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Graffiti und Writing in Berlin der 1990er-Jahre im neuen Bildband „Decades“

So richtig begann das mit Graffiti in Berlin in den 1990er-Jahren. Zwar schwappte die Sprüherkultur aus den USA erstmals in den 1980ern in die Mauerstadt, doch erst nach der Wende ging es wirklich los. Man hörte Hip-Hop, ging ins „Skate In“ nach Lichtenrade oder ins „Rollerhouse“ nach Tegel, später dann zum Writerscorner an der Friedrichstraße und in den Mauerpark. Auch waghalsige bis lebensgefährliche Mutproben, etwa das „S-Bahn-Surfen“, gehörten dazu, aber meist zeichneten die Sprüher Sketches in ihre Blöcke und sprühten bunten Schriftzüge und Bilder an Fassaden, Brandwände und S-Bahnwaggons.

Lebensgefährliche Aktionen wie S-Bahnsurfen gehörten zur Graffiti-Subkultur dazu. Foto aus "DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin"
Lebensgefährliche Aktionen wie S-Bahn-Surfen gehörten zur Graffiti-Subkultur dazu. Foto aus „DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin“ (c) Subculture Berlin

Die Jungs, es waren vorwiegend Jungs, organisierten sich in Crews, die SIM oder GHS hießen, und gaben sich cool klingende Pseudonyme, mit denen sie in der Szene Bekanntheit erlangten. Als INKA, BOY, SHEK oder ODEM zogen sie durch die Gegend und hinterließen ihre Spuren in Form von Tags und Graffitis. Bahngelände und verwilderte Brachen wurden zu magischen Orten einer neuen Subkultur, die die Stadt bis heute prägt. Wo man hinschaut, stößt man auf gesprühte Bilder, mit dicken Eddings hastig geschriebene Namen und ungezählte andere, mehr oder weniger gelungene künstlerische Interaktionen mit dem urbanen Raum. Es ist eine zweite Haut, die das Stadtbild überzieht.

Einer dieser Jungs von damals war Peter Stelzig, er wuchs in Prenzlauer Berg auf, begann als Kind mit dem Skaten und knüpfte Ende der 1990er-Jahre Kontakte zur Sprüherszene, die schon bald sein Leben bestimmen sollte. Viele Inspirationen für eigene Wildstyles, die bauchigen Graffiti-Schriftzüge, die in den 1990er-Jahren populär waren, holte er sich aus Graffiti-Büchern. Jetzt hat Stelzig selbst ein Graffiti-Buch herausgegeben, das Ergebnis ist beeindruckend.

Bildband „Decades“ zeigt die Frühzeit dieser Kulturform

„Decades 1990-2000 – Graffiti in Berlin“, ein opulenter Bildband, der dieser Tage erscheint, dokumentiert auf gut 300 Seiten die Frühzeit dieser Kulturform, die sich gerade in ihren Anfängen am Rande oder weit jenseits der Legalität bewegte. Für die Polizei, BVG, Deutsche Bahn oder Hauseigentümer waren und sind die Jungs mit den Spraydosen rücksichtslose Vandalen.

Auf der anderen Seite entwickelte sich aus den Keimzellen der Sprüher-Zeit eine neue Kunst. Läuft man mit offenen Augen durch Berlin, findet man allerorts Cut-Outs, Tape-Art, Stencils, Murals und Urban Knitting. Die Formen variieren, stets geht es aber um die kreative Aneignung von öffentlichem Raum. Längst fand die einstige „Kunst der Straße“ – mittlerweile zu „Street Art“ oder „Urban Art“ umgetauft – Eingang in Galerien, Kunstmessen und Museen. Der britische Künstler Banksy, dessen Werke auf dem Sammlermarkt Millionenpreise erzielen, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Eine ganze S-Bahn mit Wildstyles verziert. Foto aus "DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin"
Eine ganze S-Bahn mit Wildstyles verziert. Foto aus „DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin“ (c) Town

„Wir waren jeden Nachmittag an den Rohren zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalder oder an der ‚Dunker Line“ zwischen Prenzlauer Allee und Schönhauser Allee unterwegs, um dort unsere Bilder zu sprühen“, schreibt der Berliner Fotograf und Dokumentarist Peter Stelzig im Vorwort zu seinem reich bebilderten Buch mit vielen Interviews, Erinnerungen und anderen Dokumenten aus der Berliner Graffiti-Szene der 1990er.

„Decades“ ist ein Manifest einer rebellischen Zeit. Berlin befand sich nach dem 9. November 1989 im Umbruch. Die Mauer fiel, die politische Situation war noch ungeklärt und die Bundespolitiker, Investoren und teure Restaurants sollten erst kommen. Das Wort „Gentrifizierung“ kannte in Prenzlauer Berg noch niemand. Aus dem Umbruch wurde ein Aufbruch, und die Graffiti-Writer und Crews verliehen der Stimmung sichtbaren Ausdruck.

„Die 1990er sind: Telefon mit Wählscheibe, Braunkohle-Geruch, abgewrackte Mietskasernen, Hausbesetzer, Weltmeister, Hooligans, Hip Hop, D’n’B, House und Techno Clubs und Schallplatten! Die ganze Stadt bot Freiräume und war eine einzige Spielwiese!“, steht an einer Stelle. Und genauso wirkt die Zeit in „Decades“. Berlin glich, zumindest für einen Teil der Jugend, einer Spielwiese, einem Abenteuerspielplatz. Die Sprüher malten bunte Bilder auf Züge und lieferten sich Katz-und-Maus-Spiele mit Mitarbeitern von Security-Firmen und Polizisten. Mit Rucksäcken voller Dosen und Eddings liefen sie wie anarchische Freibeuter durch die ganze Stadt. Im Osten wie im Westen blühte die Sprayer- und Writer-Szene auf. Man kannte sich, es gab Freundschaften und Feindschaften, berühmte Bilder, die in Insiderkreisen für Furore sorgten, aber auch tragische Unfälle, Verhaftungen und Drogenabstürze.

„Decades“ könnte Berlins Graffiti-Standardwerk werden

Mehrere Jahre hat Peter Stelzig an dem Projekt gearbeitet. Es könnte zum Standardwerk der Berliner Graffiti-Subkultur werden. Stelzig traf Weggefährten von einst, führte lange Gespräche, stöberte alte Fotos und Zeichenblöcke mit Entwürfen und Skizzen auf. Eine archäologische Arbeit, die ein Stück Berliner Stadtgeschichte beschreibt. Es ist eine kontrovers diskutierte, zuweilen verhasste aber auch exzessiv erlebte Ära, die eine Kunstform hervorgebracht hat, der immer wieder die „Kunst“ abgesprochen wird. Es ist jenseits des Freiheitsdrangs und der Lebensfreude der Sprüher zugleich auch die Erzählung eines seit Jahrzehnten schwellenden Streits um die Stadt, um die Frage, wem sie gehört und wie sie auszusehen hat.

„Decades 1990-2000 – Graffiti in Berlin“ dürfte die Protagonisten von damals in eine nostalgische Stimmung versetzen. „Die 1990er waren Raum und Zeit, analog, es hat geknistert! Alle Versuche, das wiederzubeleben, ersaufen in kommerziellen Verfälschungen!“, heißt es dort. Tatsächlich ist Berlin heute gepflegter, sauberer und weniger wild als vor 30 Jahren. Gut, dass es solche Bücher gibt, die diese Zeit für die Nachwelt erhalten.

  • Decades 1990-2000 – Graffiti in Berlin herausgegeben von Peter Stelzig, Hardcover, Großformat, mit mehr als 800 Fotos und Illustrationen, 324 Seiten, 49,90 €. Eine Special Edition ist ebenfalls erhältlich. Das Buch kann online auf www.peterstelzig.de bestellt werden.

Bildergalerie: 12 Fotos aus „Decades 1990-2000 – Graffiti in Berlin“

Sprüher in Berlin in den 1990er-Jahren. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin
Gut gelaunter Sprüher (AMOK) vor seinem Werk in Berlin in den 1990er-Jahren. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Shek

Graffiti im Mauerpark
Graffiti von KAOS im Mauerpark. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Dsyer

Sketches zeichnen gehört zum Alltag des Sprühers. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin
Sketches zeichnen gehört zum Alltag des Sprühers, hier sind SARE und KEL am Werk. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Shek

Eine mit Graffiti besprühte S-Bahn in Berlin.
Eine mit Graffiti besprühte S-Bahn in Berlin, die Urheber waren RUZD (R.I.P.), FREAK und KAZE. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Freak

Nicht nachmachen: S-Bahnsurfen.
Nicht nachmachen! Ein S-Bahnsurfer (FRÄSK (R.I.P.)) in Aktion. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Psok

Besprühte U-Bahn im Stadtbild.
Von SOME besprühte U-Bahn im Berliner Stadtbild. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Some

Auch Mädchen taggten. Hier am U-Bahnhof Alt-Tegel.
Auch Mädchen taggten. Hier hängen FOK und MEL am U-Bahnhof Alt-Tegel ab. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Dsyer

Besprühte S-Bahn in Berlin. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin
Von DESTROY besprühte S-Bahn in Berlin. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Boy

Martialische Pose vor dem frischen Wildstyle.
Martialische Pose von BOE vor dem frischen Graffiti. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Dsyer

Auch Züge wurden nicht verschont. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin
Auch Züge wurden von den Sprühern nicht verschont, ein Wildstyle von KMER (R.I.P.). Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Rebel 

Nicht nachmachen: S-Bahnsurfen.
Alles für den Adrenalinkick. Wobei diese S-Bahn zu stehen scheint, ODEM (R.I.P.) amüsiert sich trotzdem. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Shek

Hauptsache Spaß. Berliner Sprüher in den 1990er-Jahren.
SARE und SOC vor einem Zug: Spaß, Waghalsigkeit und Rebellion, der Stoff aus dem die Graffiti-Subkultur der 1990er-Jahre gemacht war. Foto: DECADES 1990-2000 Graffiti in Berlin (c) Shek

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