Berlin verstehen

Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin: Frischfleisch und Entwicklungsgebiet

Am 1. März 1881 eröffnete der Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin. Damals gehörte das Areal zu Lichtenberg, zwischendurch zu Friedrichshain, heute befindet es sich nach Grenzkorrekturen in Prenzlauer Berg. Der Schlachthof galt als eine der größten und modernsten Anlagen seiner Art in Europa und versorgte über Jahrzehnte den Großraum Berlin mit Frischfleisch.

In DDR-Zeiten wurde der Standort erweitert und als VEB Fleischkombinat Berlin fortgeführt. 1991 wurde der Schlachtbetrieb eingestellt, und nach Jahren des Stillstands begannen Investoren, das Grundstück aufzuteilen und zu bebauen. Ein riesiges Neubauquartier im Herzen der Stadt entsteht seit den frühen 2000er-Jahren auf dem Areal.

Das Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof ist noch nicht vollständig abgeschlossen, aber die Zukunftspläne sind heute klar. Hier erzählen wir die Geschichte des Zentralvieh- und Schlachthofs in Berlin.


Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin um 1907

Schlachthof Berlin: Der Zentralvieh- und Schlachthof, 1907. Foto: Max Missmann/Gemeinfrei
Der Zentralvieh- und Schlachthof Berlin, 1907. Foto: Max Missmann/Gemeinfrei

Viehhandel und Schlachtgewerbe gehören zu jeder Großstadt dazu. In Berlin unterstanden die Schlachthäuser lange Zeit den preußischen Monarchen, das Schlachten war nur in städtischen Betrieben erlaubt. Erst 1810 wurden in Folge von umfassenden Reformen auch private Schlachträume genehmigt.

Es entstanden mehrere Vieh und Schlachthöfe im Stadtinneren, die aber aufgrund der Lärm- und Geruchsbelästigung die Anwohner in der Nachbarschaft störten. Zudem hielten die Betreiber oftmals die hygienischen Anforderungen nicht ein. Immer wieder brachen Seuchen aus, so dass in den 1860er-Jahren die Idee zur Errichtung eines zentralen Vieh- und Schlachthofs in Berlin entstand.


Lageplan des Areals

Lageplan vom Berliner Zentralvieh- und Schlachthof, 1896. Foto: Gemeinfrei
Lageplan vom Berliner Zentralvieh- und Schlachthof, 1896. Foto: Gemeinfrei

Der Berliner Magistrat erwarb 1876 ein knapp 40 Hektar großes Areal in Lichtenberg und begann mit den Bauarbeiten, die sich bis 1881 zogen. Am 1. März jenes Jahres eröffnete schließlich der Zentralvieh- und Schlachthof. Der Lageplan aus dem Jahr 1896 zeigt die Ausdehnung und Bebauung des Geländes zwischen der Landsberger Allee, Thaer Straße und der Eldenaer Straße, zu dem unter anderem ein Bahnhofsgebäude, Trichinenschau, Hammel- und Rinderställe, Auktionshäuser, Schlachthäuser für Groß- und Kleinbetriebe, Wagenschuppen, Verwaltung, Kesselhaus, Talgschmelze, ein Wasserturm und Wohnhäuser gehörten.


Kleintier-Schlachthaus

Hammel- und Kleintier-Schlachthaus, um 1897. Foto: Gemeinfrei
Hammel- und Kleintier-Schlachthaus, um 1897. Foto: Gemeinfrei

Berlin wuchs im späten 19. Jahrhundert zu einer Metropole heran. Um 1920, nach der Eingemeindung zahlreicher Städte, Landgüter und Ortschaften, entstand an der Spree mit Groß-Berlin die drittgrößte Stadt der Welt. Damit stieg auch der Fleischkonsum, und der Zentralvieh- und Schlachthof spielte bei der Versorgung der Bewohner eine bedeutende Rolle.

Im ersten Betriebsjahr schlachtete man dort bereits gut eine Million Tiere, und der Bedarf stieg stetig an, so dass schon früh bauliche Erweiterungen durchgeführt und neue Gebäude, etwa moderne Kühlhäuser, errichtet wurden.


Der Börsensaal

Schlachthof Berlin:  Inneres des Börsensaals, 1896. Foto: Gemeinfrei
Das Innere des Börsensaals, 1896. Foto: Gemeinfrei

Wie der Name Zentralvieh- und Schlachthof nahelegt, erfüllte das Areal zwei Funktionen. Zum einen wurde es das Zentrum des Viehhandels in der Region, zum anderen ein riesiges Schlachthaus für Rinder, Hammel, Schweine und Kälber.

Viehhandel und Fleischverarbeitung hatten somit einen zentralen Ort in Berlin. Die moderne Anlage war in jener Zeit einmalig, sowohl in Deutschland wie auch im europäischen Vergleich. Die Besonderheit war neben der Größe des Areals, der technischen Ausstattung und der ausgeklügelten Logistik auch die Architektur. Der opulente Börsensaal, in dem die Fleischgeschäfte abgewickelt wurden, galt als Schmuckstück. Er fiel den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer


 VEB Fleischkombinat Berlin

Schlachthof Berlin:  In DDR-Zeiten wurde der Zentralvieh- und Schlachthof in VEB Fleischkombinat Berlin umbenannt. Foto: Bundesarchiv/Bild 183 L-1230-027/Vera Katscherowski
 In DDR-Zeiten wurde der Zentralvieh- und Schlachthof in VEB Fleischkombinat Berlin umbenannt. Foto: Bundesarchiv/Bild 183 L-1230-027/Vera Katscherowski

Noch vor dem Krieg entstanden neben zahlreichen Neubauten auch eine verbesserte Außenmauer sowie eine überdachte und verglaste Fußgängerbrücke, die die Eldenaer Straße mit dem S-Bahnhof Zentralviehhof verband. Bei Luftangriffen der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges wurden große Teile des für die Berliner Infrastruktur lebenswichtige Areals zerstört.

Nach dem Krieg hielt man an dem Standort fest, und nach umfangreichen Sanierungsarbeiten stieg der Zentralvieh- und Schlachthof Berlin unter dem Namen VEB Fleischkombinat Berlin zu einem Leitbetrieb der fleischverarbeitenden Industrie in der DDR auf. Mit knapp 3000 Beschäftigten war der VEB auch ein bedeutender Arbeitgeber in Ost-Berlin.


Die Zeit nach dem Mauerfall

Brache rund um den Alten Schlachthof in Berlin-Prenzlauer Berg, 1990er-Jahre. Foto: Imago/Seeliger
Brache rund um den Alten Schlachthof in Berlin-Prenzlauer Berg, 1990er-Jahre. Foto: Imago/Seeliger

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung kam 1991 das Aus für den Zentralvieh- und Schlachthof Berlin. 110 Jahre wurde von dort aus die Stadt mit Fleisch versorgt. Ganze Generationen von Berlinern verspeisten ihre Schnitzel, Würste und Buletten, die aus den dort geschlachteten Tieren verarbeitet wurden.

Die Logistik der Berliner Fleischindustrie übernahm der Großmarkt in der Beusselstraße in Moabit, das Schlachten fand woanders statt. Das riesige Gelände sollte zu einem neuen Stadtquartier umgestaltet werden, doch in den ersten Jahren nach der Wende verkam es zu einer überwucherten Industriebrache, die in Berlin der 1990er-Jahre noch zum Stadtbild gehörten.


Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof

Der Aufbau beginnt: Die Eldenauer Hoefe. Foto: Imago/Joko
Der Aufbau beginnt: Eldenaer Viertel. Foto: Imago/Joko

Ab 1995 begann die Berliner Stadtverwaltung, Konzepte für die Neubebauung des Areals zu entwickeln. Bis 2010 sollten auf dem Gelände 250.000 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche entstehen. Zeitweise war das Gebiet auch in die Planungen für die Olympischen Sommerspiele 2000 miteinbezogen, für die sich Berlin beworben hatte.

Man teilte die riesige Brache in fünf Viertel auf. So entstanden das Hausburgviertel, Thaerviertel, Blankensteinpark, Eldenaer Viertel und das Pettenkofer Dreieck. Architekturwettbewerbe und Ausschreibungen folgten. Die Bebauung begann in den frühen 2000er-Jahren, wobei um 2010 etwa 1000 neue Anwohner auf dem Gelände des alten Schlachthofs wohnten.


Blankensteinpark mit alter Hammel-Auktionshalle

Der Blankensteinpark mit den Überresten der ehemaligen Hammel-Auktionshalle. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Der Blankensteinpark mit den Überresten der ehemaligen Hammel-Auktionshalle. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Teile der alten Außenmauer, markante Klinkerfassaden, Schienenanlagen, einige erhaltene Altbauten und die gewaltigen Stahlkonstruktionen der Auktionshallen prägen noch heute das gewaltige Gelände, auf dem Investoren moderne Reihenhäuser und Wohnblöcke bauen.

Neben Wohnungen entstand auf dem Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof auch Gewerberaum, darunter Supermärkte, ein Baumarkt, Discounter und ein riesiges Fahrradgeschäft. Zudem sah die Planung den Bau eines Parks vor.

2005 wurde der gut fünf Hektar große Hermann-Blankenstein-Park fertiggestellt. Benannt ist der Park nach dem Berliner Baustadtrat, auf dessen Initiative in den 1870er-Jahren der Plan eines zentralen Schlachthofs verwirklicht wurde. Zum neuen Park gehört neben Kieswegen, Spielplätzen und einem Birkenwäldchen, das imposante (und denkmalgeschützte) Metallgerüst der Hammelauktionshalle.


Der alte Wasserturm und die Neubauten

Schlachthof Berlin: Neubauten an der Otto-Ostowski-Straße und der alte Wasserturm. Foto: Imago/Schöning
Neubauten an der Otto-Ostowski-Straße und der alte Wasserturm. Foto: Imago/Schöning

Das Gebiet rund um den alten und mittlerweile sanierten Wasserturm, der sich im Besitz eines Privateigentümers befindet, der ihn in eine Wohnung umfunktioniert hat, wurde als erstes bebaut. So besteht das gesamte Areal aus Projekten aus unterschiedlichen Bauphasen. Einige Gebäude sind mittlerweile 20 Jahre alt, andere befinden sich noch im Bau oder sind erst in der Projektphase.

Noch immer finden sich hier unsanierte Altbauten und leerstehende Brachflächen, die auf neue Nutzung warten. Weil Berlin Wohnungen benötigt, ist davon auszugehen, dass auf dem Schlachthof weitere Wohnhäuser entstehen werden. Dennoch sollen auch Teile als Grünflächen erhalten bleiben, etwa das Feuchtgebiet zwischen Erich-Nehlhans- und der Hermann-Blankenstein-Straße.


Großbrand im Alten Schlachthof

Großbrand im April 2018 in einer leerstehenden Halle des alten Schlachthofes in der Hermann-Blankenstein-Straße in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Christian Mang
Großbrand im April 2018 in einer leerstehenden Halle des alten Schlachthofes in der Hermann-Blankenstein-Straße in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Christian Mang

Gegenüber des Velodroms in umittelbarer Nähe der Landsberger Alle versetzte im April 2018 ein Großbrand die Berliner in Aufruhr. Eine leerstehende Halle brannte vollständig ab, mehrere Dutzend Feuerwehrleute waren stundenlang im Einsatz. Der Brand auf dem alten Schlachthof gehört zu den größten Feuerkatastrophen in Berlin in den letzten Jahren.

Im selben Jahr wurde der Grundstein für das Projekt „Mein Prenzlhain“ gelegt – ein neues Quartier mit Miet- und Eigentumswohnungen und einer Gesamtfläche von über 40.000 Quadratmetern.


Neue Quartiere mit Studentenwohnungen und mehr

Über 200 Studentenwohnungen sollen bis 2022 fertiggestellt werden. Foto: Berlinova
Mehr als 200 Studentenwohnungen sollen bis 2022 fertiggestellt werden. Foto: Berlinovo

Das Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof gehört zu den wenigen Innenstadtflächen dieser Größenordnung, die immer noch Potential haben und im großen Stil bebaut werden können. Denn der Bauboom der letzte Jahre hat das Berliner Zentrum geradezu versiegelt. Jede Baulücke und jede Brache wurde mit Wohn- und Bürofläche gefüllt, längst wird auch am Stadtrand gebaut, was das Zeug hält.

Das Areal ist gut erschlossen, mit den S-Bahnhöfen Landsberger Allee und Storkower Straße sowie zahlreichen Straßenbahnlinien gut erreichbar und Prenzlauer Berg gehört nach wie vor zu den bevorzugten Bezirken bei Immobilienkäufern und Unternehmern auf der Suche nach Büroraum.

So entwickelt das Immobilienunternehmen Berlinovo an der Walter-Friedländer-Straße ab 2020 ein neues Quartier mit Studentenwohnungen, Büros und einer Kita. 40 Millionen Euro kostet allein dieses Vorhaben, insgesamt wurden hier in den letzten 20 Jahren hunderte Millionen Euro verbaut.


Die Zukunft des Schlachthofs

Schlachthof Berlin: Die Zukunft des Alten Schlachthofs in einer Computer-Simulation des Investors. Foto: HB Reavis
Die Zukunft des Alten Schlachthofs in einer Computersimulation des Investors. Foto: HB Reavis

Irgendwann in der Zukunft wird das letzte Gerüst abgebaut werden und der letzte Bagger verschwinden, dann ist das Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof ein neuer Stadtteil zwischen Friedrichshain, Lichtenberg und Prenzlauer Berg.

Wie es in der Zukunft aussehen könnte, kann man Simulationen des Projektentwicklers HB Reavis entnehmen. Die Unternehmensgruppe wird die großen Klinkersteinhallen an der Landsberger Allee sowie ein direkt dahinter liegendes Grundstück mit einem campusartigen Ensemble aus Dienstleistungs- und Gewerberaum bebauen. Mit der modernen Architektur soll dort, wo einst massenweise Tiere geschlachtet wurden, die Berliner Kreativ- und Technologie-Szene angelockt werden. Passt ganz gut zu einem Berlin der Zukunft, in dem vermutlich weniger Fleisch gegessen wird.


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