Stadtleben

Glückliche

Dass viel Geld nicht glücklich macht, sah man ja neulich wieder am Beispiel der reichsten Frau Deutschlands, die sich für ein biss­chen Zuneigung und Sex in die Hände eines schmierigen Schwindlers begab und für ein Schäferstündchen in einem drittklassigen Münchener Hotel bitter bezahlte. Nicht für drei Milliarden möchte man so ein Leben führen. Und die vielen frustrierten Gesichter der einsamen Agenturcheffrauen in den Porsche Ca­yennes sprechen eigentlich auch Bände. So gesehen bietet Berlin also schon durch die bloße Absenz nennenswerten Reichtums gute Möglichkeiten zum Glücklichsein. „Arm, aber happy“ wäre ein schöner Claim, den sich bitte mal der Bürgermeister Klaus Wowereit notieren soll, der ja auch von Glück sagen kann, dass er mit seinem mittelmäßigen Tun noch im Amt ist.

Es gibt noch weitere Gründe, warum die Menschen hier zu den Glücklichsten im Lande gehören. Erwiesenermaßen wird hier zum Beispiel eine Menge Sex gehabt – in Singlehaushalten, in Swingerclubs, in Darkrooms, bei Rolf Eden, aber auch in den vielen WGs und romantischen Dachgeschosswohnungen. Vielleicht nicht in dem Maße, wie es Titel­geschichten in Stadtmagazinen verheißen, aber immer noch mehr als in Frankfurt, wo das ganze Business den Managern gehörig auf die Libido schlägt. Hier hingegen gibt es so viele Lebenskünstler, die ihre Attraktivität aus einem prekari­­ats­nahen Savoir-vivre ziehen und gut gevögelt durch die Gegend laufen, dass der allgemeinen Zufriedenheitspegel in der Stadt recht hoch liegt …

Und bisher habe ich noch nicht von den künstlichen Glück­lichmachern gesprochen, die die Stadt überschwemmen – als da sind die Millionen Ecstasypillen, die hier in den Clubs und auf Partys ge­schluckt werden. Es ist natürlich ein etwas erbärmlicher Glückszustand, wenn man plötzlich den kurzbeinigen Glatzkopf an der Theke toll attraktiv findet und die Farbe seines Drinks sowieso –, aber auch das gehört zum Glück einer Großstadt. Auch die Parks sind voll mit En­dorphin-Junkies. Überall wird gejoggt und gewalkt, mit Hund, ohne Hund, mit Hundekacke am Schuh oder ohne. Hauptsache, die Hormone durchfluten den Körper.
Und selbst die Millionen armer Schweine, die es natürlich auch in Berlin gibt, sind auf ihre eigene Art glücklich. Weil sie immer noch das gute Gefühl haben, in der besten Stadt des Landes zu wohnen, worauf sie jeden Touristen auf ihre schroffe Art gern hinweisen. Happiness is a warm gun.
Und wem das alles noch nicht reicht, der kann ja mal die Dichte an Schokoladenläden prüfen, aus denen der Duft geschmolzener Borken dringt. Wer da keinen Serotonin-Jieper kriegt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Foto: Birgit H.

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