Stadtleben

Godot ist im Widerstand

Erinnert sich noch jemand an Estragon und Wladimir, die berühmtesten Landstreicher der Theatergeschichte? Seit einer Ewigkeit warten sie auf einen Herrn Godot, der nicht kommt. Eigentlich sollte man meinen, zu „Warten auf Godot“, diesem „Pillenknick der jüngeren Dramatik“ (Heiner Müller) und einem der berühmtesten Stück des 20. Jahrhunderts, sei längst alles gesagt. Heerscharen von Interpreten, Philologen und Philosophen haben Bibliotheken mit ihren Deutungen voll geschrieben. Dass jetzt ein neues Buch mit sehr stichhaltigen Argumenten eine neue Lektüre des längst in Grund und Boden interpretierten Klassikers vorschlägt, ist eine kleine Sensation – vor allem weil diese Neu-Lektüre eine atemberaubend konkrete Deutung parat hält. Der französische Theaterwissenschaftler Temkine stolpert über eine scheinbar komische Text-Stelle. Wladimir und Estragon räsonieren, dass sie sich, selbst wenn sie wollten, nicht vom Eiffelturm stürzen könnten: „Die würden uns nicht einmal rauflassen.“ Temkine nimmt das ernst und ergänzt es historisch präzise: „Zwischen 1940 und 1945 war der Zugang zum Eiffelturm für Juden verboten.“ Wladmir und Estragon sind keine „Existenzclowns“, wie es in der neblig apolitischen Terminologie der 50er Jahre gerne hieß, sondern Juden auf der Flucht vor den Deutschen im besetzten Frankreich.

Samuel Beckett im Paris-CafeEinige bisher eher metaphorisch gelesene Textstellen bekommen so eine schreckliche Konkretheit. Zum Beispiel wenn Wladimir zu Estragon sagt, dass er ihm geholfen habe: „Was wohl aus dir geworden wäre … ohne mich… Du wärst jetzt nur noch ein Häufchen Knochen, das steht fest.“ Der Atem stockt einem, wenn man zum ersten Mal in der „Godot“-Rezeptionsgeschichte versteht, dass Wladimir hier konkret und unmissverständlich von den Vernichtungslagern der Deutschen spricht. Der ominöse Godot wird in diesem Deutungshorizont zum Fluchhelfer, auf den die beiden Illegalen warten.

Temkins historisch konkrete „Godot“-Lektüre banalisiert das Stück nicht zum naturalistischen Zeitstück, aber sie befreit es sehr schlüssig von all den verschwommen existenzialistischen Deutungen. Das Theaterbuch des Jahres.

Pierre Temkine: Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte, Verlag Matthes & Seitz, 188 Seiten

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