobilienbesitzer Prenzlauer Berg zur gutbürgerlichen Wohlfühloase um. Und schon bald wollten die neuen Bewohner keine Randalierer in ihrer Gegend mehr haben. Um die Jahrtausendwende zog die Walpurgisnacht-Karawane nach Friedrichshain, wo die Gentrifizierung noch nicht ganz so weit fortgeschritten war.

Dann brannten die Feuer am Boxhagener Platz und teilweise auch am Wismarplatz. Man verlagerte den Schauplatz, die Rituale blieben. Und während sich in Kreuzberg das „Myfest“ die Lage weitestgehend beruhigt hat, brutalisierten sich die Friedrichshainer Walpurgisnächte in den Nuller Jahren.

In den letzten Jahren fanden die Walpurgisnacht-Demos immer wieder in Wedding statt. An vielen anderen Orten in Berlin wurde die Walpurgisnacht mit Partys, Konzerten, kleinen Festivals und familienfreundlichen Veranstaltungen gefeiert. Kinder verkleideten sich als Hexen und es gab Clowns und Seifenblasen. Aufgrund der Corona-Verordnung fällt 2020 davon vieles flach. Trotzdem kündigen Aktivisten einiges an – und die Polizei ist gewohnt vorbereitet auf den 1. Mai.


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Der Mauerpark, in dem die Walpurgisnacht gefeiert wurde, ist heiß geliebt und innig gehasst. Auch etwas, an das sich Zugezogene in Berlin gewöhnen müssen – genau wie an diese 12 Dinge. Ihr lebt schon immer oder zumindest seit einer halben Ewigkeit in Berlin? Diese 12 Dinge kennt jeder, der im West-Berlin der 1980er gelebt hat.

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