Stadtleben

Große Worte

Die schönsten Dialoge sind nicht immer die, die auf der Bühne stattfinden, auch nicht die, die hinterher als Interview erscheinen. Vor ein paar Monaten, ein Theaterfestival, eine zufällige Begegnung mit dem Schauspieler NN.

DER SCHAUSPIELER: Warst Du gestern im XY-Theater?
DER KRITIKER: Nö, was war denn da?
DER SCHAUSPIELER: Wir hatten Premiere.
DER KRITIKER: Ach, Du hast mitgespielt?
DER SCHAUSPIELER: Ja.
DER KRITIKER: Naja, ich glaube, ich bin nicht so ein Fan der Regisseurin.
DER SCHAUSPIERLER: Ich glaube, ich auch nicht.

Auch sehr schön war das Gespräch mit einem berühmten Regisseur, ein paar Wochen später. Zuerst machen wir ein Interview, dann ist das Interview ist zu Ende, man plaudert noch ein wenig über dies und das. Das Gespräch kommt, wie öfter in letzter Zeit, auf Einar Schleef, der je länger er tot ist, desto präsenter zu werden scheint. Es soll ja sogar Kritiker geben, die Schleef für den Größten halten, obwohl sie nie etwas von ihm gesehen haben. Der berühmte Regisseur aus dem Interview hat alles, was er sehen konnte, von Schleef gesehen, und bewundert ihn aufrichtig.

DER REGISSEUR: Wer mir im Theater wirklich fehlt, ist Einar Schleef.
DER KRITIKER: Mir auch.
(Pause)
DER KRITIKER: Der andere, der mir im Theater fehlt, ist Frank Castorf.
DER REGISSEUR schaut ungläubig und fängt dann an, zu lachen.
(Pause)
DER REGISSEUR: Aber vielleicht kommt ja in ein paar Jahren noch mal etwas Tolles von ihm und wir werden uns alle wundern.
DER KRITIKER: Glauben Sie? Naja, vielleicht. Obwohl, ich bin nicht so sicher.
Der REGISSEUR: Sicher kann man eh nie sein.

Und damit ist die Spielzeit zu Ende und das Sommerloch verschlingt uns alle.

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